eine Menge wertvoller Akten geraubt und verbrannt. Während des Feldzuges 1866 sah die Stadt große Truppendurchzüge der Württemberger und Hessen in der Richtung nach Fulda. Zur Zeit des Feldzuges 1870/71 war im Burgschloß ein Lazarett mit 70 Betten eingerichtet. Nach dem siegreichen Feldzüge, der (Einigung der deutschen Stämme, des raschen wirtschaftlichen Aufschwungs des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts, folgte auch für Lauterbach eine Zelt gedeihlicher Entwicklung und Aufblühens. Die Besserung des Verkehrswesens belebte Handel und Gewerbe. An Stelle der seit 1826 bestehenden Fahr- post trat die Eisenbahn. 1869/70 wurde die ober- hessische Bahn gebaut und 1901 die Vogelsbergbahn Lauterbach—Stockheim eröffnet, die jetzt bis Frankfurt durchgeführt ist.
Lauterbach war seit der Einführung der Re- f o r m a t i o n eine fast durchweg evangelische Stadt. Mit der immer größer werdenden Freizügigkeit kamen auch Andersgläubige hierher und wurden seßhaft. So bildete sich mit der Zeit eine katholische Gemeinde und eine jüdische Religionsgemeinde. Die erstere baute sich im Jahre 1905 eine Kapelle und erhielt in 1925 einen eigenen Pfarrer. Die jüdische Gemeinde erbaute 1908 ihre Syna- goge.
Die Einführung der Reformation verdankt Lauterbach und das ehemalige Riedeselsche Land Hermann Riedesel zu Eisenbach. Sie erfolgte schon im Jahre 1527. lieber die Einführung der neuen Lehre im Riedcselschen Gebiete schreibt sein Sohn Hermann, „daß Hermann Riedesel zu Eysenbach, Erbmarschall in Hessen und Statthalter an der Lahn, die evangelische Religion in das Riedeselsche Gebiet gebracht und fortgepflanzt habe und daß sein Bruder Theodorus Riedesel zu Eysenbach mit ihm in Uneinigkeit gelebt habe, darum daß sie nicht einer Religion, denn er katholisch, sein Bruder Hermann aber, der Statthalter, lutherisch gewesen." Aus einem noch vorhandenen, im Jahre 1532 an Johann Riedesel gerichteten Briefe geht hervor, daß Luther selber mit der Familie Riedesel in naher persönlicher Beziehung gestanden hat. Es hat von Fulda aus nicht an Versuchen gefehlt, den alten Glauben wieder einzuführen. Sie waren vergeblich. Lauterbach blieb, wie seine Landesherren, evangelisch. Die jetzige Stadtkirche, die an der Stelle der alten gotischen Kirche steht, in der einst der Pfarrer Hackenberg die erste evangelische Predigt hielt, ist in den Jahren 1763 bis 1764 in reinem Barockstil erbaut worden. Sie gehört wohl mit zu den schönsten Kirchen im Hessen- lande und macht nach ihrer kunstverständigen Wiederherstellung im Jahre 1906 auf den Besucher einen unvergeßlichen Eindruck. Von ihrem Turm erklingen des Sonntags und bei einem Sterbefall die Choräle der Stadtkapelle über die Stadt. Ein Danklied erschallt, wenn ein Gewitter gnädig über die Fluren dahingezogen ist. Hier wird nach alter schöner Sitte am Christabend „das Christkindchen gewiegt".
Etwa aus derselben Zeit wie die Kirche stammt das „H o h h a u s", das sich in Riedelelschem Besitze befindet. Die akten Gasten und Gäßchen mit ihren Winkeln, ihren Giebelhäusern, den alten Inschriften und geschnitzten Haustüren reden von alter Vergangenheit, aber auch von einem kunst- verständigen, geschickten Handwerk, das hier bodenständig war. Wohl sind Zweige davon noch heute vorhanden. Aber die Maschine, Dampf und Elektrizität haben auch hier zerstörend gewirkt. Weit de- rühmt und geschätzt waren die Arbeiten der Lauter- bacher Messerschmiede und Töpfer, gesucht die Erzeugnisse der Weder. Diese letzteren brachten ihre Waren weithin. In Frankfurt a. M. besaßen sie ein eigenes Haus, das ihnen als Warenniederlage diente. Sie pflogen lebhafte Handelsbeziehungen mit Hamburger Kaufleuten und Bürgern. So kam es auck, daß die Ham- burger zum Bau der Stadtkirche einige hundert Taler „Bauunterstützung" sandten. Wachstuch« sobrikation, Lohgerberei und Färberei wurden betrieben. Die beiden ersten Zweige sind ganz ein- gegangen. Musiker, Glaser und Schreiner, Schlosser und Schmiede standen wegen ihrer gediegenen und geschickten Arbeit weithin in gutem Rufe.
Neben der Ausbildung zu tüchtigen Handwerkern und Geschäftsleuten, wozu in neuerer Zett die kaufmännische Schule, die Hand- werter- und Webschule dienten, wurde auch jederzeit Wert gelegt auf die geistige Ausbildung des Heranwachsenden Geschlechtes. Eine wichtige, überaus segensreiche Einrichtung war die „lateinische Schul e", von der aus nicht nur Schäler auf's Gymnasium gingen, sondern selbst Universitäten besuchten. Die Liste der hier wirkenden Schulmeister und Rektoren geht bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Eine Schulreform, von der das von dem damaligen Rektor der lateinischen Schule Johannes Buch verfaßte sog. „grüne Schulbuch" redet, wurde im Jahre 1743 durchgeführt. Infolge der zunehmenden Schülerzahl wurden die Schulstellen von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach vermehrt. Don den Rektoren und Konrektoren wurde in Verbindung mit Hilfslehrern ein konfefsioniertes gemischtes Institut von Knaben und Mädchen vornehmlich gebildeter Stände unterhalten. Ein Kuratorium verwaltete dieses städtische Institut, das im Jahre 1897 in eine höhere Bürgerschule und in 1914 in eine Realschule umgewandelt wurde. Neben dem genannten städtischen Institute unterhielt der Stadtpfarrer und nachmalige Oberpfarrer Friedrich K u l l m a n n ein Prioatinstitut, in dem keine geringen Anforderungen gestellt wurden, dessen großen Segen aber viele Bürgerssöhne in ihrem Geschäfte und heute noch in Amt und Würden stehende ehemalige Schäler erfahren haben. Das Volksschulwesen wurde der hohen und wichtigen Aufgabe entsprechend in verständnisvoller Weise gefördert und geleitet. Im Jahre 1868 wurde die frühere Wirtschaft und Post zum „Goldenen Esel" von der Stadt erworben und zur Schule umgebaut. 1907/08 wurde der Anbau der Volksschule bezogen. Dem Vereins- und Schul- turnen trägt die zur selben Zeit von dem Turn- verein in großem Stil erbaute Adolf-Spieß-Halle Rechnung
In die fortschreitende, gedeihliche Entwicklung des städtischen Gemeinwesens brachte der Weltkrieg einen Stillstand. Zu Hunderten standen die Männer der Stadt im Dienste des Vaterlandes. 150 haben ihr Leben zum Opfer gebracht. Zu ihrem ehrenden Andenken errichtet z. Z. die dankbare Bürgerschaft auf dem Friedhöfe eine schöne und würdige Gedächtnishalle. Während des Krieges bestanden hier zwei Lazarette, das eine in der Spieß-Turnhalle, das andere im Krankenhaus. Die Beschäftigung und Verdienstmöglichkeit der Frauen durch Anfertigung von Säcken, Wäschestücken und
Strümpfen hatte die Bürgermeisterei mit dem hiesigen Frauenverein in die Hände genommen. Der Kartoffelbedarf für die minderbemittelte Bevölkerung wurde während der Kriegs- und Nachkriegszeit bis zum Herbst 1924 durch die Stadt uer- mittelt und hierbei die weitgehendsten Zahlungsstundungen eingeräumt. Je größer die Notstände wurden, um so lebhafter und erfolgreicher hat sich unsere weitblickende und zielbewußte Stadtverwaltung auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge betätigt. In den Winterhalbjahren 1922/23 und 1923/24 setzte eine Winternothilfe ein, die an die Bedürftigen Bekleidung, Brennmaterial, bares Geld und Naturalien ausgab. An diesem Hilfswert hatte sich die gesamte Bürgerschaft beteiligt. Um der besonders großen Not im Winter 1923/24 zu steuern, wurde außerdem eine Volksküche eingerichtet, aus der sechs Monate hindurch täglich durchschnittlich 100 Personen mit warmem Mittagessen versorgt wurden. Dieses Liebeswerk wurde durch städtische Zuschüsse, die Hilfe dec Freiherren Riedesel und die Liebesgaben der Bewohner der Stadt und des Kreises ermöglicht. Im Herbste 1922 begann die Fürsorge der Stadtverwaltung für die
Aus Schotten und dem Vogelsberg.
Von Bürgermeister E. M e n g e I, Schotten.
Im Glanz der sinkenden Sonne bin ich hinauf- geftiegen auf unsere „hohe Wart", dort wiegen und biegen sich 75 Linden im Winde, schaurig und traurig, — ich weiß wohl warum. Es sind die Gedächtnisbäume unserer im Weltkrieg gefallenen Söyne des Städtchens Schotten. Hier im Heldenhain, der als Ehrenplatz für alle gefallenen Oberhessen, als Provinzialyeiligtum und oberhessische Nationaltrauerstätte von der Provinzialverwaltung ausersehen war, raunt und rauscht es vom Werden und Vergehen, eine feieroolle hehre Stimmung überkommt den stillen Beschauer. Hier bist du mitten im Herzen der Heimat deines Vogelsbergs. Hier standen einst die Altäre der Heidengötter, Böcklins Priesterinnen scheinen im heiligen Hain zur Opfer- feier daherzuschreiten. Und dort drüben reckt sich, wächst empor und stemmt sich der Bergstock auf, der Hoherodskopf mit seinen Gesellen. Welch wunder
Vorläufige Nachricht von einem Kochen-Wlak, welches zu Giessen
vsü öm Anfang des 1750™ Jahres cm jeden Dunsirag ausgegeben werben soll
dtp dem Verleger
Johann Philipp Krieger, Universität^ - Buchhändler,
Geneigter Leser!
Er b»n dem innerlichen Werthe einer wehl eingerichteten Wochen-Schrift iu urkheilen nicht fähig ist, den muß der allgemeine Bevfall, womit dergleichen an vielen L>ke„ inn, und ausserhalb Deutschlande« bißher ausgeg-beo« Blätter bißher beehret worden, von der Gräfe ihres Putzens überführen. Man findet sich hiesigen Ortes eben s» wohl verbunden, als fähig, nach dem B-ysp'-l lobwürdiger Vorgänger durch Auf
sätze dieser Art tum Vortheile deS menschlichen Geschlechts beyjuti agen. D->r>hal- ben ist man entschlossen , von dem Anfänge deS nachstkunfttgen ,7roten Jahre« an, jede Woche Dienstkags einen Bogen unter dem Tuul: Gresser Wochen-- Blav, an daS Licht zu stellen.
@8 ist in dieser Absicht vor näthig gehalten worden, nicht nur durch gegenwärtige vorläufige Zeilen dem geneigten Leser daS gute Vorhaben bekannt zu machen , und von dessen Einrichtung gebührende Nachricht zu ertheilen ; sondern auch dieselbe samt jedesmahl beygefügten neuen Proben im letzten Monath dieses Iah« «S viermahi ohne Entgelt ausjugeben.
Einladung $um Bezug?des „Giesser Wochenblat" aus dein 3a:,it 17.9.
Sozial- und Kleinrentner, die in Darunterstutzung, Dtaturalien und Brennmaterialien besteht. Es werden jetzt noch monatlich an rund 80 Empfänger Unterstützungen ausgezahlt. Mit der Not ging die Arbeitslosigkeit Hand in Hand. Die Zahl der Arbeitslosen, die unterstützt werden mußten, betrug bis zu täglich 200. Es wurden Notstandsarbeiten ausgeführt, wie z. B. Herstellung der Feldwege, Neuanlage von Straßen, Bachregulie- rungsarbeiten, Erweiterung des Kanal- und Wasserleitungsrohrnetzes, Brechen und Klopfen von Stein- material.
Eine große Sorge, die auch heute noch nicht behoben ist, bereitete die Wohnungsnot. Trotzdem feit 1918 von der Stadt Lauterbach 20, vom hessischen Staat 6, vom Kreis 4, von der Heimstättenbaugesellschaft 35, von der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. und der Provinz Ober- dessen je 4 und von Privaten 33 Wohnungen gebaut worden sind, ist immer noch eine große Zahl Wohnungssuchender vorhanden, für die Wohnung zu beschaffen außerordentlich schwierig ist, da alle oerfügbaren Räume bereits ersaßt sind. Die Zahl der Einwohner ist in den letzten 5 Jahren von 4400 auf 4800 gestiegen. Zu den bereits vorhandenen Aemtern sind 1922 das Zollamt und 1925 das Bureau des hessischen Feldbereinigungs- kommissars neu hinzugekommen. Die Industrie, insbesondere die Blechwarenfgbrik, die Damenhutfabrik und die Stein- und Holzindustrie haben sich in den letzten Jahren außerordentlich entwickelt und durch Neubauten sich vergrößert. Die erwähnten Industriezweige beschäftigen z. Z. je über 100 Arbeiter. Der Zunahme der Bevölke- rung hat die Stadtverwaltung Rechnung getragen durch die Eröffnung neudr Straßen, die Erschließung größerer Baugelände in der Nähe des Südbahnhofes, durch den Ankauf der Stadtmühle und Ausbau derselben als Wasserkraftwerk, die Erweiterung des städtischen Wasserwerkes.
Nach all dem Gesagten wollen wir hoffen, daß Lauterbach, das eine reiche aber auch schwere Vergangenheit hinter sich hat, auf dem seither gegangenen Wege unter der Leitung seiner umsichtigen Stadtverwaltung auch tcilnehmen wird an dem Ausstieg, den wir unserem Volk und Vaterlands wünschen.
barer Wald thront dort ringsum auf den Gipfeln! Hier ist so der rechte stille Ort, von dem du so tief in das ernste, feierliche Antlitz des Dogeisberges schauen kannst. „So ganz als wollt' er öffnen sich", offenbart er sich hier der suchenden Seele.
Und vor uns tief im Tal, im Mutterschoß unseres Vogelsbergs wohl geborgen, lebt, atmet und arbeitet unser liebliches Heimatstädtchen Schotten. Schottische Mönche haben vor über 1000 Jahren dieses idyllische, geschützte Plätzchen ausgesucht, um den Grundstein zur Kirche und Stadt zu legen. Zwei schottische Prinzessinnen, Rosamunde und Dicmudis, sollen etwa 200 Jahre später auf die Kunde vom Verfall der ersten Kirche einen Neubau betrieben haben. Die Errichtung der heutigen Stadtkirche, der „Liebfrauenkirche", das wertvollste Baudenkmal und Wahrzeichen Schottens, verlegt man um das Jahr 1350. Recht verwickelt sind die folgenden Rechts- und Eigentumsverhältnisse von Kirche und Ort Schotten. Den Breubergern, Eppensteinern und Trimbergern hot es längere Zeit gehört. Weil sie dem Kaiser Karl IV. die Treue hielten, verlieh er dem Dorf 1354 Stadtrechte, Gerichtsbarkeit, Marktrecht, Stadtwappen — ein weißer Falke auf blauem Grund. In diese Zeit fällt die Stadtbefestigung. Die Herren von Schenk zu Schweinsberg und die Roden- fteiner, auf die Amt und Stadt Schotten überging, führten ein reichliches Luder- und Raubritterleben, bis der rheinische Städtebund ihre Schottener Burgen erfolgreich berannte. Die Schlösser wurden zerstört, die Festungswerke geschleift, nur mühsam blieb die wertvolle Liebfrauenkirche erhalten. Die Freiherren von Niedesel sind einige Zeit Herren der Stadt, bis diese in der Mitte des 15. Jahrhunderts in den Besitz der Landgrafen von Hessen übergeht und von nun an die Geschicke des landgräflich hessischen Hauses teilt. Die kommenden Kriege (besonders der 30jährige) schlagen der Stadt schwere Wunden, aber die Zeit heilt sie wieder. Sparsamkeit, Arbeitsamkeit, gewerblicher Fleiß bringen das Städtchen durch alle Fährnisse der Jahrhunderte hindurch. Die Zünfte bilden sich, die Tuchmacher bringen es zu besonderer Blüte. Die Wälder ringsum liefern Holz, das in einer Reihe von gewerblichen Betrieben bearbeitet wird. Die Nidda, das Flüßchen, an dem sich das Städtchen entlang zieht, treibt auf ihrem Weg durchs grüne Tal über ein Dutzend Mühlwerke. Das ker
Elftes Blatt
nige Vogelsberger Geschlecht, das drinnen im Städtchen waltet, hat sich von der Zeiten Not nicht unterliegen lassen. In Fleiß und Regsamkeit, fern den ungesunden Erregungen, der Nervosität der großen Städte lebt man in gesundem Frieden. Wer hier Wurzel gefaßt hat und bleibt, weiß, daß auch seine Kinder so weiterleben können, daß ihnen der gesunde Friede, die kraftspendende Gelassenheit des Lebens nicht gestört wird.
So ist das Städtchen im Lauf der Jahre wohl etwas erweitert und neuerdings farbenfroh auf- gefrischt, innerlich aber unverändert geblieben und zu dem geworden, was es Jein will, ein biederes, echt- deutsches, oberhessisches Landstädtchen, eingebettet in ein herrliches Stückchen Natur, bereit, an seiner bescheidenen Stelle mitzuhelfen am Wiederaufbau unseres Vaterlandes.
Die da draußen haben meist den Vogelsberg verachtet, Spottgeschichten vom hessischen Sibirien erzählt. Es ist anders geworden. Höhen und Wälder, die herrliche Natur, sie locken-Touristen und Sommerfrischler in Scharen zu uns, unsere Heimatschönbeit ist wieder bekannter geworden. Zu dieser Erschließung hat Gießen seinen Teil beigetragen. Wir gedenken hierbei besonders dankbar der beiden Zweigoereine Gießen und Taufstein vom Vogelsberger Höhenklub, des Schiklubs „Wintersport" und aller wackeren Männer, die unserer Gegend Lob und Preis draußen verkündet haben. Wir statten auch unserem Jubilar, dem „Gießener Anzeiger", an dieser Stelle unseren warmen Donk für fein Vorkämpsertum der Schönheit unserer Vogelsberger Heimat ab. „Der Gießener" ist ja für uns Oberhessen das gemeinsame, uns umschlingende Familien- dand. Mit Freuden genießen wir allabendlich die geistige Kost, die uns der „Gießener" aus allen Teilen der Welt, ganz besonders aber aus unserer engeren Heimat in vielfältiger Auslese bringt. Dadurch macht uns der liebe „Gießener" unsere Heimat und ihre lieben Menschen immer vertrauter und bekannter und hilft mit unseren Spruch verwirklichen: „Mir Owerhesse kenne sich, mer stelle sich net vor!" Darum nochmals innigen Dank für diese Arbeit im Dienste unserer oberhessischen Heimat, einen schönen, freundnachbarlichen Gruß aus Schotten und dem Vogelsberg, sie wünschen seinem lieben „Gießener Anzeiger" und der Provinzialhauptstadt weiteres Blühen, Wachsen und Gedeihen!
Büdingen.
Von Professor Dr. O. Dingeldein, Büdingen.
Unter den Städten Oberhessens nimmt das kleine Büdingen eine eigenartige Stellung ein. Abseits von der großen Heerstraße, die Butzbach, Friedberg, Nauheim, Vilbel berührt, ohne die Zweigbahnen, die von Lauterbach, Alsfeld, Hungen, Nidda ausstrahlen und verkehrsfördernd wirken, liegt es weltabgeschieden, still und friedlich im Schutze seiner altersgrauen Mauern und Türme. Zwar ist die Stadt, zumal auf der Westseite, beträchtlich über diese Schranken hinausgewacysen; aber das Innere bietet im wesentlichen auch heute noch in erfreulicher Unberührtheit das Bild einer spätrnittelalterlichen Stadt.
Büdingen ist aus einer Ansiedlung erwachsen, die sich an das €> d) l o angliederte. Diele Jahrhunderte haben diesem ebenso malerisch wie architektonisch interessanten Bau, nicht immer zu seinem Dorteil, ihren Stempel aufgedrückt. Neben rein romanischen Teilen, die in das 12. Jahrhundert hinaufreichen, wie das Portal der älteren Kapelle, sind auch Gottk, Renaissance und Barock vertreten. Das ehrwürdige Gebäude gilt als das älteste, noch jetzt dauernd bewohnte Schloß Deutschlands. Aus noch früherer Zeit stammt Die Remigiuskirche (jetzt Friedhofskapelle) im Stadtteil Grossendorf, einst Pfarrkirche für mehrere Ortschaften. In der Karo- lingerzeit erbaut, ist sie unzweifelhaft das älteste Gebäude Oberhessens und tritt in Wettbewerb mit der Steinbacher Einhard-Basilika und der Kloster- torhalle in Lorsch.
Die Erbauer des Schlosses, die Grafen von Büdingen, übten nach der gewöhnlichen Annahme als Lehensleute des Königs den Forstbann aus im „Büdinger Wald", der auch heute noch das geräumige Dreieck zwischen Büdingen, Gelnhausen und Wächtersbach erfüllt; mit der Zeit wurden sie, wie das häufig vorkam, selbständige Besitzer. Schon 1250 erlosch der Mannesstamm mit Gerlach II., dessen Tochter Heilwigis mit Ludwig von Dsenbuxg vermählt war, und seitdem finden wir dies rheinische Geschlecht im Besitz der Grafschaft. 1317 wird Büdingen noch Dorf (villa) genannt; 1321 erschein! es zuerst als Stadt. Wie klein indessen diese Stadt noch war, der Kaiser Ludwig der Bayer Markt- recht und alle Privilegien verlieh, wie sie die Reichsstadt Gelnhausen besaß, lehrt die großenteils noch jetzt vorhandene Umfaffungsmauer. Die Altstadt schloß nach Norden mit der Karlspforte ab, jo bafi der heutige Marktplatz schon außerhalb der Mauer lag. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand die Neustadt.
Etwa 100 Jahre später, nämlich um 1500, wurde die wahrhaft großartige neue Befestigungslinie auf der Westseite der Stadt geschaffen. Die nahen Sandsteinbrüche lieferten ihr wie dem Schloß und anderen Monumentalbauten das treffliche Material. In einer Stärke, die es ihr ermöglicht, geräumige Gärten auf ihrem Rücken zu tragen, zieht sich diese Mauer, von massigen Türmen überragt, bis zum südwestlichen Eckturm. Von hier läuft sie in geringerer Stärke, weil hier der Bach einigen Schutz gewährte, ostwärts bis in die Nähe des Schlosses. In dieser Umgebung hat sich keine Spur einer Abschlußmauer finden lassen; offenbar bot der ausgedehnte Sumpf, der sich hier an die Wasserburg anschloß, genügende Sicherheit. Für die neue Befestigung war augenscheinlich nicht das Bestreben maßgebend, neues Baugelände zu erschließen, denn zwischen der alten und neuen Ringmauer standen und stehen nur ein paar Häuser, sondern die Notwendigkeit, gegenüber den verbesserten Feuerwaffe« die Stadt auf der offenen Talseite wirksamer zu schützen. Hier befindet sich auch das einzige nod) erhaltene Stadttor, das prächtige Unter- oder Jerusalemer Tor (1503); vom Mühltor sind noch Spuren am „Steinernen Haus", vom Obertor beträchtlichc Neste zu sehen.
Diese Ringmauer, die ein unregelmäßiges Viereck von wenig mehr als 300' Meter Seitenlänge umschloß, bezeichnete für Jahrhunderte die Grenzen der Stadt; das Grossendorf, das eine selbständige Gemeinde bildete, und die dorfähnliche „Hinterburg auf dem linken Bachufer waren niemals in die Stadtbefestigung einbezogen. Erst im 18. Jahrhundert entstand außerhalb der Mauer die sog. Vorstadt, im 19. die Gymnasiums- (jetzt Hindenburg-! Straße; die Verbindungswege beider sind Schöp fangen der allerneuesten Zeit.
Unter dem großen Kriege, der von 1618—4' Deutschland heimsuchte, hatte auch die Grafschaf!


