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Gießener Anzeiger Jubiläums-Ausgabe

elftes Blatt

Sette 81

Ankersturm.

Lauterbach.

Schloh (Elfenbad).

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Alsfeld.

Don Bürgermeister Dr. Dölsing, Alsfeld.

Wenn man im Rahmen einer historisch-wirt­schaftlichen Würdigung ein Bild unserer engeren Heimat Oberhessen geben will, dann darf darin eine (Ute hessische Kulturstätte nicht fehlen, die im Norden unserer hessischen Heimat geborgen, für die Begriffe hauptsächlich unserer rheinhessischen Lands­leute freilich nicht gerade das Ziel ihrer Wünsche ift, die aber, wie kürzlich ein auswärtiger Kunst­kenner sagte, die Herzen aller Besucher im Sturm erobert. Dies ist die altehrwürdige Kreisstadt Als- seid, am Nordabhange unseres Vogelsbergs gelegen. Als man im Jahre 1922 die 700-Jahrfeier der Stadt Alsfeld feierte, da ging es wie ein Rauschen alter, stolzer Erinnerungen durch die winkeligen Gassen und Gäßchen der Stadt mit ihren male- rischen Winkeln und altertümlichen Bauten. Die «Hefte Namensform Adelesfelt, Adelsfelt zeigt deut­lich, wie der Name zu erklären ist: Die Siedelung «uf dem Felde des Adolo. Adalo ist ein im Mittel- «ltec sehr häufiger Personenname. Wann diese «Siedelung entstand, ist freilich nicht mehr fest­zustellen. Im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts Erscheint Alsfeld als Stadt in der Geschichte. Mit 1er Entwickelung des deutschen Städtewesens im H3. Jahrhundert begann eine einschneidende Wen- Lung der deutschen Geschichte. Neben die bisherigen alleinigen berechtigten Klassen: Adel und Geistlich­keit, stellte sich eine neue, das Bürgertum. Die Grundbedingung für das Aufblühen der Städte war ler Handel, der gesicherte Plätze erforderte, in denen man die Handelswaren aufbewahren und umsetzen tonnte. Das Kennzeichen einer damaligen Stadt rvar die Befestigung, die Umwallung, die Mauer. So besah auch unser. Alsfeld schon im 13. Jahr­hundert einen starken Mauerring, den wir heute noch verfolgen können. Aus schlichten Anfängen blühte die Stadt im 14. und 15. Jahrhundert mäch­tig auf. Die Quelle des Wohlstandes wurde der Marktoerkehr. Der Kaufmann begann seine Tätig­keit. Kaufleute und Handwerker bildeten den Kern der städtischen Bevölkerung. So bietet Alsfeld schon im 14. Jahrhundert das Bild einer wohlhabenden, man kann fast sagen, einer reichen Stadt. Es war zeitweilig sogar am Ende dieses Jahrhunderts die Residenz des Landgrafen Hermann des Gelehrten, der sich in Alsfeld ein Schloß erbaute. In derselben Zeit entfaltete sich auch eine rege Bautätigkeit in der Stadt, 1365 wurde der Friedhof auf dem Frauen­berg angelegt und die Kapelle daselbst erbaut, 1386 tiurbe der Leonhardsturm errichtet, gleichzeitig wahrscheinlich auch das älteste Rathaus, an dessen Stelle dann 1512 das heute noch stehende trat. 1393 begann man mit dem Umbau der Walpurgiskirche in großem Stil. Die Stadt schlug damals eigene Münzen und von Alsfelder Währung ist in Ur- Runden des 16. Jahrhunderts im Stadtarchive noch tic Rede. Die Zeit der größten Blüte Alsfelds war las 16. Jahrhundert. In dieser Zeit bekam die «Stabt in ihren ältesten Teilen ungefähr das Aus- 'sehen von heute. Die drei prächtigen öffentlichen ßebäube am Marktplatz, die heute noch den Stolz iler Stadt bilden, das Rathaus 1512, das Wein­baus 1538 und das Hochzeitshaus 1565, im Volks­mundder Bau" genannt, find damals gebaut morden. Auch viele schöne Privathäuser in der 'Altstadt stammen aus dieser Zeit. Das Bild, das tfid) uns in jener Zeit bietet, ist das einer be- ttriebfamen, wohlhabenden und lebenslustigen T3ürgerfd)aft, die besonders einen guten Trunk 1 '(bähte. Das wichtigste Ereignis in Alsfelds Ge­richte in diesem Jahrhundert war die Einführung ioer Reformation. Alsfeld führte als erste hessische Stadt die neue Lehre durch den ehemaligen Augustinermvnch Tilemann Schnabel ein. Im

ganzen 16. Jahrhundert hatte Alsfeld keinen Feind vor seinen Toren gesehen, dies sollte im 17. Jahrhundert anders werden. Der 30jährige Krieg brachte unsägliches Elend über die Stadt, der Wohlstand der mehrmals von der Soldateska heim- gesuchten und ausgeplünderten Stadt war dahin, sie stand am Rande des Unterganges. Der schwerste Stoß, den die vielgeprüfte Stadt erlitt, war ihre Belagerung und Eroberung durch die Niederheslen im Jahre 1646 im Streite der beiden hessischen Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt um die sogenannte Marburger Erbschaft. Die Hessen-Darm­städtische Besatzung der Stadt mußte nach fünf­tägiger schwerer Beschießung, wobei ein großer Teil der Stadt abbrannte, trotz tapferster Gegenwehr, nachdem sie mehrere Sturmangriffe der Nieder- Hessen abgeschlagen hatte, schließlich wegen Muni­tionsmangels kapitulieren. Vierundzwanzig Stun­den lang wurde die Stadt geplündert, alle Vor­städte wurden vom Feinde geschleift und dabei 160 Häuser und Scheunen eingerifsen. So bietet Als- seid in der zweiten Hälfte des 17. und im ganzen 18. Jahrhundert ein Bild des Niederganges. Die Drangsalierung mit Einquartierungen und Kontri­

kunstsinniger, heimattreuer Arbeit der Gegenwart legt das von dem Alsfelder Geschichte- und Alter­tumsverein in jahrelanger, unermüdlicher Arbeit eingerichtete Heimatmuseum im Hochzeitshaus be­redtes Zeugnis ab. Von den in Angriff ge­nommenen wirtschaftlichen Unternehmungen der Stadt konnte die Erbauung der neuen Hochdruck­wasserleitung, da die in den neunziger Jahren er­baute Leitung nicht mehr genügte, noch vor Aus­bruch des Weltkrieges durchgeführt werden, während hingegen die allgemeine Kanalisation der Stadt, die beschlossen und für die Jahre 19141916 vorgesehen war, infolge des Kriegsausbruchs aufgeschoben werden mußte, nachdem man gerade mit dem ersten Los der Arbeiten begonnen hatte. Der weltgeschicht­liche 1. August 1914 bedeutete auch für die Geschicke der Stadt Alsfeld einen einschneidenden Wende­punkt. Die Nöte der Kriegszeit von 19141918 und die Ungunst der wirtschaftlichen 'Verhältnisse der Nachkriegszeit lasten auch hemmend auf 'unserer Stadt. Schwere Blutopfer brachte die Stadt im Weltkriege, sie hat 189 Gefallene zu beklagen, die den Heldentod starben. Ihr Gedächtnis ist in der als Ehrenhalle würdig ausgestalteten Friedhofskapelle

Der Kreisdirektor des Kreises Schotten, Herr Geh. Regierungsrat Boeckmann.

DemGießener Anzeiger1' beehre ich mich zum 175jährigen Bestehen herzlichen Glückwunsch auszusprechen. Welche Überfülle erfolgreicher Arbeit und mit Ehren bestandener Kämpfe durch die Wechselfälle der Geschichte schließt dieser Zeitraum ein, der zurückreicht bis zur Geburt Goethes und in die friederizianische Zeit vor Beginn des Siebenjährigen Krieges! und welchen Segen an Kultur für ein weites Heimats­gebiet! Von der Höhe seiner heutigen Leistung und Bedeutung darf er mit Befriedigung und Stolz auf diese Entwicklung zurückblicken, und mit Vertrauen in die Zukunft hinausblicken. - .

butionen, welche die Stadt im 7iährigen Kriege, be­sonders in 1760 und 1761 erdulden mußte, war fürchterlich. Neue Einquartierungen von Franzosen, welche den letzten Besitz aus den gequälten Bürgern in den Jahren 1797 und 1798 herausholten, und die Kriegslasten der Freiheitskriege ließen die Stadt nicht emporkommen. Die Kriegsrechnungen im Stadtarchive reden eine erschütternde Sprache. Erst ganz allmählich und langsam begannen die schweren Kriegswunden der Stadt zu heilen, von den Jahren 1860 ab begann der Wohlstand in der Stadt wieder zu steigen, wenn auch damals die Bautätigkeit noch gering war.

Das lebte Vierteljahrhundert bildet den eigent­lichen Wiederaufstieg der Stadt. Ein frischer, auf- strebender Zug ging durch die Stadtverwaltung und die Bürgerschaft. Als eine der ersten oberhessischen Städte schuf sich Alsfeld in 1900 ein eigenes Elektri­zitätswerk, 1907 erstand ein moderner Schlachthof, 1908/09 wurde nach Umwandlung der Realschule zu einer Bollanstalt als Oder-Realschule der statt­liche Neubau der Ober-Realschule in der Schiller­straße errichtet, 1911/12 der mustergültige Neubau der Volksschule mit Volksbad in der Dolkmar- ftraße. Das in Verfall geratene Rathaus wurde von 19101912 unter der ausgezeichneten künstle­rischen Leitung des damaligen Regierungsbau­meisters Kuhlmann wiederhergestellt und zu einem Schmuckkästlein gestaltet, das heute die Bewunde­rung aller Besucher erregt und den Stolz der Stadt bildet. Im Anschluß hieran erfuhr auch die altehr­würdige Walpurgiskirche im Innern eine voll­ständige Renovierung, so daß sie heute eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bildet. Bon

festgehalten. Die durch den Krieg und d.c Inflation eingetragene allgemeine Verarmung einerseits und dis Verteuerung der Produktionskosten andererseits führten wie überall zu einer Stockung des Wirt» fchaftslebens. Eine weitgehende Arbeitslosigkeit trat ein, die ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des berüchtigten Jnflationsjahres 1923 erreichte. Der Umstand, daß Alsfeld heute über eine ganze An- za bl gutbeschäftigter Webereien verfügt, hat es mit sich gebracht, daß die Erwerbslosenziffer zur Zeit ganz gering ist, während hingegen ein anderer Hauptzweig der Alsfelder Industrie, die Holz­industrie, noch unter der Ungunst der allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse zu leiden hat. Ein Versuch der Stadt, das Bauhandwerk neu zu beleben tunb die private Bautätigkeit durch Gewährung eines 100 000-Mark-Kredits an Baulustige nach be­stimmten Richtlinien zu fördern, trägt hoffentlich zur Linderung der auch in Alsfeld sehr drückenden Wohnungsnot bei. Daß man daneben auch tultu» teile Bedürfnisse, soweit es die Finanzen einer kleinen Stadt zulasjen, nicht in den Hintergrund treten läßt, beweist die Erbauung einer neuen. Fest- halle, die in diesem Jahre vollendet wurde, sowie die Errichtung eines modernen Saalbaues mit einer Bühne, der zur Zeit im Bau begriffen ist, nach­dem der in der Stadt noch vorhandene einzige große Saal vor einigen Jahren in industrielle Hände übergegangen war. Wenn der allgemeine Wiederaufbau unseres gesamten Wirtschaftslebens einmal kommt, woran wir nicht zweifeln, dann wird hoffentlich auch die alte hessische Kulturstätte im Norden unserer engeren Heimat Oberhessen sich ihren gebührenden Platz an der Sonne zu sichern wissen.

Lauterbach.

Don Stadtpfarrer Schlösser, Lauterbach.

Lauterbach, die Kreisstadt des nordöstlichen Teiles des Hessenlandes, im altenBuchonien" ge­legen, kann auf eine mehr denn 1100jährige wechselreiche Geschichte zurückblicken. Als die Siede­lung entstand, aus der es hervorgegangen ist, da konnte wohl mit Recht von dieser Gegend gelten, was dem Bonifatius und seinem Schüler Sturmius in den Mund gelegt ward:Es ist ein ödes, von Menschen entblößtes Land, in dem man lange wandern kann, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen." Die von Sturmius gegründete Abtei Fulda nahm nach und nach Besitz auch von dem westlich und nördlich von Fulda gelegenen Land­striche und machte ihn sich lehnspflichtig. In diesem Zusammenhänge wird auch zum ersten Male in einer UrkundeLauterenbach" genannt. In dieser Ur­kunde werden die Natural- und Dienstleistungen der wenigen hier ,Lielpflichtigen" aufgezählt. Die Lage des Platzes war nicht zu einer schnellen und gedeihlichen Entwicklung angetan. Das war wohl auch nie im Sinne der Fuldaer Siebte gewesen. Zum befestigten, mit Ringmauer und Türmen ver­sehenen Ort wurde Lauterbach erst in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ein Teil dieser Mauer ist heute noch vorhanden. Ein Hemmnis für die Ent- Wicklung des Ortes waren zweifellos die sich immer wiederholenden Verpfändungen im 14. und 15. Jahrhundert, wozu sich die Siebte durch ihre be­ständigen Kämpfe und Fehden genötigt sahen. Im Jahre 1329 war Lauterbach an den Ritter Johann von Eisenbach verpfändet. Nachdem das Pfand verschiedentlich in andere Hände übergegangen war, war es 1428 wieder im Besitz der Herren von Eisenbach und ging im folgenden Jahre mit dem Erlöschen der männlichen Linie dieses Geschlechtes auf den Erden, den Ritter Hermann R i e b e f e l, über. Wichtige Rechte wurden der Bürgerschaft im Jahre 1453 in dem heute noch vorhandenen sog.Freiheitsbrief" des Abtes Reinhardt, Grafen von Willnau, verliehen. Bis zum Jahre 1684 blieb Lauterbach in fuldifchem Besitze. In diesem Jahre verzichtete die Abtei Fulda auf die Stadt. Herren von Lauterbach und des umliegenden Gebietes wurden nun die Herren von Riedefel, die es auch bis 1806 blieben, da Lauterbach und das ganze Riedefelfche Land an das Großherzogtum Hessen fiel. Die Herren von Riedefel waren, das muß gesagt werden, stets für das Wohl ihres Landes und seiner Bewohner treubesorgte Landesherren ge­wesen, wie ja auch heute noch ihr Geschlecht mit ihrem ehemaligen Herrschaftsgebiete aufs innigste verwachsen ist. Sie waren Berater und fjelfer in den schweren Zeiten, als die Stürme des 30jährigen und des 7jährigen Krieges über das Land dahin- brauften, in den Jahren, da Hunger und Pest das Land durchzogen. Von mancher schweren Be­drückung und Brandschatzung haben sie infolge ihres Einflusses bei den kriegführenden Parteien ihre Stadt Lauterbach und ihr Land bewahrt. Auch von den Schrecken und Drangsalen der Koalitionskriege (17921805) blieb unsere Stadt und ihre Umgebung nicht verschont. Besonders drückend war die Zeit, in der die Franzosen unter General Soult hier ihr Unwesen trieben.

Von den Kriegswirren des 19. Jahrhunderts hat die Stadt und ihre Umgebung nicht viel er­fahren. Truppendurchzüge, Einquartierungen und Requisitionen fanden sich des öfteren. Das Jahr 1848 brachte denKriegszug" der Bauern gegen, die Herren von Riedesel, die Zerstörung und Plün- derung der Riedeselschen Burg und Gebäude sowie die Demolierung der in der Stadtkirche befind­lichen Grabdenkmäler der Freiherren Niedesel und ihrer Angehörigen. Aus dem Archiv wurden damals

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