Nnterchaltrrirgsblatt 311m Gietzenev Anzeiger» (Genevnl-Anzeigev)

Nr. 70

1893.

H u?E

Samstag, den 17. Juni.

Verschlungene Pfade.

Roman von Max Hochberg.

(Fortsetzung).

Es war Anfang Februar. Die Neuvermählten hatten wirklich, wie Asta dem Maler mitgetheilt, als Ziel ihrer Hochzeitsreise Italien gewählt. Merkwürdigerweise trafen sie am Tage ihrer Ankunft auf der Piazetta mit Werner und seinen beiden Damen zusammen. Es gab ein allseitiges Er­kennen, lebhafte Begrüßung und Fragen hin und her. Die gegen neue Bekanntschaften gewöhnlich sehr reservirte Leonore sprach außerordentlich herzlich und liebenswürdig mit den Amerikanerinnen. Der Oberst schlug vor, den Rest des Tages zusammen zu bleiben. Alle gingen mit Freuden darauf ein. Werner hätte sich am liebsten zurückgezogen, aber es war nicht gut thunlich, er hätte sich dadurch auffällig gemacht. Man speiste gemeinsam zu Abend und plauderte in einer Stunde so vertraulich mit einander, als lebte man seit Jahren in ein und derselben Pension. Für den folgenden Morgen gab man sich natürlich ein Rendezvous.--

Also dieser blonden Deutschen wegen hat er Dich sitzen laffen?" grollte Harriet, während sie gegen Mitternacht Etties Stirnlöckchen um die Wickel schlang.

Aber verlaffe sich nur einer auf Männer! Hätte ich das voraussehen können, wäre ich nicht so dumm gewesen, seinet­wegen dem Vicomte den Laufpaß zu geben."

Es ist doch nun geschehen und nicht rückgängig zu machen," antwortete die practische Freundin,in Thatsachen muß man sich finden und sich für später eine Nutzanwendung daraus ziehen. Was mir aufgefallen ist, Ettie, fandest Du nicht, seine Frau war sehr sonderbar im Gespräch mit unserem Freund Werner. Sie schlug stets die Augen nieder, wenn er sie anredete, ein paar Mal wurde sie roth und ganz verlegen. Uebrigens muß ich sie schon gesehen haben, aber wo?"

Meinst Du?" fragte Ettie phlegmatisch.

Auf dem Bilde!" schrie Harriet auf.0 bete, das nicht sofort herauszufinden. Es liegt auf der Hand: die Zwei haben sich zu gut gekannt! Colonel Strehlen war die beffere Partie; er wurde geködert, der Alte, und der Andere bleibt ihr Freund!"

Wahrhaftig, Du hast Recht!" Die Blondine athmete rasch und ihre Brust hob und senkte sich stürmisch.

Aber ich werde dem Colonel ein Licht aufstecken. Rache thut wohl!"--

Ursprünglich hatte Strehlen zehn Tage für Venedig fest­

gesetzt und den Carneval in Rom verleben wollen. Nun machten ihn die stürmischen Bitten der Amerikanerinnen in seinem Entschluß schwankend und er schien nicht abgeneigt, noch einige Tage zuzugeben. Leonore aber wollte nicht bleiben. Der Umgang behagte ihr nicht; Ettie und Harriet benahmen sich für ihren feinfühlenden Sinn zu frei und waren in ihren Aeußerungen zuweilen etwas gewagt und übernaiv; zudem hielt sich die blonde Wittwe stets an ihres Mannes Seite, ihr fiel dadurch die Unterhaltung mit dem Maler zu, die ihr unter dem sie beständig beobachtenden Blick Harriets zu einer wahren Pein wurde.

Wir könnten eigentlich aus Freundschaft für Sie den Carneval auch in Rom verbringen," erklärte Mrs. Webster plötzlich am Abend vor der festgesetzten Abreise Strehlens. Sie kommen natürlich auch mit, Herr Werner, Sie dürfen nicht zum Spielverderber werden!"

Der Oberst griff mit Freude den glücklichen Gedanken auf.

Leonore zog die Brauen kaum merklich zusammen und schwieg. Werner glaubte den Grund ihrer Verstimmung zu kennen und wollte ihr die Beruhigung geben, sie sei seiner lästigen Gesellschaft enthoben. Er beeilte sich, zu sagen, ihn hielte es in Venedig und er würde unbedingt noch für längere Zeit dableiben.

Wie sonderbar die Deutschen sind!" wunderte sich die schöne Wittwe mit kindlich unschuldigem Augenaufschlag.Wir drüben verbergen unsere Freundschaft nicht! Wir würden es einfach nicht verstehen, wenn ein Herr, den wir werth genug halten, unser Portrait zu besitzen, fremd thun und keine Rück­sicht auf uns nehmen würde. Man kann doch seiner Freundin zu liebe ein paar Tage seines Reisezwecks opfern, das ist doch nicht zu viel verlangt."

Strehlens Augen erhielten einen eigenthümlichen Glanz bei Mrs. Websters gelaffener Rede und richteten sich, Auf­klärung heischend, auf seine Frau, die gar nicht wußte, wie sie sich die Aeußerung der Amerikanerin deuten sollte.

Was meinen Sie mit Ihren Worten?" fragte Werner scharf.

Gleichzeitig mit ihm sagte der Oberst:Ich bitte, Mrs. Webster, erklären Sie sich deutlicher!"

Aber in der That, Herr Werner, ich verstehe Sie nicht," fuhr die Blondine unbeirrt fort,was ist denn dabei, wenn man seiner Freundin Bild hat und es auf dem Herzen bei sich trägt?"

Wessen Bild?" fuhr Werner auf, sich nur mühsam be­herrschend. Er war vom Stuhl aufgesprungen, sie mit durch­bohrendem Blick ansehend.