Nr. 103
1893
Nnteichaltrrirgsblatt zunr Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzeigep)
Samstag, den 2. September.
\
....................._
'■ M r i|,' " : >
ff■ J ■' a3Ss*£»äwNöSÄ*^
SLTZDZKZAR^^WW^^HA UM <l "~i t L-
WWDDM^SN^WLWMkWEWGPWWM '*• , WLK •~V'-','-‘ E ^UM
7^ ' t «»[*T"^3-..Me^ä^-.;%^w3-'ÄKSMWMFWW-M
" • '• 1.1UI» '-— — ^c^S-'v-■;■■.«> <-~ s'~'- '.^'.' i '-_ '->"V ~ <C*^- ■>*
——_-*Sr?-1,'z>'.'-' •;•. • <?-^.- "-.<7s*fc^,< ; - ',7 ü6?' ’•,"/
5=5^??7>- ‘''-/Vi„ - <z. , "7-^- v*/ 'v' -' - »' *,' rjpt - *S-<-
MWMMMMWÄM
Das Erbe.
Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.
(Fortsetzung.)
Nur wenige Lage waren vergangen, da war er in der Nacht nach Crumbach gekommen. Dessen wußte Marie sich noch gut zu erinnern, denn sie hatte seine Stimme am Fenster gehört, als er mit ihren Brüdern verhandelte. Sie lauschte wohl, ob sie den Sinn seiner Worte vernehmen könnte, aber es war ihr unmöglich gewesen. Da hatte der Schläf dann wieder ihre Augen geschlossen; wie hätte sie auch ahnen können, daß er Abschied nehmen wollte, Abschied für lange, lange Zeit? Am nächsten Morgen hatte sie es von Karl erfahren, den er beauftragt hatte, seine Botschaft nach Grashagen zu tragen, daß er in die weite Welt gegangen sei, weil der Unfriede im Vaterhause ihm das Leben zur Hölle gemacht habe. Er hatte einen Gruß an den Vater und die Schwester bestellt und die Bitte, sie sollten seiner in Liebe gedenken. Ja, das war sein letztes Wort gewesen damals, und dann waren jene Gerüchte über ihn gekommen, erst geflüstert von Einem zum Anderen, dann lauter ausgesprochen, daß er die Heimath mit einer großen Schuld auf dem Herzen verlassen habe. „Wußte er von ihnen, und wenn es nicht der Fall war, was dann?" so fragte sich Marie, als sie ihn betrachtete, während er mit düsterer Stirn vor sich niederblickte. Er hatte'noch nicht nach den Verhältnissen zu Hause gefragt, hatte er Kunde von ihnen, oder was würde er sagen, wenn er vernahm, daß — ?
Sie fuhr aus ihrem Sinnen empor, als er plötzlich den Kopf emporrichtete und sein Auge sie traf, das klare, dunkle, dessen sie sich aus früheren Tagen so gut zu erinnern wußte. Wenn er jetzt eine Frage stellen sollte, so konnte sie sie nicht beantworten, wie sollte sie über ihre Lippen bringen, was er doch zu wissen das Recht hatte. Es war die Sache des Vater», ihn mit dem bekannt zu machen, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war, und unwillkürlich erhob sie sich schnell mit dem Ausdruck des Schrecks auf ihren Zügen, um das Zimmer zu verlassen. Aber ehe noch Erich dem Erstaunen Worte gegeben hatte, welches sie in seinem Gesichte las, setzte der Pastor sein geleertes Glas auf den Tisch, und sie wendete sich ihm zu, während ein dunkles Roth in ihren Wangen emporstieg. Doch der Pastor wehrte der Hand, welche ihm von Neuem eingießen wollte. „Nein, meine Liebe, mir nicht. Füllen Sie das Glas des Mannes, der stundenlang der Wuth von Wasser und Wind ausgesetzt war, oder auch das Ihres Vaters, der an das starke Getränk gewöhnt
ist. Bei mir hat es seinen Zweck erreicht, ich bin wohl durchwärmt und ganz im Stande, den Heimweg anzutreten."
Er stand auf und nahm den nassen Ueberrock, aus dem noch immer einzelne Tropfen herabliefen, von dem Stuhl, über welchen er ihn beim Hereinkommen gehängt hatte, aber als er im Begriff war, ihn über den Arm zu legen, kam ihm das Mädchen zuvor. „Lassen Sie ihn hier, Herr Pastor, ich werde ihn trocknen, und er nutzt Ihnen doch nichts, so naß wie er jetzt ist. Ich komme morgen nach Willnick, denn unsere Ziegen sind dies Jahr schlecht in der Milch, und Vater mag gern einmal Butter zu seinem Brote haben. Er ist ein alter Mann, Herr Pastor, immer nur Schmalz und Speck, das kann er nicht vertragen, und er hat's gern, wenn ich dann und wann einmal etwas Anderes für ihn habe. Fische sind so fast das ganze Jahr unser Mittagessen zu den Kartoffeln, die wir immer schön auf unserem Stückchen Land ernten. Aber manchmal hat er auch gern ein Stückchen Fleisch auf dem Tisch, und das bringe ich ihm dann von Willnick mit. Es ist wohl zwar viel ferner von hier als Crumbach, aber man bekommt es besser, und dann habe ich meine Tante dort, nach der ich auch gern einmal sehe und —" Sie brach plötzlich ab und mit gespanntem Ausdruck wendete sie sich ihrem Vater zu, welcher am Tisch sitzen geblieben war, während Erich sich auch von seinem Platze erhoben hatte. Der Pastor hatte schon längst bemerkt, daß der ungewohnten Redseligkeit, die dem sonst so gesammelten Wesen des Mädchens ganz unnatürlich war, etwas Besonderes zu Grunde liegen mußte. Sie war zu wenig gewohnt, eine absichtliche Rolle zu spielen, als daß sie hätte verbergen können, wie sie nicht wußte, was sie sprach, während ihre ganze Aufmerksamkeit auf das gerichtet war, was sich wenige Schritte abseits am Tische zutrug. Es war offenbar, sie hatte ihrem Vater Gelegenheit geben wollen, unbemerkt von den Anderen einige Worte mit Erich Hagen zu wechseln, und war nun in ängstlicher Spannung, ob er sie sich zu Nutzen gemacht hatte-
Einen Augenblick lauschte sie mit vorgeneigtem Kopfe, aber als sie nur die mit langsamer Bedächtigkeit vorgetragenen Worte seiner Lieblingsbemerkung: „es soll wohl so sein," hörte, da seufzte sie ungeduldig und kehrte ihre Augen dem Pastor wieder zu. Er hatte ihre Unruhe betrachtet und den angstvollen Blick verstanden, den sie auf Erich warf, welcher heiter und unbekümmert neben dem Alten stand und ihm mit heller Stimme antwortete: „Vater Locke," rief er belustigt, „wißt Ihr, daß das immer Eure Rede war, schon damals, da ich als ein wilder Junge mit Euch auf die See hinausfuhr? Ich glaube, wenn ich einmal im Sturm über Bord gegangen wäre


