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hatten einen Vorsprung von mehreren Stunden, aber sobald ich ihre Flucht entdeckte, folgte ich in größter Eile. Doch bis zur Stunde habe ich keine Ahnung, welche Richtung sie eingeschlagen haben."
AllmLhlig erfuhr ich die Einzelheiten von Ediths Flucht. Guido hatte im Zimmer seiner Frau einen Brief gefunden, den diese in der Eile zurückgelaffen. Er war vom Lord an Edith gerichtet; in offenbar erlogener, aber glaubwürdig klingender, leidenschaftlicher Weise the lte er ihr darin mit, ihre einstigen geheimen Zusammenkünfte, ihre gegenseitige Liebe, kurz Alles sei entdeckt, Guidos Zorn spotte jeder Beschreibung. Sie müsse mit ihrem Geliebten entfliehen; er werde ste an einen Ort bringen, wo ste vor der Wuth ihres Gatten sicher sei. Sie solle zu ihm kommen, schrieb er, dessen Arme off n wären, sie zu empfangen, dessen liebendes Herz so lange in banger Sehnsucht nach ihr geschlagen hätte.
Und das bethörte Weib folgte seinem Rufe und verließ au» freien Stücken den Gatten.
„Nur sein Tod kann mich rächen!" knirschte Guido zwischen den Zähnen. ■ '-
»B&uege wohl, was Lu thust, Guido. Bedenke, daß sie Deine Frau ist, bedenke ihre Jugend, bedenke ihre Schwäche und die Versuchung. — Was gedenkst Du nun zu thun?" setzte ich nach kurzem Schweigen hinzu.
„Sie ausfindig zu machen," antwortete er. „Keinen Stein will ich unberührt, keinen verborgenen Platz unentdeckt lassen, bis ich dem Elenden gegenüberstehe. Rastlos und unermüdlich wie die Nemesis will ich sein! — Möglich, daß wir Zwei uns nach dieser Stunde niemals wiedersehen — heute siehst Du mich in meinem wahren Character, wie ich bin, von einem furchtbaren Entschluß beseelt, in dessen Ausführung ich mich durch nichts hindern lassen will."
Er wandte sich zum Gehen, ohne mir auch nur die Hand zu reichen; ich eilte ihm mit schnellem Schritte nach.
„Guido," sprach ich, „hast Du kein Wortes Abschieds für mich? Gib mir Deine Hand "
Aber er ging weiter ohne zurückzublicken.
„Versuche nicht, mich weich zu stimmen," sagte er, „es ist umsonst, die Wunde, die man mir geschlagen, ist zu tief."
In schmerzliches Sinnen versunken, stand ich rathlos vor dem Wirken einer furchtbaren Nemesis, welche diejenigen ereilt hatte, welche der edlen und treuen Liebe, welche die Menschen vereinigen soll, nicht gehorcht hatten, sondern flüchtiger Leidenschaft gefolgt waren.
Es war an einem grauen Herbstnachmittag. Den ganzen Tag war es neblig gewesen, aber allmählig war die Sonne durch den feinen grauen Schleier durchgebrochen und ließ Die letzten Herbstblumen in ihren Strahlen erglänzen. Ich saß in meinem kleinen Wohnzimmer, hatte die Arbeit in den Schooß sinken lassen und hing meinen trüben Gedanken nach, als ich Walter durch den Garten kommen sah. Sobald er in das Zimmer trat, erkannte ich an dem Ausdruck feines Gesichts, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen fein mußte.
Auf meine Frage reichte er mir einen Brief. Ich las: „Lieber Onkel, komme sofort zu mir; ich liege im Sterben und habe außer Dir Niemand, an den ich mich wenden könnte. Du bist barmherzig, Du wirst auch mir, der Verlorenen, Deine Hilfe nicht versagen. Ich fühle, meine Stunden sind gezählt. Bitte, komm' schnell. Edith."
Als Adresse gab sie ein kleines Dorf im südlichen Frankreich an. Der Brief war zwei Tage zuvor geschrieben.
Wir starrten einander in sprachlosem Schrecken an.
„Da hat dieser Lord sie also verlassen!" stieß ich endlich hervor, „und Guido hat während dieser achtzehn Monate vergeblich nach ihnen gesucht." —
„Jedenfalls; ich hoffe nur, daß Beide sich niemals treffen," sagte der Rector, „denn sonst gibt es einen Zweikampf auf Leben und Tod."
Ohne lange zu überlegen, machten wir uns reisefertig und fuhren ohne Ruh und Rast, bis wir Paris erreichten.
Hier hörten wir von einem großen Eisenbahnunglück das Nachts zuvor geschehen war.
Der Wirth des Hotels, in dem wir abgestiegen, erzählte, daß in dem Zimmer über uns ein Deutscher liege, der bei der Katastrophe leicht verwundet worden fei.
Der Rector schickte zu ihm und ließ ihm sagen, daß er, ein Landsmann, gern bereit sei, ihm irgend welchen Dienst zu leisten; ob der Kranke vielleicht Freunden oder Angehörigen Nachricht von sich zu geben wünsche.
Die Antwort war, Herr von Berry sei dem Herrn sehr dankbar, doch habe er keine Wünsche, besäße auch keine Freunde, denen er Nachricht von seinem Unglücksfalle zukommen lassen möchte.
Bei Guidos Namen sprangen wir Beide auf. Aber Walter hieß mich ruhig bleiben und ließ sich zu dem Kranken führen.
Wie lange erschien mir die Zeit und doch war in Wirk- lichkeit kaum eine halbe Stunde verflossen, als Walter wieder bei mir eintrat.
Er beruhigte mich über Guidos körperlicher Befinden und wir setzten unsere Reise fort, ohne daß ich selbst ihn sah. Unterwegs erzählte mein Begleiter mir, welchen Erfolg Guido bei seinem Suchen nach den beiden Flüchtigen gehabt hatte. Er war ihnen öfter auf die Spur gekommen, hatte sie aber immer wieder aus den Augen verloren. Eins hatte er in Erfahrung gebracht, nämlich, daß Edith den Lord schon nach vier Wochen wieder verlassen hatte; aber wohin sie sich gewendet, blieb ihm unbekannt. Noch immer setzte er ohne Ruhe und Rast seine Verfolgung fort.
Da, am Tage bevor wir Guido fanden, als er im Wartezimmer einer Zwischenstation auf den Abendzug wartete, der ihn nach Pari» bringen sollte, war der so lange vergebens gesuchte Lord in da» Wartezimmer eingetreten. Einen Sprung vorwärts — und Guido hatte ihn mit eiserner Faust am Halse gepackt.
„Sie werden mir Genugthuung geben," hatte er gesagt.
Jener war erbleicht und hatte stotternd erwidert: „Ich bin bereit."
„Auf der letzten Station vor Paris steigen wir aus," sagte Guido, „messen zwölf Fuß zwischen uns ab und drücken die Pistolen los."
„Ich verstehe," hatte der Lord entgegnet.
Das waren die einzigen Worte, die zwischen den Beiden gewechselt wurden. Sie verharrten in düsterem Schweigen; in Gedanken vielleicht mit ihrem verflossenen Leben, vielleicht mit dem Ausgange der furchtbaren Stunde beschäftigt, der sie sich mit jeder Secunde näherten. Plötzlich hatte der Zug einen gewaltigen Ruck bekommen, der Wagen hatte heftig geschwankt und im nächsten Moment war der Zug einen Abhang hinabgestürzt.
Als Guido wieder zum Bewußtsein kam, sah er Leute mit Laternen zwischen den Tobten und Sterbenden herum- gehen. Einer derselben zog ihn unter einem zertrümmerten Wagen hervor. Sein rechter Arm hing kraftlos herab und aus einer Wunde am Kopfe strömte das Blut. Aber mit Hilfe einiger Leute schleppte er sich bis an den Wagen, der die Verwundeten aufnahm. Dabei kam er an einer Bahre vorüber, auf der ein mit Blut überströmter Körper lag. Der Schein der Laterne fiel auf das entstellte, kaum zu erkennende Gesicht, aber so schwach Guido sich auch fühlte, er blieb stehen und schaute es an — es war Lord Arthur Hasewood. Er schob den Mantel zurück, den man über den Verunglückten gebreitet hatte, er legte die Hand auf dessen Herz, um zu fühlen, ob es noch schlüge. Schaudernd zog er die Hand zurück, sie war mit Blut bedeckt und das Leben bereits aus dem Körper entflohen. Lord Hasewood war auf schreckliche Weise um'» Leben gekommen, und Guido hatte wie zerschmettert vor dem Tobten gestanden, den ein schreckliches Strafgericht ereilt hatte.
Walter hatte dann Guido gesagt, daß Edith lebensgefährlich erkrankt sei; aber Guido hatte nicht» weiter von


