Dienstag, den 7. März.
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1893
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Nr. 28.
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Tante Hannas Geheimniß.
Origmal-Roman von Linden.
(Nachdruck verboten.)
I.
Es war ein wundervoller Abend. Die Sonne sank, im Scheiden noch mit goldenem Glanz die Erde grüßend und den Himmel in ein prächtiges Farbenmeer tauchend.
In der kleinen Stadt Moorkirch läuteten die Glocken das , morgen beginnende Pfingstfest ein, berauschend dufteten die Blüthen, überall waltete Frieden und Freude in der Natur.
Draußen vor dem Thore stand ein rebenumsponnenes Häuschen, das mit einer kleinen, zierlichen Veranda versehen und von einem wohlgepflegten Garten umgeben war. Hier wohnte eine fünfundsiebenzigjährige Greisin, eine alte Jungfer in des Wortes bester Bedeutung, von Alt und Jung, Arm und Reich im Städtchen und der Umgegend Tante Hanna genannt, da ihr eigentlicher Name Johanna Werner nur für die Post Interesse zu haben schien.
Sie war klein und zierlich gebaut, doch von kerzengerader Haltung, und wenn das blasse, milde Antlitz auch die Runzeln und Falten des Alters aufwies, so zeigte das glattgescheitelte Haar doch nur wenig Grau, und die klaren blauen Augen blickten noch hell und scharf wie in den Tagen der Jugend.
Tante Hanna war als die Allerweltströsterin und Rathgeberin bekannt und verstand die Kunst, ihr bescheidenes Vermögen durch weise Sparsamkeit zu verdoppeln, um allezeit eine offene Hand für jeden Nothleidenden zu haben. Auch besaß sie das Vertrauen der Heranwachsenden weiblichen Jugend in einem seltenen Grade und auch fast aller Stände, weshalb es seit Menschengedenken kaum eine Braut im Städtchen gegeben, die Tante Hanna nicht zuerst in's Vertrauen gezogen hätte, da die Greisin sich ein kindliches Herz bewahrt uud mit der Jugend zu denken und zu empfinden verstand.
Es war ein herzerquickender Anblick, die „uralte Jungfer", wie sie sich behaglich zu nennen pflegte, zwischen ihren Blumen, die sie so sehr liebte, hantiren zu sehen und auch heute am Pfingstabend, wo sie im Glanz der sinkenden Sonne ihre prachtvollen Rosen begoß, bildete sie in dieser friedlichen Um- gebung eine harmonische Erscheinung, in Eintracht mit Gott, mit der Menschheit und der Natur.
Leise wurde in diesem Augenblicke die Gartenpforte geöffnet. Eine schlanke, junge Dame in einfach zierlicher Sommer- Toilette, einen dunklen Strohhut auf dem vollen, braunen Haar, trat geräuschlos ein und näherte sich, ohne daß die
Greisin ihr Kommen bemerkt hatte, mit so leichten Schritten, daß sie plötzlich neben ihr stand.
„Tantchen I"
Sie schlang den Arm um Hanna und küßte sie zärtlich.
„Lieber Himmel, Fräulein Armgard, welche frohe lieber» raschung! Just in diesem Augenblick dachte ich an Sie, mein Herzchen I"
„Ich habe Sie doch nicht erschreckt, Tante Hanna?"
„Warum nicht gar, Kind! Ich freue mich zu sehr, Sie wiederzusehen. Glaubte fest, daß Sie mindestens noch ein halbes Jahr fortbleiben würden."
Sie fetzte bei diesen Worten ihre Gießkanne hin, strich mit der Hand noch einmal behutsam zärtlich über eine halberblühte Moosrose und warf dann einen forschenden Blick auf das ernste Mädchen-Antlitz, welches, über die erste Jugend- blüthe hinaus, kaum hübsch zu nennen war und doch einen äußerst gewinnenden Eindruck hervorbringen konnte, wenn ein Lächeln darüber hinhuschte wie ein verlorener Sonnenstrahl. Aber sie lächelte leider nur selten, die reiche Armgard Holten, welche als einzige Erbin ihrer verstorbenen Eltern ein schuldenfreies Rittergut und ein schönes Haus mit großem Garten in dem Städtchen ihr eigen nannte und deshalb eine Vielumworbene schon seit Jahren gewesen war. Die Eltern hätten sie so gerne verheirathet gesehen, doch mochten sie das einzige Töchterlein zur Heirath nicht zwingen, und so sanken Beide in's Grab, während Armgard einsam auf ihrem schönen Besitz hauste, für eine merkwürdig practische Landwirthin galt und sich nach keinem Herrn und Gebieter sehnte, weil sie keines Schutzes bedürftig war.
Sie hatte sich für diesen Sommer einmal herausreißen und das deutsche Vaterland durchstreifen wollen, da sie einen tüchtigen und redlichen Verwalter besaß. Drei Wochen erst war sie fort gewesen und heute schon wieder heimgekehrt. Was hatte das zu bedeuten?
„Heimweh!" war ihre kurze Erklärung dem erstaunten Verwalter gegenüber, worauf ihr erster Besuch Tante Hanna gegolten, ihrer alten, vertrauten Freundin von der zartesten Kindheit an. Und diese wußte sofort, daß der seltsam flimmernde Glanz in den braunen Augen ihres Lieblings etwas anderes zu bedeuten hatte als Heimweh. Es mußte ganz Besonderes vorgefallen sein, um eine solche Seele, welche mit energischer Thatkraft den Pflichten, welche das Leben ihr gestellt hatte und das Dasein eines Mannes vollauf ausgefüllt haben würden, zu genügen wußte, aus dem Gleichgewicht zu bringen und sie zur Aenderung eines reiflich erwogenen Planes zu bringen.
Doch Tante Hanna fragte nicht, sie schob ihren Arm in


