Nr. 125 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger IGeneral-Anzeiger für Gdertzejjenj
Der politische Sommer.
Don Staatsminifter von Loebell. Präsident des Reichsbürgerrats.
Nachdem auch der kleine politische Zwischenfall, der bei der Beratung des deutsch-spanischen Handelsvertrages hätte entstehen können, gnädig an uns vorübergegangen ist. bietet äußerlich die politische Xiaflc ein Bild der Ruhe und Ordnung. 21n eine politische Krise denkt nach der Wahl Hindenburgs -um Reichspräsidenten niemand mehr. Man ist wohl auch bei der Sozialdemokratie davon überzeugt, daß weder die Zollvorlage noch die Ent- scheidungen über die Auswertung oder die Steuer- Vorlage zu einer politischen Ärife führen könnten. Trotzdem ist unsere politische Lage relativ ernst, und es können im Laufe des Sommer» zwar nicht von der inneren, wohl aber von der äußeren Politik her die ernstesten Krisen entstehen.
Seit der Bildung des englischen konservativen Kabinetts steht die große europäische Politik vor der Frage, ob die von Chamberlain erstrebte enge Entente zwischen Frankreich, Bel- gien und England zustande kommt. Es würde mit dem Abschluß eines solchen Bündnisses, das zeitweise sicher auch in Pari» sehr ernst gefördert wurde, der latente Gegensatz zwischen England und Frankreich beseitigt gewesen sein, der zwar niemals mit einer für uns irgendwie günstigen Wirkung, aber doch immer in entscheidendem Maße die europäische Politik seit dem Tage beeinflußt hat, wo England das von Frankreich in Versailles erstrebte Militärbündnis verweigerte, und Frankreich die von England erwartete Schuldentilgung nicht einleitete. Inzwischen haben sich nun zwar die Dinge so entwickelt, daß Chamberlain in London weder ein Militärbündnis mit Frankreich, noch überhaupt einen inneren Zusammenschluß hat durchsetzen können. Man schwankt in London zwischen einer Politik, die möglichst ein Gleichgewicht zwi- schen Deutschland und Frankreich, aber auf der BaftL französischer militäri- scher Macht und deutscher wirtschaftlicher Arbeit wieder herstellen soll, oder einer Politik, in der sich England, das nach dem Wort eines Diplomaten am stärksten den wirklichen Frieden nötig hat, vollständig von den europäischen Fragen isoliert und sich nur mit der Wieder- Herstellung der Ordnung im englischen Weltreich be- sck)äftigte.
Die Zurückdärnrnuna Chamberlainscher Pläne ist sicher zum Teil durch den deutschen Vorschlag des Sicherheitspaktes erreicht worden. Denn dieser Vorschlag bot für England die Möglichkeit, dem von ihm erstrebten Gleichgewicht in einer Form Ausdruck zu geben, bei der auch Englandprak- t > s ch b e t e i l i g t war. Aber so gut der Vorschlag des Sicherheit-Paktes gewesen sein mag, als er im Februar bekannt wurde, so gefährlich können die Wirkungen heute sein, nachdem man in Paris nicht ungeschickt operiert und uns damit wieder aus der Vinic der entscheidenden Handlungen heraus- gebracht. Der Vorschlag des Ächerheitspakies veranlaßte Paris zunächst, die kleinen östlichen Staaten und später auch Italien über Wien zur Agitation für einen östlichen und süd- lichen Sicherheitspakt aufzureizen. Damit war schon eine Diskussion über den Sicherheitspakt angeregt, die den öcutfdicn Vorschlägen nicht günstig sein konnte. Weiter begann man in Puris sofort wieder mit stärkerer Hervorhebung der Entwaffn ungsfrage. Man verzögerte dann aber absichtlich die Antwort auf die Entwaffnungs- frage, die Antwort in der Räumungsfrage und die Antwort auf den Sicherhcitsvorschlag. Dadurch zwana man London, mit seiner Energie für den deutschen Sicherheitsoorschlag zurückzuhalten, und heute hat man in Paris eine Situation erreicht in der London zwar in der Presse die Schuld am Scheitern des Sicherheitspaktes Frankreich zuschiebt, praktisch aber nichts für uns tut, vielmehr der Gedanke der Isolierung erheblich an Raum gewinnt. Paris hat aber in dieser Situation noch die Möglich- feit, uns erhebliche E n t w a f f n u n g s f o r d e - r ungen zu stellen, ohne daß England dagegen Einspruch erhebt, uns in der Räumungssrage einen Äompromi ß vorzuschlagen, der noch so schlecht fein kann, ohne daß England sich für uns bemühen wird. Wenn nicht alles täuscht, werden wir vielleicht in vier Wochen die Entwaffnungsnolc und die Räumungsnote in der Hand haben, während man den Sicherheitsvorschlag still begraben wird.
Dann flcfj£ Deutschland vor sehr schweren und entscheidenden Fragen. Eine nochmalige Abrüstungsforderung onuehmen, heißt: Der Entente abermals das Recht zur beliebigen Ausdehnung des Vertrages von Verfaille s zuzuge-
stehen. Einer nochmaligen Hinausschiebung der Räu- mung der ersten rheinischen Zone zuzusiimmen. heißt: die letzten Sicherungen, die der Vertrag von Versailles uns schließlich noch läßt, preisgeben. Wenn der Vorschlag dec Sicher- heitsvaktes eine Entlastung Deutschlands im diplomatischen Kampf um die Entwasinungssorderungen der Entente und um unser Recht auf Räumung bringen soll.-, dann ist diese Möglichkeit heute schon ausgeschlossen. Wir stehen wahrscheinlich in wenigen Wochen vor der gleichen schwierigen po- litischen Situation, die wir dreimal
ausziehen. Wenn Frankreich bis zum 16. August ehrlich die Verpflichtung der Räumung des Ruhr- gebietes einhalten will, ist eine äußerliche Berichte- bung der politischen Krisen um cm halbes Jahr möglich. Setzt Driand. der schon einmal eine ähnliche Andeutung gemacht haben muß. auch wenn nachträglich das übliche Dementi erfolgte, nicht einmal die Räumung des Ruhrgebietes durch, dann stehen wir vor der fchwersten außen politi- schen K a t a st r o p h e , das hat auch kürzlich der Außenminister Dr. Stresemann bekanntlich schon angedeutet.
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nacheinander erlebt haben, als es sich darum handelte, unerfüllbare Reparationssorderun- gen der Entente zurückzuweisen.
Man muß sich heute allen Ernstes wieder daran erinnern, daß der Grundgedanke der sranzösi- schen Politik darin besteht. Deurtschland durch unerfüllbare, äußerlich auf dem Vertrag von Versailles aufgebaute Forderungen immer wieder moralisch oor der Welt ins Unrecht zu setzen und damit V e r st ö ß e gegen den Vertrag von Versailles und militärische Maßnahmen gegen Deutschland am Rhein zu rechtfertigen. Das ist jahrelang der Kern der französischen Reparationspolitik gewesen, wobei England, besonders bei der Besetzung des Ruhrgebietes, juristisch immer uns recht gegeben, praktisch immer durch Zurückhaltung Frankreich unterstützt hat. Als dieses politische Geschäft mit der Reparations- Politik nicht mehr zu betreiben war. weil Frankreich allmählich die Unterstützung der wirtschaftlich eingestellten Kreise der Welt verlor, stimmte Frankreich den Londoner Vereinbarungen und dem Dawes- gutachten zu. Es zog auch in gewissem Umfange bic politische Konsequenz aus der wirtschaftlichen Vereinbarung, indem cs wenigstens die Räumung des Ruhrgebietes bis zum lOluguft zusagte. Die französische Diplomatie hat aber in London genau gewußt, daß sie zunächst auf dem Gebiete der Ent- waffnung genau die gleiche politische Taktik wieder entfalten könnnte, die mit den Londoner Dereinbaningen auf dem Gebiete der Reparationspolitik beendet war. Und es scheint, daß die französische Diplomatie zunächst recht behält.
Der kommende Sommer wird also mit recht ernsten politischen Kämpfen crsül't sein. Ware der Termin des 16. August nicht, so würde man vielleicht in Frankreich, da man selbst große Sorgen hat. die eigentliche Entscheidung bisindenHerbsthin-
Es ist nicht schwer, aus dieser Situation die innerpolitischen Folgen zu ziehen. Ge schlosse- ner Widerstand des deutschen Volkes gegen eine abermalige französische Bedrückungs- Politik ist selbstverständliche Voraussetzung icder außenpolitischen Aktion Deutschlands in den nächsten Monaten. Das Programm, mit dem Hindenburg sein hohes Amt angetreten hat: S e l b ft - adjtung im Innern und Gleichberechtigung nach außen, darf nicht durch parteipolitische Manöver, die sich hier und da schon wieder bemerkbar machen, zunichte gemacht werden. Das ist die einzige Forderung, die bas deutsche Volk an seine Politiker vor dem ernsten politischen Sommer zu stellen hat. Gibt es in unserer außenpolitischen Lage noch die Möglichkeit eines Erfolges, dann nur im Zeichen Hindenburgs.
Sine nachdenkliche Statistik.
Seit Jahrzehnten kämpft die französische Vation mit allen Mitteln gegen die stetig zunehmende Verringerung de« Geburtenüberschusses. sie scheut sich nicht, selbst farbige Elemente in sich aufzunehmen, um durch Zuführung f.ischen VluteS dem allmählichen Ab- sterben Einhalt zu tun. Dennoch sinkt d e Geburtenziffer ständig, noch ein .Krieg wie der letzte, und das französische Volk ist für immer erledigt.
Wie steht cS aber nun mit Deutschland? Vicht viel besser. Der Verla iler Vertrag und die Inflation haben der Volksgesundheit einen so heftigen Stoß versetzt, daß namentlich in den G.-oß lädten der GeburtmäbersHuß ähnlich wie in Frankreich in den letzten Jahren unaufhaltsam zurückgegangen ist. Die Situation ist außerordentlich b^enklich, wenn a.cht
Sind sie da--?
Von I. o. Dülow.
Es gibt Dinge, an denen ich zu zweifeln be- Sinne. Das eine ist der ©aurifanfar, und das andere er Nordpol.
Zunächst, ob sie da sind. Ob sie nicht barer Schwindel find. Um sie. um ihre Beziehungen ist ein so lautes, so langes Geschrei erhoben worden, daß die Annahme immerhin gerechtfertigt erscheint, es gäbe sie überhaupt nicht, gäbe sie nur, um ihren Managern recht viel Geld zu bringen. Sie sind wie Romanfiguren. Man schildert sie mit glühender Liebe, man gewinnt die Herzen von Millionen Lesern für sie, man gibt an, von ihnen alles zu wissen, vorn ersten Hosenknopf bis ,|um letzten Haupthaar, nnb doch sind sie nickt da. Sie werden verglauvlicht durch den Film, sie scheinen fast greifbar, aber nie- wand kann sie fassen. Auf der weißen Leinwand vor- getäuscht, verschwinden sie mit dem Erlöschen des Lichtes. Sie fmd nur ein Ergebnis der glänzenden Reklame.
es nicht mit den beiden Erdgrößen ebenso gehen. Werden sie nicht vielleicht verschwinden, wenn man sie wirklich faßt, verschwinden, wie alle Jiober, die sich um ihre Eroberung bemühten?
Wie, wenn nun wirklich einer auf den Gipfel des Daurisankars gelangt? Zunächst wird er versuchen, zu verschnaufen, das kann er aber nur, wenn ihm der cauerftofi vorher nicht ausgegangen, wenn der Luftdruck noch stark genug ist. um das Blut in die Hülle Jer Haut zuruckzupreffen. Dann wird er sich einmal rechts, einmal nach links umschauen, einen Stein auf unen andren türmen, wenn es schön Wetter ist, einen -abelhaften Rundblick „genießen-, und wenn er, wie vabrscheinlich. in Wolken steckt, ihn später dennoch schildern und dann so schnell wie möglich in tiefere Legionen verschwinden, um wieder aufatmen zu können.
Und wenn Arnundsen, der durch seine Reklame Äber den beabsichtigten Rordpolflug mindestens drei
mal so bekannt ist. wie er durch die Erreichung seines Zieles je hätte werden können, dorthin gelangt ist. was wird er erlebt habenAuf irgendeine Schnee- wüste wird er sich hinstellen, ein paar Instrumente aufbauen und nun am Stande der Sonne ermeffen, ob er wirklich am Nordpol ankam oder ob er ein Stückchen nach vorn oder nach hinten zu rutschen hat. Der Nordpol ist ja, mathematisch gesprochen, em Punkt, noch nicht so groß wie ein Stccknnde'kopk. tHegt vielleicht auf dem Grunde eines abgrundtiefen Meeres ober auf der Spitze eines Eisberges.
Cook hatte zwar früher behauptet, ihn ge- funben zu Haden. Man hat es ihm geglaubt, bis ein anderer ihn widerlegte. Vielleicht hat er es sogar selbst geglaubt. Wir wissen, daß der Nordpol wandert. Vielleicht hat er gerade in der letzten Woche, in der Arnundsen nicht nackgemessen. eine kleine -^eise angetreten, und er setzt sich vertrauensvoll auf einen «SdjrteefloB, der einmal Nordpol war, aber bies eisige Präsidium längst an einen andern abtrat.
Vielleicht ist es praktischer, die Straße fest- zustellen, auf der der Nordpol wandert, und sich einfach hinzufetzen und zu warten, bis er ankommt, ben Hut zieht, unb sagt: „Hier bin ich, können Sie mich als Reklamechef gebrauchen?"
SRarum hat noch niemand ernstlich versucht, den Mond zu entdecken? Ich vermute, weil er so sicher da ist, daß man nicht an ihm zweifeln kann.
Am nördlichen Punkt der Wett und am höchsten Serge der Erde zweifle ich zwar nicht, wohl aber, baß sie gerade da sind, wo man sie sucht.
N
Der Lambrechter Ne.srbork nrtb der Türkheimer Käskönrg.
Mit ben Pfingstfest waren in alter Zeit manchmal gewisse Abgaben verbunden, unb bid’ Rechtssitten leben noch heute in zwei Pfingst- bräuchen der Psal^ fort, dem La.nbrcchter Derß- bock unb dem KaSkönia von Dürkheim. Die Lambrechter muhten sich durch die feierliche Dar
bringung eines Deihbockes alljährlich da« Recht der Weide in bestimmten Gebieten des Deidct- beimer Walde« auf- neue sichern, unb noch heute wirb der Oeleiter bet Docke« in Deibel- heim mit Käsebrot unb Dein bewirtet unb i er Vock die HauptfehrnSwü r d i gke: t be# Tage-, wird zwischen 5 46 und 6 Uhr avendS unter lebhafter Beteiligung von alt unb jung versteigert. 190-6 feierte man in Lambrecht bas Svbjähriae -Jubiläum btefer Sendung beS historischen Geiß- bockes. den der jünqfk Lambrechter Dürg.r, noch ehe die Sonne de« Pfingstdienstags aufgegangen ist, in bie Mauern be« Weins rohen DeidcSheim bereirbringen muß. Kaiser Ruprecht bestätigte schon im Jahre 1401 bie Lieferung als ,altcS Herkommen", so daß die Sitte bereits weit über ein halbes Jahrtausend alt sein muß.
Interessant ist eS. daß Vapoleon I. un- term 26. November 1808 im Feldlager in Spanien dem Vertrag durch eigenhändige Unt*r- schrift aufs neue Geltung verliey. 1851 wollten die Deidesheimer den Vock nicht annehmen, wer! er zu spät eintraf und auch nicht „bic vorschriftsmäßige Körperbeschaffenheit" auf weise — er muß nämlich .wohlaehörnt und wohl imstande" fein. Die Lambrechter aber, bi? ihre Weiberechte zu verlieren fürchten, prozessierten deswegen sieben volle Jahre beim Zweibrücker AppellationSgericht, daS 1858 au ihren Gunsten entschied, doch mußten alle Döcke seit 1851 nach- geliefert worden. Jetzt nimmt man daS Eintreffen deS gehörnten Gaste« nicht mehr so streng: er kann auch nach Ctonnenaufgar.a und sogar im Eisenbahnwagen anlangen, viel.eicht kommt er nächstens im Auto.
Der Lambrechter Deißbock ist von Pfälzer Dichtern oft gefeiert worden, ja sogar zum Mittelpunkt etnw * breiartigen Lustspiels von Schaufert .6 in Kuh jur rechten Ze i t" gemacht worden, lieber dem Großen Waslrr
^anisiag, 5ä iiiüi (925
| bald ein starker Arm für bessere Dohn- Verhältnisse, für eine Rückwanderung aus da- Land unb energisch? Bekämpfung aller Volksseuchen sorgt, to.rbcn in einem Jahrzehnt bie zwanzig Mtlliorei fehlen, die 1918 nach Elenikneeaus Worten zuviel waren Durch ben Versailler Vertrag ist jedoch b.i» d.uifche Volk in eine Kampfstellung g g.nübci feinen
lei ig 6er ®ebii verlangt, damit wir dereinst, wenn es gilt, die ilavische Flut auszuhalten, auch über ausreichende Kräfte verfügen Regierung unb Parlament sollten eS sich angelegen sein lassen, mehr denn ;c ihr Augenmerk der DevölkerunyS- Politik zuzuwenden, damit wir vor einem äbn- lichcn Schicksa» bewahrt bleiben, wie es der französischen Ration droht.
Augenpolitische Umschau.
Don Professor Dr. O. Hoetzsch, M. d. R.
Allmählich wirkt daS Hin unb Her der Roten zwischen London unb Paris oder vielmehr die Vorbereitung bet Roten zwischen diesen beiden Kabinetten einigermaßen lächerlich. DaS Blatt der englischen Arbeiterpartei spricht auch schon von dem .Trauerzeremoniell für dm sterbenden Eicherheittpakt". Man hat daS Gefühl, als würden diese Derhandlungen in Paris absichtlich in die Länge gezogen und in London nur noch mit halber Kraft geführt.
Vier Monate fast sind vergangen, seitdem die deutschen .Anregungen" Chamberlain weiter- halfen, nicht» ist seitdem zustande gekommen. Diese Lage ist so für die englische Politik, insonderheit für den englischen Außenminister, immer kläglicher und deprimierender geworden. Vriand sagt nichts, fährt nicht nach London, sondern bereitet die Antworten an Deutschland vor. 3n ihnen will er so allmählich den Sinn der englischen Vorschläge ins Gegenteil verwandeln. Er will nämlich aus einem Pakt zu drei oder fünf gleichberechtigten Mächten ein Protokoll machen, das den Versailler Vertrag zugunsten Frankreichs weiter auslegt. Er will bet der Gelegenheit auch noch den Artikel 80 des Versailler Vertrages, der von dem Verbote des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland handelt, gleichfalls zu« aunsten Frankreichs verschärfen. Er ist sicher, bah er bei einer solchen Politik doch ziemlich die Mehrheit seine« Dolle« hinter sich hat. und darauf kommt es doch recht an, wenn aus inneren ®rün- btn da« Kabinett Painlevs in diesen Wochen in Erschütterung geraten sollte.
Die Kammer in Paris ist am 25 Mai in Pari« wieder zusammengetreten. Man sieht deutlich, wie man sich bemüht, daS Kartell der Linken zusammenzuhallen, und wie doch die GegensäNlich- f eit en darin zutage treten. Das läßt sich vielleicht noch in der inneren Politik überbrücken. Aus die Dauer wird es in der marokkanischen Frage nicht gehen, die sich allmählich zu einer immer größeren Gefahr für Frankreich aus wächst. Man ist doch in einem regelrechten Kriege. Abd el Krim führt diesen Krieg nicht als einen Kampf von Danden. sondern mit guter Ausrüstung und auf ein wohlüberlegtes Ziel .nämlich die große Bahnlinie von Fez nach Algier zu erreichen und au durchstoßen. In jedem Fall ist das ein Kampf. Der lange dauert, von Frankreich Opfer fordert und alle möglichen Schwierigkeiten in sfch tragen kann.
Zugleich entfacht er tm Innern die Auseinandersetzung um bic Kolonialpolitik. Es liegt nahe genug, da jetzt Spanien über Marokko zurückgeht, für Frankreich in der kolonialen Sx- pansion weiterzugehen, deren Absichten schon 1904 und 1905 klar waren. Aber das will die Linke in Frankreich selbst nicht, unb das paßt außerdem nicht in eine Politik der Sparsamkeit und de« 5rieben«, die man braucht. So liegt nahe genug, daß die Ableitung aus diesen Schwierigkeiten bann gegen Deutschland gesucht wird und Driand. wogegen er im Innern selber wohl auch nicht viel hat, in die Dahn des reinen R.chts- kurse« In der Außenpolitik zurückleitet.
DerechtigteS Aussehen hat die große Rede Mussolini- vor seinem Senat am 20. Mai gemacht. Seit langen Jahren war da« wieder einmal eine außenpolitische Kundgebung eine« Landes, da« vollständig von inneren Ausein- andrrfehungen lahmgslegt war. Diese Kund- geb-ing war bnnerkenSwert scharf, sagen wir es ?Irid> mit einem Wort, gegen Deutsch- a n b. unb sie lieh bie Möglichkeit einer Orientierung Italiens nach Frankreich hin ahnen, zum mindesten deutete sie dergleichen für ba«
bat ein Deutschamerikaner, der Pfälzer Lorenz Rohr zu EvanSville In Indiana ein „Lied vom Lambrechter Dock" in Pfälzer Mundart gedichtet, da« heute in Lambrecht heimisch geworden ist.
Während der Drauch vom Lambrechter Deißbock noch heute lebendig ist, ist ein anderer Pfälzer Pfingst-Rechtsbrauch erloschen. Es ist dies der Einzug des ..Käskönigs" in Dürkheim. der einen Zins, zum allergrößten 'Stil in Käse bestehend, nach Dod Dürkheim brachte, um damit verschiedenen Dörfern die D^ide- berechtigrng im ehemaligen Dürkheimer Bruch flu sichern Dieser Einzug war mit einem Grenz u m r i 11 verbunden. Aus den Dürger- föhnen Dürkheims würbe einer zum König gewählt, dem ein Marschall zur Dodienung bei- gegt&en war. Dieser begab sich jährlich, Pfingstmontags früh, in Begleitung von zwni Aechtern und einem starken berittenen Gefolge in bie zum Weidegang berechtigten Dörfer unb Höfe, um ben Zins für bie Gerecht tarne in Empfang zu nehmen, unb well der größte Teil desselben in Käte bestand, wurde er der Käskönig genannt. War der Umritt vollendet und bie Gaben gesammelt, so hielt der König nachmittags feinen Einzug in bie Stadt, mit einer Krone von blauen Kornblumen geziert und einem auf einem Stab befestigten, gefrönten Käse als Zepter in der Hand Aus dem oberen Markt erwartete ihn eine aus den Jungfrauen Dürkheims gewählte Königin, sowie auch den Marschall eine Gefährtin unb nachdem bie Dürgerwache einrn Kreis geschlossen tanzten b* Le Paare nach den Tönen ter Musik. Gal'cmd umwogte die Menge bat Schauspiel, bi« bann endlich der ganz« Schwarm in baZ auf 3 Tage von allen Abgaben befreite Wirtshaus, das Königreich genannt, zum Zechen, Schmausen und Tanzen zog.


