335
leid das Wort aussprechen zu müssen — so stirbt Don Juan, denn wir sind gezwungen ihn zu tödten, unserer eigenen Sicherheit wegen."
„Wir haben heute den 5. und wollen Ihnen Frist bis zum 12. geben. Am 12. Nachts mit dem Schlag 12 Uhr muß ihr Bote mit den Wechseln die Calzada de Gnadalupe passiren, und wenn er einem Fremden begegnet das Wort veridad zweimal sprechen; — empfängt er dann die Antwort por siempre, so mag er dem Fremden getrost die Papiere übergeben, denn sie werden in die richtigen Hände gelangen. Nach Prüfung derselben aber, und wenn sie für gut befunden sind, soll Don Juan seine Freiheit erhalten, und zwar sobald die Betreffenden genügenden Vorsprung gewonnen haben, um sich nicht mehr gefährdet zu sehen."
„Sollten Sie, verehrter Sennor, aber eine List gebrauchen, um deu Empfänger der Wechsel in Ihre Gewalt zu bekommen — was außerdem sehr schwer sein würde, da wir Hilfe bei der Hand haben, so könnte Ihnen das erstlich gar nichts nützen, da der Mann nichts weiter weiß als daß er eben etwas Geld und einige Schriftstücke überliefert bekommt, und dann würde es den sofortigen Tod Don Juan's zur Folge haben."
„Dem Ueberbringer der Wechsel ersuchen wir Sie nämlich nur noch 200 Unzen in Gold mitzugeben, damit wir Reisegeld in Händen habe», um Mexiko so rasch als möglich zu verlassen, und dann erst später durch Unbetheiligte, unsere Wechsel einzukassiren."
„Ich glaube, damit ist Alles erschöpft, was ich Ihnen sagen könnte. Seien Sie versichert, daß wir jede Vorsichtsmaßregel getroffen haben, und daß das Leben Ihres künftigen Schwiegersohnes jetzt allein von Ihrer Diskretion und Liberalität abhängt."
„Es ist heute Morgen ein Brief an Sennor Guitierrez in Tacubaya abgegangen, der diesen Herrn auffordert, sich mit Ihnen in's Vernehmen zu setzen. Wollen Sie also das Glück Ihres einzigen Kindes, so folgen Sie genau der Ihnen hier gegebenen Weisung. Dieses räth Ihnen treu und aufrichtig un amigo.“
Don Augustin ließ den Brief, als er geendet, erschöpft auf sein Knie niedersinken, und nur die Worte „mein Sohn — mein Sohn!" rangen sich krampfhaft ans seiner Brust. Don Jose ging indessen mit raschen Schritten und gesenktem Haupt durch das Zimmer. Wie er endlich wieder vor dem Freund stehen blieb, sagte er mit bewegter aber immer noch halb unterdrückter Stimme:
„Wie er jenen Buben in die Hände gefallen ist, begreife ich nicht. Er verließ gestern Abend, wie gewöhnlich und noch vor völlig eingebrochener Dunkelheit, unser Haus, um den letzten Zug nach Tacubaya zu benutzen. Die Straßen sind in dieser Zeit ja noch belebt, und der Zug selber hält nirgends unterwegs au."
„Und wenn er den Zug nun versäumt hat und im Begriff war, den nicht übermäßig langen Weg zu Fuß zurückzulegen?" sagte der Vater, angstvoll zu dem Freund aufsehend; — „oh, ich habe ihn so gebeten, das nie zu thun, und lieber hier in Mexiko in irgend einem Hotel zu übernachten."
„Das wäre der einzig mögliche Fall," nickte Don Jose nachdenkend mit dem Kopf. „Wir leben ja hier jetzt in so verzweifelten Zuständen, daß man es kaum am hellen Tag wagen, darf, die Stadt allein zu verlassen. Aber was dann? dann haben sie den unglücklichen jungen Mann auch wirklich — woran ich noch zweifelte — in die Berge geschleppt und cs wird uns nichts übrig bleiben, als die Summe einfach in der angegebenen Weise zn zahlen."
„Und denken Sic an den neulichen Fall," sagte Guitierrez entsetzt, „wo die Buben einen solchen Unglücklichen zwangen, den Brief an seine Eltern zu schreiben und sie um Lösegeld zu bitten, um ihn dann mit kaltem Blut zn ermorden. Oh, um Gott! um Gott! vielleicht lebt mein armer unglücklicher Sohn schon gar nicht mehr."
„Unsinn," sagte Arvila, unwillig mit dem Kopf schüttelnd; „welchen Ge-


