Hießener Jamilienbläüer.
Beiietzristifchrß Pewlaü MA Gießerm KWiger. ilrt 114 Dienstag den 28. September. 18§8.
Saat und Krnte.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Unb dann noch Eins: Sagen Sie es Niemand, daß Sie mit mir geredet haben; oder wenn Sie dies nicht vermeiden können, dann verrathen Sie wenigstens nicht, wo ich jetzt wohne. Die Zeit ist vielleicht nahe, in der das Dunkel gelichtet werden darf. Aber mir muß es überlasten bleiben, den Augenblick zu bestimmen, und ich will in keiner Weise dazu gedrängt werden."
„Und mit Herrn von Görlitz wollen Sie nicht sprechen?"
„Ich weiß es noch nicht. Ich verlasse mich auf Ihr Wort. Sie werden ihm meine Wohnung nicht verrathen."
„Ich weiß sie ja selbst nicht —"
„Ich wohne jetzt in einem Privathause, in einem ziemlich abgelegenen, stillen Stadttheile: Friedrichstraße Nummer 22. Wenn Sie allein mich dort einmal besuchen wollen, werden Sie mir willkommen sein."
Der Oberst hatte flch bei den letzten Worten erhoben; er bot dem jungen Manne die Hand.
„Und was soll ich den Damen sagen, wenn sie sich wieder darüber beschweren, daß Sie nicht Wort gehalten haben?" fragte der Referendar.
„Nichts! Lassen Sie jetzt die Dinge ihren Gang gehen, ich glaube, das Ende, das Sie und wir Alle wünschen, ist nahe. Auf Wiedersehen!"
Er schritt rasch hinaus, der Referendar leerte langsam fein Glas und versank in Sinnen.
Oberst Johnson war stets für ihn eine geheim- nißvolle Persönlichkeit gewesen, nun wurde das Dunkel, das ihn umgab, noch dichter.
Es blieb ihm nicht lange Zeit zum Nachdenken, denn die Vorstellung nahte ihrem Ende; zudem nahm auch eine andere Angelegenheit fein Denken in Anspruch-
Die Aeußerungen, die der Landrath sich über Signora Barlotti erlaubt hatte, dursten nicht ungerügt bleiben; der Referendar hielt sich verpflichtet, ihn darüber zur Rede zu stellen.
Und das sollte jetzt gleich nach der Vorstellung geschehen; er wollte das nicht bis morgen hinaus- fchieben. Ackermann mußte die rohen Worte zurücknehmen oder aber Genugthuung für sie geben.
Maiwind sollte als Zeuge zugegen sein, aber es war schwer, ihn in der Menge, die in dichten
Schaaren aus dem Theater herausströmte, zu finden, und als er ihn endlich entdeckte, konnte er ihn nicht anrufen, da die Damen ihn begleiteten.
Er ließ sie gehen und behielt den Landrath im Auge, der noch im Vestibül stand und mit einem andern Herrn plauderte.
Vor dem Theater stand noch ein Wagen, alle übrigen Equipagen waren bereits fortgefahren, jetzt verließen auch die Statisten und Arbeiter, die hinter den Coulissen beschäftigt gewesen waren, das Haus.
Der Landrath sprach noch immer mit dem fremden Herrn. Der Referendar wurde schon ungeduldig, als eine Hand sich leicht auf seine Schulter legte.
„Worauf warten Sie noch?" fragte der Hauptmann Görlitz. „Ihre Damen haben sich längst entfernt."
„Ich habe mit dem Landrath noch einige Worte zu reden", erwiderte Rommel verlegen, „und Sie?1
„Ich warte auf meine Braut."
„Werden Sie Signora Barlotti begleiten?"
„Bis zu ihrer Wohnung."
„Und wollen Sie mir heute Abend ein Stündchen widmen?"
„In welcher Angelegenheit?"
„Der Gefangene hat gebeichtet und neue Räthsel aufgegeben, die Sie jedenfalls interesstren werden."
„Gut, ich erwarte Sie in meinem Zimmer", sagte Herr von Görlitz rasch, dann ging er seiner Braut entgegen, die, in einen weiten Mantel gehüllt, eben aus dem Theater kam.
Ackermann, der sich von dem andern Herrn getrennt hatte, folgte ihnen. Rommel sah, wie die Dame in den Wogen stieg, im nächsten Augenblick wandte ihr Begleiter sich um, dem Landrath flog der Hut vom Kopf, Herr von Görlitz sprang in den Wagen, der rasch davon rollte.
Was war da vorgefallen?"
Der Referendar trat rasch hinzu. Eben hatte - Ackermann seinen Hut von der Straße aufgehoben.
„Mein Herr, Sie waren Zeuge!" sagte er zitternd vor Wuth. „Mit seinem Leben soll er diese ; Infamie bezahlen!"
„Aber was ist denn geschehen?" fragte Rommel besorgt und zugleich triumphirend.
„Sind Sie es?" fuhr der Landrath auf. „Herr, See sind wohl absichtlich hier zurückgeblieben?"
„Das bin ich allerdings", erwiderte der Referendar ] mit erzwungener Ruhe; „Sie werden sich der Worte noch erinnern, die' Sie vor Beginn der heutigen Vorstellung über Signora Barlo.'tt geäußert haben. Es war meine Absicht, dieser Aeußerungen wegen


