Ausgabe 
13.5.1886
 
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Mauern bis wieder an das Haus heran, in welchem i Derjenige, den ich für dm rothen Matthies hielt, verschwunden war.

Ich drückte mich in eine Thürvertiefung und wartete, daß er jeden Augenblick wieder hervortreten werde. Dann aber brachte ich ihn Zum Stehen, denn ich hatte meinen Revolver bei mir, und war entschlossen, einen Kampf um die Habhaftwerdung dieses Menschen zu wagen, selbst gegen eine Ueber- macht.

Wer aber nicht kam, war mein Verfolgter.

Ich stand da die ganze Nacht bis zum Morgen. Immer wollte ich weggehen, und immer blieb ich wieder, in dem Gedanken:Nun wird er gleich kommen." Ich wurde darin noch bestärkt durch den Wächter, welcher mir aufs Bestimmteste erklärte, daß ein Individuum von meiner Beschreibung in dem Hause nicht wohne.

Mit Tagesgrauen ließ ich mir das Haus er­schließen und verbarg mich unter der Treppe. Um­sonst. Der rothe Matthies kam nicht wieder zum Vorschein.

Ich besichtigte nun die Baulichkeiten und fand, daß es einen anderen Ausweg nach der Straße nicht gab. Plötzlich fiel mir ein, daß es ein regnerisches, schmutziges Wetter am Abend vorher gewesen und daß auf den Dielen die Fußspuren des Mannes zu sehen sein müßten, da nach ihm Nie­mand mehr das Haus betreten hatte. Es war sehr alt und baufällig und scheinbar wenig bewohnt.

Im Flur finde ich die Spuren auch, aber sie führen nicht die Treppe hinan, sondern nach dem Hof und zu einem zertrümmerten Kellerfenster, durch welches man allerhand Unrath, Steine, Scherben und dergleichen in den längst nicht mehr bewohnten Keller hinabgeworsen.

h;- Es gehörte Muth dazu, um hier hinabzukriechen und meinen Mann da unten zu stellen; aber ich be­saß diesen Muth, den Muth der Verzweiflung.

Unten angekommen, spähte ich vergebens nach dem Gesuchten umher; aber wieder führten mich die Fußspuren zu einer Fallthür. Ich hob dieselbe und sah beim Schein meiner stets bei mir getragenen und rasch entzündeten Blendlaterne den Eingang zu einem noch tieferen Kellergelaß. Stufen führten hinab und ich folgte diesen.

So kam ich in die Katakomben!

Von den Schrecknissen der unterirdischen Todten- stadt schweige ich. Fast wäre ich selbst daraus ent­flohen. Nur der Gedanke, daß hier der rothe Matthies Hause und mit ihm vielleicht eine ganze Bande von Anarchisten, hielt mich dort.

Ich legte mich dicht am Eingänge zu den Kata­komben in einen Hinterhalt und verbarg meine Laterne, mit aller möglichen Geduld die Rückkehr des Verfolgten erwartend.

< Der Tag verging, die Nacht kam; es wurde noch schauriger und ober in der finsteren Stadt der Todten. Aber ich hielt aus, nach jedem leisesten Geräusch lauschend, welches daraus hervordrang.

Meine Beharrlichkeit wurde belohnt. Gegen Mitternacht vernahm ich sich nähernde Tritte. Kein Zweifel das war mein Mann. Und er war es auch."

Der rothe Matthies?" rief Soltmann, der diesen Ausführungen mit Spannung gelauscht hatte.

Er selbst", entgegnete stolz der kleine Neubert. Es fand ein Rencontre statt. Ich legte wenige Schritte von ihm auf ihn au und enthüllte dann meine Laterne. Das war genug, um ihn zum Stehen und Gehorsam zu bringen.

In dieser Situation, und ihn jeden Augenblick mit Erschießen bedrohend, hielt ich ihn über eine Viertelstunde. Natürlich waren wir dabei nicht stumm. Er hatte mich ungestüm gefragt, was ich von ihm wollte, und ich fragte ihn ausweichend, wo er an jenem Ballabend gewesen. So erfuhr ich denn, daß er heimlich von einem Frauenzimmer be­sucht worden war, welches sich ebenfalls zu seinen politischen Grundsätzen bekannte und welches sich zur Auswanderung nach Amerika mit ihm ent­schlossen hatte. Sie hatten aus verschiedenen Wegen nach Hamburg reifen sollen, sie schon früher als er. Sie that das noch in jener Nacht; er wollte am anderen Morgen Nachfolgen, aber angeblich fürchtete er sich, dies zu thun, des entdeckten Mordes wegen. Wenn er jetzt abreiste, dachte er, fiel gewiß der Verdacht der Thäterschaft auf ihn.

Ich sagte ihm nun, daß alles Leugnen nutzlos fei und er nur gestehen solle, daß er im Verein mit jenem Frauenzimmer den Mord begangen. Ich führte ihm alle gegen ihn zeugenden Thatsachen vor Augen, aber natürlich leugnete er und je hart­näckiger, je bestimmter ich ihn anklagte. Jenes Weib sollte nun ganz und gar unschuldig fein. Um eine lange Geschichte kurz zu machen, ich bekam Nichts aus ihm heraus.

Nun galt es, ihn dingfest zu machen. Aber wie? Ich durste meine Waffe nicht aus der Hand legen, ohne mich selbst der Vernichtung preiszu­geben; hinwiederum war die Passage, in der ich stand, so eng, daß er nicht an mir vorbeikonnte, ohne mich zu streifen. Ich hieß ihn also etwas zn- rückgehen, bis ich einen Seitenweg gewinnen konnte, um ihn an mir vorbeizulassen.

Er nahm seinen Vortheil wahr, ging langsam zurück, machte plötzlich einen Seitensprung und war meinen Blicken entschwunden. Mein lange nach- halleuder Schuß zerschmetterte einen der gebleichten Hirnschädel; der aber, dem er gegolten, entkam un­versehrt.

Ich begab mich nun sogleich auf die Verfolgung und fand endlich nach vielem Suchen diese mit Ge­beinen bedeckten Geräthe. Fast hätte ich mich in der Todtenstadt verirrt. Ich zeichnete mir deshalb den Weg hinaus mit Schädeln, welche ich aus den offenen Seitennischen nahm. Und so einmal den Ausgang erreicht, wurde es mir nicht schwer, nach und nach den ganzen Falschmünzapparat nach dem Keller hinauf in Sicherheit zu bringen.