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Frei geworden.

Erzählung von Klara Prteß.

7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Du denkst auch nur an dich. Anna, und hast keine Spur von Verständnis für mich! Mem Gott, man Hot doch auch etwas ganz anderes gewollt und geträumt, wie solch em Zeitungsschreiber zu werden! Wenn ich nur noch ein paar Jahre ganj frei für mein eigen Schaffen und Schreiben hätte leben können, vielleicht wäre doch noch ein anderer Kerl aus mir geworden. Aber mit der Hetzpeitsche seid ihr hinter mir heraewesen, die sieben Jahre lang. Da soll ein Mensch dann arbeiten! Aber ich habe getan, was ich konnte: und jetzt komme ich fit, will alles, was du willst, tue olles, was von einem anständigen Menschen ;u verlangen ist und nun ist das dein Dank und Empang!"

Geh'. du bist frei!" sagte Anna. Sie stand hoch und schlank vor ihm. und ihre ausgestreckte Rechte wies nach der Tür.

Und zum erstenmal feil diesem Wiedersehen schien sie ihm wieder schön. Am liebsten hätte er sie umarmi und damit diesen Zwist wie schon so man­chen früheren zu Ende gebracht. Aber so stolz und fremd war ihre Haltung, daß er sie nicht zu be­rühren wagte und vergeblich nach einem guttn. versöhnlichen Worte suchte.

Max Braten war gegangen. Und es war gut so. denn mit Annas Kraft und Ruhe ging es zu Ende. Sie sah ihn drüben über den Hof gehen und in dem dunklen Torweg verschwinden. Und jetzt oerfuchle Tante Lotte noch einmal zum Guten und zum Frieden zu reden. Aber Anna fiel ihr schroff in» Wort: ,^Loß das. Tante! Ich weiß jetzt, was ich will. Und ich schäme mich, daß ich es jetzt erst weiß. Es ist alles aus. Ich schreibe ihm nach heute abend und sende ihm den '.Ring zurück. Er soll seine Freiheit haben. Er soll mir nicht ein ganzes Leben lang vorwerfen können, dah er glücklicher geworden wäre ohne diese Fessel!"

Aber weißt du denn, Kind, ob du ihm mit dieser Freiheit ein Gutes antust? Ob es nicht hun­dertmal besser für ihn wäre, er hätte dich und ein festes Stück Pflicht und Arbeit? Ich habe es ja damals gleich gesagt, es wäre eine Torheit, daß ihr

euch so früh gebunden habt. Aber geschehene Dinge sind nicht ungeschehen zu machen. Ihr könnt bte sieben Jahre nicht aus eurem Leben auslöschen. Das will er denn eigenllich vom Leben - Du bist dos Beste, was er haben kann

denle gar nicht an ihn", sagte Anna. .Zch denke endlich auch einmal an mich. Was ist denn mein Leben gewesen diese sieben Jahre lang? Nach ledern Brosamen seiner Liebe habe ich mich dank- dar geduckt. Keinen eignen Gedanken, keinen an­dern Inhalt hat mein Leden gehabt. Wie fein Schatten, wie sein Echo bin ich herumgegangen all die Zeil. Aber letzt will ich mich selbst wieder- haben. Ich muß doch auch ein eigen lieben irgend- wo haben und damit wieder anfangen können."

»Nur übereile nichts, mein Kind. Siehe ihn noch einmal wieder, warte wenigstens bis morgen früh."

Damit Mutters Tränen mich wieder weich und unentschlossen machen? Und mein bißchen Willen dann wieder nicht ftandhalt? Tante Lotte, hilf mir doch das Rechte tun, du bist immer ehr- Uch mit nur gewesen. Sage, daß cs das Rechte ist und ob ich ihm heute abend noch abschreiben soll!"

9hm. in Gottes Namen, Kind, tue es, wenn du selbst de» Weg siehst hier, nimm meine Feder und die Schreidmappe. Ein Glück, daß Mutter schon schläft. Wird das ein Reden und Jammern werden morgen früh. Aber dann beiße die Zähne aufein­ander. Ich helfe dir. so gut ich kann, schon weil-r!"

Tante Lotte humpelte aufgeregt umher. Sie brachte bas Schreibzeug und ihre alte, mit Rosen und Vergißmeinnicht bestickte Schreibmappc. Dann setzte sie sich in ihr eignes dunkles Zimmer neben- an und meinte ein paar heimliche Tränen um Annas Leid und um eigenes, längst begrabenes.

Anna schrieb wenige kurze, knappe Zeilen. Sic fühlte, daß sie nicht weich werden durfte. Dann zog sic den Goldring vom Finger, den er ihr da- mals vor fieben Jahren gleich von München ge- schickt, und steckte ihn mit in den Brief ins Kuvert. Sieadressienc an sein Hotel und trug dcn Brief gleich über den dunklen Stiftshof nach dem Torweg, wo ein Briefkasten gerade unterhalb her Laterne Zur Bequemlichkeit der Stifsbamcn angebracht war. (Einen Augenblick stanb Anna schweratmenb still. Der Herbstwind stob durch die offene Pforte von der Straßenseite herein und häufte die dürren Blät­ter in den dunkeln Ecken des Durchgangs.

Es schlug langsam Zehn auf 6t. Marien, lieber den Hof ftapfre der Pförtner heran

Na, noch ein bißchen unterwegs zum Aus­gucken?" sagte er wohlwollend zu Anna.Ader da ist nicht viel mehr los auf der Straße, und es wird nun Zeit zuzujchließen."

Da warf Anna den Brief in den blauen Kasten. Er fiel schwer auf den Boden. Daß so ein kleiner Ring jo viel wiegen konnte!--

Und bann ging Anna heim in das kleine Haus unb stieg bie ichmale Holztreppe herauf m das Schlafzimmer, wo ihre Mutter ruhig schlief. Ganz mechanisch zog sie sich aus unb kämmte unb bürstete wie alle Abenbe sorgfältig ihr starkes, blondes Haar. Und bann legte sie sich in ihr schmales, eifer- nes Bett unb lag bie Nacht burch still unb wach mit offenen Lugen unb gefalteten Hanben. Ganz still unb abgestorben war ihr zumute. So mußte man im Sarge liegen, so weit weg von allem Sehnen. Glauben. Hofsen. bas es boch irgenbwo in der Welt gab.

Ein schriller Schrei klang burch bie Nacht. Waren es bie roilben Gänse auf ihrer Wanderfahrt gen Süden, ober tauchten bie brci Jungfrauen aus dem Master auf? Unb riefen sie roieber nach einer, bie krank lag vor Liebesnot, bah sie morgen zum Wasser gehen muhte und Ruhe finden von allem Lieben und Leiden?

Gegen Morgen kam ein Stündchen Schlaf und dann das wehe Erwachen und die schwere Pflicht, der Muter bas Vorgefallene mitzuteilen.

Die Frau Oberlehrer weinte wie em ftinb, dem man sein liebstes Spielzeug fortgenommen hat. Das ist ja gar nicht möglich!" sagte sie.So aus- einanberzugchen. wenn man sich sieden Jahre lang liebgehabt hat. Unb so viele Leute wissen es schon! Papa unb ich sinb doch auch jahrelang verlobt ge­wesen unb sinb boch so glücklich miteinanber ge­worben. Wenn ich gestern abenb nur babei ge­wesen wäre, aber Lotte war immer so scharf unb immer gegen bie Manner, die hat bich natürlich nur bestärkt. Aber Aenne, so eine Verstimmung zwischen Liebesleuten will doch gar nichts sagen, fei nur recht lieb unb versöhnlich gegen ihn, wenn er nachher kommt. Wir Frauen müssen doch den schwersten Weg gehen, Kind. Und was sott sonst aus dir werden" Ein entlobtes Mädchen, das ist so etwas schrecklich Trauriges! Und du bist viel zu

alt. um irgend etwa» anderes anzusangen."

Dies U ebennah von mütterlichem Jammer gab Anna ihre volle Festtgkeit wieder

So. Mutter, nun meine dich ruhig aus." sagte sie. . Unb dann trinke deinen Äaffee und Iah alle wetteren Worte, es wird bodi nicht anbers TI Ut­ting. Du tust mir |a so furchtbar leib, aber mir selbst ist heute morgen ganz frei und leicht um»

Hs baue :d) all die Jahre eine Kette nach- Geschleppt unb konnte nun enblich frei gehen, mo­rn ich wollte Unb so alt bin ich noch gar nicht. Mutter, habe noch soviel Zeit unb Zukunft vor mir. Unb Tante Lotte laß nur ganz in Ruhe, die hat mir gestern und immer nur gutgeraten.*

Es war ein heller Herbstmorgen da rußen. Die Sonne zwang die Rebel herunter. Da sah viele» heller und lichter aus wie gestern abenb. Anna tat ihre gewöhnliche Arbeit in Küche unb Hau»« halt. Sie hatte Angst daß Max Braten boch noch einmal kommen möchte, unb war doch enttäuscht, als der Morgen verging,und ihn nicht ins Stift brachte. Gegen Mittag kam ein Brief, an Tante Lotte adressiert.

Broken schrieb, daß er Anna momentan für so nervös und erregt halte, bah er Nicht an sie zu schreiben wage. Bei ruhiger Ueberlegung würbe ihr schon bie Einsicht kommen, bah sie ihm gestern biiter unrecht getan. Aber er trage ihr nichts nach unb hielte sie selbstverständlich nach wie vor für gebunden, sei auch bereit leben Augenblick in» Stift zu kommen, fobalb Anna ibn misten laste, baß er ihr willkommen sei. Borerft wolle er ollerbings, auch um Anna Gelegenheit zu geben, roieber ruhig unb vernünftig zu werden aut drei Tage nach itrüroro. Seine Gegenwart sei dort drin- genb nötig. Unb borthin erbäte er sich Nachricht.

Die Mutter fanb ben Brief reizenb unb wollte ihn gern gleich beantwortenDamit ber arme Mensch sich nicht weiter ängstigt unb einmal wieder etwas Freundliches hort."

Aber Tante Lotte verbot ihr bas ganz ener­gisch. Sie selbst schrieb am Abend bann ein paar lurze, klare Zeilen, bie Annas Entschluß billigten unb ihm rieten, von allen weiteren Annäherung»- versuchen abzusehen.

(Fortsetzung folgt.)

Maxim.

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