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Dienstag, 5<J. Zuni 1925

Lietzener Anzeiger (i»enerai-4njeiger tut Gveryeyen-

Nr. 150 Drittes Blatt

Im heutigen Elsaß.

Der in den Dingen der Liebe so bewanderte Franzose sagt, man kehre unweigerlich nach allen Irrungen und Wirrungen zu seinen .Premiers amouti zurück. (Sc hat Recht. Man beginnt in der einstigen Westecke de« Reichs schon wieder nach den Rachftam zur Rechten zu schielen unt> ihm, wenn auch nicht Liebe, so doch Anerkennung zu zollen, während man den stürmisch umjubelten Freunden au« den Rovembertage von 1918 kritisch und ablehnend geaenübersteht. Jeder mit Geschichte und Politik nicht beschwerte Franzose, der in diesenbeau jardin", wie einst der Sonnen­könig das reich «segnete Elsaß nannte, ein­gewandert ist. sieht sich einer Mauer gegen­über. die ihm den Blick in die Seele dieses Volkes versperrt. ®r versteht den Elsässer nicht. .L'Alsace", er zuckt halb gelangweilt, halb ver­ächtlich die Achseln, »eine Sphinx, ein Rätsel!" Sr Bnnte auch von der klassischen Figur des Han« im Schnokeloch: .Und was er will, deS hett «r net", reden, von den wenig beliebten tetes carr6e6 in Pari«, ihrem unmöglichen Akzertt, ihrer Sigerrbrödelei: .Ich lüeg. wo« ich lüeg; ich redt. wo« ich redt." Mer meistens reichen seine Kenntnisse nicht so weit, und viel­leicht reizt es ihn nicht einmal, die Psyche dieses durch die Geschichte hin- und hergeworfenen Volles mi studieren. Da« Rennpferd steht ja im gesicherten ©taH; wozu sich noch über feine Herrn nfl ausregen? Damit ist da« Problem für sie abgetan. Die Einsichtigen öfter, die politisch unft wirtschaftlich Denkenden wissen, daß diesmal die Frage tiefer liegt unft nicht mit dem Spott- lieft auf den mit Gütern überhäuften und doch so unglücklichen Schnokeloch-Hans abgetan wer­den kann. Ihnen bedeutet das Elsaß nicht nur diewieftergewonnene Provinz", sondern eine sehr harte Ruß, die mit rauher, unverdau­licher Schale in dem schönen, süßen, farben­satten Fruchtkorb Frankreichs liegt, eine Ruß, die geknackt werden muß und um deren Besitz man sich nicht immer und unbedingt zu beglück­wünschen braucht.

Vieles trennte einstens den demokratischen, daseinssveuftigen Elsässer, dem eine Dänselefter. ein goDperlender. .wadedrechendec Rapp- schwhrer" mehr aalten als Titel und Orden, von dem preußischen Beamten. Schulrat, De- heimrat und seiner zugeknöpften, standessicheren Gattin, die die Zielscherbe seines Spottes waren. Mer mehr noch trennt den eigenwilligen, im Wahrsten Sinne des Wortes partikularistischen Elsässer von dem bi« ins Innerste .militaristi­schen" Frankreich, wenn man unter Militarismus die Zentralisation aller Strafte, daS völlige Auf- gehen de« Einzelnen im großen Ganzen unter Preisgabe der eigenen Wünsche und Neigungen versteht. Frankreich hat, ohne das Elsaß zu rechnen, 84 Departement«, aber nur ein Pari«. In diesem festgefügten Rahmen wird sich da« Elsaß niemals finden,' es denkt nicht daran, in einer allgemeinenmdre Patrie" aufzugehen. SS hat wohl und auch da« darf man in Deutschland nicht übersehen französische Sym­pathien! aber fein Ehaoakter ist eigenbrötlerisch, ist deutsch, und au« diesen grundsätzlichen Ver­schiedenheiten entstehen alle Kämpfe unft Rei­bungen.

Dinsten« hatte man in allen französischen Propagandablättern das Schlagwort geprägt: »L'Alsace Lorraine au, Alfacirns-Lorrains"; heute hat man da« Kind umgetauft; man nennt esRegionalisrnu«", und unter diefer Flagge sammeln sich alle Bekämpser der Zentrali- fation, die Bekenner der völkischen Eigenart, die sich auch in einer eigenen Verwaltung. Wirt­schaft, Gesetzgebung auSleben möchte. Die Mficht Frankreichs, auch im Elsaß das Qaiengefe6 durch­zuführen. die Religion au« dem Unterricht zu verbannen, hat auch die durch und durch fran­zösisch gesinnten Klerikalen in die Arme der Re- gionalisten getrieften, so daß auch sie Bekämvser dieser großen Walze geworden sind, die in dem einigen, auf Pari« blickenden Frankreich allo« zu einer spiegelglatten Fläche ebnet.

Man ist auch mit dem Schulunterricht unzufrieden, weil auch hier im Gegensatz zur analytischen Methode da« Zentraliscttivnsprinzip, der Gedankendrill, da« Schema für alle herrscht. Man arbeitet mit den besten Schülern, an diese

Fräulein Fob.

Roman von Ander« Gje.

8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Herr Fellips hielt cs nicht der Mühe wert, aut die Frage de« Mädchens Antwort zu gebsn, sondern begnügte sich mit einem Achselzucken. Es schien ihm, daß er schon genug geantwortet habe. Dafür zog er hastig den Tisch an sich, eines der hohen, likörgefüllten Dtengelgläser fiel um unft zerbrach. stieß den Stuhl zurück und erhob' sich heftig,

.Ich will bei Ihnen sitzen", sagte er kurz.

.Sie haben recht", sagte da« Mädchen ruhig und erhob sich gleichfalls. .Sie haben recht, und es ist zu dumm, daß wir nicht früher daran gedacht haben. Früher jetzt ist es wohl schon

Fräulein Lisa wiederholte daS Achselzucken des Dankdirektors

.Sie wollen doch nicht schon aufftrechen?"

.Gewiß will ich da« tun." Da« Mädchen nickte und lächelte. -Aber erst will ich Ihnen noch für den angenehmen Abend danken."

Fräulein Lisa« Lachen wollte ganz unschuldig sein, aber eS lag doch ein ziemlicher Spott darin, und Fellips merfte dieS deutlich. Er Pflegte sich damit zu brüsten, daß er eine Selbst­beherrschung besitze, die ihn niemals im Stiche lasse, aber jetzt schien sie ihn beinahe *u ver­lassen. Rur mit größter Anstrengung hielt er ein Schimpfwort zurück, daS er sah eS ein endgültig alle Wege zu dem ersehnten Ziel abgeschnitten hätte. -

ES wurde für einen Augenblick stille. Fellips betrachtete da« Mädchen mit zusammengepreßten Lippen, und sie wiederum sah ihn mit Augen an, deren Hellen Glanz auch die ärgste Racht- schwärmerei nicht trüben zu können schien. Sie stand dort und war rasend süß, und Fellip« dankte seinen Göttern, daß er feine üble Laune noch bezähmt hatte. Zum zehntenmale an diesem Abend sagte er sich, daß die Eroberung dieser Kleinen ganz besondere Vorsicht erfordere, und doch hatte er sich imme- topfte" gmn un­geschickt benommen.

wird der Maßstab gelegt, um allerbeste« Material au erzielen, und die Minderbegabten fallen zu Dutzenden durch und müssen die Klassen ver­doppeln. Da« bedeutet für die Eltern oft einen großen wirtschaftlichen Verlust, und man denkt an die Lehrer von anno dazumal, die sich auf den Einzelnen einstellten unft auch die Schwächeren milriffen.

Im Handel und in der Industrie kriti­siert man die veralteten Methoden her westlichen Rachbarn, diese« zähe Festhalten am Hergebrach­ten, an längst Ueberlebtcm, die Vorsicht, den Mangel an Großzügigkeit. Sie kaufen .ftix viöces!" (10 entrüstete Ausrufungszeichen) in den Fabriken, wo früher Bestellmtgen von Hun­derten von Stoffstücken einliefen. Das stürmische, von der Presse unterstützte Verlangen, auS Straß­burg einen Vaumwollhafen, den Endpunkt der offenen rheinischen Schiffahrt zu machen, wird wahrscheinlich ungehört verhallen und an den Widerständen von Le Hüvre und Marseille, alS älmladeplätzen für die amerikanische und ägyptische Baumwolle, scheitern, obwohl im Elsaß und dem nahen Lothringen vier Millionen Spindeln laufen.

Auch im Kunst- und Theaterleben hat man viel au vagen. Alles steht still. Wo sollen die elsässischen Maler ausstellen, an wen ihre Bll der verkaufen? In den großen Pariser Salons verschwinden ihre Rainen, und e« fällt keinem mehr ein, die elsässische Kunst auf Kosten der französischen zu protegieren; im kleinen elsässischen Kunsthaus in der Brandgafs4 aber ist zwischen überlebter Marketterie und übri­gen« sehr guten SufflenHeimer Töpfereien, kein Austaufch, keine wechselseitige Anregung, kein Flug ins Weit« möglich. So malt, zeichnet, modelliert man eben im engen Rahmen toeiter und kommt nicht voran. Richt anders geht es den Dichtern und Schriftstellern. Da« Deutsche ist noch immer verpönt. Deutsche Bücher werden gewissermaßen im Hinterhaus statt im Laden, Dort freilich in erstaunlicher Zahl verkauft. In welcher Sprach« sollen die Schriftsteller also au ihren elsässischen Lesern reden? Das Deutsche wird verboten, und franzöfiscbe Bücher finden wenig Absatz. Es bliebe noch daS Elsässische Deuffch, da« mit Rachdruck, in bewußter Oppo­sition gesprochen wird. Aber, wenn auch im Eden-Operetten-Theater Püppchen, die Dollar- prinzellin, die Zarin Katharina,saute be mieuf, ihr Elsässisch .bobble", so kann man sich nicht gut ein Werk über gotische Kirchen, Heiden­mauern, alte Druidenstätten im landläufigen Platt denken. Ebensowenig natürlich in der Oper den elfäsfferten Lohengrin oder Parsifal. So muß man im Elsaß einstweilen noch auf deutsche Kunst verzichten, und wenn sie einmal geboten wird, wie diesen Winter, als daS DaSler Stadttheater denDon Carlo«" undFaust" spielte, ist das Haus biS auf den letzten Platz auSverkauft.

Man hat in der Zeit nach 70 in Deutschland viel zu viel über daS »elsässische Problem" ge­grübelt und geschrieben und dadurch, daß man es al« bestehend betrachtete, der französischen Pro­paganda Vorschub geleistet. Die Franzosen finZ) klüger und leugnen diese« Problem einfach weg. Aber sie wissen wohl, daß dieses Elsaß für sie im Grund einen Fremdkörper bedeutet, der immer schwerer zu r-erbauen fein wird, und an dem sich jeder, der daS gottgesegnet« Land besitzt, die Zahne abbei^er. muß. P-m.

Recht und Justiz in Sowjet-Rußland.

Rach dem Zusammenbruch de« russischen Zarenreiches und Dem lieber gang der Macht an die Bolschewisten mußt« natürlicherweise auch die Justiz im sowjetistiscken Sinne neugestaltet werden. Hierbei wurde, wie hervorragende Sow­jet-Juristen tn ihren theoretischen Schriften be­tonen, das Prinzip der Gerechtigkeit bewußt ver­lassen und durch das Prinzip der Zweckmäßig­keit ersetzt. Einige gehen sogar so weit, daß sie auch den Begriff .Recht" durch einen .der Ideo­logie de« Proletariats näher liegenden" Begriff erseht sehen wollen. So beklagt sich ein nam­hafter Rechtsgelehrter bitter darüber, daß die neuen Kodizes auf der Grundlage der alten

Ratürlich waren ber Champagner die Schuld und die Liköre. Fellips begann ganz ruhig, wie ihm schien, mit Andeutungen davon zu sprechen, wie vorteilhaft es für ein armes und abhängiges Mädchen wäre, die Freundin eine« reichen Mannes zu sein, besonders, wenn dieser Mann nicht nur reich, sondern auch freigebig sei. Diese Andeutungen die ganz allgemein gehalten waren, hörte Das Mädchen mit ruhigem, etwa« zerstreuten Lächeln zu, sie nahm sogar für einige Augenblicke am äußersten Rand eine« Stuhle« Platz. Don diesen allgemeinen Betrach­tungen ging Fellips zu einer eingehenden Prü­fung der LeftenSurnstande und der Zukunfsaus- sichten de« Fräulein Lisa über. Diese Aussicht, bat ganze Leben Kellnerin zu sein, zwischen den Tischen und einigen halbbetrunkenen Herren­gesellschaften dahinzualtern. Zigarrenrauch und Frivolität zu atmen, in die stickige Luft eine« Kaffeehauses gesperrt zu sein, wenn man da« Meer liebte . . . lieber diesen gut ge­lungenen Kontrast nahm Herr Fellips' Phan­tasie einen Löwensprung, jetzt war er bereit, dem Champagner zu danken dafür, daß ihm diese Zukunftsbilder ferne Weiten und blaue Luft eingefallen waren.

Mitten hinein in diese verlockenden Schil­derungen gähnte Fräulein Lisa. Unft ft .um brach sie in Lacyen aus. nicht ein verlegenes oder entzückte« Lachen, wie man es von einem jungen, netten Servicrmädchen in Fräulein Lisas Situa­tion hätte erwarten können, sondern es war ein Gelächter deS Mutwillen«, so wie über eine lustige Anekdote oder eine tolle Kar kttur

Fellips unterbrach sie an diesem Abend ein zweitesmal. Lachte man über ihn so? Bor feinen Augen fiel plötzlich ein Regen von roten Sternen Hemieder, ohne ein Wort warf- er sich auf daS Mädchen, packte es bei den Armen und preßte ihren Kopf zurück.

Fellips hörte und sah nicht. Er hatte sie gegen die Wand gedrängt, im nächsten Augen­blick . . .

Im nächsten Augenblick fühlte er den Boden unter den Füßen wanken, einen Stoß, einen heftigen Schmerz unter dem rechten Ohr. und die roten Sterne verdichteten sich zu einem blau- viDfctten Vorhang der für ci-vge <5'fünften fein

.europäifch-bürgerlichen" Rechtsbegriffe beruhen, und daß. waS an ihnen wirklich neu ist, eigentlich sehr dürftig erfcheint.

Die Sowjetregierung hat in Rußland fol­gende Gerichte eingesetzt: 1. das Volksgerichl in der Person eine« Volker.chters ober emc« Rich­ters mit zwei Beisitzern, 2. ein höhere« Gericht in den DouvememeatSslädlen und 3. ein oberstes Gericht als Berufsinstanz. Die Volksrichter wer­den auf ein Jahr gewählt, können aber w eder gewählt werden. Die Staatsanwälte werde-,i Da­gegen von der Regierung ernannt. S.e gehören ausnahmslos der kommunist.schen Partei an und müssen ihr Amt im sogenanntenrevolutionären Sinn" ausüben. der für da« offizielle Rußland allein maßgebend ist; dasselbe gilt von den Richtern. Die Gerichtsverhandlungen sp.e'.en sich toftne die düstere Feierlichkeit ab. die für die Zaoenzeit bezeichnend war. Del den Verhand­lungen gibt da« anwesende Publikum sehr oft seinen Gefühlen höchst ungcn.ert Ausdruck. So rief vor kurzem bei der Verlesung des Urteil« am Schluß einer Moskauer Gerichtsverhandlung ein Zuhörer dem amtierenden Richter zu:Du bist ein Schuft!' Der Richter erwiderte in aller Seelenruhe: .Ach was. du bist selbst ein Schuft!" und fuhr dann ruhig fort. alS inäre nicht« ge­schehen.

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß da« Privateigentum im kommunistischen Rußland keineswegs oogdfre1. sondern wenn auch nur mit Einschränkungen aeseHlich geschützt wird. Der Zivilkodex bestimmt hierüber zunächst allge­mein,baft die Zivilrechte der Sowjetbürger in­sofern geschützt werden, als sie dem sozial-wirt- schaftlichem Sinn der Sowjetversassung nicht widersprechen". Der Grund und Boden, der in Rußland ja als Staatseigentum gilt, kommt al- Oftjekt des Privateechts allerdings nicht in Frage. Mit Abschaffung deS Privateigentums am Grund und Boden fiel auch die alte Einteilung des. Eigentums in bewegliches unft unbewegliches. Der Zivilkodex unterscheidet daher nur Staats­eigentum, kooperatives Eigentum unft Privat­eigentum. Alles Sanft, aller Wald, alle Eisen­bahnen unft alle Flugzeuge dürfen ausschließlich nur dem Staate gehören. Fabrikbetriebe mit be­grenzter Arbeiterzahl dagegen, sowie HandelS- unternehmungen, Maschinen, Delft, Wertpapiere, Schmuckfachen, Edelmetalle und Hautrat aller Art können auch im Privateigentum stehen. Ab­gesehen von diesen Beschränkungen enthält der Zivilkodex keine Bestimmungen, Die nicht in den bürgerlichen Sesetzbüchern anderer Staaten an­nähernd ebenso zu finden wären. Sr behandelt sämtliche Transaktionen de« Zivilrechtes, wie Darlehen, Verpfändung, Kauf und Miete. Sogar daS Wechselrecht ist ausführlich berücksichtigt.

Im Strafgesetzbuch wird der sowjetistische Standpunkt weit stärker betont, alt im Zivil- toftef. Da« Strafgesetzbuch hat den Zweck, »den Arbeiterstaat vor Verbrech«, zu schützen, wobei dieser Schutz durch Anwendung von Maßnahmen sozialen Selbstschutzes an den ilebertretem der revolutionären Rechtsordnung verwirklicht wird". Al« Verbrechen wird jede Tat bezeichnet, die die .Grundlagen de« Sowjetshstem« oder der Ordnung, die al« älebevgangSvrdnung zum tom- munisttschen System vom Sowjet-Staate dnge- führt ist,- bedroht". Die Strafen werden nach dem .sozialistischen Rechtsempfinden" verhängt. Bei Bestimmung de« Strafmaße« wird zu aller­erst geprüft, oft da« Verbrechen im Interesse der Wiederherstellung der Macht fte« Kapitalis­mus oder im eigenen Interesse des Täter« ver­übt worden ist. Im übrigen soll jede Strafe so ftemeffen werden, daß ihr Zweck. Der Schutz fte« Staate« unft der Gesellschaften voll erreicht wird. Darüber ftinau« aber sollen dem Verbrecher ferne überflüssigen Leiden zugefügt werden.

Die Strafen sind: Ausweisung au» Rußland, Zwangsarbeit, Einzelhaft, Beschlagnahme be» (Eigentums, Geldbuße, öffentlicher'Tadel. Auf schwe­rere politische Verbrechen undBanbitiemus4 steftt bie Tobesstrafe burch Erschießen. Für einfachen Die6- stahl ist Einzelhaft bi» zu sech, Monaten verwirkt, für Einbruchsbiebstahl Einzelhaft bis zu zwei Jahren. Morb wirb mit Einzelhaft bi» zu höchstens ackt Jahren bestraft. Die Abtreibung al» solche ist nicht strafbar, boch wird die Unterbrechung der Schwan­gerschaft, die von einer nichtärztlichen Person herbei­geführt ist, mit Gefängnis bis zu einem Jahre be-

Bewußtsein verhüllte. Als Fallip« sich dann auf zitternden Knien zu erheben versuchte, sah er den Rücken eine« Herrn, der auf der anderen Sette de« ZimrnerS stand unft damit beschäftigt war, Fräulein Lisa tn den Mantel zu helfen.

Gehen Die nur ruhig die Treppe hinab, Fräulein", sagte dieser Herr.Riemanft soll Ihnen ein Haar krümmen. Dafür bürge ich Ihnen."

Rachdem bie Tür sich hinter dein Mädchen wieder geschlossen hatte, machte der ungebetene Gast eine korrekte militärische Kehrteuchwendung und trat dicht vor bie Augen deS Herrn Fellip«, dem e« mit äußerster Kraftanwendung gelungen war, fein Taschentuch au« der linken Manschette zu ziehen. Erst in diesem Augenblick entdeckte Horaee Milltorp, wer der andere war. Wäre die Situation nicht so verflucht melodramisch ge­wesen, hätte er in schallendes Gelächter au«- brechen müssen, über sich selbst unft über den Herrn Bankdirektor, am meisten aber über sich selbst. Den Plan, seine RettungStat mit einer nächtlichen Moralpauke zu beschließen, gab Mill- trop aber auf. Sr begnügte sich mit einem ein­zigen Wort, aber dafür wurde eS um so aus­drucksvoller:

Lümmel!"

Dann ging er den gleichen Weg zurück, den er gekommen war zwischen einem zerrissenen, mit Silberborten geschmückten Vorhang und einem erbrochenen ZürfmgeL-----

Vom Savoh bi« zum Imperial waren eS kaum zehn Minuten für einen, der zu Fuß ging und Eile hatte. Fräulein Lisa brauchte diese Rächt knapp sieben Minuten.

Auf der Rückseite des Imperial-Gebäudes, die auf ein Seitengäßchen hinausging, gab es zwei Eingänge, einen für die Lieferanten von Bier, Eis und Mineralwasser, und einen schmäle­ren mit der Aufschrift: Für die Bedienung. Herr FellipS hätte große Augen gemacht, wenn er gesehen hätte, wie schnell unft re'olut Fräulein Lisa diese« Seitengäßchen passierte unft dem großen EingangStor zueilte. daS noch im hellsten Licht erstrahlte. Das Mädchen hatte kaum den Fuß auf die erste Stufe des teppichbelegten Ein­ganges gesetzt,' als die Türe aufgerissen wurde unft der Portier herbeieilte, ein Bild der Dienst­

ftraft. Die Ucbertragung einer Geschlechtskrankheit ist mit Gefängnis bis zu drei fahren bedroht. Straffrei fmb bagegen nach dem neuen russischen Strafgesetzbuch sowohl homojerueUe als auch sonstige widernatürliche Gcschlechtsbeziehungen.

Wie man sicht, sind bie Strafen in Rußland im Vergleich zu den Strafen anderer Länder ziem- lidj milde. Trotzdem ist sestgestellt worben, daß bie Zahl der Verbrechen in Sowset-Rußlanb mit jedem Jahr bedeutend abnimmt. Die größte Zahl der Ver­brechen entfällt auf Amtsübertretunaen undSthic- bungen" aller Art. Bemerkenswert ist, daß das Auf­treten von Massenmördern, bas in letzter Zeit in vielen anderen Ländern ausfallend häufig ist, in Sowjet-Rußlanb seit geraumer Zeit überhaupt nicht norgetommen ist. Typen wie Landru in Frank­reich, Haarmann, Angerstein und viele andere in Deutschland blieben dem nachrevolulionären Nuß- land erspart, da» Dafür allerdings die blutige Periode des politischen Terrors und Bürgerkrieges hatte.

Selten finb bemgcmäß in Rußlanb auch Sen- fationsprozeffe im europäisch-amerikanischen Sinn. Immerhin finb einige schon geführt worben. Großes Aufsehen erregte erst vor kurzem In Moskau ein Morbprozeß, in ben bie ganze Familie eines an­gesehenen Kleinbürgers verwickelt war. Der Fa- milienoater, ein nach russischen Begriffen wohl- habenber Mann, unterhielt em Verhältnis mit einer Witwe, für bie er große Ausgaben machte. Bei einem Familienrat wurde nun in aller Form be­schloßen, ihn zu beseitigen und das Familiengut zu retten. Die Kaltblütigkeit, mit der der Mordplan ausgefühtt wurde, erregte allgemeine Entrüstung und Teilnahme. Ein Eifersuchtsdrama, bei dem ein Student, der aus gebildeten Kreisen stammte, fei­nen Nebenbuhler erschoß, wurde dagegen gar nicht beachtet, denn Eifersucht gilt nach den heutigen russischen Derhältnisien als lächerlich und eines Sowjetbürgers unwürdig. Die Preße bezeichnete ben Fall alstvpisch-burgerlich" unb vertrat in allem Em ft bie Auffassung, baß ber Täter eine be- fonbers schwere Strafe verbient habe, nicht etwa weil er genwrbet, sonbem weil er sich an romantische Liebe»geschichtchen verzettelt unb bamit bewiesen hat, baß er ein echterBourgeois" ist. Der Bour- gois aber rangiert in Sowjet-Nußlanb bekannt­lich «eit, weit hinter bem ärgsten Verbrecher.

Vertretertag des V.C., Berendes der Tnrtierschaften nuf deutschen Hochschulen.

Der 52. Vertretertag ber deutschen Hvchschul- turnerschasten sanft in Jena unter fter Leitung fter Vorsitzenden TurnerschaftSaalla" statt.

Zu Beginn der Tagung wurde dem Reichs­präsidenten v. Hindenburg, ber Ehrenmit­glied der deutschen Hochschulturnerschasten ist, ehrerbietigste Grüße gesandt. Sodann gab der V. C. seiner Vaterländischen Grundeinstellung da- baburch lebhaften Ausdruck, baß er ber Iahr- tausenbfeier fte« Rhein'anftes gedachte. Auf An­trag Dermaniae, Bonn, wurde folgendes, unter großem Beifall angenommene Telegramm abge- scmdt:Der V. C., Berband der Turnerschoflen auf deutschen Hochschulen, gedenkt zu Beginn seiner diesjährigen Tagung der Iahrtansendseier der Z>rgehörtgkeit der Rhetnlande zum Deutschen Reiche. Getreu seinen Grundsätzen, emzutreten für ein großes, einiges Deutschland alter Deut­schen, will der V. C. auch weiterhin Mitarbeiten an ber Erziehung feiner Mitglieder und unsere« Volkes zur Zusammenfassung aller Kräfte in der Hoffnung, bald wieder ein freie« Deutschland ohne Schranken zwischen besetztem und undefetz- tem Gebiet zu haben."

Es wurden neu ausgenommen: die Turner- schaftenAlt-Württemberg", Stuttgart,Gottin- aia , Döttingen, unft die neue gegründete Turner- fchaftDeutschritter", Danzig. Letztere war vom V. C. zur Stärkung und zur Pflege be« Deutsch­tums im Osten, zur Förderung der körverli^n Ertüchtigung und Wehrhaftmachung des deutschen Volke« ins Leben gerufen. Endgültig ausge­nommen wurden: die TumerschaftenFriberici- ana, Leipzig,Askania", Berlin, undRor- mannla", Döttingen. Wieder aufgetan wurde burch V. L.-Burschen die lange Jahre suspen­dierte ,TurnerschastPalatta", Erlangen.

Die weiteren DerpandluTrsen des Ver­tretertages fterüftrten die Stellung deS V. C. zur

bereitschast, bie golbftestickte Mühe tief herab- gezogen.

Guten Abend", grüßte bas Mädchen, so munter und ungeniert, alS oft es erst acht abends wäre.

Die Kellnerschaft stand stramm. Habt Acht.

Seine Exzellenz erwartet bas Fräulein un Blauen Salon", meldete der Portier.

Ein so neugieriges altes Mastodont", flü­sterte bas Mädchen und trat in den Fahrstuhl.

III.

Der kleine Scherz der Exzellenz.

An Fräulein Gabbh Dulcroff.

c/o Wr. D. I. Tyronal

Londonderrh.

Geliebter Mitverbrecheri

Wa« sagte ich, alS wir unS im Herbst bei diesem ekelhaften Schiff verabschiedeten, das Dich in bie Vereinigten Königreiche brachte? Erinnerst Du Dich noch, Gabbh? Ich wiederholte, daß bas Abenteuer vom sechsten Juli noch nicht ab­geschlossen war mit Papas großen lebenden Vil- dern, dem halb entzückten, halb verlegenen Ap­plaus des Publlkums und den Trinksprüchen ber beiden jungen Damen, in Wein des Jahrganges 1909 ausgebracht, da die Herren schon allen Champagner ausgetrunlen hatten Du erklärtest Dich außerstande zu begreifen, was noch für Komplikationen kommen sollten, seitdem die In­trige enthüllt wurde, und Papa mußte lachen, aber ich halte meine Ahnungen. ÜnD jetzt haben sie sich bewahrheitet, Gabbh.

Erinnerst Du Dich noch, wie alles gekommen trat! Oder hast Du fte3 Tennischampions von Londonderrh wegen alles vergessen? Run denn, ich werde Dein Gedächtnis auffrifchen. Staunst Du über meines, so will ich Dir sagen, daß Papa und ich aus eine n bestimmten Anlaß die fraglichen Ereignisse der vergangenen Rächt kollationiert haben.

Die Geschichte begann also mit dem draht­losen Telegramm an Bord der Jacht. Dos plumpste mitten in den Lunch hinein, und Papa Filemon war recht unwillig, weil er nicht ge­stört fein will, wenn er bei feinem Mosel sitzt.

(Fortsetzung folgt.) >