Mütterliche Sünden.*)
Von Dr. John Sehlke.
(Schluß.)
Leider giebt es eine ziemlich große Anzahl von Fällen, in denen die Mutter ihr Kind nicht ernähren kann, nicht nähren darf. Für die Entscheidung hierüber ist allein das Urtheil eines tüchtigen, gewissenhaften Arztes maßgebend: und doch giebt es Mütter, welche sich dieser selbstverständlichsten und höchsten Pflicht unter nichtigen Vorwänden zu entziehen suchen. Damit stellen sie sich freiwillig noch unter das Thier, geben nicht nur ihre Mutterwürde, sondern auch ihr besseres Menschenthum auf. Ist die Mutter aber wirklich außer Stande, das Kind zu nähren, und ist der nächstliegende Ersatz durch eine Amme aus irgend welchen Gründen nicht zu beschaffen, dann bleibt nur noch die thierische Milch übrig, besonders die der Muttermilch ziemlich nahestehende Kuhmilch. — Die noch unter den klugen, alten Frauen — wir meinen damit natürlich immer nur jene prosessionsmäßigen Verbreiterinnen von Hausmittelchen, Sym- pathiemitteln und ähnlichen gleichwerthigen Sachen; wir haben Achtung vor Frauen, Hochachtung vor erfahrenen alten Damen, und höchste Achtung vor gescheidten Greisinnen — also, die früher so beliebten Beruhigungsmittel der kleinen Schreihälse, Zumpel oder Lutschbeutel genannt, sind ja wohl jetzt endlich auf den Aussterbeetat gesetzt. Abgesehen von der großen Unsauberkeit waren ja diese Lappen ein wahres Brutnest für alle möglichen, schädlichen Pilze; fast immer brachten sie den Kindern die sogenannten „Schwämmchen" im Munde, den Soor. Wo bei „Flaschenkindern" der Soor auftritt, ist er immer eine Quittung über Unsauberkeit der Pflegerinnen. Denn die Milchflasche wie der Gummipfropfen rc. müssen nach jedesmaligem Gebrauche nicht nur ausgespühlt sondern ausgebrüht werden, und müssen stets im Wasser, besser unter Wasser, liegend aufbewahrt werden. Brod, auch Zwieback und Kartoffeln sind im ersten Lebensjahre Gift, sie bringen den Kindern die „Englische Krankheit"; Zuckerwasser, Salep und ähnliches Zeug sind schädlich, Wein, Ger, Bouillon mindestens überflüssig, wenigstens für jedes gesunde Kind, für kranke bestimmt der Arzt die Diät. Für jedes Kind bis zu einem Jahre genügt einzig und allein die Milch völlig zum Auf- und Ausbau des Organismus. — Noch einen alten, in Poesie und Prosa tausendmal verherrlichten Bestandtheil, das Hauptmöbel der Kinderstube, müssen wir jetzt in Acht und Bann thun, wir meinen die Wiege. Wenn man einem vernünftigen Menschen, welcher nicht einschlasen kann, rathen wollte, er soll sich solange hin- und herschaukeln lassen, bis ihm gründlich der Kopf dreht, bis er ganz betäubt ist, dann würde
*) In voriger Nr. des Familienblattes ist auf der ersten Spalte der letzten Seite, 11. Zeile von unten, ein Fehler unterlaufen, es muß dort heißen vierzig Grad (Rsaumur) anstatt vierzehn Grad.
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er wohl mit vielem Recht den Rathspender für unzurechnungsfähig erklären. Wenn Jemand behauptet, daß das Schaukeln in der Wiege auf die Dauer das kindliche Gehirn schädlich beeinflussen müsse, daß die Verdauungsstörungen bei „Wiegen-Kindern" eben von dem Wiegen herrühren, dann bestreiten das sämmtliche Wickelfrauen, pensionirte Hebammen und sonstige competente Persönlichkeiten. Damit beweisen sie nur das Eine, daß das Wiegen dumm macht; die Leute sind gewiß bis zu ihrem dritten Jahre gewiegt worden. Da ist denn doch jene unlängst gerichtlich bestrafte Kindsmagd noch praktischer gewesen; zu faul, um das Kind „einzuwiegen", hat sie ihrem Pflegebefohlenen einfach Opium in die Milch gegossen. Das hilft noch viel sicherer und schadet auf die Dauer auch nicht viel mehr.
Was die Kleidung der Säuglinge betrifft, so sind sich viele, sehr viele junge Mütter darüber vollständig einig, daß so ein Kind ein Spielzeug ist, eine Puppe, leider oft eine Schreipuppe, die man möglichst hübsch anputzen muß, um auf der Straße damit Staat zu machen. Daß die Kleidung vor allen Dingen zweckentsprechend, das heißt, unter Berücksichtigung der Jahreszeit, immer möglichst luftig sein muß, das kommt wenig in Betracht. Dicke, womöglich ringsherum anliegende Mützchen stören das Wachsthum der Schädelknochen und somit des Gehirns, bewirken Dummheit, Idiotismus, Cretinis- mus. Weiße Schleier sehen sehr schön aus, blenden aber und quälen das Kind; sie bewirken stets und ständig Augenentzündungen, Augenschmerzen; Ausnahmen von dieser Regel giebt es nicht. Die allein zweckmäßigen Schleier sind die grünen; rothe sind nur für erwachsene junge Damen, welche durchaus gern entzündete Augenlider haben möchten. — Kleinen Kindern feste Schuhe anzuziehen, mag für chinesische Sitten und Gebräuche passen. Zahnhalzbänder, welche das Zahnen erleichtern sollen, sind ebenso nützlich als praktisch — — — für den Erfinder und Verkäufer ; den Kindern nützen sie absolut nichts. Dagegen sind die rothen Bändchen, welche von klugen Müttern den Kleinen um den Arm gebunden werden, um den „bösen Blick" unschädlich zu machen, durchaus zweckentsprechend. Denn jeder Begegnende wird sofort denken: „Ach, das arme Kind ist doch recht zu bedauern, weil es eine so thörichte und abergläubische Mutter hat". — Ohrlöcher müssen möglich frühzeitig gestochen werden, möglichst auch gleichzeitig eist Loch durch die Nasenscheidewand, denn man kann ja nicht wissen, ob es nicht nächstens Mode werden wird, Nasenringe zu tragen, wie die Neger und andere Wilde.
Ganz gewöhnlich sieht man, daß ganz kleine Kinder dauernd auf einem Arme getragen werden. Das ist für die noch schwache Wirbelsäule außerordentlich schädlich, die Kinder werden schief, ja oft buckelig. Stets müssen die Kleinen mit beiden Armen, also liegend, gehalten werden, bis sie sich ganz selbstständig aufrichten können und zu laufen versuchen.
Aber, § 11! Es wird fortgesündigt!
Redaktion r A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.


