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die Zeilen noch einmal und verbarg dieselben dann, als ob ihr Besitz ein Verbrechen für sie sei.
War dieses berauschende Gefühl, das ihre Pulse rascher schlagen, ihr Blut wie ein Feuerstrom zum Herzen jagen ließ, wirklich jene Liebe, von welcher sie damals geträumt hatte?
Sie barg das erglühende Antlitz in die Kisien und weinte dann plötzlich im heißen Schmerze, daß ihr die stolze Energie, das Selbstbewußtsein und die Kraft der muthig errungenen Herzensruhe durch die Macht der Umstände und ihre körperliche wie seelische Schwäche so unheilvoll abhanden gekommen waren, daß sie sich dem Verhängniß unrettbar überliefert hatte-
Liebte sie diesen Mann, der eine unheimliche Macht über sie gewonnen, wirklich noch immer? — Sie wußte sich selber keine Antwort darauf zu geben, da sie abwechselnd von unbezwinglichem Widerwillen und von Sehnsucht erfüllt, sich von ihm abgestoßen und wieder zu ihm hingezogen fühlte.
Es war die Gewalt der sinnlichen Schönheit, vor welcher Tante Hanna sie in ihrer Liebes» und Lebensgeschichte so eindringlich gewarnt hatte.
Reinhardt schüttelte den Kopf und schrieb etwas nieder, was er dem Beamten, der wieder zu ihm trat, hinreichte.
Dieser las: „Die hatte er mit seinem tobten Kinde schon gleich an der Angel- Wohl bekomm's ihr! — Ich würde ihr's gönnen, wenn er nicht zwischen Mund und Kinn zu interessant wäre. Wo ist denn Herr Julius? Bei ihr in Ebenheim?"
Der Commissar lachte.
„Das würde sich jetzt nicht mehr schicken," sagte er in einem humoristischen Tone, „Herr Julius ist auf Reisen gegangen, wohin, das weiß kein Mensch, wir aber werden's herausspüren. Soll ich Ihren Freund Marbach grüßen, es geht bergab mit ihm, wie ich höre."
„Jener macht Hochzeit und er sollte sterben?" schrieb Reinhardt mit zitternder Hand. „Das kann Gott nicht zu» lassen."
„Rein, das hoffe ich auch, halten Sie sich nur ruhig, damit Sie wieder gesund werden. Der alten Hanna geht's auch schon besser. Sie wissen doch, daß sie operirt worden ist?"
Der Maler nickte.
„Hoffe viel von ihrem zurückkehrenden Erinnerungsvermögen," fuhr der Commissar fort, „es geht natürlich langsam damit, doch stellt sich schon, je weiter die Heilung fort« schreitet, eine erfreuliche Zunahme des erwachenden Verständnisses ein, just wie bei ganz kleinen Kindern. Vielleicht rettet Doctor Peters auch Ihre Sehkraft, Herr Reinhardt!"
Dieser schüttelte traurig lächelnd den Kopf, wenn man ein solches Verzerren der einen Gesichtshälfte ein Lächeln nennen konnte, und der Commissar empfahl sich.
Er kehrte eiligst anstatt nach dem Polizeigebäude nach seiner Wohnung zurück, wo er sofort nach einem Herrn Wolfius sandte, welcher auch nach wenigen Minuten erschien.
Dieser Mann machte den Eindruck eines Handwerkers, sowohl in seiner Haltung und seinen Manieren, wie in der Kleidung, Alles war schlicht und einfach, aber höchst sauber an ihm.
„Haben Sie eine Spur, Wolfius?" fragte der Commissar halblaut.
„Mister Prien ist und bleibt eine mystische Person, Herr Commissar!" versetzte der Gefragte ebenso leise. „Möchte Sie wohl um einen unbestimmten Urlaub bitten."
„Wollte es gerade vorschlagen, mein Lieber, und Ihnen mittheilen, daß der zweite Manschettenknopf des werthen Herrn in der Gegend des Thatortes gefunden ist. Er hat offenbar Unglück mit dem Verlieren oder muß lächerlich sorglos sein."
„Vielleicht kopflos," bemerkte Wolfius, „der Boden ist ihm jedenfalls zu heiß gewesen und mit schlimmen Gedanken sich tragend, hatte er nicht Acht auf den Knopf, der wohl einen schlechten Verschluß gehabt."
„Ein Gentleman trägt nicht zwei verschiedene Manschettenknöpfe, mein Bester," erwiderte der Commissar kopfschüttelnd, „es müßte denn vielleicht der Fall sein, daß er mehrere Garnituren davon besessen. Doch gleichviel, der Knopf ist gefunden und zwar von den beiden Opfern des letzten Attentats, ich werde denselben mir schicken lassen. Und nun noch eine überraschende Entdeckung, welche unser Polier Schulze gemacht hat.
Herr Wolfius horchte auf und runzelte die Stirn-
„Schulze ist ein Schwätzer und man kann auf seine Aussagen nicht viel geben," sagte er achselzuckend.
„Die Sache kommt mir allerdings auch ein wenig romantisch vor, sie betrifft nämlich den heimgekehrten Herrn Julius Steindorf, welcher nach Schulzes Behauptung den bewußten rothen Strich besitzen soll."
„Weiß denn der Schwätzer von der Bedeutung dieses Kennzeichens, Herr Commissar?"
„Gott bewahre, er hat doch die beiden Herren, Marbach und Reinhardt, oben im Gebirge getroffen, wobei er diesen Umstand gesprächsweise erwähnt haben soll. Da ich nun in der That ein wenig zweifelhaft darüber bin, ob die ganze Erzählung nicht vielleicht eine Halucination des Malers ist, hervorgerufen durch das abscheuliche Attentat und dessen Folgen, so möchte ich Ihnen anheimgeben, den Polier selber mal vorsichtig darüber auszuforschen."
Wieder waren vierzehn Tage verflossen. Armgard Holten hatte sich von ihrem Rückfall erholt, während Leonhard Marbach sich noch immer unter dem Dache des Försterhauses befand, der Maler Reinhardt dagegen nach feiner Wohnung in der Stadt gebracht worden war.
Letzterer war allerdings nach ärztlichem Ausspruch außer Gefahr, aber noch lange nicht hergestellt. Die Schulterwunde heilte gut, mit dem Gesicht aber stand es noch schlecht genug, da er große Schmerzen zu ertragen, nicht zu sprechen vermochte und außerdem die furchtbare Gewißheit hatte, das rechte Auge zu verlieren.
Dieses entsetzliche Geschick erregte ihn bis zur Wuth und er ruhte nicht, bis er es bei Doctor Peters durchgesetzt, mit dem Crimtnal-Commissar jetzt, wenn auch schriftlich, da ihm jedes Wort schreckliche Schmerzen verursachte, reden zu dürfen.
„Der Doctor hielt mich für verrückt und hat mich mit seiner Weigerung, Sie zu mir zu bescheiden, auch halb dazu gemacht," schrieb Reinhardt, als der Commissar neben ihm saß. „Lesen Sie dies gefälligst"
Er überreichte ihm einen zusammengefalteten Bogen, den der Beamte dann rasch entfaltete und überflog.
„Sie haben dies selber geschrieben, Herr Reinhardt?"
Der Maler nickte.
„Der zweite Manschettenknopf ist hiernach also auch ge- funden worden," fuhr der Commissar, die Seetüre fortsetzend, überrascht auf, „und zwar an dem Aufstieg zur Bergeshöhe. Und — was zum Henker haben Sie hier geschrieben?"
Er sah den Maler erschreckt und mißtrauisch an. Hatte der Doctor recht gehabt mit seiner Behauptung, daß jenes abscheuliche Attentat fein logisches Denken verwirrt und ihn mit einer fixen Idee erfüllt haben müsse? —
Reinhardt schrieb mit einer ungeduldigen Bewegung: „Ich habe die nackte Wahrbeit erzählt, nehmen Sie den Polier Schulze darüber in's Verhör."
Der Commissar nickte nachdenklich und faltete den Bogen zusammen.
„Ich darf ihn doch behalten?"
Natürlich durfte er das.
„Haben Sie den zweiten Knopf, Herr Reinhardt?"
„Der muß sich in Marbachs Taschen finden," schrieb der Maler. „Packen Sie den Halunken, Herr Commissar — der Mann mit dem rothen Strich hat auch uns beide, meinen Freund und mich, so zugerichtet."
„Wir packen ihn ganz bestimmt, lieber Herr Remhardt!" beruhigte der Commissar den Aufgeregten. „Ich werde ihm einige Spürer auf die Ferse setzen."
Er reichte ihm die Hand, wünschte ihm gute Besserung und schritt nach der Thür.
„Apropos," wandte er sich hier gleichgültig zu dem Maler, „hat der Doctor Ihnen von der Verlobung des Herrn Steindorf mit Fräulein Holten zu Edenheim erzählt?"


