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Nr. 118
1893
Samstag, den 7. Octover.
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Unterhaltungsblatt jtnn Girstenev Anz«ig«v (Gsneral-Anzeiger)
Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Fortsetzung.)
„Ich würde doch vorschlagen, sogleich zu einer Haussuchung zu schreiten," bemerkte Frank.
„ES wird wohl kaum etwas Anderes übrig bleiben," stimmte die alte Dame bei, „und doch möchte ich diese Roth- wendigkeit so gern umgehen, erstens, weil mir das unvermeidliche Aussehen höchst unangenehm ist und zweitens, weil ich Niemandens Ehrgefühl verletzen will. Meine Dienstleute gaben mir nie Grund, sie zu beargwöhnen. Würde es sich nicht um eine so große Summe und zugleich um den Verlust eines theuren Andenkens handeln, so zöge ich wirklich vor, die ganze Sache fallen zu lassen."
Mit sichtbarer Erregung ordnete sie die Papiere in der aufgezogenen Schublade, hielt jedoch plötzlich inne und starrte wie versteinert auf einen kleinen Gegenstand, der unter einigen Schriftstücken hervorrollte.
Im selben Augenblick schrie Rasaele, die sich über ihre Schulter geneigt hatte, laut auf und umklammerte mit beiden Händen die Stuhllehne.
„Was ist geschehen?" rief Magda tief erblassend.
Schweigend betrachtete Frau v. Waldau immer noch den unerwarteten Fund. Es war ein Chemisettenknöpfchen, in ungemein kunstvoll ausgeführter Arbeit einen Januskopf darstellend, und die Versammelten konnten keine Secunde darüber im Zweifel sein, daß dieses Kleinod Erich von Degenfeld gehörte.
„Seltsam," sagte die alte Dame endlich und ihre Stimme klang ganz fremd, „was soll ich davon denken?"
„Wie kommt diese Gemme hier herein?" stammelte Rafaels und schwankte wie vom Schwindel ergriffen, richtete sich aber sofort wieder stolz empor, als Frank den Arm stützend um sie legen wollte. „Welch' ein Räthsel! Der Schreibtisch war ja verschlossen."
„Dann muß man ihn mit einem anderen Schlüssel geöffnet haben."
Frau von Waldau sprach diese Worte schwer und langsam, wie mit halbgelähmter Zunge, und fuhr, nachdem mehrere Minuten drückendes Schweigen geherrscht hatte, fort: „Es handelt sich jetzt um viel Wichtigeres, als um den Verlust des Geldes — nämlich' um die fast unabweisbare Befürchtung, daß mein Vertrauen schwer getäuscht wurde und zwar von Jemand, dessen Ehre mir theuer war."
„Mutter, was für ein Verdacht taucht in Deiner Seele auf?" rief Rasaele, während die Röthe des Unwillens ihre Wangen färbte. „Herrn von Degenfeld kannst und wirst Du doch nicht einer so niederen Thal für fähig halten?"
Die Gegenwart des Arztes legte ihr eine gewisse Zurückhaltung auf, aber die zarten, blauen Adern an den Schläfen traten viel deutlicher als sonst hervor, weil das empörte Blut siedend heiß von dem cheftig pochenden Herzen emporschoß: „Das ist gerade so widersinnig und ungerecht, als ob Du mich oder Magda beschuldigen wolltest."
Fast herausfordernd blickten die wundersamen Augen und dennoch glühte die düstere Flamme der Verzweiflung in ihnen.
„Mein liebes Kind," erwiderte die alte Dame herb, denn ei» Gefühl tiefer Beschämung erfaßte sie bei dem Gedanken an ihre, dem Doctor gemachten Mittheilungen, „ich besitze mehr Erfahrung und größere Menschenkenntniß als Du und bin dessen ungeachtet schon oft genug irre geführt worden. Daß Deiner reinen Seele solche Gesunkenheit unmöglich scheint, begreife ich sehr wohl, aber das Leben bereitet uns oft traurige Ueberraschungen. — Ich beschuldige Niemand, sondern verlange nur Aufklärung des mir durchaus Unverständlichen. In ein Möbel, welches, wie Du selbst behauptest, fest verschlossen war, kann nichts zufällig hineingerathen und hier halte ich einen unerbittlichen, kleinen Ankläger in der Hand."
„Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, — aber der Argwohn ist unbegründet."
„Es sollte mir lieb sein, wenn ich diese Ueberzeugung gewinnen könnte — indes — Wunder geschehen nicht mehr."
„Warnte'Erich Dich nicht selbst vor der Unsicherheit dieses Schreibtisches?"
„Gewiß. — Er war der Erste, welcher mich darauf aufmerksam machte und mithin auch der Erste, der daran dachte. Ich erinnere mich sehr wohl seiner Bemerkung, daß in Altdorf ein ganz gleicher, unbenützter stehe, daß die Schlösser alle große Aehnlichkeit miteinander haben und daher sehr leicht zu öffnen sein dürften."
„Und diese ehrliche Warnung gibt Dir Grund, ihn zu be- argwöhnen?" L , ,c
„Ich halte mich an die Thatsachen, und die sprechen leider gegen ihn. — Daß über seinen Bruder die schlechtesten Ge- rüchte circulirten, dürfte auch Dir nicht unbekannt sein."
Rasaele lachte bitter auf. „Der meinige starb als Kind schon an einer schleichenden Krankheit — und ich bin gesund und blühend."
Still weinend saß Magda am Fenster. „O, wie leid — wie leid mir das Alles thutl" flüsterte sie, den zierlichen Kopf


