Nntevhaltrrngsblatt 311m GZetzenev Anzeigen (GeMsval-Anzeigev)

1893

Dienstag, den 1. August.

Der Staatsanwalt.

Novelle von Wolfgang Hellmuth.

(Fortsetzung.)

Doctor Hallenstein aber eilte, sobald Elfriede sein Zimmer verlassen hatte, auf die Straße hinab, stellte sich, von der hereinbrechenden Dunkelheit begünstigt, im Schatten eines Thorwegs auf und folgte dann seiner Schwester, die wenige Minuten später ahnungslos an ihm vorüber ging, in geringer Entfernung nach, bis er sie in der Thür des von Julius Stirner bewohnten Hauses verschwinden sah.

Wenn sie ihn nicht zu Hause anträfe!" dachte er und er erzitterte bei diesem Gedanken.Oder wenn sie ihm nach seinem ersten Worte entrüstet den Rücken kehrte, um dadurch meine Lage nur noch mehr zu verschlimmern? Aber nein! Wenn ihre schwesterliche Liebe stark genug war, ihr den Muth dieses Entschluffes und die Kraft zu seiner Ausführung zu geben, so wird sie auch im entscheidenden Augenblick nicht vergesien, daß es das Leben ihres Bruders ist, welches viel­leicht an einer einzigen Bewegung ihrer Lippen hängt."

Daran, daß dem hochherzigen Mädchen irgend welche Un­bill widerfahren könnte, dachte er kaum noch. Auch er hatte eine flüchtige Befürchtung dieser Art, die sich vorhin in seinem Herzen geregt, mit der Zuversicht zum Schweigen gebracht, daß Stirner als gebildeter Mann die schuldige Rücksicht gegen eine Dame nicht außer Acht lasten werde, während er viele endlos lange, unsäglich peinvolle Minuten hindurch vor dem Hause auf- und niederging.

Von Secunde zu Secunde wurde ihm die Ungewißheit dieses Wartens unerträglicher. Wenn er in dem einen Augen­blick geneigt war, das lange Ausbleiben Elfriedens für ein günstiges Zeichen zu nehmen, quälten ihn int nächsten allerlei schreckliche Vorstellungen, die ihn vom Gegentheil überzeugen wollten. Während er sich anfänglich auf der anderen Seite der Straße gehalten hatte, überschritt er zuletzt, von wartender Ungeduld getrieben, den Fahrdamm und trat in den Thorweg des unverschlostenen Hauses ein. Und da auch jetzt der leichte Schritt Elfriedens noch immer nicht auf der Stiege vernehm­lich werden wollte, begann er endlich, unfähig, sein brennen­des Verlangen nach Gewißheit noch länger zurückzudrängen langsam Stufe um Stufe die Treppe hinauf zu steigen.

Vor der Wohnungsthür des Doctors zauderte er ein paar Minuten lang; dann aber, in einer plötzlichen Anwandlung von Entschlossenheit, zog er die Glocke.

Ein Diener öffnete ihm und fragte nach seinem Begehr.

Der Arzt nannte seinen Namen; aber der junge Mensch schien im Zweifel über die Antwort, die er ihm ertheilen sollte.

Ich habe strengen Befehl, den Herrn Doctor nicht zu stören," meinte er verlegen.Es ist Besuch drinnen und der Herr Doctor will darum Niemanden empfangen."

Der Besuch einer Dame ich weiß es!" erklärte Hallenstein, der sich nun unter keinen Umständen mehr fort­schicken lasten wollte.Ich bin gekommen, um diese Dame ab­zuholen; denn es ist meine Schwester!"

Der Diener zauderte nichtsdestoweniger noch immer, ihn eintreten zu lasten.

Der Herr Doctor pflegt sehr ungehalten zu sein, wenn seine Befehle nicht streng befolgt werden. Und gerade in diesem Fall schärfte er mir schon vor mehreren Stunden wiederholt ein, daß er mit der Dame, die im Laufe des Nachmittags oder des Abends wahrscheinlich kommen würde, allein zu bleiben wünsche und sich während ihres Hierseins jede Belästigung durch Meldungen oder dergleichen verbitte."

Vor mehreren Stunden schon?" fragte Hallenstein über­rascht und in seinen Gedanken fügte er hinzu:Er sah also voraus, daß sie kommen würde? Er hielt sich fest über­zeugt, daß ich erbärmlich genug sein würde, mich zum Dol­metscher seiner frevelhaften Wünsche zu machen? Welchen Empfang mag unter diesen Umständen meine arme Schwester bei dem Elenden gefunden haben!"

Er wäre jetzt ganz in der Stimmung gewesen, sich den Eintritt im Nothfall selbst mit Gewalt zu erzwingen; aber ehe er zu diesem Aeußersten griff, wollte er es doch noch einmal mit den Mitteln der Ueberredung versuchen.

Ich will Sie keineswegs veranlasten, gegen Ihre Pflicht zu handeln," sagte er, seine Erregung nach Kräften unter­drückend,aber ich kann mich ebensowenig entschließen, unver­richteter Sache wieder umzukehren. Sie brauchen den Herrn Doctor nicht zu stören, indem Sie mich ihm anmelden. Ich werde ruhig im Vorzimmer warten, bis seine geschäftliche Con- ferenz mit meiner Schwester beendet ist, und ich verspreche Ihnen, daß ich alle Verantwortung auf meine Schultern neh­men werde."

In der That ließ sich der Diener durch die Sicherheit seines Auftretens bestimmen, seinem Verlangen zu willfahren, und der junge Arzt trat in dasselbe Vorzimmer ein, in dem er vor einer Reihe von Stunden eine so qualvolle Zeit des Wartens zugebracht hatte. In scheinbarem Gleichmuth griff er nach einem auf dem Tische liegenden Buche; aber sobald der Diener sich zurückgezogen hatte, warf er es wieder bei Seite und eilte auf den Fußspitzen zu jener Thür, die in das Arbeitszimmer des Doctors führte. Mochte es immerhin