Drittes Blatt_______________________
ungen des Volkes den Brautleuten das Recht und die Pflicht, zusammenzuziehen. So geleitete denn am folgenden Morgen die Menge der „Braitleute" f e'i e r l i ch die Braut in das Haus des Bräutigams. 3d) vergesse nie, wie mir diese Anschauung von dem Wesen der Brait zum ersten Male klar wurde. Eine alte Frau aus Eichelheim verlangte in den ersten Zeiten meiner pfarramtlichen Wirksamkeit im Vogelsberg von mir die Taufscheine für einen jungen Mann und ein junges Mädchen. Ich fragte, wozu sie sie nötig hätte. Sie sagte, die beiden hätten „enignächt" Brait gemacht. „Was haben sie ge- mad)t?" fragte ich. „Brait" sagte sie in der sicheren Zuversicht, daß ich das verstand. Aber von Brait hatte ich n.e etwas gehört. Volkskunde treibt man auf dem Predigerseminar in Friedberg nicht. Also fragte ich weiter: „Was ist denn das? Die alte Frau sah mich an, besann sich, dann sagte sie einfach: „Sie haben heute nacht das erstemal beisammen geschlafen." Die ganze Anschauung wurzelt in alter Zeit, in der die später erfolgende kirchliche Trauung nur der Segen zu dem schon einige Zeit vorher geschlossenen Ehebunde ist. Noch deutlicher wurde mir das alles, als ich sah, daß die Spinnstuben- tameraden schon am Abend der Brait Braut und Bräutigam Ehestandslieder sangen, anstatt am Abend der kirchlichen Trauung. Bor allem wurde gern gesungen: „Mir gefällt das Ehstandsleben, besser als das Klosterziehn." Aber auch das sprach dafür, daß zur Brait eine viel größere Zahl Gäste geladen wurde als zur 5)oth;eit.
Die Brait ist heute erloschen. Ein Gesetz, das dem Ortsgerichtsoorsteher verbietet, solche Ehekontrakte gültig aufzunehmen, und das die Schließung des
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Giehener Anzeiger ■ Jubiläums-Ausgabe
Vertrages vor einem Notar erforderte, hat sie vernichtet. Ein Notar ist dem Bauer nicht zur Hand wie der Dorfbürgermeister, es kostet Geld, ihn zu holen. Er versteht auch das Leben im Volke nicht, er kennt nicht so Besitz, Aecker, Wiesen und Hof, er kann nicht so vermitteln. So ist aus der Brait die einfache Verlobung geworden, zu der sich nur die Eltern und Geschwister beider Teile einfinden, wie sie überall sich findet. Nicht, als ob der Bauer des Junkerlandes nun darauf verzichtet hätte, einem Sohne allein den ganzen Besitz zu übergeben. Heute geschieht diese Uebergabe nach der Hochzeit, oft Jahre später. Ich denke mir, daß diese Regelung nicht zum wenigsten in der Klugheit des älteren Bauern begründet ist. Bei der Brait wurden mit einem Male die jungen Leute Herren des ganzen Gutes. Die Alten hatten nichts mehr zu sagen. Man kann sich denken, daß das bei herrschfüchkigen oder unfügsamen Schwiegertöchtern oft zu bösen Auftritten geführt hat. Heute übergibt der Bauer das Gut erst viel später. Er zieht sich „nickt zu früh aus". Es lernen die jungen Leute leichter, sich in die alten schicken. Sie müssen es, um das Gut einmal zu bekommen, und die alten Leute wissen, wenn sie das Gut übergeben, mit wem sie künftig zusammen leben werden.
Umkreis des Vogelsberges von Lollar über Alsfeld, Lauterbach, Schlüchtern, Büdingen bis Ortenberg wesentlich roten, meist waldbedeckten Sandsteinen auf, die vielfach obgebaut werden. Selten finden sich Kalke der Muschelkalk- und Zechsteinzeit wie bei Lauterbach-Maar oder Stockheim- Büdingcn-Haingründau.
Ganz andere Verhältnisse treffen wir am Westrande des Vogelsverges von Lollar über Gießen nach Süden. Teilweise sind hier die Gesteine sehr viel älter als der Vogelsbergbasalt und die roten Sandsteine; sie stammen aus der Silur-Devon- und Karbonzeit. Tonschiefer, Grauwacken, Sand st eine, Quarzite und auch Kalke sind es, die das benachbarte Rhei- niscke Schiefergebirge bilden und wie man durchweg beooochten kann (z. B. oberhessischer Bahnsteig des Bahnhofs Gießen) durch Gebirgsbewegungen zusammengestaut wurden. Gegenüber diesen besonders alten und gestört liegenden Massen haben wir in der Hungen-Friedberger Senke Schichten, die jünger sind als der Basalt; die Braunkohle ist unter ihnen besonders zu erwähnen. Don hier aus verfolgen wir durch die Wetterau und schließlich über den ganzen Vogelsberg in einzelnen Flecken eine
Der Präsident des Oberlandesgerichts Darmstadt, Herr Dr. h. c. Lang.
Es ist ein guter Gedanke, in einem Unternehmen nach längeren Zeitabschnitten einen Blick in die Vergangenheit zurückzuwerfen und festzustellen, ob die Entwicklung so fortgeschritten ist, daß auch die Aufgaben der Gegenwart befriedigend gelöst werden können. Wenn es nun gar 175 Jahre des Bestehens einer Tageszeitung sind, auf die man zurückzuschauen hat, so wird das geistige Auge kaum die Fülle der Erscheinungen fassen können, die sich ihm darbieten. Mögen es nun gute oder schlechte Zeiten gewesen sein, deren man gedenkt, so muß mit Stolz erfüllen, in der für Leben und Kulturentwicklung unserer engeren Heimat so bedeutsamen geistigen Führung stets das Rechte gewollt und der Wahrheit gedient zu haben. Daß dies das zielsichere Streben der Leitung des Gießener Anzeigers gewesen ist, verdient höchste Anerkennung und berechtigt, ihn zu seinem 173jährigen Bestehen aufrichtig zu beglückwünschen.
Auf diesem Wege weiter fortzufahren, erheischt die Not der Zeit in besonders hohem Maße, Wenn unsere haß- und neiderfüllten Feinde das Recht beugen und Gewalt an die Stelle des Rechts setzen, so gilt es, ihnen zum Trotz unser Recht zu behaupten und freiwillig nichts davon aufzugeben. Nur dann darf der Deutsche auch in Fesseln sich frei fühlen, wenn er, zu antiker Größe sich emporreißend, dem Feinde zurufen kann: „Hab' ich das Recht zur Seite, schreckt mich dein Drohen nicht.'1 (Sophokles.)
So ist doch noch ein Gutes aus dem Erlöschen der alten Brait herausgewachsen. Ob es nicht bei vielem, das mit dem alten Volkstum zugrunde geht, ähnlich ist? Man soll es hoffen und glauben, und die Jugend zumal wird es tun, wenn wir Alten auch geneigt sind, nur zu klagen und zu bedauern.
Oberhessens Bodenschätze.
Von Dr. Hermann Harrassowitz, 0. Prof, der Geologie und Paläontologie, Direktor des geolog. und paläontolog. Instituts der Hessischen Landesuniversität Gießen.
Die „Herrschaft des Menscken üher die Natur" ist ein geflügeltes Wort geworden. Und doch ist den Fesseln der Umwelt nicht zu entrinnen. Wo der Mensch aus dem Boden keine Nahrung mehr ziehen kann, wo ihm keine Bodenschätze zur Verfügung stehen, die er veredeln und in nutzbare Form überführen kann, da hat die Kultur einen schweren Stand. Für Oberhessen gilt das glücklicherweise nicht. Die anorganische Natur läßt mancke Aus- Nutzung zu. Bietet der Boden für Land- und Forstwirtschaft auch nicht überall günstige Bedingungen, so sind doch andere natürliche Schätze vorhanden. Nutzbare Ge st eine, Mineralquellen, Erze und Kohlen stellen gerade in den jetzigen schwierigen Zeiten besonders wichtige Wirtschaftsfaktoren dar, die unsere heimische Scholle spendet.
Die Provinz Oberhessen ist geologisch selten einheitlich gebaut. Vulkanischer Tätigkeit verdankt der Vogelsberg sein Dasein. Reste von Dulkanschloten und L a vast r ö m e n, dazu gewaltige, jetzt verfestigte Haufwerke von vulkanischen Auswurfsmassen beherrschen seinen Aufbau. Basalt und Tuff bewirken so das gleichmäßige Landschaftsbild. Unter diesen Gesteinen kommen in den Randgebieten (z. B. Gießen, Alsfeld, Lauterbach, Büdingen) helle Sande, Quarzite, Tone und Kiese, auch gelegentlich Kalke, zum Vorschein, die, wie der Vulkanismus, der Tertiärzeit angehören, als noch warmes Klima Palmen und Zimtbäume, Lorbeer und Myrte bei uns gedeihen ließ. Diese zusammengehörige Gruppe von Gesteinen liegt im
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ganz junge Ablagerung, den Löß, in der Eiszeit durch Wind angeweht, als sich gleichzeitig in höheren Teilen des Vogelsberges durch Frosteinwirkung die mächtigen, jetzt schon vielfach beseitigten Blockfelder bildeten.
kalkreiche Löß bildet einen fruchtbaren wasserhaltenden Boden, dem die Wetterau ihren landwirtschaftlichen Ruhm vorzugsweise verdankt. Schon die Ansiedler der jüngeren Steinzeit wußten ibn zu schätzen, und der römische Limes endigt sehr bezeichnend mit der geschlossenen Verbreitung dieses wertvollen Bodens. In höheren Lagen des Gebirges ist er freilich entkalkt und in einen weißen, feinen, oft gelb gesprenkelten Sand umgewandelt, der zu manmen nassen, bleichsauren, „mistigen" Stellen des Ooerwaldes Veranlassung gibt (z. B. westlich Ilbeshausen) und nicht einmal für die Forstkultur recht brauchbar ist.
Nährstoffarm und oft schwer zu bearbeiten ist der B 0 d e n d e s B a s a l t s, ein brauner Lehm, der aber bei geeigneter Behandlung, besonders Düngung, guten Pflanzenwuchs erzeugen kann. Er ist nämlich reid) an den Kolloiden, die zugeführte Nährstoffe soeichern können. Störend wirken bei dem Basaltooden oft die Flachgründig- feit und die erwähnte Ueberstreuung mit Blöcken. Sind letztere beseitigt, kann man im Oberwald gute Hutweiden schaffen, vorausgesetzt, daß man das neugewonnene Kulturland nicht sich selbst überläßt.
Einen wenig günstigen und kaum verbesserungsfähigen Boden liefern die S a n d st e i n e, auch die Gesteine des Taunus und die unter dem Basalt liegenden Sande und Tone. Meist stehen sie nur unter Forstkultur und an der Bildung von Nohhumus und den darunter folgenden Bleichzonen erkennt der Fachmann leickt, daß hier oft eine vege- tationsschädigenoe Bodenoildung einsetzt.
Ist also der aus den Gesteinen des Vogelsberges entstandene Boden zur Ernährung von Kulturpflanzen insgesamt nicht gerade günstig — abgesehen natürlich von der Wetterau — so liefern die Gesteine selbst in anderer Beziehung wertvolle Produkte. Verfügt Oberhessen auch nicht wie der Odenwald über politurfähige Hartgesteine, so liefert der Basalt, wie die zahlreichen gerade setzt neuentstehenden Steinbrüche allenthalben beweisen, ein geschätztes Steinbrucksmaterial. Oft wird die natürliche Säulenglieoerung (z. B. Bilstein
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bei Lauterbach, Gaulskopf bei Gedern) bei dem Abbau gern benutzt. Der Münzenberger Sandstein mit feinen bunten Farben hat als Grenzstein weite Verbreitung gefunden. Zahlreiche Sand- und Tongruben, zum Teil größeren Umfanges (3. B. bei Gießen oder Lauterbach), sind randlich au finden, fehlen aber leider dem Innern des Dogelsberges vollständig, Kalk (Gießen, Lauterbach, Haingründau z. B.), Ocker (Wieseck, Homberg) und See kreide (Garbenteich) werden gelegentlich gewonnen. Sehr wertvoll ist die als Dynamitbestandteil unentbehrliche Kieselgur, aus der Anhäufung kleinster pflanzlicher kiefeliger Organismen entstanden; sie kommt besonders bei Altenschlirf und Beuern in abbauwürdiger Menge vor. Besondere Beachtung gewann in jüngster Zeit der unter dem Basalt liegende Quarzit, der zur Herstellung von feuerfesten Steinen außerordentlich gesucht ist (z. B. bei Daubringen, Leihgestern, Angenrod, Homberg). Schon der Mensch der älteren Steinzeit schätzte das harte Material zur Herstellung seiner Werkzeuge, wie die umfangreichen Ausgrabungen des Geologischen Instituts Gießen in den Höhlen bei Treis a. d. Lumda beweisen.
Eine besondere Eigenart des westlichen Oberhessens stellen die Mineralquellen dar, die zum Teil Weltruf besitzen, wie das prächtig ausgebaute Nauheim. Von Gießen können sie durch die ganze Wetterau bis über die hessische Grenze verfolgt werden und waren schon den Kelten und Römern bekannt. Der untergegangene Ort Selters bei Gießen (Seltersberg, Seltersweg noch jetzt daran erinnernd!) hatte feinen Namen von einer
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