Ausgabe 
7.9.1886
 
Einzelbild herunterladen

420

spürens oder Hydroskopie gerade kein besonderer Dienst geleistet, dieselbe muß vielmehr auf wissen- schaftliche Grundlagen gestellt werden. Wohl der berühmteste Jünger dieser so unendlich segensreichen Kunst ist der französische Abbo Paramelle. Letzterer wurde 1818 in dem Dörfchen Saint-Jean l'Espinaffe im Departement du Lot zum Vicar ernannt und hatte bei seinen häufigen ausgedehnten Wanderungen Gelegenheit, sich von dem außerordentlichen Wasser­mangel namentlich des südöstlichen Theiles deffelben zu überzeugen. Den Abbö ergriff das traurige Loos der Bewohner in vielen Dörfern war man bezüglich des Wafferholens nur auf Tümpel und Teiche beschränkt ungemein und sein thätiger, energischer Geist sann auf Mittel, der Roth an frischem, gutem Waffer abzuhelfen. Paramelle be­gann die Bodenverhältnisse seiner Heimath auf's Eifrigste zu studiren und nachdem er sich nach neun­jährigen unermüdlichen Studien über die Bedingungen der Quellenbildung, über die Ursache des seltenen Auftretens in gewiffen Gegenden, über die Eigen­schaften des Laufs der Quellen u. s. w. hinreichend orientirt, war er dahin gelangt, mit einiger Sicher- heit über Lauf, Tiefe und Stärke fast jeder unter­irdischen Quelle Auskunft geben zu können.

Es war im Jahre 1827, als der Abbs begann, für einige wasserarmen Gemeinden nach Quellen zu suchen und schon diese ersten Versuche erwiesen sich als derartig erfolgreich, daß Paramelle sich entschloß, dem geistlichen Stande zu entsagen und sich fortan nur dem Berufe eines Quellenfinders zu widmen. Vom Jahre 1832 bis zum Jahre 1835 reiste nun dieser Mann im Lande umher, überall in bisher wasserarmen Gegenoen einem modernen Moses gleichend dem Boden neue Quellen entlockend. Während dieser seiner langen und segensvollen Thätrgkeit hat Paramelle im südlichen Frankreich gegen 10,000 Quellenbestimmungen aus geführt, von denen sich weit über 9000 als zutreffend erwiesen; der ehemalige Abbs erlangte zuletzt in seiner eigen« thümlichen Kunst eine derartige Geschicklichkeit und Sicherheit, daß er, als man ihn einige Male auf Stellen führte, auf denen versteckt hergeleitete Quellen entsprungen, sofort erklärte, dieselben entsprängen nicht am Platze.

Paramelle hat seine Erfahrungen in einem Merkchen niedergelegt, das, betitelt:Lart de de- couvrir les sources, deutsch auch bei Cotta in Leipzig erschienen ist. Eine erschöpfende Erörterung der hierin niedergelegten Theorien, die sich praktisch so glänzend bewährt haben, würde uns an dieser Stelle viel zu weit führen und wollen wir nur einige der zugleich auch wiffenschaftlich begründeten Hauptgrundsätzs Paramelle's wiedergeben. Quellen entstehen nur da, wo eine durchlässige Erd- oder Gesteinsschicht auf einer geneigten undurchlässigen ruht, an der Berührungsfläche beider Schichten sprudeln die Quellen empor. Zu ersteren Erdschichten gehören die porösen Gesteine, wie Glimmer, Thon­

schiefer, Serpentin, verschiedene Kreidearten, Gypsj einige Sandsteinarten, alle Kalkssteinarten und vor Allem die obere Decke des Bodens, die sogenannte Trümmerformation. Zu den undurchlässigen Terrains gehören alle massiven plutonischen ober metamorpho- tischen Gesteine, sofern sie nicht durch Witterungs­einfluß zerklüftet sind, also Granit, Gneiß, Porphyr, Quarz, die Thonlager u. s. w.

An den Abhängen der Berge brechen gewöhnlich Quellen hervor; an steilen Abhängen wird man da­gegen seltener Quellen finden, denn die Erd- und Gesteinsschichten neigen sich gewöhnlich nach der Seite, auf welcher der Berg allmählicher abfällt. Zeigen sich am Abhänge eine oder mehrere von oben nach unten ziehende Faltungen, so birgt jede unter sich einen Quellenlauf. Die günstigsten Orte für Quellengrabungen sind indeffen die Thäler, denn jedes Thal birgt einen seinem Umfange entsprechenden Wafferlauf, entweder sichtbar als Quelle oder Bach, ober unsichtbar als unterirdische Wasserader; der unterirdische Bach folgt stets derselben Linie, welche ein oberirdischer Bach daselbst beschreiben würde. Diese Linie ist der auch in unbewohnten Thälern deutlich markirte Thalsteig, welcher der Längsrichtung folgend, auf ihrem Boden mit mehr oder weniger Biegungen die tiefste Senkung des Thalgrundes an- giebt. Dieser Thalweg läuft in der Mitte der Aus­höhlung, wenn die einschließendeu Abhänge mit gleicher Neigung sich hineinsenken; er liegt stets dem steileren Abhänge näher, und wo derselbe bei­nahe senkrecht sich erhebt, da führt der Thalweg un« mittelbar an seinem Fuße. Dieselben Einzelheiten beobachtet ein zwischen Bergen sich hinschlängelndcr Bach.

Nachdem man nun aus den Faltungen der Ab­hänge in den Thalwegen der Gründe die Linien erkannt hat, welche die Wasseradern in der Erde beschreiben, kommt es darauf an, die günstigsten Punkte für das Aufgraben anzugeben, also diejenigen, wo die Quellen in der geringsten Tiefe anzutreffen sind. Dahin gehö.en: Der oberste Anfang des Thal- weges; der Ort, an dem sich mehrere Terrainfalten vereinigen; das Innere eines einspringenden Winkels am Abhange, der Mittelpunkt der kreisförmigen Ausbuchtungen am Bergfuße; die Stellen, an denen die Terrainfalten mit üppiger Vegetation, besonders mit Wasserpflanzen, bekleidet sind; der Punkt, wo die Faltung des Abhanges den Boden des Thales erreicht. Um die Tiefe der zu bestimmenden Quellen vorher anzugeben, darf man nur die Tiefe bestimmen, in welcher sich die Ebenen der einschließenden Berg­seiten kreuzen werden, denn dies ist beinahe genau die gesuchte T'efe der Quelle. Dies sind etwa die Hauptgrundsätze der Paramelle'schen Theorie und deren Quintessenz ist wiederum der von der Er­fahrung bestätigte Satz, daß sich unter jeder, wenn auch schwachen, natürlichen Falteneinsenkung des Bodens ein Quellenlauf befindet.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.