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lose. „Du befiehlst uns, Dir zu vertrauen — über wir sind nur arme, schwache Menschen, deren Blick das furchtbare Dunkel der Zukunft nicht zu durchdringen, nicht das Echte von dem Falschen zu unterscheiden vermag. Könnten wir uns vor Deinem Thron niederwerfen, in Dein Antlitz sehen, Dein Gebot hören — dann wäre Alles, Alles anders und besser. Wer auf Erden wandelt, der bedarf sinnlicher Wahrnehmungen- Nur wenige sind so erhaben, daß sie, alles Irdische vergessend, sich dem Höchsten zuwenden können. Ich gehöre nicht zu Ihnen. Ich flehe Dich an, mir betzustehen, denn ich fühle, daß der Boden unter meinen Füßen schwankt, daß ich verloren bitt, wenn kein allmächtiger Schutz über mir waltet. — Was soll ich beginnen? Was wird aus mir, die sich selbst nicht mehr kennt?"
Ihre Stirne sank auf die gerungenen Hände.
Wie lange sie so verharrte, wußte die Tieferregte kaum. Erst die Worte: „Was ist Dir?" schreckten sie auf, so daß sie sich taumelnd erhob. Rafaele stand neben ihr.
„Ich bin unglücklich — unglücklich —" stammelte Magda.
„Was hier vorgeht, bricht mir fast das Herz."
„Warum ängstigst Du Dich?" fragte die Freundin mit seltsam ruhig klingender Stimme. „Ich bin fest überzeugt, Erich kann mit wenig Worten die Erbärmlichkeit dieses Verdachtes beweisen. Sieh' — Dir allein vertraute ich an, wie unendlich ich ihn liebe — sogar die Mutter weiß die Größe dieses Gefühles nicht zu ermessen — und doch bin ich ruhig, weil ich seiner Ehre so fest vertraue, wie der meinen. Er hat den Schreibtisch niemals berührt."
Ferne Hufschläge wurden vernehmbar. „Komm'," rief Rafaele, den Arm um das Sylphenfigürchen legend, „die Entscheidung ist uns nahe, und ich zage nicht vor ihr, denn meinen Glauben an den Geliebten wird nichts erschüttern."
Von dem Reitknecht begleitet, sprengte Erich von Degenfeld in den Hof des Gutes Clauswitz, eilte rasch die Treppe empor und stand bald darauf vor Frau von Waldau, zu der man ihn führte. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und trat ihm entgegen, er bebte aber fast zurück, so blaß und ernst sah sie aus. Ihre Hand, die ihm sonst stets freundlich dargeboten wurde, hing schlaff in den Falten des schwarzen Kleides und die alte Dame schien gar nicht zu bemerken, daß er die {einige hinreichte.
„Herr von Degenfeld," begann sie, ihn mit einer kühl höflichen Bewegung einladend, Platz zu nehmen. „Sie besaßen zwei wunderbare Gemmen, die ich oft bewunderte. Sind Sie noch im Besitz derselben?"
Betroffen blickte er sie an und erwiderte: „Die eine ge« rieth in Verlust. Mehrere Wochen mögen indessen verstrichen sein. Wann und wo ich sie verlor, ist mir übrigens selbst ein Räthsel. — Sollte sich dieselbe vorgefunden haben?"
„Ja. — Erkennen Sie diesen Gegenstand als Ihr Eigen- thum?"
„Gewiß I" rief er, den kleinen Januskopf in Empfang nehmend.
„Ich selbst entdeckte ihn. Jnteresstrt es Sie vielleicht, zu erfahren: wo?"
Ihre Stimme klang so eisig, daß er eine Geberde der Ueberraschung machte. „Ich bitte Sie, es mir mitzutheilen."
„Er lag in der Schublade meines Schreibtisches, dessen Schlüssel ich sorgfältig verwahrte."
„Wie sollte das möglich sein?"
„Dies zu erklären muß ich Ihnen überlassen und will nur hinzufügen, daß aus derselben Schublade meine Kassette von oxidirtem Silber verschwunden ist, welche, wie Sie wissen, große Geldbeträge barg."
„Was wollen Sie damit andeuten?" rief Degenfeld, die Stirne furchend. „Ich ersuche Sie, offen zu sprechen."
„Das würde ich auch ohne diese Aufforderung gethan haben," erwiderte sie mit gleicher Eiseskälke, wie früher. - „Nur ungern willigte ich in eine heimliche Verlobung meiner einzigen Tochter. Gar viele Bedenken erhoben sich in mir gegen die projectirte Verbindung, aber der Wunsch, mein Kind glücklich zu sehen, war mächtiger. — Einer umständlichen Erklärung
bedarf es hier wohl nicht. Die Krage: Was soll ich davott denken, daß dieser winzige Schmuckgegenstand in dem Möbel lag, aus welchem mir fast ein Vermögen geraubt wurde? dürfte wohl genügen."
„Sie genügt in der That vollkommen, um mir zu beweisen, daß Sie mich für einen Schurken halten."
Degenfeld war aufgesprungen. Seine Stimme bebte, Zorn und Empörung flammte aus seinem Blick. „Wenn Sie so schnell den Glauben an meine Ehrlichkeit verlieren können, bann war es überhaupt leichtsinnig gehandelt, daß Sie Rafaelens Hand in die meine legten. I ch sollte fremdes Eigenthum berührt, sollte mich eines gemeinen Vergehens schuldig gemacht haben? — Dieser Verdacht ist so furchtbar und dabei so lächerlich, daß ich keine Antwort finde."
„Mit hochmüthigen Redensarten widerlegen Sie ihn nicht. In Gegenwart Rafaelens, Magdas und Franks fand ich die Gemme in dem Schreibtisch, vor dessen Unsicherheit Sie mich warnten, fand sie an derselben Stelle, wo früher die Kassette stand. — Und nun frage ich: was ist geschehen? Nicht das Geld beklage ich; was mein ist, gäbe ich gern hin, gelänge es Ihnen, mich von Ihrer Rechtschaffenheit zu überzeugen, denn ich weiß, wie tief die Liebe in meiner Tochter Herzen wurzelt. So viel mir bekannt, kamen Sie nie in unmittelbare Nähe dieses alten Schreibtisches — es konnte nur an jenem Abende geschehen sein, wo Sie sich über eine Stunde allein hier aushielten. Indem ich Ihnen rückhaltslos Alles zeige, was einen Schatten auf Sie wirst, gebe ich Ihnen zugleich die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen. Ich bin keine Phantastin und gehe von der Voraussetzung aus, daß sich auch das unerklärlich Scheinende auf natürliche Ursachen zurückführen läßt. Also sprechen Sie."
„Wie dieser Januskopf in Ihren Secretär kam, ist mir räthselhaft. Daß ich hier eine Stunde und länger allein verweilte, kann weder in Abrede gestellt werden, noch habe ich die Absicht, es zu leugnen. Da Sie überhaupt einen so beleidigenden Argwohn fassen konnten, würde es wohl wenig helfen, wollte ich Ihnen auch mit den heiligsten Eiden versichern, daß ich dem seltsamen Vorfall ganz fremd gegenüberstehe. Ich kann daher nur eine strenge Untersuchung verlangen."
„Eine sorgfältige Durchforschung des ganzen Hauses wurde sogleich nach Entdeckung des Diebstahles und auf dringendes Anrathen Doctor Franks vorgenommen, hat aber zu keinem Resultat geführt," erwiderte Frau v. Waldau. „Weitere Schritte in dieser traurigen Angelegenheit zu thun, bin ich nicht gesonnen."
„Ich verlange aber, daß polizeiliche Anzeige erstattet wird!" fuhr Degenfeld auf.
„Dann müßte ich auch meines seltsamen Fundes erwähnen."
„Thun Sie es!"
• „Würden Sie dann nicht ebenso wie jetzt die erklärende Antwort schuldig bleiben?"
„Es giebt überhaupt keine andere, als daß mir die Gemme geraubt und in boshafter Absicht in den Secretär verborgen wurde."
„Und wen würden Sie als muthmaßlichen Urheber dieser Jntrigue bezeichnen? Mich, Rafaele oder Magda?" fragte die alte Dame bitter und geringschätzend. „Nur eine von uns könnte es gewesen fein, denn sonst vermochte Niemand zu dem wohlverwahrten Schlüssel zu gelangen, eines falschen kann sich aber auch keiner unserer Hausgenossen bedient haben, denn hier in Clauswitz befindet sich kein zweites Möbel, dessen Schloß diesem ähnlich construirt wäre. — Ich verzichte nicht nur darauf, Anzeige zu erstatten, sondern bat auch Herrn Doctor Frank, strenges Schweigen zu beobachten. Schon aus Rücksicht auf Rafaele kann ich nur so und nicht anders hau- dein. Die Verlobung, obschon nicht veröffentlicht, ist trotzdem manchen Personen kein Geheimniß mehr- Ich will, daß sie ohne jedes Aufsehen gelöst wird, und danke dem Himmel, daß er mein Kind vor einem bejammernswerthen Lose bewahrte. — Nun haben wir uns auf dieser Welt wohl nichts mehr zu sagen-"


