Hießener Jamilienbläüer.
Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.
Nr. 84.
Donner ölag dm 19. Juli.
1888.
Aer Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
„Nein! Als wir heute von der Stadt zurück- kamen, fand ich einen Brief von Herrn Roy, in welchem er mich bat, ihn in baarem Gelds zu bezahlen, da er morgen Schulden und Rechnungen zu begleichen hat. Ich schickte daher Poxter gleich darauf nach Glocest-r, und er kam eben mit den zweitausend Pfund zurück, als er Deinen sonderbaren Besuch aus dem Parke sortgehen sah. Das Geld ist jetzt in der eisernen Kasse im Bibliothekzimmer."
Lowder schlug die Augen nieder. Es sunkelte etwas so sonderbar in denselben bei dieser Nachricht, daß es dem Baronet einen Aufschluß über den wirklichen Charakter dieses Mannes, welcher vorgab, sein Sohn zu sein, gegeben hätte, wenn er es bemerkt haben würde.
„Ich würde es für gefährlich halten, eine so große Summe Geldes im Hause zu haben", bemerkte Lowder, unruhig mit einer Mandel spielend. „Irgend ein Spitzbube kann Poxter von der Bank nach Hause verfolgt haben. Du hast doch wohl besondere Vorsichtsmaßregeln gegen einen Diebstahl getroffen?"
„Nein, ich halte dieselben nicht für nöthig. Die Fenster.und Thüren sind fest verschlossen. Ich könnte vielleicht Tiger, den Kettenhund, lorlassen, aber wie unbedingt ich meinen Dienstleuten auch vertraue, so möchte ich sie doch nicht darauf aufmerk'am machen, daß ich eine so bedeutende Summe im Hause habe."
Lowder erklärte sich mit diesem Entschlüsse einverstanden und gab dem Gespräche sehr geschickt eine andere Wendung und zeigte plötzlich eine Heiterkeit, die in auffallendem Gegensätze zu seiner früheren Niedergeschlagenheit stand.
Die kleine Gesellschaft kehrte in den Salon zurück. Lowder bemühte sich, sehr liebenswürdig und angenehm zu erscheinen, und es gelang ihm auch vollständig. Sir Arthur lauschte seinen munteren Späßen zwar mit gedankenvoller und bekümmerter Miene, aber Blanche war so heiter, fröhlich und de. zaubernd, als sie es überhaupt nur sein konnte, und Lowder's Liebe für sie empfing neue Nahrung. Erst spielte Blanche Klavier, dann sangen die jungen Verlobten zusammen schöne alte Balladen, während Str Arthur in der Kamin-Ecke saß, und sich die Augen mit den Händen beschattete.
Der Abend verging ziemlich rasch. Um 9 Uhr wurde der Thee gebracht und um 10 Uhr erhob sich
- Blanche, sagte „Gute Nacht" und ging auf ihr • Zimmer. Etwas später erklärte Lowder gleichfalls • ungemein müde zu sein und zog sich zurück.
i Sir Arthur blieb vor dem Kamine im Salon \ sitzen, bis die kleine Wanduhr 11 Uhr schlug. Dann stand er langsam auf, bedcck-e das verglimmende l Feuer mit A'fche, löschte die Lichter aus und machte i die Runds um das ganze untere Stockwerk des \ Hauses, um sich zu überzeugen, daß die Feaster und | Thüren verschlossen wsren. Unwillkürlich hatten ihn > Lowder's Bemerkungen mit einem Gefühl der Unruhe $ bezüglich drr Sicherheit des Geldes in seiner Kaffe I erfüllt. Diese Unruhe verließ ihn auch nicht, als er i aus sein Zimmer hinaufging und hielt ihn noch lange wach, nachdem er sich zu Bette begeben hatte.
Inzwischen wartete Lowder auf seinem Zimmer. Als er dieses betreten hatte, fand er es freundlich erleuchtet und erwärmt. Sein Schlafrock hing über l dem Stuhl und feine Pantoffeln standen in Bereit- l schuft. Ec vertauscht; Rock und Stiefel mit diesen bequemeren K'eidungr stücken und ging dann langsam in dem Zimmer auf und ab, hie und da an der Thürr horchend stehen bleibend.
Es schien sehr lange zu dauern, bis er Sir Ar- | thur langsam die Treppe hrraufkommen und in sein | Schlafzimmer eimrcten hörte.
„Ec wird bald eingeschlafen sein", murmelte Lowder, feinen geräuschlosen Spaziergang durch das Ztm- \ mer fortsetzend. „Wie niedergeschlagen der Baronet s seit einiger Zeit scheint I Es fällt ihm sehr schwer, l Zeuge dieses Herzens und Küssens zwisch.n mir und Blanche zu sein! Ec kämpft wahrhaft heldmmüthig mit seiner Liebe für Blanche, aber er vermag'seine L ebe für sie nicht zu unterdrücken! Und ich glaub--, er hat noch einen anderen Kummer. Er ist enttäuscht von seinem Sohne. Ec erwartete einen anderen Ecben, als den, welchen er jetzt anerkannt hat! Ec findet mich nicht so aufrichtig, offen und wahrhaft, als er erwartete! Man kann sich nicht immer so bemachen und ich habe hie und da meine wirkliche Naiur vor ihm durchblicken laffen, freilich ganz ab- stchtslos und ohne es zu wollen, aber ich fürchte, daß er f-hr entsetzt darüber war. Aber er ahnt die Wahrheit nicht, daß ich nicht sein Sohn bin. Und wenn ich fortfahre, wie ich begonnen habe und meine Heirath mit Blanche einmal vollzogen ist, dann bin ich sicher, war immer auch geschehen mag. Aber Alles hängt davon ab, wie ich die Gefahr, die mir von diesem Italiener droht, beseitige."
Er sing an, rascher auf und abzugehen, während sich seine Stirne in Fallen zog.


