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Kl. 202 Zweites Blait Siehener Anzeiger General-Anzeiger für Gderhejjen)Samstag, 29. August 1925

JubiläumstageinZriedrichshasen

Don unfyem P. St^Sonderkorrespondenten. ßriebrit^bofcn, Ende August. (Nachdruck, oud) mit Quellenangabe, lurbokn.)

3;enn hie lebten zehn Jahre sich etwas freundlicher für uns entwickel! hätten, jo wür­den in diesen lagen über dem Bodensee wohl ein paar Geschwader von Riesenluftschlfsen heu­ten. Aber das Auge, das wahrend der großen, für die Luftschifjentwicklung programmatische Rede Dr Eckeners durch das Fenster des Kurgarten­hotels über die weite Fläche des Sees zur entfern- ten Kette der Alpen hinüberschweift, sieht nur ein paar Flugzeuge, die Prapagandasluge ausfuhren, um ihre große Schwester, das Luftschiff, zu ehren, dem diese Festtage gewidmet sind. Aus allen (Bauen des Reiches haben sich hier die 'JÄittäippfer und Freunde des großen Zeppelinschen Werkes PftfammelL Die Gestalt des großen Erfinders ist wieder kbenbia geworden, und (ein Werk sieht mahnend und anspornend vor aller Augen. Schließlich hat doch Dr. Eckener recht, wenn er sagt, daß die Tragik, die über dem Werk des Grasen Zeppelin liegt, zugleich die Tragik des deutschen Vaterlandes sei. Unser Luftschiff, das deutscher Geist ersann, deutsche Technik gebaut und deutsche Fuhrerkraft zum ersten Mal in die Lüfte gesteuert Hai. fahrt unter amerikanischer und italieni­scher Flagge. Das ist die stille, beinahe unaus­gesprochene Melancholie, die alles durchklingt, was in diesen Tagen hier in Friedrichshafen gedacht und gesprochen worden ist. Sie gab allen Feiern von vornherein eine gewisse Dämpfung, einen Ernst, eine unwillkürliche Zurückhaltung.

Es mag wohl Leute gegeben haben, die das große Werk des Grafen bereits für tot hielten. Gerade im Augenblick, da die Wirtschaftskrise mit erschrecken­der Schärfe in den Vordergrund tritt, ist uns unsere materielle Verarmung erst recht zum Bewußtsein ge- kommen. Das Diktat von Versailles liegt wie eine schwere Grabplatte auf der Zukunft der Lustschifs- entwicklung. Es verbietet uns, das große stolze Schiff zu bauen, das der Welt zeigen könnte, was Deutsch, land, sobald ihm die Bahn der Kraftentfaltung frei- gegeben wird, zu leisten vermag. Jeden von denen, die in diesen Tagen nach Friedrichshafen gefahren sind, haben wohl ähnliche Gedanken bewegt und beengt. Aber wer den Ernst, die Energie und die Zuversicht milempfinben konnte, bie bie Männer beseelt, bie heute bie ersten Träger und Vollender des Werkes des Grafen Zeppelin sind: wer ihren unbeirrbaren Glauben an bie Zukunft miterlebte, wird alle schwankenden Gedanken weit hinter sich gewor­fen und sich an ihnen wieder aufgerichtet haben, um be i Blick letzt in bie Zukunft zu lenken.

Dos Werk Zeppelins i st nichttot. Das ist bas Ergebnis biefer Jubiläumstage. Gewiß, bie Zeiten sinb schwer. Die Zeppelinwerke, bisher noch nie ein profitliches Unternehmen, haben kein Gelb mehr, weil bas, was bie ins Ausland abgelieferten Luftschiffe eingebracht haben, inzwischen auch wieder aufgezehrt ist. Auch weiter zugegeben: alle eben auf­gezählten Schwierigkeiten sind vorhanden, aber es lebt hier am Bodensee ein starker Wille, bas Werk zu erhalten, und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg Unb bie,en Weg haben Eckener unb Dürr unb ihre Getreuen bereits eingeschlagen. Er führt über bas ganze beutsche Volk, das barm mithelfen muh, hier einen ber urbeutschesten Ge­danken in neue Tat umzusetzen. Vertreter aller gei­stigen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kräfte und Richtungen haben in ihrem Aufruf gesagt, um was es jetzt geht. Die Zeppelin-Eckener- Spende soll die Mittel aufbringen, bas Werk zu erhalten unb ein neues Luftschiff zu bauen. Schon einmal hat bas beutsche Volk bamals nach jener Echterbinger Katastrophe feine Groschen zusammen gelegt unb aus Trümmern ein neues Werk geschaf­fen. Damals burchledten wir glücklichere Tage, wußten wir noch nichts von ber Not, bie heute auf uns lastet. Aber gerabe je größer diese Not ist, je mehr Leben wir haben versinken sehen, umso stärker muß ber Impuls zu biesem großen Werk, umso härter t^r Selbsterhaltungstrieb sein, ber bem beut» scheu Namen wieder Geltung verschaffen will. Es gibt, wohl in Deutschland neben dem greifen Hin­denburg keinen Mann, ber so populär ist, wie Hugo Eckener. Wenn wir, mißtrauisch geworben burch manche zweifelhafte Erscheinung unserer Tage, überhaupt noch Vertrauen zu verschenken haben, so gehört es in erster Linie mit biesem Mann, der mit seiner Fahrt über ben Ozean in ben bun- leisten Stunben unserer letzten Geschichte bte Augen ber ganzen Welt wieber auf eine große beutsche Tat gelenkt hat, unb ber jetzt bie Führung zu UM em Vollbringen übernimmt. Dr. Eckener hat in Gesprächen öfter als einmal von bem Vertrauen gesprochen, das er in die Hilfe des deutschen Vol­kes setzt. Er ist ein Mann des praktischen Lebens mit nüchternem, klarem Blick Er ist sich auch nicht im Zweifel über die Schwierigkeiten, die nament­lich ja auch in ber Richtung der Frage liegen, ob bie Entente uns ben Dau eines großen Kreuzers erlauben wirb. Ist bie technische Möglichkeit ber Gröhenherstellung an 4*d) auch unbegrenzt, so baß wir bei genügenben Mitteln ein Schuf von minbe- stens 2000 000 Kubikmter Inhalt bauen konnten, so würde es uns bie Größe der vorhanbenen Hallen immerhin geflohen, ein Schiss mit 105 000 Kubik­metern in Angriff zu nehmen. Diese Größe wäre das zunächst Erreichbare, wenn bie Entente die Begriffsbestimmung fallen läßt. Das wirb frei­lich noch einen schweren Kampf kosten. Wir hoffen, daß eine starke Volksbewegung ben Alliierten unb namentlich ben französischen Staatsmännern Har- machen wirb, einen wie ungeheuren Fehler sie be­gehen würben, wenn sie ben Bogen weiter über- spannen würben. Geben sie nach, so wirb bas Nord- polschiff aus ber Dolksspenbe heroorgehen Aber vielleicht ist es zunächst richtiger, sich gar nicht ein­mal so sehr in ben doch etwas fernliegenbcn Pol- gehonten zu verbeißen. Die Hauptsache ist boch, daß bie Zeppelinwerke als solche auf­recht erhalten bleiben, bis wir unsere Be­wegungsfreiheit wieber haben. Unb barum ist bas Nächste unb Wichtigste nich ber Kampf um Ge­nehmigung burch die Entente, ber sich schon von selbst eines Tages zu unseren Gunsten entwickeln wird, sondern vielmehr die Spend e. Bauen kön­nen wir auf alle Fälle, wenn wir nur die Mittel dazu haben. Schaffen wir aus außenpolitischen Gründen nicht gleich das große Schiff, so bauen wir ein kleineres von 30 000 Kubikmetern, bas man uns ja gnäbigft gestattet hat. Auch dieses Schiff wirb ben beutschcn Namen burch die Lüfte tragen unb ein Werk deutschen Lebenswillens fein. Hel­fen wir nur alle mit, fo wirb bas große Werk, das glückhaft Schiff, gelingen

Halloh 1010Hier Feuerwache".

Lum siebzigjährigen Bestehen der (Siefteuer freiwilligen Feuerwehren.

Irgendwo in der Stabt brennt eS. Am-nächsten Telephon wirb*bie Feuerwache be­nachrichtigt oder der rote Feuermelder dwch Einschlagen der Scheide in Bewegung geletzt Am Schaltbrett in der Wachtstube auf OSrralbegarlcn fbringt der Zeiger auf die Bummer des Melder«: lieberen im Hause ertönen die Glocken, die Mannschaft reißt Helm und Unifovm vom Haken und springt auf die Motorspritze, die durch das geöffnete Tor schrillend baronbrauft

3n den Straften stockt jeder Verkehr;

beim Ertönen des Feuerivehrsignals hat jede« Fahrzeug sofort zur Seit« zu fahren und zu halten.

2lm Melder gibt es Auskunft über das Wo. die Ankunft des Fahrzeuges wrrd tele- phomfch zurückgemeldet und nun geht es an die Bekämpfung des Brandes

Mas sich so in Minutenschnelle abspielt, ist durch ein ganzes, lange erdachtes unb gut durch» probteS Organisationssystem so geworden, wie es heute ist. 3n der ganzen Stabt sind die rot» gestrichenen

Feuermelder verteilt, die mit einer eigenen Leitung an die Feuerwache an geschlossen sind, so baft auch bei Gewitter, wo sonst die oberirdischen Leitungen der Post außer Betrieb sind, Feuer gemeldet wer­den kann. An mehreren verkehrsreichen Stellen der Stabt sind an die Feuermelder noch be­sondere ilnfallmelber angeschlossen, zu denen ber Schlüssel gleichfalls am Melder befestigt ist und durch die man telephonisch die Auer- wache von einem Unfall benachrichtigen kann. Solche ilnfallmelber sind am Markt, bei 6-afe Hettler, an der alten Bürgermeisterei, am IDalltor, in der Heuftabt unb an der Festhalle eingebaut.

Grofte Betriebe, bei denen besondere Ge­fahr beim Ausbrechen eines Feuers drohen würde, haben eigene Melder, fo daft die Feuer­wache schon beim Alarm orientiert wird, daft hier mit größeren Schwierigkeiten zu rechnen ist. Eine besondere Sicherung in weiten unübersichtlichen oder schwer zu begehenden Räu­men bedeutet ber

automatische Feuermelder, der auf Wärme reagiert unb beim ileberschretten einer gewissen Temperaturgrenze selbsttätig die Wache anruft. Solche Melber besitzt die Gailsche Zigarrenfabrik; im Stadttheater und in der Festha11e, wo sie zweifellos wegen der regelmäßigen starken Menschenansammlungen notwendig wären, fehlen fie leider noch.

Die automatische Auslösung der Alarm­signale in der Wache war schon oben erwähnt. Dem Wachthabenden bleibt nur übrig, die Rüm­mer des ausgelösten Melders durch Signai in den Autoschuppen zu geben mitsamt dem Zeichen, ob es sich um Feuer oder Unfall handelt. Die« Feurwehrleute. die, sieben an ber Zahl, staubig wechselschichtig Dienst tun. erscheinen, am Tage durch bie Klingel, nachts durch Licht und Klingel geweckt, an der Motorspritze, reiften die dort in peinlicher Sorgfalt bereitliegenden Uniform­stücke vom Haken, springen auf ihren Platz unb fahren zur Feuerstelle.

Die Motorspritze, bie mit einer Minutenleistung von 2000 Litern bis zu 12 Schlauchleitungen zu speisen vermag, führt 400 Meter Schlauch mit, ist mit einem groften Scheinwerfer versehen, der das Arbeiten bei Rächt wesentlich erleichtert, sie ist weiterhin ausgestattet mit einer 10 Meter hohen Schiebe­leiter. drei Hakenleitern, einer 'Dachleiter, einer Stockleiter. Anstelleiter. Tragbahre, Sprungtuch, mit Rettungsgerät: wie Sauerstoffapparaten, Verbandszeug, Handfeuerlöscher und verschiede­nem Werkzeug. Ein Fahrtrichtungs­anzeiger gibt für bie Fahrzeuge auf ber Strafte rechtzeitig bie zu nehmende Fahrtrich­tung an. so daß nach Möglichkeit jeder Auf­enthalt unterwegs vermieden wird.

Stellt sich an ber Brandstelle heraus, daft bie Wachtmannschaft allein nicht imstande ist, des Feuers Herr zu werden, wird über den einge- schlagenen Melder bei der Wache Hilfe angefor­dert. Das geschieht, indem durch eine eigene Ringleitung. an die zur Zeit 42 Feuer­wehrmitglieder angeschloffen sind, Rachfchub ver­langt wird. Die an gerufenen Mitglieder der Gießener freiwilligen Feuerwehr" und derFrei­willigen Gailschen Feuerwehr" begeben sich danach sogleich an ihre Wagen am Brandplah und in die Reustadt, von wo aus das Weitere veranlaßt wirb. Bei Großfeuer werden bie Si­renen auf dem Markt und an ber Realschule in Bewegung gesetzt; das ist das Zeichen für alle Wehrmitglieder. sich auf dem kürzesten Wege zur Verfügung zu stellen.

Die Städtische Feuerwehr, bie, wie bie beiden anders deren TOjähriges Jubi­läum heute unb morgen festlich begangen wirb, bem Kommando des Branddirektors Braubach unterstehen, ist in ihrem Wacht- gebäube gleichzeitig in städtischen Diensten als Handwerker beschäftigt. Alle vorkommenden Ar­beiten und Reparaturen an Geräten, Wohnungs- bedarfsgegenständen unb Kleidung Werden von den Wehrmännem in eigenen Werkstätten vor­genommen.

So verläuft das Leben des Feuerwehrmannes in steter Arbeit und Wachsamkeit im Dienst an feiner ihm zum Schuhe anvertrauten Stadt:

®ott zur Ehr, Dem Rächsten zur Wehrs- unb

Dem Rächsten Schutz, Dem Feuer Trutz!"

Geschichtliches.

Man braucht noch kein Jahrhundert der Ge­schichte nachzublättern, um etwas über das Feuer­löschwesen, soweit organisierte Feuerwehren in Be­tracht kommen, zu erfahren; denn die Tätigkeit

dieser Organisationen trat erst kurz vor Ende der ersten Hallte des 19. Jahrhunderts in Erscheinung. Wohl bestanden lange vor diesem Zeitabschnitt kn. drshcrrliche und gemeindliche Verordnungen zum Schutze der Mitmenschen und ihres Eigentums vor der verheerenden Wirkung des Schadenfeuers, aber sie standen nur auf bem Papier, die vom Brand Betroffenen waren in erster Linie auf sich selbst, bann erst auf die Nachbarn unb Einwohner ihrer Gemeinden angewiesen, allzuoft auch auf deren Wohlwollen. Die zielbewußte Organisation fehlte. Dor bem 3ahre 1840 gab es in Deutschland über­haupt feine Feuerwehr.

Den Anfang mit ber Grünbung einer solchen machte im Jahre 1841 bie Stabt Meißen in Sachsen. Einen weiteren Ruck zu organisierter Brandhilfe verursachte im Jahre spater der große Brand, der om Himmelfahrtstag 1842 bie «tobt Hamburg heimsuchte.

In Hessen wurde im Jahre 1845 die erste Freiwillige Feuerwehr in Offenbach a. M. ge­gründet, 1849 folgte Darmstadt, im gleichen Jahre Mainz. Oberhessen trat erst (pater auf ben Plan, bie erste oberhessischc Feuerwehr gründete Alsfeld im Jahre 1851, 1855 folgte Lauterbach und im Herbst des gleichen Jahres

(öleften,

wc gleich zwei Wehren gegründet wurden.

In einer von bem bamaligen Tabakfabrikanten Gg. Ph. (Bail, dem Gründer ber Firma gleichen Namens, für ben 6. Oktober 1855 einberufenen Versammlung melbeten sich 36 Bürger unb bilbeten nach Annahme ber vom Kreisamte genehmigten Satzungen bie

Freiwillige Gailfche Feuerwehr .

Sie wurdemilitärisch organisiert" und gliederte sich in eine Spritzen- und Steigermannschaft. Die Firma Gail beschaffte Spritze und Löschgeräte auf eigene Kosten. Der Gründer war zugleich lebens, länglicher Protektor ber Wehr, dieses Ehrenamt ging auch bis auf ben heutigen Tag auf feine männ­lichen Nachfolger über. Der Stadt stand die Wehr als eine private selbständige gegenüber, stellte sich aber bei allen Bränden, auch auswärtigen, zur Verfügung. Der erste Kommandant war Ferdinand Gail, Sohn des Gründers, bis 1871, zur Zeit steht Fabrikdirektor Karl Wenzel der Wehr als Hauptmann vor. An aktiven Mitglie- dern zählt die Wehr etwa 80, an inaktiven, d. h. solchen, die wegen vorgeschrittenen Alters von Hebungen und Löschdienst befreit sind, etwa 30. 2In Geräten stehen zur Verfügung eine Metzsche Saug- unb Druckspritze, ein Mannschaftswagen, ein Hybrantensahrzeug, sowie eine mechanische Leiter. Eine größere Anzahl Wehrmänner sinb, soweit sie nicht von früher her landesherrliche Auszeich- nungen besitzen, mit Diplomen für mehr als fünf- zehnjährige Dienstzeit ausgezeichnet.

Die Gießener Freiwillige Feuer-, wehr, z. Z. der Gründung (15. Dez. 1855)Gie­ßener Feuerwehr-Corps", spaterStädtische Feuer- wehr" genannt, ist ein städtisches Institut. Zu ihrem ausschließlichen Gebrauch stellte die Stadt eine Metzsche Spritze zur Verfügung, für bie persönliche Ausrüstung ber Wehrmänner sorgte bas Korps selbst. Der erste Hauptmann war H. Ferber, später Christoph Rübsamen, ber Grünber des Turnvereins 1846 unb eifriger Förderer des Turn- unb Schwimmsports, Besitzer der heute noch destehenben Müllerschen Babeanstalt. Sein Streben ging dahin, bie Feuerwehr im Turnverein aufgehen zu lassen bzw. in eine freiwillige Turnerseuerwehr umzu- wandeln, in bie nur aktive Turner ausgenommen werden konnten. Er drang aber mit seinen Plänen nicht durch und trat mit einer Anzahl Mitglieder aus der Wehr aus. Die obsiegende Partei, unter Führung des Buchdruckereibesitzers Fr. Ehr. Pietsch, setzte es durch, daß jeder Bürger der Wehr beitreten konnte. 9m Jahre 1867 übernahm ber Advokat Weidig das Kommando; er war bemüht, bie Aus- rüftungen unb Einrichtungen ber Wehr zu oervoll. ftänbigen, fand aber nach feinem Empfinden nicht immer die nötige Unterstützung, es gab Mißstim- mung zwischen der Wehr und bem Stadtrat, bie sich so zuspitzte, daß im Mai 1882 bie Wehr sich a u f l ö ft e. Aber schon am Tage nach ber Auf­lösung wurde eine Versammlung einberufen und eine neue Feuerwehr unter der Bezeichnung

«Gießener Freiwillige Feuerwehr" gegründet. Jrn Grunde genommen kann bie neue Wehr als Fortsetzung ber aufgelösten betrachtet werden, daran ändert die Tatsache nichts, daß sich eine Anzahl Ausgetretener zu einerGießener Alt- Feuerwehr" zusammenschloß; diese hatte keinen Einfluß auf die fernere Entwicklung ber freiwilligen Feuerwehren. Aus Grund des neuen Feuerlösch­gesetzes wurde im Jahre 1889 auch eine Pflicht­feuerwehr errichtet; sie ist aber ohne Bedeu­tung geblieben. Die Stabt förberte bas Lösch- wesen durch Bewelligung von Mitteln zur Vervoll­ständigung des Löschwesens, Errichtung eines Steighauses am Brand usw.

Seit etwa 15 Jahren besitzt die Stadt eine einen vollständigen Löschzug darstellende M o torspritze, mittels deren es in ben meisten Fällen möglich war, ausbrechenbe Bränbe im Keime zu ersticken, ohne baß bie freiwilligen Feuerwehren einzugreifen brauchten, unb bei auswärtigen Brän- ben rasch Hilfe zu leisten. Eine ständige Feuerwache im Gerätehaus am Oswalbsgarten liegt stets in Bereitschaft. Die Gießener Freiwillige Feuerwehr selbst verfügt über zwei Löschzüge mit je einer mechanischen Leiter, einem Mannschaftswagen, einer Spritze und einem Hydrantenwagen. Die aktive Mannschaft besteht zur Zeit aus ca. 130 Wehr- männern. Kommandant ist zur Zeit Brandinspektor Fritz Wenzel. Der Oberbefehl über beide Wehren liegt in den Händen des Stadtbaudirektors Brau­bach. Die beiden Wehren haben feit ihrem 70jäh- eigen Bestehen burch ihr rasches unb erfolgreiches Eingreifen bewiesen, baß die Sicherheit ber Stabt bei Feuersgesahr bei ihnen in guten Händen liegt. Wir prüften die Jubilare und rufen ihnen zu:Gut Wehr!"

Lpiclplan der Krankst Theater.

Opernhaus. Sonntag, 30. Anguß: Inter­mezzo. Montag, 31.: Der Freischütz Dienstag, 1. September: Die i*üi>in. Mittwoch. 2.: Der Wassenschied. Donnerstag. 3 : Der Troubadour. Freitag, 4.: Mignon. Samstag. 5.: Carmen, Sonn­tag. 6.; Die Meistersinger von Rürnberg.

Schauspielhaus. Sonntag, 30. August: Einer von unsere Leut. Montag. 31.: Der Kreide­kreis. Dienstag. 1 September: Die drei Zwillinge. Mittwoch. 2 : Bürger Schippel Donnerstag, 3.: Die Andacht zum Kreuze. Freitag. 4.. Einer von unsere Leut. Samstag, 5.; Bürger Schippel. Sonntag, 6.: Die drei Zwillinge.

Der Abbruch der Schuldenverhandlungen.

Die englisch-französischen Schuldenoerhandlun- gen, zu denen extra ber französische Finanzminister 0 a lila u r nach London gereift mar, sind ergeb- iusIps verlaufen. Mehrere Tage hindurch haben sich Winston Churchill unb Eaillaux über bie Hohe brr Jahresraten herumgeftritten. England verlangte ursprünglich zwanzig Millionen Pfund, Frankreich glaubte nur neun Millionen Vorschlägen zu können. Nach heftigen Auseinandersetzungen gingen die Engländer auf vierzehn Millionen herunter und Frankreich auf zehn Millionen hinauf. Damit war natürlich noch immer keine (Brunbk reiche Wciferoerhandlungen gegeben, so daß jetzt die Besprechungen ergebnislos abgebrochen werden mußten.

Für Frankreich, speziell für Herrn Eaillaur, tft der Ausgang der Verhandlungen höchst unerfreu­lich, um so mehr, als Frankreich für feine kost­spieligen Kolonialkriege Geld gebraucht, dessen Austreibung ihm jetzt im Auslande sehr er« fchwert wird, da selbstverständlich die ausländischeit Geldleute mihtrauisch werden unb mit der Hergabe von Krediten zurückhalten, um nicht selbst in die Verlegenheit zu kommen, eines Tages mit der fran- zosischen Regierung heftige Kampfe wegen der Rück­zahlung ber Schulben ausfechten zu müßen, wie bas jetzt in Conbon ber Fall war.

Die französische Regierung glaubte anscheinend auf* Grund der englisch-belgischen Verständigung in London auf größtes Entgegenkommen rech­nen zu können. Es wurde aber seinerzeit sofort von ber Londoner Regierung mitgeteilt, baß Frankreich nicht zu hoffen brauche, es werbe ebenso günstig gestellt werben wie Belgien. Trotzdem fuhr Herr Eaillaux in der festen Annahme nach London, baft cs ihm gelingen werbe, ein ähnliches Abkommen bei ber Lonboner Regierung durchzubrücken. Seine Stellung bürste burch biefen Mißerfolg nicht un­erheblich erschüttert werben, zumal bie Sozialisten seit langem mit seiner Finanzpolitik unzufrieden sind. Die Franzosen scheinen aber trotz des nega­tiven Ausganges ber Lonboner Verhandlungen ihre Hoffnungen auf eine für Frankreich günstige Schuldenregelung nicht aufgegeben Zu haben, Herr Eaillaux hat jedenfalls ben Pressevertretern mit* teilen lassen, baft er mit neuen Vollmachten aus­gerüstet noch London zurückkehren werde. Die Festigkeit der englischen Regierung ist vom deut­schen Standpunkt aus zu begrüßen, da sich Frank- reich jetzt bequemen muß, feine Ausgaben ein« zuschränken unb burch Verringerung ber Besotzung im Rheinlanb die Einnah­men aus bem Dawes-Adkommen zu erhöhen.

Aus der Provinz.

Landkreis Gießen.

* Lang-Gons, 27. Aug. Bei der hiesigen Beigeordnetenwohl wurde der seitherige Bei­geordnete Wilh. Karl R o m p f mit 597 Stimmen wiedergewählt. Der sozialdemokratische Geaen- landidat, Kartosselhändler Karl Rühl, erhielt 139 Stimmen. Am Abend deS Wahltages brach­ten die Vereine dem Reugewählten einen Fackel­zug. Es wurde nach altüblichem Brauch eine Tanne vor der Wohnung aufgeftellt.

* Beuern, 27. Aug. Bei der hiesigen Beigevrdnetenwahl wurde unser seitheri­ger, allseits beliebter Beigeordneter, Wagner- meister und Fleischbeschauer H. Arnold V., einstimmig mit 418 Stimmen wiederaewahll ES ist dies gewiß ein schönes Zeichen für das Ver­trauen, das unser Beigeordneter in hohem Mafte gemeftt.

Kreis Friedberg.

Hr. Rieberflorstadt, 28. Aug. Der­selbe Wirbelwind, der in Münster so großen Schaden anrichtete, berührte scheinbar am Mon­tag, 24. August, kurz nach l/21 Uhr, den links der Ridda gelegenen Teil unseres Dorfes. Dunk­les Gewölk überdeckte den Himmel in der Gegend von Friedberg. Plötzlich horte man, vorn Walde (Richtung Bönstadt) herkommend, ein gewaltiges Pfeifen und Sausen in der Lust. Die Wolken wurden im Kreise h^umgeschleudert und durch­einandergewirbelt, etwa so, wie manchmal bet Gewittern zu beobachten ist. Die Leute im Felde flüchteten heim in Erwartung eines schwe­ren Wetters. Run brauste mit gewaltiger Wucht der Sturm heran, bog die Bäume um, riß Reste und Zweige ab und schüttelte das Obst. Die ersten Häuser hatten den stärksten Anprall abzuhalten, die Ziegel flogen von den Dächern. Fenster und Läden wurden auf- und zugefchlagen. 3n den Gärten knickten die Dalien, die Stangen­bohnen wurden aus der Erde gerissen und fort- getragen. Die Windrichtung änderte sich dauernd, die Häuser ächzten im Gebälk. In etwa 5 Mi­nuten war alles vorüber. Der Wirbel war in Richtung Dornaffenheim weitergezogen. Regen fiel dabei nur wenig. Auch alte Landwirte geven an, noch nie eine solch gewaltige Raturerschei- nung beobachtet zu haben Die in Hanau ge­kaufte Halle ist nun abgebrochen und hierher gebracht worden. Es wird sofort mit dem Wiederaufbau hier begonnen, damit noch diesen Herbst die Autos darin untergebracht werden können. Die hiesige Volksschule plant mit den Schülern der oberen Klassen und den Fort­bildungsschülern eine Rheinsahrt bis zum Rieder­wald. Auch Erwachsene können daran teilnehmen. Um die Kosten möglichst niedrig zu hasten, soll von Frankfurt a. M. aus schon ein Schiss benutzt werden Etwa 300 Personen werden sich an der Fahrt beteiligen.

Äreis Büdingen.

!! Büdingen, 27. Aug. Auf der Tagesord­nung der Gemeinderatssitzung stand wie­der einmal die Bürgermet ft erwähl. Es lag ein Antrag vor, der die Aufgabe des Berufsbürger. meisters und bie Wahl eines ehrenamllichen Bür« germeifters für die Stadt Bübingen forderte. Der Antrag wurde jedoch erneut abgelehnt. Angenom­men wurde jedoch der Vorschlag des Kreisamts, bie Ruhegehalts- unb Hinterbliebenenoerforgung genau wie bei den Staatsbeamten zu regeln. Die Schaf­fung der Kraftpoftlinie Büdingen Merkenfritz hält der Gemeinderat für sehr be- orüftenswert, auch der Sraftpoftlinie Büdingen Düdelsheim Lindheim Eckartshausen 2an« genbergheim Hanau steht der Gememderat sehr sympathisch gegenüber, während die anderen vor- geschlagenen KrarwosUinien der Gemeinbeoerire- tung weniger wichtig erscheinen. Wegen ber Ge, Währung von Zuschüssen für die Heiden genanntes