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Samstag, 31. Januar 1925

175. Jahrgang

llr. 26 Erft« Blatt

Des Kanzlers Antwort.

Dr. Luthers Rede vor der ausländischen Presse

den übrigen Dollem minutiösesten Koni rollmast- nahmen unterworfen sieht.

Jedenfalls erscheint sie mir undenkbar, wenn man diesem Volke nach den ersten Anzeichen dec Entspannung sofort wieder mit diktatori­schen Befehlen zufetzt. uitb ihm die erste wesentliche Erleichterung, die der Ver­sailler Vertrag zu seinen Dunsten bestimmt, näm­lich die Einschränkung der militärischen Ollu pation, durch einseitigen Deschluh verweigert. Versucht man internationale Fragen jahrelang durch militärischen Druck statt durch friedliche Auseinandersetzungen zu regeln, dann kann man sich nicht wundern, dah in dem betroffenen Lande mancher nicht mehr an den Schuh des Rechtes, sondern nur noch an Macht glauben mag Ich hoffe doch, dah mancher, der die Rede des französischen Ministerpräsidenten ohne Dorein- Senommenheit gelesen hat, sich fragen wird: Wie önnen die Alliierten nur diese Einzelheiten zur Begründung der Richträumung der Kölner Avne anführen? Und ich knüpfe hieran die weitere Frage an Herriot:

Ist er entschlossen, die nördliche Rheinlandzone sofort zu räumen, nachdem die Beseitigung der Deutschland etwa nachgewiesenen Derstöste in der Abrüstung sichergestelli ist?"

Eine klare Antwort auf diese Frage finde ich in seiner Rede nicht. GS ist zum mindesten dop­peldeutig, wenn er sagt, dah die französischen Truppen am Rhein die wichtigste und sogar vtel- leicht die letzte Bürgschaft für die Sicherheit Frankreichs seien. Diese Doppeldeutigkeit wird auch nicht durch die Erläuterung beseitigt, die Herriot jener Stelle seiner Rede gegeben hat, durch die Worte: seine Haltung sei nicht durch den Wunsch diktiert, für unbestimmte Zeit am Rhein zu bleiben.

Sie, meine Damen und Herren, werden eS begreiflich finden, dah weite Streift in Deutsch­land die alliierte Begründung der Richträumung nur als einen Vorwand ansehen und anders Motive dahinter vermuten. Auch in der Presse deS Auslandes ist vielfach von diesen anderen Motiven und zugleich von der Möglichkeit die Rede gewesen, ihnen durch ein Kompromiß Rechnung zu tragen. Die ReichS- regierung würde es, wenn es die Räumung zu einem späteren Termine, sagen wir einige Mo­nate nach dem 10. 3anuar, wirklich garan­tiert hätte, nicht ohne weitere- abgelehnt haben und würde es auch jetzt nicht ohne weiteres ab- lehnen. Zu einer solchen Lösung kann man aber nur gelangen, wenn man die Angelegenheit nicht in einem öffentlichen Rotenwechsel, sondern aus dem Wege vertrauensvoller Derständiaung behandelt. Dazu ist die ReichSregierung jeder- z e it bereit. Cs liegt auf der Hand, dah da­von stark gerüsteten Rachbarn umgebene ent­waffnete Deutschland daS Bedürfnis nach Sicherheit lebhaft empfindet. Die Reichs- regicrung steht deshalb dem SicherheitSgedanken nicht nur sympathisch gegenüber, sondern hat an der Verwirklichung ihrerseits ein reales Interesse. Wenn aber internationale Verträge von der Art eines Garantiepaktes wirklich wirk­sam fein wollen, ist es nötig, dah die unerläß- lichen psychologischen Doraussehunoen von allen Seiten erfüllt find. Die wahre Verstän­digung und Versöhnung zwischen den Völkern kann nicht vollendet werden, solange ein ein­zelnes Land zum Verbrecher an der Menschheit gestempelt wird und sich nicht das ganze Ausland von der Unrichtigkeit der Anklage überzeugt, das deutsche Volk habe durch feinen Angriff den Weltkrieg entfesselt. Für das Zusammenleben dr Dölkr «erscheint es mir fer­ner nicht erforderlich, wenn versucht wird, die innenpolrti scheu Gegensätze anderer Länder für die Auseinandersetzung über bk außenpolitischen Problem ezu verwerten. Ich hoffe, dah die fmazöfische Regierung, die nach den Worten ihres Leiters die innere Po­litik ihrer Alliierten uneingeschränkt respektieren will. diesen selbstverständlichen Grundsatz Deutschland gegenüber nicht außer acht läßt. Davon abgesehen, möchte ich in diesem Zusammenhang aber die Frgae stellen, welchen Anlaß denn das Ausland hat, von der Regie­rung Luther irgendeine reaktionäre Politll zu befürchten. Cs ist gerade mein Bestreben ge­wesen, eine Regierung zu bilden, die eine breite Grundlage im Parlament besitzt und dadurch den parlamentarisch-demokratischen Ge­danken in möglichst weitem Umfange verwirklicht.

Der französische Ministerpräsident hat feine ganze Politik vorgestern zusammengefaht in die drei Worte: Schiedsgericht. Sicherhrt und Abrüstung. Diese- Programm farm ich

Eefchetnt täglich, aufctr Seim» unb Feiertags.

Beilagen:

G iehenerFc nullend littet Heimat im Bild.

monalS'Beirgspitis:

2 (Bolbmarh u 20 ©olb- Pfennig für Trägerlohn, a»ch 1bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsprech.Anschlüsse: Schriftleitung 112, Ver­lag »ndEeschästsstelle 61. Anschrift für Drahtnach­richten Inielterflel«.

paßscheslonf: traBttirl e. Bl. HW.

Berlin, 30. Jan. (WB.) Reichskanzler Dr. Luther hielt heute abend bei einem Empfang der ausländischen Presse in der Presseabteilung der Reichsregierung folgende Rede:

Meine Damen und Herren! Die auhenpoliti- chen Geschehnisse und Probleme, die das erste Jahrfünft nach Abschluß des Weltkrieges erfüllt haben, erscheinen alS ein Wirrsal politischer unb wirtschaftlicher Streitfragen, die die Völker Eu­ropas auch nach dem FriedenSschluh immer noch am Rande deS Abgrundes festhielten. Alle Ver° uche dieser Iahre, dieses Wirrsal zu lösen, d>eiterttn an der Fortdauer der Gegen- ähe au- dem Kriege, die den Frieden-- chluh überlebt hatten. Die Entwirrung hat be­gonnen, al- aus dem Shxäuet der Probleme eines der wichtigsten, die ReparativnSfrage, herauSgenommen wurde, auf der allein eine end­gültige Regelung erzielt werden tonnte,_ auf der Grundlage der Verständigung und der nüchternen Arbeit der Sachverständigen, die die ReparationS- fragen auf ihren wirtschaftlichen Stern zurück­führte. DieS ermöglichte die Londoner Kon­ferenz, die die Parteien an den Verhandlungs­tisch zusammenbrachte. Die hier zum ersten Male nach dem Weltkrieg angewendete Methode der

Verhandlung auf gleichem Fuße führte schnell zu einem bedeutsamen Ergebnis. Der DaweSplan wurde in Kraft gefetzt und da­mit der Grundstein für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europa- gelegt. Da- war aber keineswegs das einzige Ergebnis der Londoner Sftmferenz. Wir haben die Londoner Verein­barungen niemals als ein Ereignis rein wirt­schaftlicher und technischer Bedeutung angesehen. Wir haben vielmehr erwartet, daß mit der Konferenz eine neue Epoche eingebettet sei. eine Epoche, in der die großen internatio­nalen Probleme nicht mehr durch einseitige Ent­scheidungen. sondern auf dem Wege des friedlichen Ausgleiche- der Inter­essen g löst werden würden. Diese Erwartung schien bestätigt zu werden durch die zur Durch­führung der Londoner Vereinbarungen einge­leiteten Verhandlungen, die sich infolge deS ver­ständnisvollen Zusammenwirken- beider Teile durchaus erfolgreich gefalteten. Man durfte hoffen, daß diese Entwicklung eine gute Aus­sicht auch für diejenigen politischen Pinbleme eröffnete, die sonst noch der Lösung harrten. In dieser Hoffnung ist Deutschland mit Beginn des neuen Jahres schwerenttäuscht worden. Sie alle kennen den Verlauf und den Stand des ernsten Konlliktes, der wegen der

Räumung der nördlichen Rheinlandzone entstanden ist. Die bisherige Behandlung dieses Konfliktes durch öffentlichen Ro'enwechsel. dm die Alliierten eingeleitet haben unb den die Reichs­regierung notgedrungen hat aufnehmen müssen, ruft in Deutschland naturgemäß wieder die Erin­nerung wach an die bedenkliche und fruchtlose Methode der ersten Rachkrieasjahre. Ich glaube, daß bMer Konflikt feiner Lösung schon viel näher gebracht wäre, wenn die alliierten Regierungen das Verfahren, da- auf der Lon­doner Konferenz einen so s ichtbaren Erfolg ge­zeitigt hat. ein Vers ahren der vertrau­ensvollen Aussprache, auch jetzt ange­wandt hätten. Es läßt sich nicht verhehlen, daß in der im letzten Sommer angebahnten Entwicklung ein Rückschlag eingetreten ist, der die hüben und drüben begonnene Beruhigung der Geister wieder gefährdet. Das ist nicht nur im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse der allgemei­nen Weltpolitik tief zu bedauern. Die Alliierten beschuldigen Deutschland des Dertragsbru- ch e S und ziehen daraus Folgerungen von größter Tragweite.

Meine Damen und Herren! Ich muh immer wieder darauf Hinweisen, was es bedeutet, wenn man einen Vertragsbruch behauptet, wenn man damit Sanktionsmaßnahmen begründet, und wenn man es aber nicht einmal für not­wendig hält, dem betroffenen Lande durch 6 u b stantiierung der Beschuldigung die Möglichkeit der Verteidigung, wie auch die Möglichkeit einer sachlichen Ausein­andersetzung zu geben.

Gegenüber einem Land, mit dem die Alliierten vor wenigen Monaten wichtige Probleme am Verhandlungstisch gelost haben, mit dem sie auch seht gewisse andere Fragen auf dem allein rich­tigen Wege der sachlichen Verhandlung erörtern, nehmen die Alliierten in einer Frage von so vitaler politischer Bedeutung, wie es die Frage der Räumung der Kölner Zone ist, das Recht für sich in Anspruch, dieses selbe Land gleichsam vom Richtertisch auS wie einen Angeklagten zu behandeln, und ihn sogar nach gefälltem Urteils-

rantiepaktes, wie ihn Reichskanzler Cuno seinerzeit angeregt hatte, zu den Allen. Der in Genf erörterte Garantievertrag scheint auch erledigt zu sein. Die Rheingrenze will Herriot wie Poincars, nicht mehr und nicht minder, wenn er von der Sicherheit spricht, die kontinentale Weltmacht st ellung des im­perialistischen Frankreich meint auch der Demo­krat Herriot, toerrn er von der Sicherung des Weltfrieden- redet. Heber diese wahren Ziele des neuen PoincarismuS hat Herriots Rede völlige Klarheit geschaffen. Dem deutschen Volk bleibt nur ein Mittel der Abwehr, der einige, feste Wille zur Freiheit.

wieder zu unterminieren. Das amerikanische Echo Hingt noch weniger freundlich.

Das deutsche Volk ist über den kläglichen Umfall HerrivtS auf das schwerste enttäuscht. Es sieht, wie es wieder in grenzenlosem Heber- mut um den Preis seiner Opfer betrogen wird, es hat einen neuen Beweis, dah feine Er- füllungSpolitik eine Danaidenarbeit ist, daß auch das demokratische Franlleich nicht im entfernte­sten daran denkt, freiwillig seine gepanzerte Faust vom deutschen Rhein zu lassen. . Frankreichs An­wesenheit am Rhein ist die letzte Bürgschaft für seine Sicherheit," sagte Hemot unter dem tosenden Applaus der Deputierten. Damit wirft er auch den Plan eine- deutsch-französischen G a-

sprach noch in Unkenntnis der einzelnen Anklagen und deS DeweismaterialS zu halten.

Die vorgestrige Rede deS französischen Ministerpräsidenten, mit der er nach seinen eigenen Worten die öffentliche DiSkuffion der Abrustungsfrage beginnen will, verfucht aller­dings den gegen Deutschland erhobenen Vor­würfen etwas mehr Substanz zu geben, als die vagen Kapitelüberschriften in der ersten alliierten Rote eS taten. Herr Herriot macht unS Vorwürfe, daß wir durch Ausbildung von Zeitfreiwilligen Refervetruppen ge­schaffen hätten. Wenn man in Deutschland damals, als unsere innerpolitische Lage eine be­sonder- gefährliche Spannung zeigte, wirllich einige taufend Studenten für einige Wochen zu Uebungen herangezogen hat, wo- bedeutet da­für das Ausland angesichts der Tatsache, daß eS in ganz Deutschland moderne Kampf­mittel, die für die Kriegführung allein aus­schlaggebend sind, nicht mehr gibt? Was bedeutet cs, wenn nach der Entwaffnungsaktion von so riesenhaftem Ausmaß hier und da ge­ringe Bestände von altem Kriegsmaterial oder an überzähligen Au-rüstungSgegenständen gefunden wurden?

Sie brauchen, um da- Verhältnis zwischen un­seren Leistungen und etwaigen Rückständen zu erkennen, nur die Zahlen zu vergleichen, die Herr Herriot selber le feiner Rede anführt, wobei ich mich auf die Angaben der Zahlen, die ich noch nicht habe nachprüfen können, nicht festlegen möchte.

Der Herr französische Ministerpräsident sagt, daß mehr als 33 000 Kanonen, 23 000 Lafetten, 11 000 Minenwerfer, mehr als 412 Millionen Mtnenwerfergefchosse, mehr alS 87 000 Maschinen­gewehre. 4>o Millionen Gewehre, mehr alS 400 Millionen Kartuschen und ungefähr 10 Millionen Handgranaten zerstört worden seien. Dem gegenüber fallen doch die von ihm erwähnten Funde von 100 000 Etahlstäben für Gewehrläufe, 17 000 Stahlstäbe für Mafchinengewehriäufe, Pistolenläufe und 100 Werkzeugkasten wirklich nicht inS Gewicht. Kem ernsthafter Militär wird sich dazu verstehen, derartigen Dingen irgend­welche militärische Bedetung beizumessen. Ich kann Sie aber versichern, daß die Reich-regie- rung fest entschlossen ist. Verstöße in der Ent­waffnung. die ihr von den Alliierten nachge­wiesen werden oder sonst zu ihrer Kenntnis gelangen, zu beseitigen. Man gebe unS zu die­sem Zwecke endlich den Bericht, in dem die Kontrollkommission da- Ergebnis von mehr als 1800 Besuchen zusammengestellt hat. Wir werden den Rachweis erbringen, daß wirklich kein Anlaß vorliegt, diesen Sinzelfragen den Charakter eines internationalen Kon­fliktes zu geben.

Die verbündeten Amerikaner, so hat der französische Ministerpräsident vorgestern ausgeru­fen, sollen wissen, daß Frankreich nicht ruhig bleiben kann, solange von Deutschland dieses Waffengeklirr herüberschallt.

Meine Damen unb Herren! Ich bitte Sie um alles in der Welt.

wo Horen Sie In ®eufWanb ein solches Wafsengeklirr.

Es Hingt fast toie Hohn, wenn solche Worte über ein Land gesagt werden, in dem es keine staatlichen Rüstungsbetriebe gibt unb dessen geringfügige Tr.chpe weder schwere Artillerie, noch Flieger, noch TankS besitzt, dellen Festungen geschleift oder völlig unmodern sind und von dessen Gebiet man 55 000 Quadratkilometer einseitig zugunsten fein_r Rachbarn demilitarisierte. Ich frage Her­riot. ob er wirklich im Ernste der Ansicht ist, daß die von chm angeführten Einzelheiten auch nur im Entfernte st en als D e w e i s für die Bedrohung der Sicherheit Frankreichs angesehen werden könnten. Ich frage ihn, ob- er nicht vielmehr der Ansicht ist, die in der letzten Zeit von namhaften Organen der ausländischen, auch der französischen Presse zum Ausdruck gebracht wurde, der An­sicht. daß von irgendwelchen Angrifssmöglichketten in Deutschland überhaupt nicht die Rede sein kann. Er wird mir vielleicht erwidern, daß es weniger auf den sachlichen Umfang der bean­standeten einzelnen Entwo.jfnungsmängel. als auf den Geist ankomme, der sich in ihnen offenbare. Ich bin mit ihm eimg darüber, daß wichtiger als die Zahl der Waffen unb Munition die moralische Abrüstung ist.

Im übrigen wird aber die moralische Abrüstung In einem gesund empfindenden Dolle sicherlich nicht dadurch gefördert, dah es sich allein unter

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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sämtlich in Giehen.

Der alte Geist lebt noch.

OS Ist »och kein Iahr vergangen, seit in Lon­don bte alliierten Staatsmänner M a cd o na! d unb Herriot sich mit d« Deutschen als gletchbe- rechtiate Untertänbi* an einen Tisch setzten. Man wähnte. bk Zeit der Diktate, der wider­spruchslos binzunehmenden Ultimaten fei vor­über Man glaubte, auch tn London und ParrS hade endlich «ch zehn unerträglichen KnegS- jabren der Wille zur Derständ aung den Sreger- dbernrut überwunden, man wolle nun auch dort der Welt den Frieden Wiedergaben. Die Jahre-- wende mit den beiden RäumungSnoten der Alli­ierten hat die Optimisten aller Länder eine- anbtreit belehrt. Und Herriot- Kammerrede hat wohl jedem noch so großen Opportunisten den letzten Glauben daran genommen, daß auf der Gegenseite der ernsthafte Wille besteht, die zwi­schen unS liegenden Fragen auf dem Wege der Verhandlungen einer auch für Deutschland trag­baren und gerechten Lösung entgegen au fuhren.

2lIS e- galt, unseren Unterhändlern die Lasten des Dawe-plane- plausibel zu machen, al- der deutsche Reichstag sich entschloß, das Londoner Abkommen mit den ungeheuren Zu­mutungen, die jeder einzelne seiner Para­graphen an ein souvernäne- Volk stellte, mit den nach Ansicht vieler Sachverständiger für die deutsche Wirtschaft unerträglichen Lasten gut- zuheihen, damals redete man auch in London und Dari- von Verständigung und Frieden. Wir haben erfüllt, Monat für Monat bestätigte die Abrechnung des Reparationsagenten, dah wir pünktlich die fälligen Zahlungen leisteten, trotz­dem die Wirtschaft unter dem Steuerdruck fast zerbrach, trotzdem die Alliierten durch die schika­nöse Au-fuhrabgab- die erste Voraussetzung für fcic Erfüllung des Dawesplanes hintertrieben. Wir haben erfüllt, und nun, wo an den Ver­tragskontrahenten zum ersten Mal die Pflicht herantritt, feinerseit- den übernommenen Ver­pflichtungen gerecht zu werden, werden diese Verpflichtungen als Vergünstigung hingestellt; al- eine Gnade, deren wir unS noch nicht würdig erwiesen hätten.

Da- und nicht- andere- besagt kalt und nüchtern di« zweite K o l l e k t i v n o i e, die die alliierten Botschafter am Montag tn Berlin überreicht haben ES bletbt dabei. Köln wird entgegen den klaren Bestimmungen des Ver­sailler Vertrage- nicht aeräumt Die Begrün­dung machen sich die Herren höchst einfach Sie stellen wiederum, wie tn der ersten Rote, bte durch die vielfachen Wiederholungen nicht weniger lächerlich gewordene Behauptung auf. Deutschland sei feinen Sntwaffnungs- Verpflichtungen nicht nachgekommen ohne auch nur den Versuch zu machen, hierfür den leifesten Beweis zu erbringen. Rein, eS wird obendrein noch kategorifch erflärt, man fei nicht gewillt, sich tn irgendwelche Erörterun­gen darüber einzulaffen. Deutschland Hal allo das Diftat der Alliierten hinzunehmen und ge­fälligst zu warten, bi- es ihnen paßt, das Ma­terial Der Kontrollkommission bc(annriugebcn, mit dem sie ihren etlalanien Vertragsbruch zu bemänteln versuchen.

Di« ReichSregierung hat tn ihrer Ant­wort mit erfreulicher Promptheit die Rioder- lrächtiakeit gebrandmartt. die darin liegt, daß man Deutschland toieberum einer Richterfüllung

Vertrage« beschuldigt, ohne ihm die Mög­lichkeit zu geben, sich gegen die Beschuldigungen zu verteidigen. Mit aller EntschiÄ>onbeit stellt die Antwortnote fest, daß die Voraussetzungen für die Räumung der Kölner Zone erfüllt sind, daß die Räumung keineswegs ein Gnaden- aft der Alliierten sondern bindende- Ver- tragSrecht darstelle, auf dellen Erfüllung Deutschland besteht Die Alliierten scheinen eine Beantwortung dieser Rote nicht für nötig zu halten, in ihrer Presse werden täglich neue Lügenmärchen von dem kriegsbereiten Deutschland aufgetischt, aber die Bekanntgabe des amtlichen Berichts der Generalinsvektion wird in immer weitere Feme gerückt. Man hat es nicht eilig, weder tn London wo Chamberlain sich mit dem Verbleiben der britischen Truppen am Rhein als Sicherung der französischen Ruhrbesahung fich freie Hand im Orient erkauft hat, noch in Paris, wo Herriot die neue Demütigung Deutschlands brauchte, um seinen wankenden Mi- nistersessel zu ftütjen.

Herriot hat sich dann noch bemüßigt gesehen, feinen außenpolitischen Erfolg über England mit einer rednerischen Gloriole zu umgeben: seine Kammerrede hat ihm von der nationalen Opposition und der chauvinistischen PariserDoule- vardprelle die bewundernde Anerkennung ein­getragen, Poincare, der Herr und Meister, habe eS den verdammten Deutschen auch nicht besser Tagen können. In dem Konnnentar, das der Ministerpräsident seiner Rede folgen lieh, sagt er. die Rede habe dem Ausland zeigen wol­len. daß die französischen Demokraten ebenso gute Patrioten seien, als irgend jemand. Ia wenn Patriotismus schamlose Hetze bedeutet, die sich der albernsten Mittel bedient, um den Ver­tragsgegner zu verdächtigen und herabzusetzen, ohne den Beweis für das Gesagte anzutreten, ebne dem Angegriffenen die Möglichkeit einer Verteidigung zu geben, wenn das Patriotismus ist, dann war Herriots Rede allerdings wahrhaft patriotisch. Vielleicht ist bas auch wahrhaft demo­kratisch. wenn die stärkste Militärmacht der Welt durch den Mund ihres Staatsmannes erklärt, ste könne nicht in Frieden leben, solange sie Daffengeräusche in Deutschland vernehme? Da­ist keine Kriegspsychoie mehr, das ist Größen- tvahnsstm, nackter, brutaler Imperialismus!

Innenpolitisch hat denn Herriot ja auch das was er erreichen wollte. Das Palais

Bourbon hatte seinen großen Tag die Opposition des nationalen Blocks bereitete dem demokrati­schen Ministerpräsidenten stürmische Ovationen, die Kammer beschloß mit erdrückender Mehrheit den Anschlag der Rede: Herriots Thron ist ge­rettet

Außenpolitisch wird diese Saat bittere Früchte tragen. Die englische Presse, die sich tm allgemeinen die größte Zurückhaltung in der Kommentierung der Rede auf erlegt, bringt doch »mn Ausdruck, dah die herausfordernde Me­thode der Alliierten, wie sie sich in Herriots Rede widerspiegelt, geeignet ist. die »moralische Abrüstung" ad calendas graecas zu vertagen und den Boden einet Verständigung immer von neuem