Wr. 75

1883.

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Donnerstag, den 29. Juni.

Verschlungene Pfade.

Roman von Max Höchberg.

(Fortsetzung).

Sie haben meine volle Sympathie," rief der Oberst und wollte sich erheben, um dem Scheidenden das Geleit zu geben, ließ sich aber sofort mit dem Ausdruck des Schmerzes in's Fauteuil zurücksinken.S'ist verdammt hart für einen Sol­daten," wetterte er,sich durch einen unsichtbaren Feind in seinen Bewegungen hemmen zu lassen."

Bitte, Herr Oberst, bemühen Sie sich nicht meinetwegen," protestirte Werner gegen sein nochmaliges Aufstehen. "Die feuchte Witterung der letzten Tage macht sich einem Jeden mehr oder weniger fühlbar. Gedenken Sie schon zum Ersten das russische Schlößchen zu beziehen?"

Vielleicht noch ein paar Tage früher! Heute Nachmittag wird der letzte Transport Sachen gestellt. Ich muß hinaus, die Oberleitung übernehmen. Legt man nicht selbst Hand an, hat man hinterdrein Aerger und doppelte Arbeit- Dienende Leute sind Maschinen; sie bedürfen der lenkenden Triedkraft."

Sehr richtig, doch würde ich an Ihrer Stelle heute nicht ausgehen. Es ist unangenehmer Wind und viel Nieder» schlag in der Luft- Bei rheumatischen Leiden"

Glaube gar, Sie wollen mich auf's Altentheil setzen," polterte der Oberst.Was fällt Ihnen ein? Eine sturm­geprüfte Eiche ist nicht so wettergehärtet wie ich, ist nur der verdammte Schuß I" Damit stand er schon, reckte sich und be­merkte mit Genugthuung, um welches Stück er den Maler überragte, und da man liebenswürdig gegen den ist, den man in den Schatten zu stellen vermeint, forderte er Werner mit großer Wärme auf, sich recht bald wieder bei ihm blicken zu lassen.Ein lieber Mensch, dieser Werner," äußerte er, nach, dem der Maler gegangen,nur ein bischen zu viel Künstler- stolz und persönliche Eitelkeit! Findest Du nicht auch?"

Hm," machte Leonore achselzuckend.

Er sah sie scharf an und lachte dann kurz auf, weil es rhn verdroß, daß sie ihm keine directe Bestätigung seines Urtheils gab.Das machte er einem Andern weiß, er stoße ein reiches Mädchen ihres Geldes wegen von sich!" Leonore schwieg, um ihm nicht zu widersprechen.

Lächerlich, schon mehr die reine Heuchelei," erhitzte er sich. Ihr Schweigen gab den Ausschlag, denn es bäuchte ihm eine offene Parteinahme für Werner und eine stumme Ver- urtheilung seiner Meinung.Thut, als könne er die Asta haben," spann er das Thema hartnäckig weiter,und nähme

sie der Hunderttausend halber nicht! Möchte wissen, woher er den Haß auf den Reichthum hat! Klingt beinahe, als habe ihm Einer mit Geld die Liebste vor der Nase weggeschnappt." Ein durch einen schmerzenden Stich hervorgerufener zorniger Fußtritt bekräftigte seinen Ausspruch-

Dies verdammte Rheuma!" zischte er durch die Zähne- Bist wohl nicht in der Hörlaune oder willst Du nicht ant­worten, Leonore?"

Sie hatte sich am Blumentisch zu schaffen gemacht und einige welke Blätter von den Pflanzen abgestreift. Sie wandte ihm den Kopf zu und blickte ihn voll und fest an.Worauf hätte ich antworten sollen?"

Natürlich," erboste er sich mit bitterem Lachen,ich spreche für die Luft, für wen denn sonst! Siehst ja mit einem Mal so roth aus?"

Ich bückte mich über die Blumen," entgegnete sie mit hoheitsvoller Gelassenheit.

So will ich Dich in Deiner Beschäftigung nicht länger stören!"

Die Zimmerthür fiel krachend hinter ihm in's Schloß, die nächste desgleichen, die nach seinem Arbeitszimmer führte.

Mit einem bittenden:Aber Ludwig!" hatte Leonore das Zimmer durcheilt, dann hielt sie vor der geschlossenen Thür an, sich Wort für Wort des Gesprächs zurückrufend. Sie wurde in ihrem Entschluß, ihm nachzugehen, schwankend und schüttelte plötzlich energisch den Kopf. Mit finster gezogenen Brauen und festgeschloffenen Lippen verließ sie den Salon.

*

Der Frühling war dies Jahr sehr spät gekommen, aber nun drängte sich auch an Busch und Baum das knospende Grün mit Macht hervor. Die Luft war weich und lau, der Himmel klar und warmer Sonnenschein lockte in die erwachende Natur hinaus. Leonore stand am Fenster und schaute trübe und stumpf in das verheißende Werden, von dem der Gras­halm am Boden predigte und das die kleinen Sänger jubilirend verkündeten.

Ergeh' Dich ein wenig in den Gängen und Anlagen, such' Dir Veilchen und Primeln! Bist ohnehin zu viel an meinen Kerker gefesselt worden," forderte Strehlen seine Frau auf. Er lag im Fahrstuhl, ein Kissen im Rücken, den unteren Körper in wollene Decken geschlagen.Bist schon ganz blaß geworden von dem ewigen Stubenhocken! Hoffentlich kann ich auch bald hinaus," murmelte er grollend,obwohl der Doctor noch nichts davon hören will! Ich hatte ja auch noch nicht auf­stehen sollen! Nur einige Tage warmes Wetter, wie die letzten, und ich kehre mich den Teufel an seine Worte und bin draußen,