Ausgabe 
13.4.1886
 
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Handwerketquartier, welches gleichsam die Vorstadt des Comptoir's bildete. Dieses selbst bestand aus mehreren Höfen oder Garden, welche wiederum in zwei Gemeinden, die Marien- und die Martinsge- meinde getheilt war. Erstere umfaßte dreizehn, die letztere aber neun Höfe. Zu Anfang des 16. Jahr­hunderts bemächtigten sich die Hansen der beiden Kirchen, in welche sie eingepfcutt waren und machten sich, da sie fortan deren Geistliche selbst ernannten, auch in religiöser Beziehung ganz unabhängig. Jeder Hof lag für sich und hatte seinen eigenen Schild und Namen, so z. B. Bremerhof, Mantel u. s. w. Nach der Meerseite hin hatten die Höfe eigene Landebrücken, Ausladungsvorrichtungen u. s. w. Die Höfe selbst bestanden aus großen langen hölzernen Häusern; die Erdgeschosse waren mit Buden und Gewölben zur Feilbietung der Maaren ausge­rüstet. Darüber befanden sich in den ersten Stock­werken die Schlaskammern der Comptoiristen, welche die Klüver geheißen wurden, über jenen aber die Schütting benannten Feuerstätten und Küchen. Der Hintertheil jedes Hofes enthielt zudem große ge­mauerte Keller und Waarengewölbe und noch einen großen Schütting. Hinter dem Hintergebäude lag der Küchsngarten. Jeder Hof war von 15 Partieen oder Familien und oft von noch mehreren bewohnt. Jede Gesellschaft hatte ihren Vorgesetzten oder Haus- wirth, den Husbonde; dieser hatte die Oberaufsicht über die zur Familie gehörigen Kaufmannsdiener oder Gesellen, Bostsjungen und Stubenjungen oder Lehrlinge. Im Sommer lebten die verschiedenen Familien eines Hofes abgesondert; jeder Hauswirth sorgte für die Nahrung seiner Gesellen und Jungen, die unter seiner Zucht standen. Die Vergehungen der letzteren wurden mit Ruthenhieben, die der Ge­sellen durch Haft geahndet. Im Winter, von Martini bis gegen Fasten Ende, wohnten hingegen die verschiedenen Haushaltungen desselben Hofes über Tags gemeinsam in dem großen Schütting, der sich im hinteren Theile jedes Hofes befand. Nach nordischer Sitte hatte dieser Raum kein Fänster nach der Seite, sondern nur eine fensterähnliche Oeffnung, welche auch zum Abzug des Rauches diente, in der Decke. Die Heizung ward durch den gemeinsamen Aufenthalt billiger; Abends kehrte jede Familie in ihre besonderen Kammern zurück.

Gemeinschaftliche Obere, die von der ganzen Factorei ernannt waren, sorgten für die Ordnung in den verschiedenen Höfen, und wahrten die Handelsstatuts sowohl gegenüber den Comptoiristen, als den in der Factorei verkehrenden Kaufleuten und Schiffern. Man nannte diese Oberen die Acht- zehner; ein oder zwei Altermänner standen an ihrer Spitze und später ward ihnen noch ein Schreiber, der gewöhnlich die Rechte studirt hatte, beigegeben. Altermänuer und Achtzehner bildeten vereint den großen Kaufmannsrath, welcher über wichtigere Sachen entschied, während geringfügigere, rote Streitigkeiten zwischen Gesellen und Hauswirthen,

oder zwischen verschiedenen Familien, durch die Altermänner allein geschlichtet wurden. Appellations­instanz war zumeist der Senat zu Lübeck, auch be­rief man zuweilen bei denwendischen Städten ', ja sogar manchmal bei der gesammten Hansischen Ver­sammlung. Im Hofezum Mantel" in der Maricn- gemeinde befanden sich das Gefängniß, der Wein­keller, das Comptoir übte eigene Schankgerechtigkeit, und der große Kaufmannssaal, in dem Gericht ge­halten wurde. Zur Zeit der Blüthe des Comptoirs wohnten nahezu 3000 Menschen auf derBrücks" zu Bergen, wobei die Angehörigen der fünf Aemter, die sogenanntenSchuster" nicht mitgezählt waren. Kein auf der Factorei Lebender durfte heirathen, kein Verheiratheter auf derselben bleiben. Kein Comptoirist durfte sich Nachts außerhalb derBrücke" aushalten. Die Hansen hatten ihre eigene bewaffnete Nachtwache und hielten außerdem mächtige Fang­hunde zum Schutze ihrer Ansiedelung. Nicht alle Comptoiristen waren selbstständige Kaufleute, die meisten derselben waren nur Factore der in den Hansestädten wohnenden Handelsherren und besorgten für diese den Ein- und Verkauf der verschiedenen Waaren. Für gewöhnlich war diesen Factoren jeder Handel für eigene Rechnung untersagt. Meistens kehrten sie nach zehnjähriger Dienstzeit nach Deutsch­land zurück. Gesellen und Jungen, deren Lehrzeit beendet war, ersetzten sie dann. Die Lehrlinge er­gänzten sich stets aus den Hansestädten, auch ward kein Comptoirist in die Factorei ausgenommen, der nicht von der untersten Stufe, vom Stubenjungen an, dort gedient hatte.

Die Hauptartikel der deutschen Einfuhr in Bergen waren Mehl, Malz, Getreide, Meth, Bier, Salz, Wachs, Metallwaaren, gemünztes Geld, Leinwand und gröbere Tücher; ausgeführt wurden dagegen Stockfische, andere Fische, Butter, Talg und sonstige Fettwaaren, Holz, Theer, Pech, Felle und Pelze. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlor das Comptoir der Hansa zu Bergen, nachdem es Christoph Walkendorf, der königliche Amtmann und Lehnsherr daselbst in seinen Privilegien gewaltsam eingeschränkt hatte, bereits viel von seiner Bedeutung. Zuerst ging man gegen die Handwerker vor, später auch gegen die Comptoiristen selbst. Die durch ihre Regierung mächtig unterstützten norwegischen Kauf­leute errangen nun nach und nach, aber um so sicherer wieder volle Oberhand über die Fremden und obgleich sich die Factorei noch bis zum Jahre 1763 erhielt, bot sie doch in den beiden letzten Jahr- hunderten nur ein verblaßtes Schattenbild früherer Größe. Sie ahmte darin ihrer Gründerin, der Hansa nach, welche auch zuletzt fast nur noch ein Scheinleben zu führen vermochte.

AkdMon: A. Scheid«. Bruck und Verlag der Brühl'schon Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.