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Im Strome des Lebens

Roman von Jenny Piorkowska.

Wir gingen weiter die Bilderreihe durch, aber ich er« klärte den jungen Menschen doch für den schönsten.

Das Porträt meines Bruders Theobald ist doch noch schöner?"

O nein," erwiderte ich kopfschüttelnd,schöner und poe« tischer vielleicht, das ist möglich, aber nicht annähernd so edel und geistessprühend. Betrachten Sie dieses Feuer in den Augen _ und dieses Lächeln, aus dem eine solche Innigkeit und dabei doch die größte Entschloffenheit spricht."

Ein ehrlicher, ausrichtiger Bursche war er allerdings."

O, ich bin überzeugt, er war mehr als das 1" rief ich; es spricht ein Muth aus seinen Zügen, den sicher nichts hat beugen können."

Aber wie, wenn sich eine Eishand auf seine Jugend gelegt hätte, wenn ein grausamer Schlag mit einem Male all' sein Vertrauen, all' seine Hoffnungen vernichtet hätte; wenn Kummer, Schimpf und Krankheit, Alles vereint, auf ihn ein­gestürmt wären und all' seinen Muth gebrochen hätten?"

Das kann ich mir kaum denken," sprach ich kopfschüttelnd, wenn er gelebt und ich ihn gekannt hätte, er wäre sicher mein Ideal eines Mannes geworden!"

Gefällt das Bild Ihnen wirklich so? So nehmen Sie es, ich gebe es Ihnen gern."

Ich war stumm vor Erstaunen und so beglückt über das Geschenk, daß ich glaube, ich vergaß ganz, dem Geber dafür zu danken. Ich trat an's Fenster, um es mir genauer bei vollem Lichte zu betrachten, während Rodegg in einen Stuhl sank, den Kopf in die Hand stützte und lange Zeit in dieser Stellung so regungslos verharrte, daß ich glaubte, er schliefe; doch als ich mich leise aus dem Zimmer schleichen wollte, hob er den Kopf und fragte:Wohin so eilends?"

In mein Zimmer."

Wollen Sie nicht noch ein wenig bei mir bleiben? Ich habe so heftiges Kopfweh, daß ich es Ihnen Dank wüßte, wenn Sie mir noch eine Weile Gesellschaft leisteten."

Ich blieb und las ihm noch lange aus meiner Lieblings« lectüreTasso" vor. Dann aber eilte ich in mein Zimmer. Auf dem Corridor kam Frau Altener mir entgegen und voller Freude zeigte ich ihr meinen neu erworbenen Schatz.

Wie kommt Herr Rodegg dazu, Ihnen sein Bild zu schenken?" gab sie mir steif zur Antwort.

Da erst fiel es mir wie Schuppen von den Augen und die Scham trieb mir das heiße Blut in's Gesicht, als ich daran dachte, was ich Alles über das Bild zu ihm gesagt hatte. O, wie thöricht, wie blind war ich gewesen! Wie ich es mir jetzt betrachtete, konnte ich nicht begreifen, wie ich es nur auch eine Secunde für das Porträt eine» Andern

(Fortsetzung.)

Eines Tages wanderte ich allein durch den alten Ritter­saal, voll Interesse die lange Reihe von Rodeggs Ahnen be­trachtend. Das war sein Vater, den erkannte ich auf den ersten Blick nach Lisettes Beschreibung an dem lang cherab- wallenden Bart und den lebhaften dunklen Augen; das Bild zu seiner Rechten war sicher sein ältester Sohn Theobald, der so jung gestorben war. Wie schade um sein junge» Leben und sein schönes, edles Gesicht 1 Wenn sein Bruder Arthur nur halb so schön wäre, wie stolz wäre ich, in traulichem tete-ä-tete mit ihm bei Tische zu sitzen!

Ich ging weiter.

Da hing das Bild seiner Mutter, ein edles, etwas melan­cholisches Gesicht; der nächste Platz war leer, doch sah man noch, daß da auch einst ein Bild gehangen hatte gewiß das Porträt der schönen Marianne, das jetzt oben in dem verschlossenen Zimmer gegen die Mauer lehnt, dachte ich. Unter diesem leeren Felde hing eine kleine Kreideskizze, die ich mit besonderem Interesse betrachtete. Sie stellte einen Knaben von ungefähr sechszehn Jahren mit schönen edlen Zügen dar; aus den dunklen Augen mit dem offenen Blick sprach die rechte, echte Freude am Leben, um den feingeformten Mund spielte ein frohes, glückliches Lächeln. Ich war so in den Anblick des Bildes vertieft, daß ich j Rodeggs Eintritt nicht eher bemerkte, als bis er dicht vor mir stand.

Ah, machen Sie Bekanntschaft mit meinen Vorfahren?" fragte er.

Ich nickte.

Ist das auch einer Ihrer Vorfahren?" fragte ich, auf die Kreidezeichnung weisend.

Rein," entgegnete er lächelnd,gerade kein Vorfahre, mehr ein verwandter Zeitgenosse."

Das Bild ist Ihnen sehr ähnlich."

Das wird mir öfter gesagt."

Die Gesichtsform und auch ein gewisses Etwas in den Augen ist sehr ähnlich," meinte ich, das Bild mit kritischem Blicke betrachtend,nur der Gestchtsausdruck ist ein so ganz anderer."

Sie haben recht," versetzte er ernst, fast trübe;aus diesem Gesicht spricht Hoffnung und Muth und ein unerschütter- iches Vertrauen auf seine Mitmenschen."

Dienstag, den 2, Oktober.