„Nun", rief er endlich aus, „Ihr fühlt Euch Wohl jetzt kräftiger und besser?"
Tresstlian lächelte abermals. Dann wanderten seine Augen mit suchender Miene durch das Zimmer.
„Wen sucht Ihr?" fragte Sir Windham.
„Vielleicht war es nur ein Traum", murmelte Tresstlian schwach. „Aber ich hatte eine Vision von einem jungen Mädchen — schön, hold und sanft. Ich möchte sie sehen. Ist kein junges Mädchen hier?" „Ihr meint Ollal"
Guy wiederholte den Namen Olla in einer Art Verzückung.
„Der Name kommt wie von selbst auf die Lippen", murmelte er. „Ihr Name ist Olla. Ich möchte sie sehen. Ollal" sägte er träumerisch und zärtlich hinzu. „Ollal"
„Olla wird gleich herein kommen. Ihr wäret sehr krank, junger Mann. Ihr verdankt Leben, Verstand und Alles Olla. Hätte sie Euch nicht beschützt und für Euch gesorgt, Ihr wäret heule kaum noch am Leben. _ „
In seiner Bewunderung für Olla hatte der gute Arzt mehr gesagt, als er beabsichtigte. Aber die Wirkung seiner Worte aus Tresstlian war nicht schädlich. Das bleiche, abgezehrte Gesicht erhellte sich, die großen blauen Augen leuchteten vor Dankbarkeit und Zärtlichkeit und ein unendlich mildes Lächeln spielte um den schönen Mund.
„Ich werde nie vergeffen, was ich Olla verdanke", murmelte er. „Niemals." Und während dieft Worte noch auf seinen Lippen schwebten, versank er neuerdings in Schlaf.
„Jetzt geht Alles gut", sagte der Wundrrzt her,- lich. „Noch ist ein Schlaf das, was er am Nöthig- sten braucht. Ist Fräulein Olla unten?"
Frau Popley antwortete bejahend und Srr Windham ging in den Salon hinab. Olla war bereit» daselbst und kam ihm eifrigst entgegen.
„Ist er erwacht?" fragte sie.
„Ja, und er hat auch bereits Suppe bekommen. Es geht ihm noch bester, als ich erwartete. Ich will Euch jetzt genaue Unterweisung bezüglich seiner Behandlung geben, denn ich muß noch heute in die Stadt zurückkehren!"
„So bald? Seid Ihr überzeugt, daß er Euch schon entbehren kann?"
„Vollkommen überzeugt. Man braucht mich in der Stadt und ich darf meine Rückkehr nicht länger verzögern. Seht, wie dicht der Schnee fällt."
Olla schaute aus dem Fenster. Der Schnee fiel in dichten, großen Flocken.
„Morgen ist die Bergstraße vielleicht nicht mehr fahrbar", sagte Sir Windham. „Ich muß den Post« wagen bestellen. Mein Patient ist außer Gefahr und eine gute Pflege ist alles, wa» er jetzt benöthigt."
Olla drückte ihr Bedauern aus, den Doktor so bald zu verlieren und ging dann hinaus, um den Postwagen zu Sir Windham's Rückkehr nach Aln- wick zu bestellen. Der Arzt beschäftigte sich während ihrer Abwesenheit damit, daß er eine große Liste
ausführlicher Anordnungen für die Pflege des Kraus ken auf ein Blatt Papier schrieb, das er dem jungen Mädchen, als sie wiederkam, übergab.
„Ich habe hier gegen alle Vorkommnisse, wie Fieber und sonstige Rückfälle, gesorgt", sagte er. Sollte irgend eine ernsthafte Wendung zum Schlim- nieten eintreten, so telegraphirt mir. Und sollte dieser schurkische Gower Euch drängen, laßt mich es auch wissen. Ich habe alle nothwendigen Medikamente zurückgelaflen. Aber er wird nur wenig da- von benöihigen. Was er braucht, ist, wie ich schon zuvor sagte, gute Pflege und kräftige Nahrung, sobald er sie vertragen kann, was in zwei Tagen der Fall sein wird." n
In diesem Augenblick wurde dar Frühstück angemeldet. Olla und Sir Windham verfügten sich in dar Speisezimmer und im Verlaufs des Gesprächs erzählte der Arzt Olla, wie Tresstlian nach ihr gefragt habe, wobei das junge Mädchen hold erröthete.
Gleich nach dem Frühstück fuhr der inzwischen in Bereitschaft gesetzte Postwagen vor. Frau Popley brachte Sir Windham Speisen und Wein. Lebewohls wurden gewechselt und der Arzt stieg in den Wagen; dieser rollte davon und verschwand bald in dem immer dichter fallenden Schnee.
Als Olla auf der Schwelle des Thore» stand und ihm gedankenvoll nachschaute, rief Frau Ripp, welche in ihrer Nähe stand und ängstlich den blei- grauen Himmel betrachtete, aus:
„Der Wundarzt ist gerade noch zur rechten Zelt fortgekommen, Fräulein Olla. Und es ist ein Glück, daß wir so große Vorräthe im Hause haben. Wir werden sie brauchen. Wenn dieser Herr Gower wirklich auf dem Wege hierher ist", fügte sie finster hinzu, „so wird er noch Vormittag kommen müssen. Seht, wie der Schnee fällt! Wir werden singe- schneit werden."
Die Weissagung schien auf dem besten Wege, sich zu erfüllen. Der Boden war dicht mit Schnee bedeckt und die Flocken fielen immer dichter in einem undringlichen Schleier. Die einsamen Bewohner von Bleak-Top waren eingeschneit.
Dreiundvierzigstes Kapitel. Eingeschneit.
Während des Tages, an welchem Sir Windham Winn von Bleak-Top nach London abgereist war, hörte es nicht auf zu schneien. Die ganze Nacht, den nächsten Tag und dis darauf folgende Nacht fiel der Schnee unaufhörlich, der Slurm heulte ununterbrochen und die Bewohner von BleaöTop waren gänzlich von aller Welt abgeschnitten.
Niemand als der Sohn der Haushälterin wagte sich vor die Thüre, und selbst dieser ging nicht wei- ter, al» bis in die Stallungen, um die Pferde und Kühe zu füttern. Popley blieb ununterbrochen der Pfleger Tresstlian'« und wurde dabei von seiner Mutter und ihrer jungen Herrin unterstützt.
In allen Oefen de» alten Hauses waren Fruer


