chicheiler Jamilienblätter.

Belletristisches Beiblatt mm Gießener Anzeiger.

Donnerstag drn 19. April.

Nr. 46.

1888.

Der Gröe des Kaufes.

Roman von Hermine Frankenstein.

(Fortsetzung.)

Dunkler noch waren die Schatten der Nacht ge­worden, drückender und schwüler die mit Electricität gefüllte Atmosphäre. Mit entsetzlicher Gewalt fegte die Windsbraut jetzt heran, thurmhoch stürzte sie die Wogen auf und nieder und mit jähem Sturz schoß der kleine Dampfer in die dunklen Höhlungen, die wie unermeßliche Gräber gähnten. Das Schiff ächzte und krachte in allen Fugen und die beiden Freunde, welche sich kramphaft an die Brüstung des Schiffes klammerten, bemerkten mit Schrecken, daß sie ange­sichts der nahen Küste in hoher Gefahr schwebten. Mit jeder Minute schien der Sturm an Kraft zuzu­nehmen, der Druck der Luft und die gewaltigen Stöße des Windes verhinderten selbst oftmals das Athmen.

Näher und näher der Küste trieb der Wind das fast stenerlos gewordene Schiff. So verzweifelt auch der Kapitän und die Mannschaft dem Sturme gegen­über Stand zu halten suchten, es gelang ihnen nicht und mit Entsetzen bemerkten sie, daß das Schiff keinem Steuerdruck mehr gehorchte und mit rasender Schnelligkeit der felsigen Küste zuflog.

Barmherziger Gott, wir sind verloren l* ächzte der junge Lord.

Stärker noch brüllte der Sturm, entsetzlicher noch wülheten die Elemente und mit Grausen er­kannten alle, die auf dem Schiffe waren, wie nahe die Lichter kamen, die aus einer Fischerhütte an der Küste flimmerten. Schreckensbleich stürzte der Kapitän zu den beiden Freunden, hinter ihm drein die Ma­trosen und mehr aus den Geberden, al» den unhör­bar gewordenen Worten entnahm Tressilian und Low­der, daß der Schiffbruch unvermeidlich, daß sie vielleicht schon in der nächsten Minute ihr Grab in den Wellen finden würden.

Eine furchtbare Woge, höher als alle vorherge­gangenen, wälzte sich in diesem Augenblicke über das unglückliche Schiff--ein lauter entsetzensvoller

Schrei, selbst hörbar in dem gräßlichen Tosen und von den vorhandenen 15 Mann auf dem Schiffe waren 6 weggrfegt, um Atomen gleich ihren Unter­gang zu finden in der aufgeregten Wafferwüste.

Mehrere bange, schwere Minuten noch, dann krachte und ächzte das Schiff - ein entsetzlicher Ruck, der Aller, was lebte, über den Haufen warf

s Berge von Wasser thürmten sich heran und rissen | die Balken des Schiffes auseinander wir Rohr, f Planken und Masten zersplitterten und in wenigen i Minuten war das herrliche Schiff eine formlose, l dunkle Masse geworden.

Keine menschliche Seele war mehr darauf sichtbar.

Von der See weit auf den felsigen Ufergrund ? hinausgeschleudert, log eine menschliche Gestalt, matt, ; elend, zerschlagen an allen Gliedern. Mühsam rich- l ete sich die Gestalt empor und blickte über das noch k jmmer aufgeregte Meer dahin.

aDa bin ich nun", tönte es vom Munde des \ schiffbrüchigen Mannes.Einsam und verlassen stehe i ich da, ein Spiel des erbarmungslosen Zufalls, wie j ich vor wenigen Minuten noch ein Spiel des aufge« 5 regten Meeres war, das mich besser verschlungen s hätte I Auch er ist dahin, er, der meine Züge trug, j der allein Willen« und im Stande war, mir das $ Leben angenehm und schön zu gestalten. Meine Hoff- | nung ist hin, meine Zukunft vernichtet und wenn ? Gott kein Wunder thut, dann bleibt mir nichts übrig, j als mich wieder in das nasse Grab zu stürzen, dem ich soeben entronnen."

Und Gott that ein Wunder! E n Spiel der Wellen, kam es daher, die Form eines Mannes zeigend und als Lowder hinstürzte an drn Strand, mit Auf­gebot der letzten Kräfte den regungslosen Körper I an« Trockne ziehend, erkannte er Lord Tressilian.

Mit zitternder Hand betastete er das Gesicht, den Körper, fühlte den Herzschlag vergebens! Starr und bleich lag der Lord und der letzte Lebensfunks schien aus ihm entflohen.

Lowder richtete sich auf und ingrimmig schüttelte er beide Fäuste gegen den Himmel.

Er ist tobt, unwiederbringlich verloren für mich", ächzte er mit heiserer Stimme.Verdammt sei mein Schicksal, das mich unter die Verlorenen gewürfelt!" Dann schien er still nachzudenken.Er | liegt nun da, der Sohn eines stolzen, reichen Hauses, \ von Geburt an umgeben von Reichthum, Luxus und l Glück nichts mehr vermag das Leben in ihm zu | erwecken und in kurzer Zeit wird in einem Grafen- - schlosse Trauer herrschen um diesen Körper, der da j vor mir liegt und ein schönes, reiches Mädchen wird ; weinen um ihren verlorenen Bräutigam. Wer mag k wohl dazu bestimmt sein, seinen Platz auszufüllen | auf diesem weiten Erdenrund?"

i Ein seltsamer, schrecklicher Gedanke keimte in ihm empor und wuchs im Moment riesengroß heran