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Adnan Dörnach stürzte an seine Brust und wurde dann von dem erfreuten Bürgermeister in's Zimmer gezogen, während Frau Brigitta sich lächelnd und sichtbar befriedigt über diese Dazwischenkunft des Fremden zu ihrer Tochter begab.
„Erft einen Becher Wein zur frohen Ankunft," sprach Herr Dominicus, den jungen Mann sauft in einen Sessel niederdrückend, „nachher plaudern wir über Vergangenheit und Gegenwart."
Er wollte eine Magd rufen, da trat ihm schon die älteste Tochter mit Wein entgegen. Es war ein reizend schönes Wesen, von ungefähr zwanzig Jahren, einfach und'sittsam iii der deutschen Tracht damaliger Zeit, eine echt germanische Erscheinung."
Adrianas Blick weilte mit sichtlichem Wohlgefallen auf der Jungfrau, welche seinen ehrerbietigen Gruß errötheud erwiderte und dann rasch das Zimmer wieder verlassen wollte.
„Ei, Armgard!" sprach der Vater lachend, „fürchtest Du Dich vor dem Gespielen Deiner Kindheit? — Gelt, Dir ist der lustige Adrian danach auch aus dem Gedächtnis; gekommen, seitdem er die getreue und liebe Vaterstadt ganz vergessen zu haben schien."
„DaS ist Armgard?" rief der junge Mann, erstaunt auf sie zutretend und ihr die Hand entgegenstreckend, „ei, härte ich doch nimmer in dieser stolzen und doch so deutschen Erscheinung meine kleine übermüthige Gespielin, die mit dem rollen Adrian über Stock und Stein setzte, wiedererkannt."
„Zehn Jahre machen aus dem Kinde eine sittige Jungfrau, aus dem brausenden Jüngling einen verständigen Mann," lächelte Armgard mit Purpur- glurh im Antlitz.
„So ist's," nickte Adrian, die kleine Hand festhalteud, welche sie ihm verschämt zu entziehen suchte, „man vergißt den Flug der Zeit und verwundert sich dann, wenn sie uns ein anderes Spiegelbild zeigt. Doch Gott sei gelobt," setzte er, den Blick auf die Gestalt der Jungfrau hefleud, hinzu, „daß ich die geliebte Vaterstadt noch so deutsch und einfach wiederfiudc, wie ich sie vor zehn Jahren verlassen, daß wälsche Tücke und wälscher Tand sie noch nicht überwältigt und dem deutschen Vaterlande entfremdet haben; daß die Jungfrau noch deutsch sich kleidet und nicht in die unsittliche Tracht wälscher Mode, wie ich leider zu meinem stillen Ingrimm so vielfach in Deutschland gefunden."
„Ja, Gott sei's geklagt, daß es so gekommen im deutschen Reich."^seufzte der Bürgermeister, während Armgard sich jetzt rasch entfernte, „bis zur Stunde haben wir die deutsche Kleidertracht streng aufrecht erhalten und damit die alte gute Sitte! Denn glaub es mir, Adrian, sind wir erst in der Kleidung ver- wälscht, daun sind wir's auch bald in der Sitte und mit dem alten Deutschthum hat's ein Ende."
Er ließ sich düster in seinen Sessel nieder, während Adrian ihm gegenüber Platz nahm.
Nachdem sie auf die glückliche Heimkehr getrunken hatten, erhob der junge Mann den gefüllten Becher auf's Neue und sprach seierlich: „Auf die Freiheit und Unabhängigkeit der deutschen Vaterstadt Straßburg!"
Der Bürgermeister leerte hastig den Becher und stützte dann den Kopf.
„Ich glaube nicht mehr daran, mein junger Freund!"
„Erzählt mir, wie es steht, Herr Dominicus!" bat Adrian, „meine Geschichte ist kurz: ich ging vor zehn Jahren, als meine Eltern so plötzlich nacheinander gestorben, zuerst nach Augsburg und Nürnberg, um mich in der edlen Baukunst zu vervollkommuen, durchzog Deutschland von einem Ende zum andern, hab alle Hauptstädte Europas gesehen, sogar die spanische, und kehre jetzt aus Paris zurück in die Heimath, wo es doch am schönsten ist in der ganzen Welt!"
(Fortsetzung foigr.,___________________
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