338

Äer Leser wird den Plan, der seine Seele jetzt ausregte, vielleicht schon errathen haben. Ec hatte beschlossen, sich Sir Arthur's Kaste zu bemächtigen und mit der auf diese Art erlangten Summe das Stillschweigen des Italieners zu erkaufen.

Es wird nicht schlechter sein als das, was ich schon gsthan habe", sagte er zu sich selbst,was ich bisher von Sir Arthur hatte, ist doch eigentlich auch durch Raub erlangt! Es gchört in Wirklichkeit dem blödsinnigen Guy. Und was das Geld betrifft, das jetzt in der Kaffe liegt, so hat es Sir Arthur für mich bestimmt, und ich ziehe das Geld einer Farm vor. Die Frage ist nun, wie soll ich es unbemerkt bekommen?"

Er überlegte die Frage sehr lange.

Seine hübsche, kleine Standuhr schlug Mitter­nacht, aber er war noch immer nicht bereit, an sein schändliches Werk zu gehen. Endlich schlug es halb Eins und Lowder erschrak, als ob es eine Auf­forderung gewesen wäre, sich an seine verbrecherische Arbeit zu machen.

Er löschte seine Lichter aus, schlich durch das Zim­mer, öffnete leise seine Thüre und schaute hinaus in den langen stillen Gang. Ein einziges Licht brannte schwach an der Wand, aber kein lebendes Wesen war sichtbar. Nächtliche Todtenstille herrschte durch das ganze Haus.

Die Thüre seines Zimmers hinter sich schließend, schlich Lowder lautlos durch den düster» Gang zu der Thüre von Sir Arthur's Zimmer. Drinnen war Alles still. Kein Lichtschimmer drang durch das Schlüsselloch. Lowder lauschte aufmerksam und hörte tiefe, regelmäßige Athemzüge.

Er drückte sachte an der Klinke, öffnete die Thüre und schaute in das Zimmer hinein. Ein schwaches, röthliches Dämmerlicht herrschte in demselben, von dem Feuer herrührend, das in dem Kamin verglimmte. Dis einzelnen Möbelstücke waren nur höchst undeut­lich zu sehen.

Leise schlich Lowder über die Schwelle.

Sir Arthur lag in seinem Himmelbette und sein leise« ,* regelmäßige« Athmen klang wie das eines Schlafenden. Die weißen Vorhänge, welche von der Kuppel herabfielen und sein Bett verzierten, waren so auseinandergeschlagen, daß Lowder das edle Ge­sicht auf den weißen Kiffen liegen sehen konnte ,unb auch bemerkte, daß die Augen geschloffen waren.

Er schlich in das Zimmer.

Sir Arthur's Kleider lagen über einem Stuhl neben dem Kamine, gerade dort, wohin die Strahlen des Feuers am wenigsten fielen. Lowder wußte, in welcher Tasche er den Kaffenschlüffel suchen mußte. Behutsam und verstohlen wie eine Katze, schlich er zu dem Stuhls hin und schaute dabei unverwandt und forschend nach dem Bette hin.

Er nahm den Rock der Baronets -zur Hand und griff in die innere Tasche, den ersehnten Schatz suchend. Ein Notizbuch fiel heraus, ein Schlüssel­bund und endlich ein kleiner Stahlschlüssel der zu der Kaffe,

Lowder ergriff ihn und den Baronet noch immer mit tigerartigen Blicken bewachend, begann er sich aus dem Zimmer zurückzuziehen. Langsam, leise, fast lautlos, wie der Schatten eines Verhängniffes, näherte er sich der Thür. Athemlos vor der namen­losen Angst, entdeckt zu werden, gelangt; er zur Schwelle und glitt in die Halle hinaus. Er drückte leise die Thüre zu und ging zu einem Stuhls in dem langen Gange; dort setzte er sich nieder, leichen­blaß, mit weit hervortretenden Augen und von kaltem Schweiß überrieselt.

Ich möchte das nicht wieder durchmachen für zweitausend Pfund", dachte er, am ganzen Leibe heftig zitternd.Ich bin nicht zum Räuber geboren. Wollte Gott, mein Loos wäre ein anderes, freund- sicheres gewesen so freundlich wir da« Guy Tressi« lian's dann könnte ich heute Nacht reich und geehrt sein, anstatt so elend, wie ich es bin! Aber bester das", fügte er hinzu, wieder Muth fassend, als der arme Arbeiter, der ich al« Jasper Lowder hätte fein müssen! Besser Laster und Reichthum, als Tugend und Armuth!"

Jasper Lowder hatte, wie so mancher andere Mensch, der die Bahn des Lasters und der Ver­brechen betritt, den Preis nicht berechnet. Ein Leben der Tugend und der Armuth mit Hefter und seinem Knaben würde seine Mühseligkeiten und harte Ent­behrungen gehabt haben, aber sein Gewissen würde rein geblieben sein, seine Selle makellos und er würde Freuden genossen haben, dis ein verbrecheri­sches Leben inmitten Luxus und Reichthum ihm nim­mer bringen konnte. Und obwohl er jetzt ein herr­liches L'ben als Erbe einer stolzen, alten, ungemein reichen Familie führte und eines Tages große Be­sitzungen zu erben hoffte, trug er dennoch ein unruhige», gequältes Herz in der Brust, eine schuld­beladene, von Grauen erfüllte Seele, und er war gezwungen, sich in neue Verbrechen zu stürzen, um sich in seiner falschen Stellung zu erhalten.

Er saß einige Minuten auf dem Stuhle in der Halle, bis er seine Fassung etwas wiedergewonnrn hatte, dann trat er in sein eigenes Zimmer ein, zündete sich ein Licht an und glitt wie ein Schatten über die Treppe hinab und trat leise in die Biblio­thek ein.

. Die Thüre hinter sich schließend, hielt er da» Licht über seinem Kopfe und schaute sich in dem großen Gemache forschend um, halb fürchtend, daß Jemand in dem Zimmer sein könne. Aber e» war Niemand da. Die Damastvorhänge waren über die hohen Fenster zugezogen. Die hohen Bücherschränke, welche an den Wänden standen, sahen düster und schwarz au», die weißen Marmorbüsten über densel­ben schauten wie Gsistergesichter auf den Eindring­ling hinab.

Lowder war ängstlich und unruhig. Er glaubte verstohlene Schritte in der Halle zu hören. Er lauschte so lange, bi» er sich überzeugt glaubte, daß er sich geirrt hatte und ging dann auf die Kaste zu.

Nach einer kurzen Pause drehte sich der Schlüssel