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hatte halten können. — D, ich hätte weinen können vor Aerger! Wie konnte ich ihm je wieder offen in'» Gesicht sehen? — Und sorgfältig verschloß ich da« Bild, damit selbst Lisette e« nicht zu sehen bekomme. —
III.
Eine« Tage« hatte ich meinen Trotzkopf durchgesetzt und war trotz Rodeggs wiederholter Mahnung, ich solle herein» kommen, die Abendluft thue mir nicht gut, stundenlang draußen geblieben, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Al» ich endlich zum Abendbrod mich meldete, sah Rodegg einen Moment auf, la» dann aber ruhig weiter, ohne jedwede Notiz von mir zu nehmen, — ich hatte die erst seit Kurzem erworbene Stellung al» Gesellschafterin schnell verwirkt und war in seinen Augen wieder zu dem eigensinnigen Kinde von vorher herabgesunken.
Während de» Abendeffen» sprach er kein Wort mit mir, al» er aber auch dann, anstatt sich mit mir zu unterhalten, mir Briefe zu dictiren oder sich von mir vorlesen zu lassen, wieder nach seinem Buche griff und mir schweigend ein paar Zeitungen hinschob, da war er au» mit meiner Ruhe. Ich sprang auf und mit einem kurzen „Gute Nacht" sah ich zaghaft zu ihm hin. Er hatte da» Buch bei Seite gelegt und sah, den Kopf in die Hand gestützt, mit düsterem Blick in da» lustig flackernde Kaminfeuer —, genau so hatte er an jenem Abend ausgesehen, al» er mir so unendlich leid that.
„Gute Nacht," erwiderte er, — „aber es ist noch sehr zeitig," setzte er mit einem Blick auf die Uhr hinzu.
„Ich bin jedoch sehr müde," entgegnete ich und schon war ich im Begriffe, da» Zimmer zu verlassen, al» mit einem Male Reue, Mitleid und bessere Vorsätze auf mich einstürmten, und wieder umkehrend und den sich dagegen empörenden Stolz gewaltsam bekämpfend, sprach ich mit bebender Stimme: „Wenn Sie mich auch wie ein Kind behandeln, so bin ich doch alt genug, um zu wissen, daß ich Unrecht gethan habe und nicht zu alt, um es auch einzugestehen. Ich hoffe, Sie verzeihen mir meine Unart."
„Sie scheinen mit sich selbst schärfer zu Gericht zu gehen, al» die meisten Ihre» Alter«," gab er mit halbem Lächeln zur Antwort.
Fest entschlossen, den feinen Sarkasmus, der aus seinen Worten klang, ruhig hinzunehmen, fragte ich: „Darf ich nun gehen?"
„Nein, ich habe Ihnen noch viel zu sagen," antwortete er darauf in ganz verändertem Tone, indem er meine Hand ergriff, mich zu dem nebenstehenden Stuhle niederzog und, mich halb belustigt, halb gütig anschauend, fortfuhr: „Sie sind ein ganz eigenthümliches Kind, dem man ebenso wenig böse sein kann, al» man seiner überdrüssig wird. Sind Sie doch keine zwei Minuten dieselbe I"
Obwohl ich den Kopf abwandte, konnte ich mich doch seinen Blicken nicht entziehen, da er meine Hand noch immer in der seinen hielt-
„Wie der trügerische Sonnenschein im Monat April I" fuhr er lebhaft fort; „vor einer Minute waren Sie böse, dann wurden Sie freundlich, jetzt sind Sie ängstlich und Nächstens werden Sie in Thränen ausbrechen."
Um eine Antwort verlegen, ließ ich schweigend den Kopf hängen.
„Was soll ich aus Ihnen machen? Den ganzen Tag zeigen Sie solchen Tact, solche Sympathie, solche» Zartgefühl, daß es Einen wahrhaft rühren könnte. Vierundzwanzig Stunden später sind Sie so kindisch und eigensinnig, daß Sie damit die ganze gute Meinung, die man über Sie hät, wieder zerstören! — Wie? Nun wollen Sie gehen, nachdem wir uns kaum ausgesöhnt haben?"
„Die Aussöhnung scheint mir sehr einseitig zu sein," erwiderte ich.
„Wieso? — Haben Sie trotz meiner großen Güte gegen Sie über mich zu klagen?"
„O nein!" rief ich halb spöttisch; „für ein kleines Kind könnte man nicht besser sorge«, al» Sie für mich sorgen, da
für freilich erwarten Sie, daß ich mich wie eine Dame benehmen soll! Sie lassen sich von mir erzählen, um über mich lachen zu können; Sie stellen meine Lebhaftigkeit und Geduld auf die härteste Probe und wenn ich Sie dann einmal durch eine kleine Unachtsamkeit ärgere, lassen Sie mich links liegen und wenden mir einen ganzen Abend den Rücken zu, als wäre ich nicht einmal ein Wort des Tadels werth. — Da habe ich doch natürlich über nichts zu klagen! — Gute Nacht!"
„Halt! — Sie lassen mich ja gar nicht zu Worte kommen. Ich neckte Sie? — Ich lachte über Sie?"
„So sagte ich."
„Ah, ich sehe, es wird Zeit, Sie zu Ihrer Tante zu schicken; bleiben Sie noch länger hier, so werden Sie gründlich verzogen." .
„Ich glaube, Sie haben Recht," erwiderte ich seufzend; „besser werde ich hier entschieden nicht."
„Wenn wir uns nun in Zukunft besserten und anstatt uns gegenseitig zu ärgern und zu necken, ein Freundschaft«- bündniß schlössen?"
„Gern würde ich Ihnen zu gefallen Alles thun," versetzte ich, „aber ich wüßte nicht, wieso ich Ihnen nützlich sein könnte."
„O, durch hunderterlei! — Sehen Sie, Kind, ich habe wenig Freude und wenig Glauben an die Menschen. Zu Ihnen aber habe ich Vertrauen. In Ihrer Hand liegt e», mir ein klein wenig Zutrauen zu der Menschheit zu bewahren. Sie mit Ihrer Heiterkeit und Jugendfrische können mir meine jetzigen Sorgen erleichtern, können mich traurige Erinnerungen zeitweise vergessen machen. Dafür verpflichte ich mich, Ihnen so viel als möglich Ihren Lebensweg zu ebnen, Ihnen mit Rath und That beizustehen, stets Ihr Interesse im Auge zu behalten und Ihnen eine gleiche Treue und Offenheit zu bewahren, wie ich von Ihnen erwarte. Sind Sie damit einverstanden?"
Ich nickte.
„Nun, so reichen Sie mir dis Hand. Von heute an also sind wir Freunde. Wir müssen aber irgend ein Erinnerungszeichen an das Bündniß haben, damit wir es im Laufe der Jahre nicht wieder vergessen."
Er stand auf und holte aus feinem Schreibtisch ein Armband von ausländischen Münzen in feiner Fassung; das legte er mir um den Arm und fragte, ob ich es zur Erinnerung an unser Bündniß stets tragen wolle.
Ich nickte.
„Adieu denn, Freiheit!" sprach er, indem er in dem Schloß des Armbandes einen kleinen goldenen Schlüssel, den ich bis dahin nicht bemerkt hatte, drehte und herausnahm.
„Wenn ich das Armband aber nun abnehmen will!" rief ich unwillkürlich, von einem unangenehmen Gefühl des Gefangenseins befangen.
„Das geht nicht mehr; unser Bündniß ist unwiderruflich," entgegnete er kühl, indem er den goldenen Schlüssel an seiner Uhrkette zu befestigen versuchte, „bitte, helfen Sie mir, ich habe ja doch nur eine Hand. — Sie machen ja ein so ernster Gesicht, als fühlten Sie schon Reue?" fuhr er lächelnd fort. „Das hätten Sie sich früher überlegen sollen. Mit dem Armband um Ihre Hand brauche ich nicht mehr zu fürchten, Sie könnten Ihr Versprechen, mir Freundin sein zu wollen, vergessen. Sie sind gebunden — feierlich — unwiderruflich — für immer!"
Als ich an jenem Abend mein Zimmer aufsuchte, schien der Mond so silberhell zu den Fenstern herein, daß ich da« Licht als überflüssig auslöschte, mich an'» Fenster setzte und noch lange, lange Zeit sinnend hinausschaute auf die im weichen Schatten liegenden Rasenplätze und den von hellen Mondstrahlen so schön beleuchteten klaren Bach.
IV.
„Fräulein," kam Lisette am nächsten Morgen ganz aufgeregt in mein Zimmer, „ich erzählte Ihnen doch schon öfter von dem jungen Manne, der es einst Fräulein Marianne an- gethan hatte — heute kann ich Ihnen ein Bild von ihm zeigen.


