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Nr. 255 Erstes Blatt <d

|75. Jahrgang

Zrettag. 50. Gttober 1925

GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Der griechisch-bulgarische Konflikt.

Don unserem kr.-Berichterstatter.

Wien, 29. Oktober 1925.

Es war in den ersten Septembertagen des Jahres 1923, als bei Santi Quavanta die ita­lienische Mission zur Absteckung der griechisch-albanischen Grenze von unbekannten Staatsangehörigen überfallen und n i eber- gemacht wurde. Mussolini beschloß darauf ein befristetes Ultimatum an die griechische Regierung zu richten, da angenommen wurde, daß die Täter entweder griechische Staatsange­hörige seien, oder von den griechisch-nationalen Lokalorganisativnen gedungen wurden. Als inner­halb 48 Stunden die griechische Regierung nicht die im Ultimatum geforderte Genugtuung ge­leistet hatte, fuhr ein italienisches Geschwader gegen Korfu, beschoß das alte Kastell, dessen Kriegswert gleich Rull war, während italienische Landungstruppen die Insel besetzten. Hoch gingen damals die Wogen der Leidenschaft in ganz Griechenland ob dieses ungeheuerlichen Dor­gehens der Großmacht Italien gegen das schwä­chere, vom kleinasiatischen Mißerfolg noch uner­holte Griechenland. Einstimmig verurteilte die öffentliche Meinung der ganzen Welt diese bru­tale Art, sich durchSanktionen" jenes Recht zu holen, das in gemäßigterem Umfang vorgebracht, zu erfüllen nur recht und billig gewesen wäre.

Und heute? Genau dasselbe, was da­mals eine ungeheure Empörung in Griechenland vachgerufen hatte, wiederholt sich in einerDa- rlante", bei der das Sanktionen erduldende Bul­garien in seinem Kräfteverhältnis zu Grie­chenland nicht viel anders dasteht, als einst Griechen land gegenüber Italien. Rur der Anlaß war diesmal etwas geringer! Damals handelte es sich immerhin um einen Teil einer sakrosankten europäischen Mission, während dies­mal eS sich um die Folgen einer Grenzver­letzung handelt, die für jeden objektiven Beob­achter durch griechische Soldaten ver - -u r f a ch t erscheint.

Betrachtet man kurz den Tatbestand, so ergibt lich, daß bereits vor einigen Monaten stärkere griechische Kräfte an der thrazisch-bulgarischen Grenze zusammengezogen wurden, weil ein Grieche auf bulgarischem Grenzgebiet ermordet Worten war, wobei sich erst später herausstellte, Laß es sich hier um einen Akt persönlichen Strei- Irs handelte. Bereits damals rasselte sonach Griechenland mit dem Schwert. Es ist nun inter­essant, festzustellen, daß die damals zusammen­gezogenen Truppenverbände nunmehr beinahe drei Monate an den gleichen StellenManöver" ab- hielten und cs hierbei des öfteren zu Grenz- ^vischenfällen kam, weil griechische Soldaten wiederholt zu Terrainerkundigungen die Grenze Überschritten. So war es auch diesmal: nur gingen dabei die Gewehre los, und als am Folgenden Tag cs war der 20. Oktober eine gemischte Kommission den Tatbestand fre­uet nigen sollte, entstand an der Grenze ein Schar­mützel, worauf seitens der griechischen Regie­rung ohne viel Federlesens der Befehl erteilt Durde, daß eine ganze Division samt Artillerie rnd Hilfwaffen vorzubrechen habe, um als -Sanktion" das engebliche Komitatschi-Rest Vetritsch zu beseh en, das bereits 10 Kilo­meter von der Grenze entfernt ist.

Wie immer man sich nun zu dem Begriff verletzte Rationalehre" stellen mag, so scheint as doch nicht ganz angänglich, wegen eines an alten europäischen Grenzen immerhin möglichen Wrenzzwischenfalles ganz einfach zur Anwendung titon Waffengewalt zu schreiten. Denn die Zu- Uände, die sich durch die Korfu-Aktion Italiens, Durch das Ruhr-Verbrechen Frankreichs und durch Diesen neuesten Gewaltakt Griechenlands auf Pe» Lritsch im nachkriegszeitlichen Europa im Ramen titon Recht und Gerechtigkeit eingebürgert haben, gleichen doch allzusehr einem politischen Strauch- titnb Raubrittertum.

Forscht man in diesem Zusammenhang nach Sen Ursachen, so findet man vor allem, daß das überforsche Zugreifen Griechenlands kaum auf die Explosivn nationaler Leidenschaften zurückzuführen sstin dürste, sondern vielmehr von langer S»and vorbereitet, sonach der diesmalige Qrenzzwischenfall beabsichtigterweise von Grie­chenland herbeigeführt worden sein dürfte. Ganz abgesehen von den Konzentrationen von Truppen iii jener Gegend feit nunmehr drei Monaten tttucht die Frage auf, wie es möglich war, daß die Griechen innerhalb 24 Stunden eine ganze Di­vision mobilisieren, sie von den Garnisonen an Eie Grenze bringen und über die Beleschplanina fahren konnten, deren schwiertgeGebirgsteschaffen- tzeit jedem Fachmann bekannt ist. ©onad) kommt man, ohne Partei ergreifen zu wollen, zu dem recht eindeutigen Unter! uchnngsergebnis, daß Griechenland mit Absicht den Frieden brach, um verschiedenen Erwägungen seiner Po- l itlf Genugtuung zu tun.

Betrachtet man diese Erwägungen, so findet man vor allem deren innerpolitischen Grund- titert. Diktator Pangalos steht mit der Aus­übung seiner Diktatur keinesfalls auf besonders Barken Deinen. Um von den inneren Krisen abzu-- bmfen und der Armee, die ihn auf das Schild ge­hoben hatte, soldatische Beschäftigung und damit Ablenkung von der Innenpolitik zu geben, darum tourte ter Grenzzwischenfall derartig verbrei­tert und vertieft. Aber auch noch andere im gewissen Sinn außenpolitische Gründe sind maß­geblich. die den General Pangalos und seine ter-

malige Handlungsweise als denstarken Mann" erscheinen lassen sollen. General Pangalos hat bekanntlich das Ministerium Papanastasiu gestürzt, weil es angeblich die jugoslawi­schen Ansprüche in Griechisch-Mazedonien und Saloniki nicht genügend scharf zurückgewiesen hsrte. Dun ergibt sich für den regierenden QHi- nisterstürzer die Tatsache, daß die griechisch­jugoslawischen Differenzen auf dem Wege zu einem Kompromiß sich bestnden, das dem von Papanastasiu vorgeschlagenen Dergleich, dessentwillen er gestürzt wurde, so ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern. Die Stimmung in Griechenland ist daher nicht nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch geladenGrund genug, um das an technischen Hilfsmitteln wehr­lose Bulgarien zu überfallen und hierbei jene Lorbeeren zu pflücken, die den: griechischen Heer in Kleinasien seinerzeit versagt blieben, als es gegen einen gleichwertigen Gegner stand.

Wenn man auf diese Art das Vorgehen Griechenlands zu beurteilen gezwungen ist, so will das noch nicht besagen, daß Bulgarien ganz schuldlos dasteht: richtig ist, daß die Ko­rn i t a t s ch i g e f a h r an allen Ecken und Enden tatsächlich besteht, daß die bulgarische Regierung diese wohl vielleicht eindäntmen möchte, aber sie nicht eindämmen kann, weil sie in ihren schweren inneren Kämpfen mehr als gut und billig, von der Hilfe ter Komitatschiorganisation abhängig ist. Dies alles ist richtig, aber deswegen noch kein Grund, wegen eines am Balkan landläufigen Grenzzwischenfalles Artillerie und Panzerautos in Bewegung zu setzen, dieweil sich die übrige Welt bemüht, Schiedsgerichte auszubauen, die derlei Zwischenfälle auf dem Weg von Maß und Ziel beizulegen imstande wären. Wenn General Pangalos den Glauben hegt, daß nur der Weg nackter Gewalt befähigt fei, das Prestige Grie­chenlands wiederherzustellen und die tönernen Füße seines Ministerthrones zu stützen, so wird er vermutlich bald dort angelangt fein, wo Poin-

cate stand, als er im tiefen Frieden das Ruhr­land überfiel!

Der Beschluß des Dölkerbundsrats.

Die Uutersuchungskomiffion des Völkerbundes.

Paris, 29. Oft. ($11.) Auf der heutigen Vormittagssitzung nahm der Völkerbundsrat ein Telegramm der griechischen Regierung über den Rückzug der griechischen Truppen und den ersten Bericht ter nach dem Kampfgebiet entsandten Offizierskommission zur Kenntnis. Darnach voll­zieht sich ter griechische Rückzug in normalen Grenzen. Heute nachmittag tourte die Unter- suchungskommission ernannt. Der Vorsitz ist dem britischen Botschafter in Madrid Sir Horace R u m b o l d übertragen. Ferner gehören der Kommission an ein französischer und ein italieni­scher Offizier, ein Schwede und ein Holländer. Die Kommission wird am 6. Rovember in Genf zusammentreten. Der Bericht soll noch vor Ente Rovember fertiggestellt werten, damit er in ter Dezembersitzung des Dölkerdundrats besprochen werten kann. Die Kommission wird die Feststel­lung der Verantwortung für die griechisch­bulgarischen Grenzzwischenfälle zu bestimmen, ferner die Unterlagen zu liefern haben, um spater eventuelle Entschädigungen oder Repara­tionen festzusetzen. Sie wird Ende Rovember einen Bericht ausarbeiten, den ter Dölkerbundrat in seiner Dezembersession prüfen wird. Die Korn- mission soll auch über die Mittel Vorschläge machen, die sie für geeignet hält, um die all­gemeinen Ursachen für derartige Zwi­schenfälle z ubeschränken oder ganz verschwinden zu lassen. Die Kommission wird nicht nur an Ort und Stelle, sondern auch in Sofia und Athen Erhebungen anstellen.

Painlevss zweites Kabinett.

Die Ausschiffung Caillaux'. Die Haltung der Sozialisten.

Wesentliche Veränderungen weist das zweite Kabinett Painleve kaum auf: Herr Cai llaux ist ausgeschifft, fein Ministerium hat sich eine Teilung gefallen lassen müssen. Painlevh selbst erscheint in dem neuen Kabinett nicht mehr alsMinisterpräsident und Kriegsminister", sondern alsMinisterpräsident und Schah- meiste r". Dagegen ist dern früheren Unter- staatsfekretär im Finanzministerium Bonnet die Bearbeitung der Budgetfragen über­tragen Worten, auf der Ministerliste figuriert er als Budgetminister. Ob sich diese Arbeitsein­teilung als eine glückliche Lösung erweisen wird, bleibt abzuwarten, jedenfalls sieht es aber so aus, als ob Painleve doch nicht den Mut auf­gebracht hat, die gesamte Verantwortung für Frankreichs Finanzlage zu übernehmen. Das Kriegsministerium dagegen hat er D»la dier und das Justizministerium Chautemps über­tragen und damit die Basis des Kabinetts nach links hin gefestigt bzw. erweitert, sich also bemüht, den Umbau des Gesamtministeriums mit der verändertenpolitischen und parlamentari­schen Lage" in Uebereinftimmung zu bringen. Sonst weist das zweite Kabinett Painleves kaum nennenswerte Veränderungen auf, es mag nur noch darauf hingewiesen werden, daß Herr Steeg nicht wiedergekehrt ist und der Kultus­minister de M o n z i e, Caillaux erbitterter Gegner im verflossenen Kabinett, sein Porte­feuille getauscht hat. Herr Steeg hat schon vor einigen Tagen den unsicheren Posten des Iustiz- ministers mit dem des Generalresidenten in Ma­rokko vertauscht. Als Rachfolger Lyautheys ist Steeg soeben in Rabat, seiner marokkanischen Residenz, eingezogen.

Wie sich nun bas neue Kabinett bewähren wirb, läßt sich heute noch nicht sagen. Caillaux, einst ber Liebling ber Linken, ist geopfert worben, einer Z u - fammenarbeit mit benSozialisten steht also nichts mehr im Wege. Diese Zusammenarbeit bürste sehr halb in bie Erscheinung treten. Noch immer harrt bie Sanierungsoorlage ihrer Erledi­gung, ber bie Sozialisten ihre Zustimmung nicht geben wollten, wenn bie Kapitalabgabe unb bie Auf­hebung ber Steuerfreiheit ber Renten aus Staats­anleihen herausgelassen würben. Painleve konnte aber nach bem Ergebnis bes rabikalsozialistischen Parteitages noch nicht einmal mit ber Rechten Zu­sammengehen, wie er bas bei ber Erlebigung ber Steueroorlagen im Sommer dieses Jahres getan hat, unb auf bie Sozialisten verzichten. Die erste Ausgabe wirb also die Annahme ber Sanie­rungsvorlage sein. Im engsten Zusammen­hang damit steht natürlich bie Ausbalancie­rung bes Budgets, die auch Caillaux nicht gelang, unb auch wegen ber noch offenen Regelung ber Kriegsschuldenfrage nicht gelingen konnte. Er ging damals von ber richtigen Voraus­setzung aus, erst einmal bie Last ber Kriegsschulben vom Budget abzuwälzen unb bann an bie Herstel­lung bes Gleichgewichts im Staatshaushalt heran­zugehen. Diese Absicht würbe ihm burch die K r i c g s p o (i t i f Painleo 6 s in Marokko unb Syrien durchkreuzt, die den Etat mit neuen ungeheuren Ausgaben belastete, so daß Caillaux sich in Amerika einen Korb holte und nun bas Defizit burch Neuausgabe von Gelbzeichen decken mußte.

Wenn er frch gegen die Kapitalabgabe mit Händen und Füßen wehrte, so tat er das mit Rücksicht auf den Staatskredit Frank­reichs, für den er eine empfindliche Schädigung erwartete und darüber hinaus eine Förderung der privaten Spekulation, verbunden mit einer beschleunigten Inflation. Das wird auch die Klippe für das zweite Kabinett Painleve bleiben, um die es schwerlich herumkommen dürfte, wenn es den Sozialisten zu Gefallen die Kapitalabgabe zugestehen will, auf die sich diese nun einmal festgelegt haben. Caillaux aber wird nach der zu erwartenden Entwicklung binnen kurzem aus­reichend Gelegenheit haben, aus dem Senat heraus, in dem er einen Sih hat, und der übri­gens ganz seiner Meinung ist, an dem neuen finanzpolitischen Kurs Kritik zu üben, was Pain­leve wenig angenehm sein dürfte, da alles nun von ihm die Ordnung der Staatsfinanzen er­wartet.

Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts.

Paris, 29. Okl. (Wolff.) Die Verhandlungen Painlevös, die er heule nacht mit den führenden Persönlichkeiten aus Kammer und Senat geführt hat, haben fun vor 5 Uhr ihr Ende gesunden. Painleve hat oem Innenminister des Kabinetts herriot, Chautemps, einer der intimsten freunde herriots, das Finanzministerium ungebe­ten. Dieser erklärte jedoch, er könne kein anderes Portefeuille annehmen als das ber 3 u ft i 3, mit dem bekanntlich die vlzepräsidentschaft verbunden ist. Das hätte zu Schwierigkeiten geführt, wenn nicht de Hlonjie, um ihnen zu begegnen, erklärt hätte, er verzichte auf dieses Portefeuille, woraus Painleve ihm das der öffentlichen Arbeiten angeboten hat, welches er auch annahm. Das neue Kabinett Pain­leve seht sich also wie folgt zusammen:

Ministerpräsident und Ainanzminister: P a i n - t e 0 c.

Justiz: Chautemps (radikal). Auhenminislerium: Lriand (Soz. Rep.). Innenministerium: Schraneck (radikal). Krieg: Dalabier (radikal).

Marine: Borel (radikal).

Oessentliche Arbeiten: de M 0 n z ie (radikal). Unterricht: Detbos (radikal).

Landwirtschaft: 3ean Lurand (radikal. Kolonien: Leon Perrier (Senator, radikal), handel: Daniel Vincent (radikal).

Pensionen: Anterion (So;. Rep.).

Arbeitsminister: Duraf 0 ur (radikal).

Unter st aatssekretariate:

Befreite Gebiete: Schmidt.

Luftschifsahrt: Laurent L y n a s.

Technischer Unterricht: B e n a 3 e t. Handelsmarine: Daniel et llnterstaaatssekretariat beim Ministerpräsidium: Berthold (rat).).

Das Jinansmini ff erium wurde getrennt in ein Schahministerium, das Painleve leitet, und in Finanzministerium für B ubgeffragen, an dessen Spitze Unterftaatsfetretär Bonnet tritt.

Painleve hat heute mittag 12.30 Uhr dem Prä­sidenten der Republik, Doumergue, das

neugebildete Kabinett in dieser ZusamrnenseAmg vorgestellt und sich dann mit der Ausarbeitung der Regierungserklärung beschäftigt, wahrscheinlich wird das neue Kabinett morgen 3U- fammen treten.

Die parlamentarische Lage ist infolge der schwankenden Haltung der Sozialisten, von denen man nicht weiß, ob sie sich zu einer syste­matischen Stützungstaktik des neuen Kabinetts bereitfinden lassen, immer noch unübersichtlich. Die Entscheidung über die endgültige Stellung­nahme ist dem Rationalrat Vorbehalten, ter am Sonntag oder an einem ter nächsten Wochen­tage in Paris zusammentreten wird. Auf einen Antrag Renaudels hat die sozialistische Gruppe beschlossen, Painleve um eine Zu­sammenkunft zu bitten, die möglichst noch vor der Verlesung ter Regierungserklärung in Paris stattfinden soll. Eine erste Probe wird das Kabinett Painleve bei ter Abstimmung über die Zusahkredite für Marokko und Syrien zu bestehen haben. Cs fragt sich, ob die Rechtsparteien bei der Stellungnahmo hierzu diese Gelegenheit benutzen werden, um einen gewünschten Ausgleich mit der sozialistischen Gruppe herbeizuführen.

Das neue Kabinett wird von ter Mehrzahl der Presse recht kühl ausgenommen. Der Temps" schreibt, in dem Augenblick, in dem wir ein Ministerium der nationalen Einigkeit notwendig gehabt hatten, erhebt sich wieder ein Ministerium der kartellistischen Einig­keit. Sechs Monate einer Politik ter taten­losen Entspannung und bedingter Beschwichti­gung haben die Fähigkeiten einer theoretischen Einigkeit der Kartellisten, die inzwischen bemerkt hätten, wohin das Land und das Kartell durch die sozialistische Beherrschung geführt werte, verbraucht. Uefrrtgens sind es immer nvch die Sozialisten, die der Regierung ihre Politik aufzwingen, sich aber der R egie- rungsverantwortlichkeit entziehen.

DerJntransigeant" spricht schon von einem schlechten Debüt, da Painleve zuerst an die Tür Herriots geklopft habe, und zwar im Büßerhemd und.mit dem Strick um den Leib. Herriot sei der erste Würdenträger des Kartells der Linken, und das Kartell beherrkche die Republik. Könne ter Mann, ter unter solchen Bedingungen die Zügel der Regierung ergreife, darüber im Zweifel sein, was ihn erwarte c<

Selbst der radikaleParis Soir" überschreibt seinen Artikel: Warten wir die ministerielle Er­klärung afr! Wir werden die Regierung yach den Absichten, die sie zum Ausdruck bringt, und nach ihren Handlungen beurteilen, namentlich ater nach den Handlungen, denn diese sind es, die mehr zählen als Worte. Wenn das Kabinett einen starken Ruck nach links macht, wenn es das Steuer- und das soziale Programm der Radikalen und ter Sozialisten sich zu eigen macht, kann es leben: wenn es schwankt, wird es nur einige Tage am Ruder bleiben. Also warten wir afr.

Der Skandal von Damaskus.

Die Folgen der Beschiessung. - Ab­berufung Surrails.

London, 30. Oft. (WTB. Funkspruch.) Daily Rews" berichtet aus Jerusalem, Flücht­linge beschreiben Damaskus als eine tote Stadt, Die aussehe, als wenn eine Erdbeben­katastrophe sich ereignet hätte. Der Verkehr sei vollkommen eingestellt und die Stadt mache den Eindruck einer belagerten Festung. Rur ein Stadtteil sei verschont geblieben. Das Volk sei bestürzt und sehr erregt, das ganze Land sei empört.

Die französische Presse bespricht in erregten Artikeln die Lage in Syrien, die sich nach den letzten Berichten äußerst bedrohlich ge­staltet hat. Painlevtz habe gestern abend auf Befragen die Lage als äußerst ernst bezeichnet, habe ater aus dem einfachen Grunde nicht mehr sagen können «weil General Sarrail in seinem Berichte nur von der Witterung und den Lebensmittelpreisen spreche und in einem Rachsah von zwei Zeilen den Regierungs­chef auf die Zwischenfälle hintoeist, die von einer ungeheuerlichen Bedeutung seien. Selbstverständ­lich müsse Damaskus gegen Die Drusen vertei­digt werten.

Es fragt sich nur, ob die Drusen ohne die ab­scheulichen Maßnahmen des Generals Sarrail den Bormarsch auf Damaskus überhaupt angetreten hätten. Wäre es wirklich nötig gewesen, daß Frank­reich als Beauftragter des Völkerbun­des ganze von Europäern bewohnte Stadtviertel bombardierte und sich der Demütigung eines Protestschrittes des Konsularkorps aussetzte, der von dem deut­schen Konsul in seiner Eigenschaft als Doyen unternommen wurde. Der Skandal von Syrien dürfte nicht vom Standpunkt freundschaftlicher Rück­sichten oder parteipolitischer Erwägungen aus be­urteilt werden. Tatsache sei, daß General Sarrail so vorgehe, als ob er das Ansehen Frankreichs zugrunde richten wolle. Gestern hätte B r i a n d eine Stunde lang mit Painleve über die traurigen Vorgänge verhandelt. Der Außenminister sei besser als jeder andere in der Lage, den Schaden zu be­urteilen, den General Sarrail dem ftanzösischen Prestige in der Welt verursache.

Die erste Handlung des Kabinetts war der ein­stimmige Beschluß, den General Sarrail aus Syrien abzuberufen. Die Abberufungs­order wurde heute nachmittag nach Beirut tele­graphiert. Eine Kolonne unter dem Kommando des Generals G a m e l i n , bestehend aus drei Re­gimentern Infanterie, Kavallerie und Artillerie, die