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Montag, 50. November 1925
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberHeffen)
Nr. 280 Zweiter Blatt
Militärpolitifche Ueberficht.
f Von unserem K.-Mitarbeiter.
In allen europäischen Staaten Haben die Herbft- manöoer ihr Ende gefunden. Mit großen Lettern standen in den französischen Zeitungen dte Mano- vcrberichte aus Polen. .
Polen hat dieses Jahr auf zwei „Zlnegsicyau- planen" qcubt. Zunächst fand ein großes Kavallerie, manöver . im tzestungsdreieck Rubnow Rugnow, Luck statt, also in einer Gegend, wo russische Pa- trouillen der Bevölkerung zahlreiche höchst unwillkommene Besuche adzustatten pflegen. Die Polen wissen daß im Osten in den weiten Ebenen Rußlands die Kavallerie eine entscheidende Rolle spielen wird. Die polnische Reiterei hat sich in diesem Manöver auf einer hohen Ausbildungsstufe stehend und ihrer Aufgabe, der Fernaufklärung und Ergänzung der Luftaufklärung, völlig gewachsen gezeigt. Bedeutsamer war das 2. Manöver im ehemaligen Westpreußen. Es war zweifellos das Hauptmanöver, denn gewaltige Massen von Infanterie waren neben Tanks, schwerer Artillerie und Fliegern dort zusammengezogen. Das Ergebnis dieser Hebungen soll nicht so zufriedenstellend gewesen sein. Es ist ja auch klar, daß ein Land wie Polen die Führer für fein 50h000-Mann-Heer nicht in dem erforderlichen Maße in der kurzen Zeit seit Aufstellung der Armee gewinnen konnte. Noch immer spielen politische Gegensätze im Offizierskorps eine üble Rolle. Auch die überaus günstigen Beförderungsverhältnisse sind von nachteiliger Wirkung auf die Güte der Ossi- ziersausbildung. Ungeheuer find die Kosten dieser Armee, deren Größe in keinem Verhältnis zu der Bedeutung und der finanziellen Kraft des Landes steht. Je größer die Heeresausgaben, desto niedriger ist der Stand des Zloty. Die Waffen und Munition müssen noch größtenteils aus dem Auslande bezogen werden, da die eigene Kriegsindustrie noch wenig leistungsfähig ist, obwohl Kohlen, Eisen, Erze und Petroleum in großer Menge vorhanden ist. Die Ausgaben für die Armee betragen immer noch 50 Prozent des gesamten Haushaltes. Kein Wunder, daß Amerika und England keine Lust zeigen, der polnischen Staatskasse aufzuhelfen! Doch darf der Kampfwert der polnischen Armee auch nicht unterschätzt werden. Der einzelne polnische Soldat ist von einer unbegrenzten Vaterlandsliebe beseelt und in seinem fanatischen Haß gegen alles Fremde zu beachtenswerten Leistungen befähigt.
Tschitscherins Besuch in Warschau zum Trotz werden die nächsten polnischen Manöver wieder zum Teil an der russischen Grenze stattfinden müssen, denn Rußland wird nicht müde, sein Heer auszubauen und den Aufmarsch an seiner Westgrenze zu veroollkommen. Der neue russische Kriegsminister Frunse ist ein Mann von bedeutender Energie und großem Weitblick. Er ist es, der die allgemeine Wehrpflicht nun endgültig durchgeführt hat. Seine besondere Fürsorge gilt der technischen Vervollkommnung der Roten Armee. Den chemischen Kampfmitteln, den Kampfwagen und den Flugzeugen weist er eine entscheidende Rolle zu. Soweit die russische Industrie dazu in der Lage ist, ist |ie fieberhaft mit dem Bau dieser Kampfmittel beschäftigt, auch das Ausland soll mit Aufträgen reichlich versehen sein. Rußland ist auch die einzige Macht, die schon heute einen gassicheren Kampfwagen besitzt. In Asien hat Rußland nichts zu befürchten, es kann nur noch mehr gewinnen. Seine politischen Erfolge in China sind bekannt. Die Versöhnung mit Japan gibt ihm freie Hand gegenüber Europa. Kein Wunder, daß in diesem Sommer nicht weniger als 14 kriegsstarke Divisionen an Polens Grenze zu Manövern zufammengezogen waren! Der Kriegsminister Frunse wird allerdings noch viel zu tun haben, bis er feine Armee auf die Höhe gebracht hat. Noch immer fehlt es ihr an tüchtigen Unterführern, da auch jetzt noch die politische Gesinnung und die Abstammung aus Arbeiter- und' Bauernkreisen eine größere OtoUe spielt als die Höhe der Ausbildung bei dem Offizier. Beispielsweise besitzen in der Roten Armee nur 5 Proz. der Offiziere Hochschulbildung. Von den Führern bis zum Regimentskommandeur aufwärts entstammen etwa 80 Proz. Arbeiter- und Bauernkreisen, von den Divisionskommandeuren nicht ganz 50 Proz., von den höheren Führern immerhin 25 Proz. Ein derartiges Heer kann selbst bei modernster Ausstattung den hohen Anforderungen der neuzeitlichen Kriegführung nicht voll genügen, ganz abgesehen von den inneren Reibungen, die einem nicht von einheitlichem Geiste beseelten Offizierskorps innewohnen.
Warum die Tschechoslowaken in ihrem neulich vorgelegtem Staatshaushaltsooranschlag für
Wildgünse.
f Don Friedrich Schnack.
Sie tauchen am grauen Himmel der November- ebene auf, gegen die sich frierende und verachtete Buchenwälder schieben. Ihr zeterndes Schreien drang schon eine Weile weit her aus dem Nebel und kündigte ihr Reisegeschwader an.
Jetzt sind sie da. Wie ein dünner schwärzlicher Nauchfaden treibt ihre Flügelflotte unterm Wintergewölk. Ein Faden, leicht wie Spinnweb, der mit zwei Enden flattert. Das linke Stück ist länger als das rechte. Es ist ein schrSebendes, schwimmendes Dreieck, zwei dunkle, bewegte Striche, wie mit zartem Pinsel auf graue chinesische Seide gezogen.
Am Schnittpunkt der beiden Striche schießt der Führervogel durch die hohe winterliche Lust, seinen Gefährten voran. Sie kommen mit großer Geschwindigkeit gesegelt. Sie haben Eile, ihre Hälse sind langgestreckt, die Schnäbel stoßen vorwärts, immer vorwärts. Aufgeregt schlagen die Flügel.
Die ungeheure Reiselust jagt sie über die Länder. Sie folgen dem Lauf der Flüsse, den großen Wegzeichen ihrer Fahrt. Der Süden irgendwo tief dort unten in der Welt, reißt sie an sich. Ihre rasende Eile drückt Sehnsucht und Gier aus. Ihr dunkles Blut ahnt den Geist der südlichen Sonne.
Spitz wie ein Schiffsbug ist ihr Keil. Die flutende Nebelluft schäumt eisig an ihren schlanken, kräftigen Leibern dahim Unter ihren Schwingen pfeifen die Lungen der Winde, die bös gegen sie anfahren.
Die Dörfer schlafen in der Novembervergessen- heit. Die Berge kauern mißmutig,Jsbmübc an den Horizonten. Die Wege stehlen sich in die Winterverzweiflung fort. Niemand folgt ihnen. Niemand hält sie zurück vor ihrem traurigen Absturz in die öde Leere. Ein einsamer Baum erfriert.
Das Land ist erstarrt — der Schrei der Wild- ugän|e fliegt wie ein Trompetensignal des Abenteuers über die Berge und Dörfer. Die Vogelkarawane verläßt die Reiche der Dämmerung, der Nebelschwärze, der Todeskälte, die schon drohend hinter den Hügeln aufdunkelt. Sie überfliegen das Land, sie überqueren die Meere. Der Führer weiß den kürzesten Weg. Er lenkt ihre nördliche Schar.
das Jahr 1926 ihre Heeresausgaben um 120 Mil- lionen Kronen, also 6,6 Proz. erhöhen wollen, ist nicht einzusehen. Sie haben mit dem bisher für ihr Heer zur Verfügung gestellten Geld schon nichts Ordentliches zu Wege gebracht. Mit Geld allein ist eben ein Heer nicht zu organisieren. Auch die best- bezahlten französischen Generalstabsosfiziere können die Deutschen und Slowaken nicht heranholen zu den Fahnen des Staates, der sie täglich um ihre einfachsten Menschenrechte betrügt. Seit Jahren hetzt in der Tschechoslowakei eine Mobilmachung die andere, und immer ist es dasselbe Bild: Nur die fanatischen Tschechen sind zur Stelle, alle übrigen Völker dieses bunt zusammengewürfelten Landes glänzen durch Abwesenheit. Aus diesem Grunde hat man es in diesem Jahr auch nicht gewagt, größere Manöver zu veranstalten. Die Armee bietet auch noch ein zu
trauriges Bild, als daß sie sich den Augen der europäischen Öffentlichkeit zeigen dürfte.
Während Deutschland umringt von waffenstarrenden Völkern nur Herbstübungen im Rahmen von verstärkten Jnfanterieregimentern in feiner kleinen Reichswehr abhalten konnte, haben Frankreich und England recht großzügige Manöver veranstaltet.
Die französischen Herbstübungen in der Nähe von Reims waren insofern von besonderer Bedeutung, als sie der General Gourand, ein Mitglied des obersten .Kriegsrates, leitete. Zwei Jnfanleriedivi- Sonen und eine Kavalleriedivision hatte er neben bgaben aus verschiedenen Korps unter seinem Kommando: Starke Fliegerkampfkräfte und Aufklärungsabteilungen, bestehend aus Radfahrerkompagnien, Infanterie auf Lastkraftwagen, motorisierter Artillerie und Panzerwagen mit Raupenbetrieb, tarnen zum Einsatz. Nicht weniger als 17 polnische Generale hatten diesem Manöver angewohnt. Engländer sollen keine dabei gewesen fein! Ebensowenig wie Franzosen an den englischen Manövern teilgenommen haben.
Noch nie hat Großbritannien ein so bedeutendes Heeresmanöver gesehen, wie in diesem Jahre. Es ist ja bekannt, daß seit dem Kriege in England die Armee populär geworden ist und auch ■ ■ne i i । i iiii~i« ■ ■■■..... rar "reim n—r
Jm kleinen nebelfeuchten Dors wird der Strich der Wildgänse mit lautem Schreien begrüßt. Die Kinder der Bauern haben die seltsamen Wandervögel gesichtet. Sie rufen und winken.
Die Wildgänse zetern und trompeten. Die Dorfgänse heben die Schnäbel, sie hoben den Naturlaut ihrer wilden Geschwister vernommen. Sie lugen mit schräg gedrehten Köpfen empor. Unter dem bleigrauen Himmel rudern die Unbegreiflichen.
Im Nu sind sie verschwunden. Schon weht ihre dünne Fadenfahne überm Wald. Ihr Gezeter ertrinkt im Nebel. Man hört sie nicht mehr.
Aber die Dorfgänse stehen noch immer mitten auf der kalten Gasse verwundert und horchend. Sie sehen rührend aus: Hoffnungs- und Hilflosigkeit er- füllt sie. Sie haben vielleicht einen seltsamen Schauer empfunden, das Glück der Urwelt _flog hoch über ihren Köpfen durch den Raum. Der vchrei der Freiheit pochte an ihre gemästeten Brüste.
Einen Augenblick nur. Der Bann ist von ihnen genommen. Langsam schnatternd, sich gegenseitig beruhigend senken sie die Schnäbel in das trübe Rinnsal der vertrauten Gosse.
Königin Alexandras Fächersammlung.
Königin Alexandra von England, die schöne und elegante Gattin Eduards VII., die jetzt im hohen Alter gestorben ist, liebte kostbaren Schmuck und alle jene zarten Dinge, mit denen Frauen sich gerne schmücken. Sc» besaß sie wundervolle Juwelen, die zum großen Teil Geschenke waren. Die Hochzeitsgabe, die sie vom König von Dänemark erhalten, bestand allein in 200) Brillanten und 118 Perlen. Don der Königin Viktoria hatte sie ein Opaldiadem und andere wunderbare Schmucksachen aus Indien empfangen; die einzelnen englischen Städte überhäuften sie mit Juwelen, und auch die schönsten Spitzen nannte sie ihr Eigen. Ihre Spitzensammlung wird zu den kostbarsten der Welt gezählt und auf I mehrere Millionen Mark geschäht. Eine andere einz-gartige Sammlung, die sie ihr eigen nannte.
I besitzt auch hohen künstlerischen Wert. Es ist ihre
im öffentlichen Leben eine Rolle spielt, wie sonst nur bei ausgesprochenen Militärmächten. Durch große Filmvorführungen und militärische Schauspiele in einer riesigen Arena der großen Weltausstellung in Wembley wird dein englischen Volk und der ganzen Welt täglich die heldenhafte britische Armee vor Augen geführt. Tausende fingen dort die in den vielen Kolomalkämpfen und im Weltkriege entstandenen englischen Soldatenlieder mit. Diese Stimmung war der rechte Hintergrund für die Zusammenziehung fast des gesamten englischen Landhccres zu den diesjährigen Herbstübungen, bei denen zahl- reiche Freiwillige, besonders als Flieger und Kampfwagenführer mitgewirkt haben. Flieger und Kampfwagen standen im Mittelpunkt der Ucbimgen und nach Aussagen aller Sachverständigen haben sie erneut ihre Bedeutung erwiesen. Es sollen Kampf-
wagen zum Einsatz gekommen sein, die spielend jedes Hindernis — Sumpf, Flüsse, Trichtergelände — überwinden. Die Manöver haben bewiesen, daß Englands Heerestechnik neben derjenigen Amerikas die erste Stelle in der Welt einnimmt. Unermüdlich ist die Heeresleitung am Werke, durch vollendete Ausgestaltung des Materials und der Technik den Einsatz von Menschen zu verringern.
Daß Italien in dem allgemeinen Wettrüsten und in der Anspannung seiner militärischen Kräfte nicht zurücksteht, ist, solange Mussolini seine diktatorische Gewalt ousübt, ganz selbstverständlich. Mussolini hatte als Marineminister große Flottenmanöver im August in Szene gesetzt, und in ihnen die Ueberlegenheit der Bombenflugzeuge, U-Boote und der Motorschnellboote — eine italienische Spezialwaffe — über die Dreadnougths erwiesen. Alle Blätter waren voll Begeisterung über den glänzenden Verlauf dieses Unternehmens. — Die Heeresmanöver fanden Ende September in der Lombardei statt. Eine kriegsstarke Division trat dabei in einer probeweisen Neugliederung auf, die sich bewährt haben soll. Aufklärungs-, Bomben- und Infanterieflieger waren reichlich zugeteilt. Neue militärische Erkenntnisse wurden nicht gezeitigt, was ja auch bei der völlig unmilitärischen Veranlagung der Italiener von niemand iin Ernst erwartet werden konnte.
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Fächersammlung, die sie lange Zeit sorgfältig vor fremden Augen behütete und nur im intimsten Kreise ihrer Freunde zeigte. Die Sammlung ist in den letzten Fahren ausgestellt worden und wurde dadurch allgemeiner bekannt. Es sind gegen 300 Fächer, unter denen alle Länder und Zeiten vertreten sind und von denen manche außerordentliche Schönheit und kulturgeschichtliche Bedeutung besitzen. Vielleicht das interessanteste Stück ist ein kleiner Aokoko-Spihensächer. der der unglücklichen Königin Marie Antoinette von Frankreich ^gehörte. Königin Alexandra selbst lieble am meisten zwei Facher, die sie von der Königin Viktoria geerbt hatte. Es sind beides Arbeiten von höchstem Wert; den einen dieser Fächer trug die Königin im Fahre 1838 bei der ersten Hofcour, die sie nach ihrer Thronbesteigung abhielt. Den zweiten hielt sie in den Händen, als sie am Tage ihres diamantenen Fubiläums am 22. Funi 1897 unter dem stürmischen Fubel des Volkes durch die Straßen Londons fuhr. Da die Leidenschaft der Königin für Fächer allen ihren Verwandten bekannt war, so hat sie fast zu jedem Geburtstag oder Weihnachtsfest neue seltene Stucke für ihre Sammlung erhalten. Die meisten Souveräne Europas machten ihr einen Fächer ihres Landes zum Geschenk, und zu den Prunkstücken der Kollektion gehören Fächer, die sie von dem russischen Zaren, von den Herrschern von Spanien, Italien und Portugal erhalten.
Frankfurter Theater.
Gastspiel des Berliner Lessing-Theaters, O'Neill: „Eier unter Almen".
3m Neuen Theater gastiert das „Berliner Lessingtheater" mit Paul Wegener, Gerda Müller und Lothar Rewalk in O'Äeills „Gier unter Almen". Der Abend zerfiel in zwei Teile, nämlich in die etwas reißerische, aber unbedingt lebenswahre, realistisch packend gesteigerte Dramatik O'Äeills und in die Darstellung der Berliner. „Gier unter Almen", der Titel ist wie ein weiter, flatternder Mantel über eine ganz bestimmte Sache gehängt, denn was sich in der Farm unter den Almen gbspielt, ist fein? scher?
So übte sich im Zeitalter der Abrüstung und vier Wochen vor der Konferenz von Locarno ganz Europa im Waffenkampf.
Syrischer Küstenbu nmel.
Don Triest nach Konstantinopel.
(Von unserem A.W.K.-Äorrcfponöenten.) (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
III.*)
Beirut! Das ist die Stadt, die gegenwärtig an der Levante in aller Munde ist. Hier haben die Franzosen ihr syrisches Heerlager und von hier aus unternehmen sie immer und immer wieder die militärischen Vorstöße in das Land Hauran, das sich im vollen Aufruhr befindet. Kriegsrecht herrscht hier. Nur derjenige wird an Land gelassen, der einen dreimal gesiebten und geprüften Paß besitzt, und dennoch verfolgt ihn offenes Mißtrauen. Aeußerlich scheint sich die eingeborene Bevölkerung hier nicht um den im Djebel Druse entbrannten Kampf zu kümmern, sondern genau so eifrig wie immer ihren Geschäften mit billigen französischen Waren nachzugehen. Aber das ist doch wohl nur äußerlich, und diese zur Schau getragene Gleichgültigkeit rührt daher, daß die Franzosen ein geradezu raffiniertes Spionagesystem eingerichtet haben, dessen Spitzel hauptsächlich die von i'jiien neuangesiedelten Armenier darstellen. Gibt man sich einem der Eingeborenen, sei er nun selbst Druse oder sei er auch Araber, als Deutscher zu erkennen, dann hört man, wie die Dinge wirklich stehen, wie willkürlich und brutal Frankreich sein Mandat über die drei syrischen Staaten ausübt und wie, trotzdem immerfort neue Truppentransporte anlangen und trotzdem mehrere Kanonenboote im Hafen liegen, das Ansehen und die Macht Frankreichs sich ständig vermindern. Aber auch der ökonomische Einfluß. Ist es nicht bezeichnend genug, daß hier der französische Franken noch untoertiger gilt als in Frankreich selbst, und daß trotz des Valuta-Dumpings neben englischen Waren mehr und mehr deutsche Waren verlangt und eingeführt werden, trotzdem die französischen Behörden jedes Mittel der Schikane anwenden, um den Fmport zu hindern. Gewinnt der Aufstand an Ausdehnung — und das dürfte nur eine Frage von kurzer Zeit sein, da Damaskus schon von ihm ergriffen ist —, so werden die Hafenstädte Beirut, Tripolis und Alexandcette unter allen Amständen von den Franzosen gehalten werden können, aber die Eisenbahnlinien, die sie verbinden und die ins Innere des Landes sichren, sind schon heute gefährdet, und wenn diese zerstört oder in der Hand der Aufständischen sind, so hat es mit der Mandatsmacht Frankreichs über Syrien ein unrühmliches Ende. Dann ist der Libanon frei, der Libanon, der zwar keine Zedern mehr trägt, aber der von Menschen bewohnt wird, deren Knorrigkeit dem Holze dieses Baumes verwandt ist.
Tripolis ist ein träumendes Städtchen, dessen Besuch sich nicht lohnt, wenn der armenische Gauner für die kurze Bootsfahrt von der Aeede zum Land einen unverschämten Preis fordert. Auch Alexandrette verdient heute nicht mehr den Namen Klein-Alexandria. Es ist wie in einen Schlaf gesunken und der halbausgebaute Hafen braucht nicht sertiggestellt zu werden, Efa der Schiffsverkehr Fahr um Fahr zurückgeht. Schön liegt es da im Kranz der Berge, aber es ist ein Fiebernest und es bietet nichts, was zum Besuch reizte. Es ist immer noch vorwiegend von Türien bewohnt, allerdings vorwiegend christianisierten Türken, und die Türkei tann für den Anspruch auf diesen Hasen schon recht gewichtige Gründe anführen.
Fieberluft dumpf und schwül liegt auch über Mersina, der ersten türkischen Station, die unser Schift' berührt. Auch hier der Eindruck eines langsamen Fn-Schlai-Veriinkens: wenn auch das innere Leben der Stadt orientalisch bewegt ist. hier hat die Fra i die Hosen an und es macht ihr gar nichts aus, sich ohne Oberkleid zu zeigen. Gesichtskücher sieht man nur noch in vereinzelten Fällen, und ebenso verschwindet — auf Befehl der hohen Kemal-Regierung — der Fez mehr und mehr. Aber man sieht doch noch prächtige orientalische Gestalten in ihr. Da kommt
*) Vergl. G. A. Nr. 272 vom 20. Nov. und Nr. 274 vom 23. Nov.
umriffene, sich folgerichtig entwickelnde, menschliche Tragödie, vielmehr die Tragödie dreier Menschen. Der 76jährige Ephraim Cabot hat zum dritten Male geheiratet. Don der ersten Frau sind zwei Söhne da, die aber gleich zu Anfang nach Kalifornien verschwinden, Eben, der Sohn der zweiten Frau, fühlt sich als Erbe der Farm. Mit Haß empfängt er die junge Frau, die wiederum nicht anderes als die schöne Farm des alten Cabot im Auge hat. Nun beginnt die Sier wie ein Raubvogel aus den Zweigen der Almen über das Haus zu rauschen. Gier nach Geld und nach Liebe. Dem alten Cabot, der eifern und hart seine 100 Fahre leben will, wird der vierte Sohn geboren, der wahre Vater aber ist der junge Eben. Er schleudert es dem Vater ins Gesicht, dieser sagt, daß es die Frau um der Erbschaft willen getan hat. Die Frau ermordet das Kind, um Eben ihre Liebe tzu beweisen. Zum Schluß bleibt der Alte altem zurück .denn Eben, der die Frau durch den Sherrif abhvlen läßt, gibt sich als Mitschuldigen an, jedenfalls werden beide gehenkt. Soweit O'Neilks Theater. Die Darstellung durch Gerda Müller als Frau und Paul Wegener als Alten war prachtvoll und mitreißend. Die stärkste Gestalt des Stückes ist die Frau: in der Verkörperung Gerda Müllers wuchs sie weit über das Reißerische des Inhalts hinaus. Don Wegener gilt nicht ganz das gleiche, seine Rolle ist in einer gewissen Gebundenheit festgelegt, aber er durchbrach sie für Augenblicke mit aufbäumender Gestaltungskraft. Heber Lothar Rewalt bleibt nicht viel zu sagen übrig: er versuchte seinen Eden sinngemäß zu gestalten, verfiel aber dann und wann in zu stark aufgetragenes Toben. Berthold Viertels Regie ermöglichte mit einem Hause, dessen verschiebbare Dorderwände das Innere freilegten, daß mehrere ©eenen gleichzeitig spielten und so den Eindruck der Aufführung verstärkten.
Der Beifall des leider nicht zahlreich genug erschienenen Publikums war stark und herzlich und rief Gerda Muller und Paul Wegener wiederholt auf die Bühne. L, W,
Preisausschreiben zur Jubiläums- Ausgabe des Gießener Anzeigers.
Um zu erfahren, welche Anzeige in der Sondernummer unserer Leserschaft am eindrucksvollsten, somit also am wirksamsten erscheint, fordern wir unsere Bezieher erneut auf, uns unter Beifügung einer kurzen Begründung den Namen des Auftraggebers derjenigen Anzeige schriftlich mitzuteilen, die sie für die wirksamste halten.
Drei Anzeigen, auf die sich die höchste Stimmenzahl vereinigt, werden bekanntgegeben. Die drei treffendsten Begründungen für diese Wahl werden mit je einem Geldpreise bedacht in Höhe von
150 Mark
100 „
50 „
Die Aushändigung der Preise erfolgt rechtzeitig vor dem Weihnachtsfeste. DieEinsendungen müssen aufdemUmschlagdieVezeichnung „Preisausschreiben" tragen. In besonderem eingeschlossenen Umschlag sind Name, Stand und Wohnung anzugeben. Sämtliche Zuschriften sind bis zum 10. Dezember an die Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers zu richten.
Die Entscheidung über die besten Begründungen wird von Sachverständigen gemeinsam mit dem Verlag getroffen.
Verlag des Gießener Anzeigers.


