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Gießener Anze^gsr - I ibiläums-Ausgabe

Viertes Blatt

Seite 25

Die heimatliche Flora.

Von Dr. G. Funk.

a. o. Professor an der Universität Gießen.

Zu oll dem, was uns die Heimat lieb und wert macht, gehört auch die Pflanzenwelt, die ihr den natürlichen Schmuck verleiht. Daß jedes Land sein besonderes Pflanzenkleid trägt, ist wohl erst dem recht zu Bewußtsein gekommen, der sich schon etwas in der Welt hat umsehen können. Im Vergleich mit der Heimat mag dem einen die Fremdartigkeit so mancher Pflanze an der Meeresküste oder im Hochgebirge, dem anderen auf den Kalkhügeln der Champagne oder in den Steppen Rußlands, dem dritten in den Wäldern Kurlands oder Serbiens aufgefallen sein, ganz zu schweigen von Südeuropa und den Ländern, die noch weiter von uns entfernt liegen.

Bei aufmerksamer Beobachtung indessen wird man auch finden, daß sich jede Gegend innerhalb unseres deutschen Vaterlandes durch Pflanzen oder Pflanzengemeinschasten auszeichnet, die nur ihr eigen sind. Freilich, daß auch vieles Gemeinsame die Unterschiede der einzelnen Gaue verwischt, ver­steht sich von selbst. Seitdem der Landwirt die aus­gedehnten Urwälder gerodet und später der Forst- mann die hierbei übriggebliebenen Wälder durch seine Tätigkeit in Kulturforste verwandelt hat, ist die ursprüngliche Pflanzenwelt stark zurückge­drängt, an vielen Stellen auch durch die absicht­liche oder ungewollte Einführung fremdländischer Gewächse verändert worden. Wenn wir z. B. in fast allen Teilen Deutschlands uns einen Feld- strauß aus Klatschmohn, Rittersporn und Korn­blumen pflücken können, sa wird es wohl manchen erstaunen zu hören, daß diese uns so vertrauten Ackerblumen eigentlich Fremdlinge In unserer Hei­mat darstellen, die mit den Getreidepflanzen vor langer Zeit aus südlichen Ländern zu uns einge» lchleppt wurden. Aehnlich verhält es sich mit vielen llckerunkräutern, verwilderten Gartenzierpflanzen !ifw. Wenn man somit in allen Teilen Deutsch­lands fast völlig gleich aussehende Fluren von Roggen, Weizen, Kartoffeln und anderen Kultur­pflanzen antreffen kann, die die ursprüngliche Ligenart einer Gegend verändern und verdecken, Io gibt es doch wilde Pflanzen zur Genüge, die einer jeden Gegenb ein besonderes Gepräge ver- lleihen. Dieser heimischen Flora im enge­ren Sinne, die uns auf Wiesen, Triften und Auen, mehr aber noch in denjenigen Wäldern ent- Legentritt, die noch nicht so sehr von der gleich- inachenden Kultur beeinflußt sind, soll hier oeson- Äere Beachtung geschenkt werden.

Sehen wir insbesondere zu, welche der heimat­lichen Pflanzen für unser Oberhessen charakte- »istisch sind. Man wird die Gesamtzahl aller in Lberhessen vorkommenden Arten von Blüten- xslanzen auf etwa 1500 schätzen können, zu denen fick das große Heer der niederen Pflanzen, wie Algen und Pilze, Flechten und Moose (Krypto­gamen) hlnzugesellt, die fast überall die Lücken zwischen den höheren Gewächsen ausfüllen, für sich ober höchstens im Herbst und Winter, wenn das Leben der Blutenpflanzen mehr oder weniger ruht, deutlicher in Erscheinung treten. Es ist klar, daß mir von all diesen Vertretern der heimischen Pflanzenwelt nur eine Auswahl der würdigsten vorführen können. Außeracht lassen müssen wir dabei auch die allgemeiner verbreiteten Gewächse, wie Veilchen und Maiglöckchen, Schlüsselblume und Heckenrose, Buche, Eiche usw., die wohl von alters- her Lieblinge des Volkes sind, aber keine unter­scheidenden Züge unserer engeren Heimat bedingen. Kreisen wir dazu außerdem ein paar Oertlichkeiten aber Gegenden heraus, an denen wir mehrere der ijitereflantcren Pflanzen unserer Flora gemeinsam antreffen, um so recht zu erkennen, welche Schätze itnfere Heimat in dieser Hinsicht noch birgt!

In Gießens nächster Umgebung ist wohl die Lasalthöhe des Hangelst ei ns botanisch als einer der interessantesten Punkte nicht allein Ober- Hessens, sondern auch des ganzen mittleren Lahntals ah bezeichnen, wo man vom ersten Frühjahr an bis in den Herbst hinein eine Fülle heimatlicher, nicht «trabe alltäglicher Pflanzen antreffen kann. Zwar sind die großen sog.Hangelfteiner" Schnee- «l ö ck ch e n (Leucojum vernum), die in früheren Zeiten in größerer Menge dort wuchsen, heute nur mach an wenigen versteckten Stellen vorhanden, teod) zeigt sich uns die eigentliche Frühlingsflora, eüwa Mitte Mai, immer noch im schönsten Ge- nranbe. In einem prächtigen Tiefblau leuchten uns

bann die Blüten des Steinsamens (Litho- spermum purpurco-coerulcum) entgegen, die Zahnwurz (Cardamine bulbifera) beher.fcht auf großen Flächen Öen Waldboden mit ihrem zarten Lila, oder an anderen Stellen stehen Aronstab (Arum maculatum) mit seinen saftigen schwarz- gefleckten Blättern und hellgrünen Blütendüten zu- jammen mit der Haselwurz (Asarum europaeum), wieder an anderen das gelbe Windbuschröschen (Anemone ranunculoides) neben dem gewöhn­lichen weißen in dichten Gruppen beieinander. Auch einige Orchideen, wie das gefleckte Knabenkraut (Orchis maculata) oder die wohlriechende Zwei- blättrige weiße Kuckucksblume (Platanthera bifolia) schmücken den Hangelsteiner Wald, während mehr gegen den Sommer der Türkenbund (Lilium Martagon) seine stattlichen, mit großen pupurroten Lilienblüten gezierten Schäfte erhebt. Ihm zur Seite finden wir an ganz bestimmten Stellen auch den gelben Sturmhut (Aconitum Lycoc- tonum), der innerhalb Hessens nur noch im Vogels- berg anzutreffen ist. Später im Sommer, wenn Tollkirsche und Aronstab ihre verlockenden giftigen Früchte reifen lasten, fallen uns farbenfreudige Gruppen des Traubenrainfarns (Tan.icetum corymbcsum) mit feinen margheritenähnlichen Blüten ober der Sigmarswurz (Malva alcea) in leuchtendem Rosa auf.

Die eigentlichen Gießener Wälder um Schiffenberg, Hochwarte und Bergwerk sind bota-

ursinum) trifft man hier und da, und an recht ver­steckten Stellen kriecht das Schlangenmoos oder der Bärlapp (Lycopodium clavatum) mit feinen über meterlangen Sprossen auf den schwel­lenden Moospolstem dahin. Aeußerst reich ist die PUzflora der Gießener Wälder. Fast alle eßbaren und giftigen Arten sind darin vertreten, von bota­nischen Merkwürdigkeiten sind z. B. der Erdstern, Stinkmorchel, Bischofsmütze und Totentrompete zu erwähnen. Richt gerade häufig begegnet man auch dem Korallenmoos (Cladonia bellidiflora), einer kleinen Strauchflechte des Waldbodens mit leuchtend scharlachroten Köpfchen.

Richt minder eigenartige Gewächse enthalten die Wälder im Biebertal, um auch einen Blick in das preußische Nachbargebiet zu tun. Was dort den besonderen Charakter der Flora bedingt, ist in erster Linie der Kalkboden, der das Auftreten ge­wisser Pflanzen begünstigt, denen wir sonst nicht so leicht begegnen. Größere Orchideen, wie das rote und große Waldvöglein (Cephalanthera rubra und C. grandiflora). in bunter Mischung zahlreiche Schmetterlingsblütler wie Erbsenwicke (Vicia pisiformis), Waldplatterbse (Lathyrus Sil­vester), Bärenschote (Astragalus glycyphyllus) und viele anderen Wickenarten, und im versteckten Gebüsch des Ebersteins die imposante Akelei- Dolde (Liier trilobum) gehören zu diesen so­genannten kalkliebenden Pflanzen. In der Richtung

nach Wetzlar ist diese Kalkflora mitunter noch schöner ausgeprägt, so namentlich auf den Höhen von Oberkleen, wo eben diese Akeiei-Dolde, eine im übrigen Deutschland recht seltene Pflanze, zu- f'immen mit vielen schönbluhenden Wickenarten und blauen Anemonen ganze Hänge überzieht.

Auch das Ufer der Lahn mit feinen üppigen Schilsdickichfen zeigt manche beachtenswerte Pflanze. Besonders die Seitenarme der Lahn bei Lollar führen eine interessante Wasserpflanzengesellschast, unter denen neben den gelben Seerosen und weißen schwimmenden Teppichen des Wasserhahnenfußes (Ranunculus fluitans), namentlich der Kalmus (Acorus calamus) und der in einzelnen Pflänzchen völlig frei schwimmende weihblühende Frosch- b i ß (Hydrocharis morsus ranae) zu nennen sind. In den Launsback)er Tümpeln längs der Lahn ist noch vor wenigen Jahren der Wafserfchlauch (Utrlcularia vulgaris) mit eigenartigen Fang­organen für Wassertierchen und der giftige Wasser­schierling (Cicuta virosa) festgestellt worden. An den Lahnwehren in nächster Rühe der Stadt wächst neben anderen interessanten Wasierkryptogainen auch der Gliederfaden (Lemanea tornlosa), eine Notalge, deren nächste Verwandten im Meere leben.

Die Wiesen in Gießens Umgegend zeigen wohl in der Hauptsache einen Blumenschmuck, wie auch sonst in ebenen Gegenden Deutschlands, doch mögen auch hier einige Besonderlichkeiten hervor­

ruhmt aber ist der azurblaue Frühlings- enzian (Gentiana verna) von Rödgen, der nur in wenigen Teilen Deutschlands vorkommt, in den Alpen dagegen weitverbreitet ist. Schon vor über hundert Jahren hat sein merkwürdiges Vorkommen aus der Ochsenwiese bei Rödgen das Interesse der Botaniker erregt. Auf sumpfigen Wiesen sehr vieler Teile Oberhessens ist das Sumpf-Herzblatt (Pamassia palustris) mit feinen eigentümlichen weißen Blüten ziemlich häufig.

In der W e 11 e r a u hat wohl jede Gemarkung die eine oder andere Besonderheit an Blüten­pflanzen aufzuweisen, sei es auf Wiesen oder Ackerrändern, sei es am Wetterufer oder in Teichen, doch ist es hier unmöglich, auf alle einzugehen. Rur auf die Eigenart so manchen trockenen Hügels sei hingewiesen, auf denen sich mitunter Pflanzen fin­den, deren Hauptverbreitung im Osten Europas ober in Asien liegt, in den großen Steppen, nament­lich ums Schwarze (Pontische) Meer, die man des­wegen auch als pontische Pflanzen bezeichnet. Es sind diejenigen Pflanzen, die nach der Eiszeit aus jenen Gebieten in Mitteleuropa eingewandert sind und bei uns wie in der Steppe trockene unfrucht­bare Gebiete bevorzugen. Innerhalb Hessens bilden diese pontischen Pflanzen in großer Formenfülle, vor allem im Mainzer Sandgebiet, den Hauptteil einer für ganz Deutschland höchst merkwürdigen Vegetation. Zu ihnen müssen wir z. B. die im

ersten Frühjahr hervorbrechende Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris), jene große Anemone mit ihren dunlelvio.etten weichhaarigen Bluten, zählen, die auf dem Wingertsberg bei Griebel, in ber Gegend von Hungen und anderwärts vorkommt. Auch die hochragenden gelben Königskerzen (Verbascum), die Mannstreubißel (Eryngium campestre), viele andere echten Disteln, und eine Anzahl dürrer Grasarten sind in diese Gruppe zu stellen. Der Deutsche und der Gefranzte Enzian (Gentiana germanica und G. ciliata) gesellen sich an manchen trocknen Hängen ober Waldrändern hinzu. Welchen Reichtum an wild­wachsenden Pflanzen z. B. die Gegend von Lau- bach ober von Büdingen autweist, darüber geben uns die Schriften von Lahm (Flora der Um­gebung von Laubach 1887) sowie von Hoffmann und Grießmann (Notizen und Nachträge zur Flora von Büdingen, Bericht der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde 1908 und 1910), in weiterem Umfang auch Spilger (Flora und Vegetation des Vogelsbergs, Gießen, Emil Roth, 1903) genauere Aufschlüsse.

Größeres Interesse noch beansprucht die Vege­tation in der Nähe der zahlreichen Wetterauer Salzquellen, auf Wiesen rund um die Sa­linen und in salzhaltigen Abflußgräben bei Nau­heim, Salzhausen usw. Hier finden sich Kräuter, die durch Kochsalz im Gedeihen gefördert werden und einen relativ hohen Salzgehalt des Bodens ertragen können. Die meisten dieser Salzpflanzen oder Halophyten fallen uns durch dicke fleischige Blätter und Stengel auf. Ihr wichtigstes Ver­breitungsgebiet sind naturgemäß die Meeresküsten, außerdem nehmen sie aber aud) in den Salzsteppen Innerasiens riesige Flächen ein. Vielleicht sind manche Arten von dort in der Nacheiszeit zusammen mit den Steppenpflanzen zu uns eingeroanbert, anbere mögen burch Wastervögel von den Meeres­küsten nach ben Salzstellen bes Binnenlanbes ver­schleppt sein. So wachsen an den genannten Orten Z. B. Meerstranbswegerich (Plantago maritima) und wilder Sellerie (Apium graveolens) Meerstrandsdreizack (Triglochin maritima), Milchkraut (Glaur maritima) und eine Reihe anderer Halophyten: auch das Schmalz- kraut oder der Queller (Salicornia her- bacea) mit seinen blattlosen fleischigen Stengeln war hier früher keine Seltenheit, scheint aber jetzt verschwunden zu sein.

Kein Teil unseres oberhessischen Landes dürfte aber an heimischen Gewächsen ganz besonderer Art so reich fein wie der Vogelsberg. Mit stei- gender Höhe treten auf Wiesen und in Wäldern be­reits einige jener Pflanzen auf, die man als Mittel­gebirgspflanzen zu bezeichnen pflegt, da sie ihre Verbreitung vor allem in den deutschen Mittel- gebirgen (Schwarzwald, Thüringer Wald, Riesen­gebirge usw.), viele von ihnen aber auch in Skan­dinavien ober in ben Alpenoorbergen haben. Wer hätte nicht schon im Frühjahr bie golbencn Blüten- volle der Trollblume (Trollius europaeus) bewun­dert, die in unzähligen Mengen die Wiesen gleich oberhalb Schottens ober bei Herbstein zieren? Wer hätte nicht ben Reiz ber höher gelegenen Wiesen, Weiden und Waldwege beim Bilstein ober zwischen Hoherodskopf unb Geiselstein empfunden, wenn im Sommer die rotgelben Sterne von Bergwohl, verleih (Arnica montana) neben ben himmel­blauen, hier oben besonders großblütigen Glocken­blumen (Campanula rotundifolia) sich aus dem saf­tigen Grün erheben? Und wird man beim Anblick der niedlichen rosa ober weiß gefärbten Katzen­pfötchen (Gnaphalium dioicum) mit ihren silberig weißbehaarten Blattrasettchen nicht lebhaft an bas Edelweiß der Alpen erinnert, mit dem es in der Tat auch nahe verwandt ist. Auf derBreun- geshainer Heide" und den sonstigenOberwald- wiesen" ist es überall in Masse bis nach Herb- stein ober Gebern vertreten. Neben ihm ist auf den höchst gelegenen Weibeslächen das Isländische Mvvs (Cetraria islandica), eine charakteristische Flechte ber nordischen Länder, keine Seltenheit. Im Walde finden sich in größerer Menge auch jene Pflanzen, die wir bereits bei Gießen kennen ge­lernt haben: Schneeglöckchen vor allem beim Geifelftein unb lürfenbunblilien, unb sie lehren uns, baß auch in pflanzenaeographischer Hinsicht ber Hangelftein unb feine basaltigen Nach­barberge mit ähnlicher Flora als Ausläufer des Vogelsbergs zu deuten find Hinzu kommen aber im Vogelsberg noch viele andere Pflanzen mit z. T. herrlichen Blüten, wie ber weiße 6 e b i r g s -

Staufenberg.

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nijch nicht so reich wie ber Hangelstein. Immerhin aber erfüllen im ersten Frühjahr bie zierlichen rosa Blütchen des S e i d e l b a st strauches manches Gebüsch mit ihrem Dust. Lerchensporn (Corydalis cava), Türkenbund und Bärenlauch (Allium

gehoben sein. So findet man schon in den Klingel­bachwiesen am Rande der Stadt den großen lang- blättrigen Ehrenpreis (Veronica longifolia) und in einzelnen Gräben ist die zierliche Armleuchteralge (Nitella flexilis) in dichten Rasen vorhanden. Be-

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