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Nachdem er dem Oberförster die Hand gedrückt und ihm gegenüber Platz genommen hatte.
„Abschied für immer?" fragte der alte Herr betroffen. ' r ,,
„Vielleicht! Ich bin wohl schon zu lange hier geblieben. Immer dringender werden die Fragen, die ich nicht beantworten kann und darf, und immer mißlicher gestalten sich die Verhältnisse, deren Druck ich nicht lange mehr ertragen kann. Gestern Abend kehrte Vera von Löwenfels unvermuthet von Wies, baden zurück; sie erzwang eine Unterredung, und mir war es unsagbar peinlich, ihren Fragen nur die einzige Antwort entgegensetzen zu können, daß ich nicht reden dürfe."
Bestürzung spiegelte sich in dem ehrlichen Antlitz des Oberförsters.
„Ahnte sie die Wahrheit?" fragte er.
„Nein, wie könnte sie es! Und darf sie ihr enthüllt werden? Wohl habe ich erfahren, daß sie noch heute den Todten glühend liebt, daß sie ihren Gatten verachtet —"
„Darauf Hoffnungen zu bauen, wäre thöricht", unterbrach der alte Herr ihn, bedenklich das silber. graue Haupt wiegend; „sie darf nie erfahren, was damals sich ereignet hat."
„Es sei denn, daß die jetzigen Verhältnisse sich änderten!"
„In welcher Weise sollte das geschehen?"
„Ackermann könnte sterben."
„Auch in diesem Falle würde ich immer noch ernstes Bedenken tragen, ihr die Wahrheit zu ent- hüllen. Es ßiebt Vorurtheile, die sich nicht besiegen taffen, und es fänden sich sicherlich Personen genug, die, auf diese Vorurtheile gestützt, die Ehre Hermann von Salberg'S in den Staub treten würden."
„Glauben Sie, daß auch Vera von Löwenfels zu diesen Personen zählen würde?"
„Wer kann es wissen? Wäre es nicht möglich, daß in ihrer Serie Zweifel an dem Muthe Sal- berg's erwachen würden? Könnte sie in dem, was geschehen ist, nicht eine Absicht entdecken, die den Vorwurf der Feigheit auf ihn laden würde? Nein, mein Freund, sie darf die Wahrheit nie erfahren."
„Sie hat mir erklärt, daß sie nicht ruhen werde, bis sie das Geheimniß enthüllt habe!"
„Bleiben wir fest, so kann diese Enthüllung nur von Seiten ihres Mannes erfolgen."
„Und möglich wäre es, daß Ackermann aus unlauteren Gründen sich dazu bewegen ließe", sagte der Oberst, tief und schwer aufathmend. „Der Bruch zwischen den beiden Gatten hat sich bereits vollzogen, und diesem gesinnungslosen Manne darf man Alles zutrauen —"
„Er muß Rücksicht nehmen auf feine Stellung —"
Bah, diese Stellung hat er bereits quittirt; er hat seine Güter verkauft, um das Kapital zu Börsenspekulationen zu verwenden."
„Und wenn auch nach außen hin keine Ruck- sichten ihn binden, so muß er dennoch schweigen",
erwiderte der Oberförster. „Mögen auch Viele in dem, was damals geschehen ist, nichts Unehrenhaftes inden, so zwingen doch triftige Gründe den Be- treffenden, darüber zu schweigen, und deshalb kann ch nicht glauben, daß Ackermann das dunkle Ge« heimniß enthüllen wird."
„Auch von anderer Seite droht Gefahr!
„Von welcher?" . ,,
„Der rothe Fritz ist gestern verhaftet worden.
„Seine Aussagen sind nicht zu fürchten!"
„Uhr und Ring Salberg'S sind bei ihm gefunden worden." , _ , ,
Der alte Herr zog die buschigen Brauen hoch hinauf. Starr blickte er den Oberst an; er schien das so rasch nicht' fassen zu können.
„Jetzt noch, nach so langer Zeit?" fragte er zweifelnd.
„Er soll sie damals in einen hohlen Baum versteckt haben." _ ,
„Nun denn, er hat sie dem Todten geraubt; ich wüßte nicht, wie dadurch das Geheimniß gefährdet werden könnte."
„Der Vagabund ergeht sich in räthselhaften Andeutungen."
„Die sich auf mich beziehen, ich weiß es, denn er war gestern kurz vor seiner Verhaftung bei mir, um mir durch feine Drohungen zu imponiren. Aber er w-iß gar Nichts, er greift nur Vermuthungen aus der Luft, für die ihm alle Beweise fehlen. Und was er auch sagen mag, ein Wort von mir wiegt jedenfalls schwerer als —"
„Sagen Sie das nicht!" unterbrach der Oberst ihn. „Ich kenne den jungen Herrn, der in dieser Angelegenheit die Untersuchung führt; 'er ist darauf erpicht, das Geheimniß zu erforschen, und schon aus diesem Grunde wird er auf die Aussagen des Gefangenen großes Gewicht legen."
„Und was nützen diese Aussagen ihm, wenn ich ihnen mit der Erklärung entgegentre:e, daß sie er» funden und unwahr seien?"
„Sie fürchten also für sich keine Unannehmlich, leiten?" , , „ ,
„Das will ich nicht behaupten; einige Unannehmlichkeiten mögen mir daraus immerhin erwachsen, aber ich sage Ihnen noch einmal, das Geheimniß selbst wird dadurch nicht gefährdet. Indessen, wenn ich mir Alles ernst überlege, dann kann ich Ihren Ent- schluß, nach Amerika zurückzukehren, nur billigen; es könnten ja von Seiten der Gerichts auch an Sie Fragen gerichtet werden, die Ihnen unangenehm fein müßten."
„Solche Fragen fürchte ich nichts, sagte der Oberst ruhig; man kann mich nicht zwingen, sie zu beantworten; ich bin amerikanischer Bürger und möchte Niemandem rathen —"
„Sie dürfen Ihr Zeugniß nicht verweigern, wenn es gefordert wird!" ,
„Und wenn ich erkläre, daß ich eine an mich gerichtete Frage nicht beantworten werde, so mutz


