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Frankreich in Syrien

unternommen worben sei. Rur die ^Man­datskommission des Völkerbundes habe vom £luai d'Orsay regelmässige Berichte erhalten. Bon einem Eingreifen des Völkerbundes selbst sei aber keine Rede.

Unterredung über die Vorgänge in Syrien. Ein von General Sarrail eingegangenes Tele­gramm berichtet, dass die Lage in Syrien mit Ausnahme de» Gegend von Damaskus ruhig sei. Er sei gezwungen gewesen, Damaskus zu bombardieren, ohne die in der Stadt weilenden

Painler>6 vor parlamsn- tarischen Schwierigkeiten.

Paris, 30. Oft. (TU.) Die Existenzfähig- feit des neuen Kabinetts Painleve ist bisher noch nicht erwiesen, da die Parteien erst die Regierungserklärung in der Kammersitzung am fommendea Dienstag ab-oavlen wollen. Inzwi­schen kann aber die ausserordentliche parlamen­tarische Schwierigkeit, die das neue Äabu.at vorfinbet, nicht verkannt werden.Paris Midi" weist auf die paradoxe Lage hin, in der sich das Kabinett jetzt befindet. Einerseits werde das Kabinett wegen des persönlichen Ansehens, das Painlevs und Briand geniessen, mit Sympathie begrüßt, andererseits steht es vor der Gefahr, überhaupt feine Mehrheit in der Kammer zu sin.ea. Wohl e ii ke.i Finanz» Projekten ein Kompromiss zwischen den Sozialisten, dem Kartell und Painlevö zustande- gekommen, das auf Verbindung einer Kapitals-

Wetter Voraussage.

Südliche Winde, wolkig mit zeitweiser Auf­heiterung, tagsüber mllde. meist trocken.

Das Vordringen des irländischen Wirbels nach Rordosten wird durch die an seiner Ost- feite liegende kalte Luft erschwert. Sein Einfluss macht sich zunächst nur durch stärkere Bewölkung bemerkbar. Weitere Störungen sind wenig wahr­scheinlich.

Gestrige Lagestemperaturen: 2Naximum 13.4 Grad C.. Minimum 2.6 Grad C. Heutige Morgen­temperatur 6,1 Grad E.

Aus aller Welt.

Raubüberfall auf einen Gelbtransport

2n Buffalo (USA.) wurde der Kraftwagen einer Bank mit einem Geldtransport bei hellem Tage in einer wenig belebten Nebenstrasse von einer Truppe mit Pistolen bewaffneter Männer an geh alten. Als der Chauffeur und die beiden Bankbeamten versuchten, sich zu verteidigen, eröff­neten die Banditen das Feuer. Der Chauffeur wurde getötet und die Beamten schwer verwundet. Die Räuber entkamen mit etwa 90 000 Dollar.

Aüchtlicher Raubüderfall im Berliner Tiergarten.

Donnerstag nacht wurde ein Droschken­chauffeur im Tiergarten von zwei Fahrgästen tibctfaficn. betäubt, und auf eine Bank im 'Tier­garten gelegt. Sie raubten den Wagen und die gefamten Einnahmen. Die Rachforschungen hatten oivher noch feinen Erfolg.

Masien-Arbetter-EnLlassurgen in den Fiat-Werken.

R o m, 31. Oft. (WTB. Funkspruch.)Po- Polo Italia" meldet, dass heute 2000 Arbeiter in den Fiat-Automobil-Werken von Turin ent­lassen werden sollen. Die sadistischen Gewerk­schaften hätten gegen eine derart plötzliche Ent­lassung so vieler Arbeiter protestiert.

Wer will sich darüber wundern, dass sie Gleiches mit Gleichem vergolten und ein Dutzend Tscherkessen, die ihnen als französische Söldner in die Hani) fielen, ermordet und den Fran­zosen vor die Füsse legten. Niemand hätte es dem französischen Oberbefehlshaber übel ge­nommen, wenn er daraufhin durchgriff, aber die Form dieses Durchgreifens ist ungeheuer- l i ch- Ohne irgendwelche Warnung jagte er Tankwagen durch Damaskus, die blindlings um sich schossen und dadurch die Bevölkerung in die Aotwehr hineintrieb. Darauf schien Herr Sarrail nur gewartet zu haben, er zog seine Truppen aus der Stadt und bombardierte nun toilb in die Hauser hinein, ohne auch nur die übrigen Konsulate vorher .zu warnen. Da der Draht gesperrt ist. lässt sich ein genauer Hlebcr- blick über die Schäden schwer gewinnen, es scheint aber richtig zu sein, dass dabei ein grosser Teil von Damaskus zerstört, dass vor allen Dingen unersetzliche Kulturschähe. die Zeugen einer grossen Vergangenheit, sinnlos vernichtet sind: mit dem Endergebnis, dass die Bevölkerung von Damaskus floh und die Flamme deS Aufruhrs jetzt durch fl anx Syrien trägt.

Vielleicht wäre das alles mit dem Mantel deS Schweigens zugedeckt worden, wenn nicht die Engländer und Amerikaner, durch diese Rück­sichtslos igteit verärgert, einen geharnischten Pro- t e st eingelegt hätten. Nachdem das aber einmal geschehen ist. muss sich logischerweife auch der , Völkerbund dafür interessieren, er kann es nicht ... ______VMF QU

dulden, dass in feinem Rainen Menschen als I Oberkommissars beauftragt

Europäer benachrichtigen zu können. Es sei un­wahr, wenn von britischer und amerikanischer Seite behauptet würde, dass die französischen Staatsangehörigen vorher benachrichtigt worden seien. Am Quai d'Orsay erklärt man, dass vom Völkerbund in der syrischen Frage nichts

Der Völkerbundsrat hat mit anerkennens­werter Beschleunigung in dem griechisch-bul­garischen Konflikt durchgegrisfen und durch Drohung mit den starken Machtmitteln, die ihm im Ernstfälle zur Verfügung stehen, die Griechen zur Vermmft gebracht. Das Feuer, das hier zu ent­stehen drohte, ist also vorläufig gelöscht. Aber das war schließlich auch kein grosses Kunststück, Griechen­land und Bulgarien sind Sterne sechster Größe, auf die man keine allzu grossen Rücksichten zu nehmen braucht, sie können schon einmal ohne Hand­schuhe angefaßt werden. Dagegen hat der Völker­bund es bisher stets vermieden, irgendwo zuzu- greifen, wo er gegen die Großen vorgehen musste ober gegen kleinere Staaten, die sich an die Rockschöße der grossen gehängt hatten. Das pol­nische Unrecht gegen Wilna ist immer noch ungesühnt. Nachdem aber Herr Briand so energische Friedenstöne angeschlagen hat, sind wir einigermaßen gespannt, was er nun gegen Frankreich zu unternehmen gedenkt, das in Damaskus mit einer kaum mehr zu übertref­fenden Brutalität aufgetreten ist, und zwar wohl verstanden als Mandatar de s Völker­bundes.

Die Vorgeschichte ist ja an sich so unbedeu­tend. dass man sie beinahe vergessen hat. In der Umgegenö von Damaskus haben einige Banden geplündert, dafür haben die Franzosen gleich mehrere Dörfer in Brand geschossen, die Leichen der gefallenen Räuber auf Kamele gebunden und in feierlicher Prozession als abschreckendes Bei­spiel durch die Stadt geführt. Das hat auf die Syrier böse gewirkt. Man darf nicht vergessen, dass sie eine alte Kultur besitzen, auf die sie stolz sind und dass sie schon unter türkischer Herrschaft wenigstens den ehrlichen Versuch ge­macht haben, die Errungenschaften westeuropä­ischer Zivilisation sich anzueignen. Run sind sie behandelt worden in Formen, die fast a n DschingiS Khan erinnerten.

abgabe mit Erhöhung der Steuersätze beruht, aber vor der Debatte über die Steuern werde eine Debatte über die syrische Lage durch mehrere bereits angekündigte Interpella­tionen heraufbeschworen incrben, und in dieser würden sich wahrscheinlich die Sozialisten mit £>en Oppositionsparteien zusammenfinden, obwohl ihnen zuliebe General Sarrail bis heute auf seinem Posten belassen worden ist. Ebenso wer­den, falls der Marokkokrieg in der Kam­mer auv Sprache kommt, die Sozialisten in der Opposition bleiben und die mittleren und Rechts- Parteien möglicherweise aus rein taktischen Grün­den Painlev6 die Kredite verweigern. Man fasst gegenwärtig die Situation so zusammen, dass die bisherige Mehrheit mit Hilfe der Mittelparteien, die Painlevä mit seinem ersten Kabinett ge­sunden hat. aufgelöst und eine künftige Mehrheit mit Hilfe der Sozialisten sehr ungewiss ist.

ser Rote. Die jetzt aufgeftellte Behauptung, dass die deutschnationalen Minister ihre sachliche Zu­stimmung nicht gegeben hätten, werde durch die Antwort des Kanzlers auf die Frage des Abg. Dr. Dreitscheid widerlegt. Der Austritt habe die aussenpolitische Position des Kabinetts nicht ge­stärkt, sondern geschwächt.

Eine Billigung des Vertrages habe der Kanzler bsn keiner Partei verlangt. Ge­rade ein bürgerliches Kabinett sei in der Lage, die grossen Vorteile zu erreichen. Seine Partei übernehme gerne die Verant­wortung für Locarno.

Der Redner erklärt, feine Partei stehe zu der Regierung Braun in Opposition, werde sie aber unterstützen, wenn sie sich in den nächsten Wochen mit aller Kraft im Sinne des Locarnoer Ver­trages für Massnahmen einfetze, die dem Volk in seiner Gesamtheit, besonders aber den be­drückten be,etzten Gebieten zum Wohle gereichen.

Verstärkungen gelandet worden, die aus dem Wege nach Damaskus sind. Weitere Hin­richtungen stehen bevor. Die Bevölkerung verlässt panikartig die Stadt. Der bisherige Born- bardemcntsschaden lässt sich in Iahren nicht wiederherstellen. Der Schaden wird auf 3 Mil­lionen Pfund geschäht.

P a i n l e v 6 hatte gestern mit Briand eine

Nach Mitternacht hat Ministerpräsident Pain° levö der Presse folgende Mitteilung zugehen lassen: Dieendgllltige Organisation des syrischen Mandats, das vom Völkerbund Frankreich anvertraut wurde, ist seit Juli einer K o m in i s s i o n übertragen, deren Vorsitzender der Abg. Paul Boncourt ist. Die Regierung hat beschlossen, einen Zivil-Ober- k o mm issar zu ernennen. General Sarrail soll nach Paris zurückkehren, um dieser Kommission alle nützlichen Auskünfte zu geben. Ge­neral D u p o r t ist mit der vorläufigen Leitung der Generalrefidenz bis zur Bestellung eines Zivil- Oberkommissars beauftragt worben.

vieBeilegungdesBalkankonflitts

Paris, 30. Oft. (TU.) Der Dölkerbunbsrat hat heute feine letzte Sitzung wegen des griechisch­bulgarischen Grenzzwischenfalls abgehalten. Der Rat nahm von bem letzten Bericht ber Militärattachees, in dem bic voll staubige Räumung des bulgarischen Gebiets festgestellt wird, Kenntnis. Chamberlain wies bann auf bic Bebeutnng biefes Falles hin. Dank ber Raschheit, mit ber ber Konflikt vor ben Dölkerbunbsrat ge­bracht worben fei, unb auch bank ber Raschheit, mit ber ber Völkerbunbsrat die Arbeiten ausgenom­men habe, sei es möglich gewesen, so schnell eine Entscheibung herbeizuführen. Das sei ein Beispiel bafür, wie berartige Konflikte geregelt werben müß­ten unb auch bafür, wie ber Dölkerbunbsrat seine Autorität unb seine Machtbcfu^Gssc, bic ihm bas Dülkerbunbstatut gegeben haben, zur Geltung brachte.

Präsident mit allem Rachdruck dafür einsetzen, Dass die auf die besetzten Gebiete bezüglichen Punkte vor dem formellen Abschluss deS Ver­trags Nargestellt werden oder die Klarstellung Ernstlich in Angriff genommen wird. Die Räu­mung der Kölner Zone muh unbedingt vor der Hinter!ebrift sichergestellt sein. Auch über eine beschleunigte Räumung der anderen Zone muss von der Gegenseite Ixrld etwas Positives ver­lauten. Wir müssen in Bälde eine Verminderung der Besatzungstruppen erreichen. Heute stehen noch 90 000 Mann s rein de Truppen aus unferm Boden. (Hort! frört!)

Abg. Gressler (Dem.): Der Vertrag von Locarno gewährt keine ungetrübte Freude, aber ec ist doch ein erster Schritt zur Besserung. Die Deutlchnationalen müssen eine klare Entscheidung fällen. Schliesslich Fann unS in Deutschland nur eine Volksbefragung wciterfrelsen.

Abg. Da eck er (Dntl.) erllärt, die Deutsch- nationalen wüssten, dass in der Regierung in Preussen im Augenblick kein HImschwung eintreten könne, aber sie seien und blieben der Hieber­zeugung, dass daS Land Preussen nur gedeihen toraic unter einer Regierung, deren Träger in Den grossen wirtschaftlichen und kulturellen Fra­gen wesentlich auf demselben Boden ständen und Der Ansicht seien, dass auch der neue preussische Staat ein christlicher sein müsse (Sehr wahr! rechts.) Die Deutsch nationalen wüssten Wohl, dass Die Entwicklung der Dinge in Preussen abhängig sei von der Entwicklung der Lage im Reich. Der Redner macht dann die Hauptargumente feiner Partei gegen die Annahme des Locarno- VertrageS geltend, die sich im wesentlichen mit Der Deutschnationalen Parteierklärung decken. Er fordert das Recht der freie« Entschliessung in den entscheidenden Fragen im Westen wie im Osten unter Hinweis auf Die Schicksalsverbundenheit des deutschen und des russischen Volkes.

Ministerpräsident Braun erklärt, mit Polen werde gegenwärtig verhandelt wegen der ungerechten Grenzziehung an der Weichsel. Pflicht sei es, den Wünschen Ost­preußens Rechnung zu tragen. Er gebe zu, dass Die Landwirtschaft in schwieriger Lage sei trotz Der guten Ernte. (Widerspruch rechts.) Die un­gesunde Spannung zwische Erzeuger­und Verbraucherpreisen müsse ber- schwinden durch Ausschaltung der Zwischen­händler.

Was die landwirtschaftliche Kreditfrage an- betreffe, so sei es übrigens nicht so sehr auf die Schaffung eines neuen Kreditinstitutes an- gekommen, sondern auf die Kredite selbst. Wenn Geld zur Verfügung stand, bann habe es ge­nügend Institute gegeben, die es ber Landwirt­schaft übermitteln konnten. Zur Völkerbund­frage erklärte der Minister: Wer auf dem Standpunkt steht, dass über kurz oder lang Kon­flikte nur mit Waffengewalt entschieden werden könnten, verstosse mit einer solchen Auffassung gegen den Geist deS Völkerbundes. Dieser Völker­bund soll der erste Versuch sein, nach dem furchtbaren KriegSgemehel eine Einrichtung zu schaffen, wonach in Zukunft Kriege verhütet wer­den. (Lachen rechts. Zustimmung links.) Von diesem Gedanken wären die Abmachungen von Locarno getragen. Es stehe zu erwarten, dass wesentliche Milderungen im Desatzungsregirne eintreten und eintretcn muffen, wenn der Pakt von Locarno durchgeführt werde. Diese für die Bevöllerung des besetzten Gebiete- so wichtigen Erleichterungen würden aber gefährdet durch die Politik und den Austritt der Deutschnationalen au- der Reichsregierung.

AIS der Kurier von Locarno bei der Reichs­regierung eintraf und über die Verhandlungen berichtete, da sei von den deutschnationalen Mi­nistern kein Widerspruch gekommen unb der Kurier sei nach Locarno zurückgefahren mit dem Eindruck, dass abg.-schlossen werden könne (Wider­spruch rechts). Ietzt möchten die Deutschnatio­nalen uns und den Mittelparteien die undankbare Aufgabe überlassen, 6en Pakt anzunehmen. (Rufe rechts: Lehnen Sie ihn doch ab!) Der Minister fährt fort: Ich werde den Eindruck nicht los, dass cs bei den Dcutschnationalen innerlich jetzt so aussieht, wie seinerzeit in Weimar, als wir vor der Frage standen, ob man den Versailler Vertrag unterzeichnen soll oder nicht. Die Deutsch- nationalen möchten und wegen der Hinterschrift als Landesverräter bezeichnen, aber sie zittern vor der Möglichkeit, dass nicht unterzeichnet wird. (Hinruhe rechts.) Wenn Deutschland nach diesen Vorgängen den Locarnopakt ablehnen würde, so würde c8 auf Iahre hinaus in der Weltpolitik isoliert dastehen. (Beifall links HI n r u h e rechts.) Deutschland hat doch das Sicherbeits­angebot gemacht und Im wesentlichen enthält der Pakt das, was damals angeboten worden ist. Es besteht auch die Gefahr, dass bei einer Ab­lehnung des Paktes das DesatzungSregime sich verschärfen kann.

Rach einer Ablehnung des Paktes würbe aus Iahre hinaus jeder deutsche Protest gegen die Hlnterbrüdung der Alliierten in der Welt zur völligen Wirkungslosigkeit verurteilt sein ll.bhafte Zustimmung links und in der Mitte). Dann würde überall als wahr gelten, was uns so oft zu Hlnrecht nachgesagt wurde, nämlich, dass Deutschland eine Politik der Zweideutigkeit betreibe. Die Staatsidee, die Sic (nach rechts) vertreten, ist die Idee von gewattsam sich durch­sehendem Machtprinzip nach innen und aussen. Diese Staatsidee ist in den Blutbädern des Weltkrieges versunken und Sie werden sie niemals wieder hervorholen können. In Lo­carno dagegen hat man jetzt versucht, d i e Staatsidee der Verständigung anzu­bahnen. Demgegenüber wollen Sic, nach wie vor, alle Probleme des Völkerbundes durch Ge­walt lösen. Wer von dieser Ihrer Politik Hin­heil für Voll und Vaterland erwartet, ber muh sie verurteilen und bekämpfen. Deshalb wird auch die preussische Regierung, im Gegen- satz zu Ihren Wünschen, sich hinter die Lo­carno-Politik der Reichsregierung stellen (Bei­fall links und in der Mitte).

Abg. Heilmann (Soz.): Der Vertrag von Locarno f?i staatspolitisch eiwaS neues für Eu­ropa. Deutschland halte auf die Dauer in seiner Isolierung dem heutigen Geiste der wirtschaft­lichen und technischen Entwickelung nicht mehr Stand. Wenn man freute einer ganz anderen Zu­kunft entgegengefre, könnten die Deutschnationa­len nicht Führer sein.

Abfl. Dr. Spieckernager (D.Vp.) wen­det sich gegen die Behauptung, die Deutsche Vollspartei sei gegenüber Locarno von grösstem Optimismus erfüllt. Nichts fei falscher. Seine Partei habe die Zustimnrung an ganz be- stimmte Voraussetzungen geknüpft. Die Iull-Rcte hätten die Deutschnationalen an= erfarmt. Der Ertrag bedeute die Erfüllung die- j

Schlachtvieh behandelt werden, denn eu würde sich um jede Autorität bringen, wenn er den Franzosen diese Grausamkeiten durchgehen liesse. Herr Briand aber als Vorsitzender des Dölker- bundsrates und gleichzeitig als Angeklagter das ist eine Situation, die noch mancherlei diplomatische Pikanterien in sich bergen kann.

Eine panarabische Bewegung gegen die Grossmächte?

Paris, 31. Oft. (WTB. Funkspruch.) Der Berichterstatter derChicago Tribüne" in Da­maskus meldet, dass der dokumentarische Beweis für eine panarabische revolutionäre Bewegung gegen Frankreich. England und Italien mit dem Ziele einer Erhebung der isla­mitischen Bevölkerung und der Vertreibung der europäischen Machte aus Afrika und Asien er­bracht worden sei. Der Ausgangspunkt sei Kairo. Die Verbindung zwischen den syrischen Aufständi­schen und der panarabischen Bewegung gehe aus den Dokumenten klar hervor, in denen gegen die als General-Residenten in Syrien herrschen­den französischen Generäle die schwersten An­klagen erhoben werden, und erklärt wird, die Stunde sei gekommen, Afrika und Asien von Frankreich, En glandundItalien zu befreien. Eines der ersten Ergebnisfe der Beschiessung von Damaskus durch die Franzosen sei die Bildung von politischen Abtei­lungen, die bereits etwa 3000 Mann stark And schwer bewaffnet seien. Sie beabsichtigten im Winter in Verbindung mit den Drusen gegen frie Franzosen einen ständigen Kleinkrieg zu führen.

Die französische Schreckensherrschaft in Da­maskus dauert an. In Beirut find 6000 Mann

Aus der Provinzialhauptstadt.

Giessen, den 31. Oktober 1925.

Reformationsfest.

9n den letzten Jahren hat es nicht an Aeußc- rungen gefehlt, daß die evangelische Kirche dem Untergang geweiht fei. Als der Krieg zu Ende war und man ben Versuch unternahm, burch rabU falc, gewaltsame Trennung von Staat unb Kirche dieser die Stützmauer zu nehmen, glaubten nicht wenige, daß nun der Zusammenbruch der Kirche kommen werde. In Kreisen, die ihr nicht freund­lich gcsmnt waren, sprach man damals von ihrem Wiederaufbau", damit wollte man anbeuten, baß sie als Ruine aus bem Kriege hervorgegangen fei. Weil in den Gotteshäusern währenb bes Krieges die nationale Verteidigung als eine sittliche Pflicht hingeftellt worden war, machte man der evange­lischen Kirche den Vorwurf, sic habe im Gegensatz zii Christus nicht zum Völkerfrieden geraten. Die Sekten, bic zumeist in Amerika ihre Heimat haben, glaubten in der Nachkriegszeit, baß nun ihr Weizen blühe. Mit Unermüdlichkeit arbeiteten ihre Sendboten, sie gingen und gehen von Haus zu Haus, wenden sich namentlich an solche, die durch Verluste jeder Art seelisch anyefochten sind, unb verheißen ihnen Trost unb Hilfe. Sie tun bas, in dem sic große Worte reben, Derb-Sinnliches in die Erscheinung treten lassen, ben nahen Weltunter - tzang in vhantasiischen Farben malen unb bic Schrecken ber Hölle wie auch bic Freuben bes Himmels in greifbare Nähe rucken. Vor wenigen Wochen würben in Gießen unb wohl im ganzen oberbeffifdjen Bezirke Blätter verbreitet, bic von benVorboten bes Weltcnbcs" reben, von Unwet­terkatastrophen, Krieg, Seuchen, Hungersnot, Erd­beben, immer mit dem Schlußsätze:Das find die Anzeichen, daß die Welt bald untergeht, wobei bic Gottlosen" bas flnb die, bie nicht zur Sekte gehörenuntergehen, während bie Frommen" das find sic, die Schreiber unb Verbreiter dieser Blatter,in bas ewige Leben eingchen". Wer die Geschichte vergangener Zeiten an sich hat vor- ubcrzichen sehen, der weiß, baß bergleichen See- lenregungen sich immer bann bemerkbar machen, wenn harte unb unruhige Zeiten über bie Mensch­heit hcreingebrochen flnb .Gotifrieb Keller hat biefen Gebauten im Eingang seiner NovelleUrsula" in großartiger Weise ausgeführt. Anberc wicber, bie naturalistisch gesinnt sind, laufen Sturm gegen bie Kirche, weil sic vom Uebersinnlichen cebet unb bic- ser Welt eine jenseitige Welt gegenübergestellt. Nimmt man noch die in weilen Kreisen herrschende religiöse Gleichgültigkeit hinzu, so ist man aller­dings versucht anzunehmen, daß die Tage, in denen die Kirche eine das Volk beherrschende Macht war, gezählt seien unb baß sie sich nun in Sekten, Freikirchen, Gemeinschaften unb Vereinen, bie ledig­lich Bildungszwecke verfolgen, auflöse.

Man braucht nur auf Aeuhcrungcn, bie aus Kreisen ber katholischen Kirche stammen, zu achten, um zu erkennen, daß dort die gleichen Schwierig­keiten erwachsen sind. Dennoch ist klar, daß bie evangelische wie auch die katholische Kirche in un­serer Zeit unerschütterlich feststchen. Lebensmächte religiös-sittlicher Art, die Jahrhunderten getrokt haben und tief im Volksbewußtsein verankert sind, werden nicht durch Zeitströmungen, bie eine be­grenzte Dauer haben, umgemorfen. Die eoangc- tische Kirche, bic am 31. Oktober, bem Tag, ba Luther feine 95 Thesen an bie Schlosskirche zu Wittenberg anschlug, ihr gteformatiorc-rv feiert, gleicht nicht einem Gebäube, bas in allen Fugen kracht, sondern einer festen Burg, die auf einem Bergesgipfel aufragt Das Gustav-Adolf-Fcst, bas vorn 20. bis 23. September in Gießen gefeiert worben ist, ist hier symptomatisch. Was war es, das bei hem, Fcstzuge die Massen in Bewegung setzte und bei Den vielen Versammlungen die zahl­reichen Teilnehmer atemlos und begeistert lauschen ließ? Es war ber Wille nicht zur Freikirche, zur Gemeinschaft, zur Sekte, sondern der Wille zur Landeskirche, die seit vier Jahrhunderten besieht. Diese Landeskirche wird ihren Beruf erfüllen, so lange sie auf dem Fundamente steht, auf das sic Martin Luther gesielli hat. Diese Grundlage kann man mit wenigen Worten umschreiben: Die Heilige Schrift ist die alleinige Richtschnur des Glaubens. Es gibt feinen Mittler zwischen Gott und dem Men­schen als Jesus Christus. Selig wird ber Christ aus Gnade, allein durch den Glauben an den lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus kund- getan hat und den; Reumütigen die Sünde vergibt. Christus ist unser Friede. In der Gottesfurcht, im Gottvertrauen, in ber Nächstenliebe unb in ber Be­rufstreue zeigt sich bie christliche Vollkommenheit Staat, Vaterland und Familie sind die Kreise, in denen sich das rechte Christenleben bewähren soll. Durch Jesum ist dem, der an ihn glaubt, die Ge­wißheit geworden, daß die Seele nach dem leib­lichen Tode in Gott weiterlebt. H. B.

* Wechsel in ber Leitung der S t a d t k a s s c. Stadtkassedirektor W ä f e r tritt am 1. Rovcinber in den Ruhestand. Die Leitung der Kasse ist dem Verwaltungsamtmann R v t * Hamel übertragen worden.

*' I n ben Ruhestand. Polizeiobe» assistent Peter Zimmer tritt mit Wirkung vom 1. Äovember b. I. auf Grunb des Gesetzes über (bie Aterlsgrenze ber Staatsbeamten in den Ruhestand.

'* Die Bolkshallebau-Lotterie hat dem Volkshallc-Derein bedauerlicherweise nicht das günstige Ergebnis gebracht, das man ihm im Interesse der guten Sache gewünscht hat. Bon 30 000 in Hlmlauf gesetzten Losen sind nur 18 000 abgelebt worden. Die unverkauften 12 000 hat der Verein schliesslich für eigene Rech­nung gespielt. Obwohl er dabei 206 Gewinne eingeheimst hat (3 Fahrräder, 1 Aähmaschine, olles übrige aber kleine Wertgegenstände), schnei­det er doch übel ab. Rach allem, was man hört, ist ini günstigsten Falle nuv mit einem sehr bescheidenen Geldüberschuh zu rechnen, wenn nicht etwa alles Rull für Rull aufgeht oder gar noch eine Zubusse erforderlich ist. Angesichts li:s:s betrüblichen Ergebnisses sollte die Bürger­schaft mehr noch als bisher zur Stützung unb Förderung des gemeinnützigen Hinternehmens bei­tragen.

* GeschäftSjubiläen. Am morgigen 1. Rovember begeht dir Firma 3. Zöro Ww. ihr öOjähriges G^schäftsjubiläum. Das Geschäft wurde am 1. Rovember 1375 von Iohs. Zörb gegründet. Rach dessen Tode wurde es von der jetzigen Inhaberin, Frau Ehr. Zörb, unter der Firma I. Zörb Ww. weitergeführt Infolge ihres regen FleisseS war die Inhaberin bereits im Iahre 1886 in der Lage, ihr Haus und den Laden umzubauen. Das Geschäft hat sich auS kleinen Anfängen im Lause der Iahre zu geachteter Stellung emporgeschwungen und er-