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Nein, Harriet, hältst Du es wohl für möglich?" staunte die Blondine.

Die Gesellschafterin stand ihr an Gleichmuth und naiver Verwunderung nicht nach. Sie lachte kurz auf.Aber, Herr Werner, weshalb die Verstellung? Sie haben uns doch das Bild gezeigt. Es ist ein Pastellbild und mag vor drei bis vier Jahren gemalt worden fein, denn, führte sie aus, in« dem sie Leonore fixirte,Sie trugen zu der Zeit die Locken nicht so lang wie jetzt."

Ist dem so, Leonore?" Wetter brachte Strehlen nichts hervor. Röthe war in sein hagere» Gesicht gestiegen und ließ seine Backenknochen noch schärfer hervortreten.

Leonore zitterte vor Aufregung. Leichenbläffe überzog ihr Gesicht.Herr Werner hat nie mein Bild erhalten," bebte es über ihre Lippen.Ich selber bitte darum, ich ver­lange ausdrücklich, dies angebliche Portrait von mir zu sehen!"

Werner war ihr schon durch die That zu Hülfe ge­kommen. Er hatte das Futteral hervorgeholt und ihm das Bild entnommen.Prinz Georg," sagte er, es Strehlen reichend,Anno 1820 gemalt, wie der Maler auf der Rück­seite bei seinem Namen vermerkt hat, wenn Sie die Güte haben wollen, sich zu überzeugen. Das Portrait ist mir sehr theuer", setzte er nach kurzer Pause hinzu,es kündet von einer Zeit, da heiße Liebe nur sich selbst als Preis hatte. Die Geschichte, die sich daran knüpft, gleicht einer mythologi­schen Fabel; sie klingt höchst unglaubwürdig und unverständ­lich, ein Märchen für Kinder unserer Tage."

Der Oberst hatte schnellen Blickes das Bild geprüft. Es hatte feine Richtigkeit mit Werners Angabe. Er kannte ein späteres Gemälde in Oel, das den Prinzen mtt Bart darstellte. Die Echtheit der Züge war unverkennbar. Er war beschämt und athmete gleichwohl auf. Die Aehnltchkeit, und zwar eine ganz merkwürdig auffallende Aehnlichkeit des schönen Jünglingskopfes mit seiner Frau, fand er freilich auch heraus.

Mrs. Webster belächelte das wunderbare Mißverständniß. Sie verbiß den Aerger über ihr verlorenes Spiel und meinte einmal über das andere:Wie man sich täuschen kann!"

Die unschuldige Ursache der Aufregung war in Werners Hände zurückgewandert. Er legte das Bild mit fast zärtlicher Sorgfalt wieder in's Futteral und steckte es zu sich-Da die Herrschaften morgen in aller Frühe aufbrechen wollten, wäre es sehr wenig freundschaftlich von uns," er betonte die letzten Worte ironisch,würden wir Sie heute lange be­lästigen, Herr Oberst! Zwar ist es nicht so spät, daß wir Sie um die Nachtruhe bestehlen, aber ich irre wohl nicht, wenn ich glaube, Sie haben noch mancherlei sür die Weiterreise zurecht­zulegen."

Weder der Oberst noch Leonore nöthigten um ferneres Verwellen.

Man verabschiedete sich etwas gezwungen und wünschte sich glückliche Reise und angenehme Gefährten. Der Oberst schüttelte Werner beim Lebewohl herzlich die Hand. Er würde sich freuen, aufrichtig freuen, wiederholte er, daheim den freund­schaftlichen Verkehr mit ihm fortzufetzen und hoffentlich einen sehr regen.

Noch eine letzte tiefe Verbeugung vor Leonore, die für Alle nur ein sehr förmliches Lebewohl hatte, und Werner schritt, ohne ein Wort zu sprechen, an der Seite der beiden Damen die breiten Hotelstufen hinunter. Er gab dem Gon« beiter ihre Adresse, die englische Pension, an.

Die blonde Wittwe bestieg die Gondel, Harriet nach ihr; Werner aber folgte nicht. Er zog flüchtig den Hut, sprang in die nächstliegende, dem Führer ziemlich laut auf englisch, dann sich verbeffernd auf italienisch:Entgegengesetzte Rich­tung" zurufend.

Oben im Balkonzimmer des Hotels hielt unterdessen der Oberst die kalten schmalen Hände seiner Frau in den seinen. Es kam so plötzlich über mich," entschuldigte er sich,der lächelnde Hohn Ettier die Sicherheit, mit der sie sprach, ich fühlte mich in meinem Heiligsten verletzt, verzeih' mir

die rasche Aufwallung. Ich liebe Dich ja so wahnsinnig, der Gedanke vergib mir!"

Es ist schon vergessen," hauchte sie und suchte ihre Hände aus den seinen zu lösen. Ein schwermüthiger Blick flog nach dem Balkon und ein bitteres Lächeln zuckte um ihren Mund.

Er zog sie an seine Brust und fühlte, wie ein Schauder iber ihren Leib lief, sah, wie der halb geöffnete Mund sich herbe schloß und küßte sie nur um so leidenschaftlicher.

Sie hatte ihm offen Auskunft gegeben, als er sie int November gefragt, ob sie die Seine werden wolle, sie könne nicht mehr lieben und werde nie wieder lieben.

Er hatte gehofft, sie werde es nach der Hochzeit lernen und war vorläufig durch ihre Zusage zufrieden und überglück­lich gewesen. Die Gewißheit, sie sein zu nennen, hatte ihm vor der Hand genügt- Nun er aber das herrliche junge Weib, an Kälte und Schönheit einem Marmorbild vergleichbar, zu eigen besaß, sollte es natürlich für ihn leben und sühlen. Er wollte auch ihre Seele besitzen, jede Regung ihre» Herzens kennen. Es sollte für ihn schlagen, heiß, wie das seine für fiel

Vergebliches Begehren! Sie gehörte ihm, war an« muthig«freundlich, unterhaltend und bestrebt, ihm manche kleine Aufmerksamkeit zu erweisen. Er empfand das Alles recht gut, nur hatte er dabei das Gefühl, sie thue es mit der wohlüber­legten guten Absicht, ihn zu erfreuen, nicht, weil sie es au» innerstem Herzensdrang heraus müsse. Er war ihr für ihre gutgemeinten Bemühungen aufrichtig dankbar, aber befriedigt war er nicht. Sie war ihm nie aus eigenem Antriebe genaht, hatte die Arme um feinen Hal« gelegt und ihm von selbst die Lippen zum Kuß geboten. Sie duldete seine Liebkosungen, aber erwiderte sie nicht. Er litt Tantalusqualen und konnte sich nicht in sein Geschick finden- Zu Anfang hatte er in seiner kurzen Bräutigamszeit ihren schönen Vetter mit Empfindungen des Hasses und Mißtrauen» betrachtet und sie scharf beobachtet. Sie hatte ihm die Wahrheit gesagt: Han» war ihr gleichgiltig, völlig gleichgiltig geworden, sie haßte ihn nicht einmal. Er hatte sich darüber beruhigt; er wußte, sie liebte Keinen.

Nun waren seit gestern Nacht die eingeschlummerten Eifer­suchtsregungen mit hundertfacher Kraft lebendig geworden. Leonore hatte den Abend über Kopfschmerzen gehabt und fieberte leicht, als man sich zur Ruhe begab. Sie schlief erst nach geraumer Zeit ein und dann schienen schwere Träume sie zu quälen. Der Oberst konnte nicht schlafen. Mit der Sorge eines Liebenden bewachte er jede ihrer Bewegungen- Das mattgeschliffene Glas der großen Lampe gab ein mildes, ge­dämpftes Licht. Er sah, wie sie mit einem Mal aus dem Schlaf aufschreckte, mit der Hand nach dem Kopfe fahrend; halb unverständliche Worte entschlüpften ihren Lippen. Im ersten Augenblick glaubte er, sie sei erwacht, doch ihre geschlosse­nen Augen belehrten ihn eine» anderen. Ihr Kops brannte, ihre Pulse jagten, aber ein süßes Lächeln, ein Hauch seligen Glückes verlieh ihrem Gesicht ein liebliches, mädchenhaftes Ge­präge. Er beugte sich besorgt über die Fiebernde und fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter gestochen. Ein Wort hatte er ganz deutlich gehört, ein einzige«, aber es fiel in seine Seele wie der zündende Funke in eine von Sonnengluthen ausgedörrte Gegend, der einen Waldbrand verursacht und Alles zu Asche legt, so weit er Nahrung findet- Das eine Wort raubte ihm Alles, das WortPaul".

Leonore war längst ruhig geworden und befand sich in festem, traumlosem Schlafe, während er die langen Nachtstunden hindurch sein Hirn zermarterte und alle Verdachtsgründe er­wog, um festzustellen, daß sie mit Paul den Maler, gemeint habe. Für den Fall war das Zusammentteffen mit ihm in Venedig selbstredend kein zufälliges, sondern ein abgekartetes.

Du hast recht unruhig gelegen und wiederholt int Schlaf gesprochen. Was hast Du geträumt?" fragte er anscheinend absichtslos am anderen Morgen, während sie den Kaffee eingoß.

Der silberne Löffel auf der Taffe in ihrer Hand klirrte- Ich weiß nichts mehr," entgegnete sie erröthend und merklich verlegen.

Ich glaubte, Du seiest kränker geworden?" forschte er