Kr. 175 Zweites Blatt
t der gastlichen Hauptstadt Schwedens 600 bis
JO Abgeordnete sämtlicher christlichen Kirchen Welt (mit Ausnahme der römischen Katho
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-am vorbereiteten ökumenischen Konserenz zu- ammen. Es hat christliche Weltkonserenzen in
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Die christliche Welt- Lonferenz zu Stockholm. Lon Geh.-Rat Prof. D Adolf De iß mann, Berlin.
Mitglied des Internationalen Äomitce6 der Weltkonferenz deS praktischen Christentum".
In der zweiten Augusthülfte 1925 treten
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ri! euerer Zeit auch früher schon gegeben: die --rohen internationalen Verbände der 3ung- ii rünner- und Iungfraucnvereine, der christlichen Studenten, der Mission haben seit Zahr^ehnten ihre Weltzusammenkünfte gehabt, zum Teil Ver- !cnflaltungen von ganz erheblichem Ausmahe.
Lber immer waren es freie Vereinigungen, die »ahinter standen, nicht die Kirchen als solche. §ie Stockholmer Tagung, deren Zustandekom- i en hauptsächlich den unermüdlichen Bemühun- 1 en des lutherischen Erzbischofs von Llpsala, t'athan Söderblom, verdankt wird, ist eine Konferenz der Kirchen, beschickt von amtlichen »Abgeordneten, die eine Gesamtseelenzahl von . troa 300 Millionen protestantischer, anglikani- icher und orientalischer Christen repräsentieren '□erben. Der Deutsche Evangelische Kirchenbund, ; ie Zusammenfassung sämtlicher deutscher Landes- richen, sendet unter Führung seines Präsidenten ID. Dr. Kapler eine Delegation von etwa 70 Abgeordneten, Theologen uno Laien. Männern urb Frauen nach Stockholm.
Sechzehnhundert Jahre nach dem ersten ökumenischen Konzil von Vicäa (325) also ein neues und neuartiges christliches Weltkonz'll Dah die römisch-katholische Kirche nicht teilnimmt, ist ihr freier Wille gewesen', deshalb ist Stockholm aber ii keiner Weise feindselig gegen Vom. Dah in >er römisch-katholischen Christenheit troh der amtlichen Nichtteilnahme ein starkes Interesse an der Tagung vorhanden ist, ist sicher. In einer vielbeachteten Schrift hatte kürzlich der bekannte Münchener katholische Theologe Professor Pfeil- Ichifter die ganze auf Stockholm zudrängende Bewegung mit ebenso groster Sachkenntnis wie Lhmpathie gewürdigt, und schon seit einiger Zeit Ixiben sich große katholische Organe eine Dericht- crstattung über Stockholm gesichert. Neuartig ist Stockholm wegen seiner weltweiten Beschickung. Kkäa war nur die Vertretung der kleinen, mit t>rr Mittelmeerwelt sich deckenden antiken christ- i-dyen Welt. In Stockholm wird der gesamte bristanisierte Erdkreis seine Abgesandten ver- sirnmeln. ein so niemals vorher möglich ge- dxsenes Parlament der Nassen und der Völker, ter Sprachen und der Konfessionen. Neuartig aber wird Stockholm auch sein durch sein neues P rogramm.
Man wird weder über eine dogmatische i cxh über eine kirchenrechtlich-verfassunasmätzige ßtnigimg aller Kirchen verhandeln Sondern über praktische Dingel „Allgemeine Konferenz der klrche Christi für praktisches Christentum — ist der offizielle Name der Konferenz, die -ine faktische, wenn auch dogmatisch nicht formulierte Einheit der christlichen Gesinnung bei ihren Teilnehmern vorausseht. Herausgeboren >..»s den größten 3deen des Neuen Testaments, fifr die Bewegung, die in Stockholm hiswrisch sichtbar werden wird, aufs stärkste beeinfluht burch die seelischen Erfahrungen des hinter uns liegenden Jahrzehnts der Selbstzerfleischung der christlichen Völker. Ein junger hessischer Geistlicher. Ren6 Wallau, hat in einem noch rechtzeitig vor Stockholm erschienenen vortreftlichen laiche „Die Einigung der Kirche vom evangeli- hen Glauben aus" gezeigt, wie die ungeheure Mot dieser Jahre in allen Ländern die ernstesten Christen mobil gemacht hat zu einer neuen Evangelisation der Menschheit. Die Konferenz will demgemäß alle jene Fragen aufrollen und in
Zum 1OO. Geburtstag der Stahlfeder.
Ein Jahrhundert ist jetzt verflossen, seitvenc ,um erstenmal die Stahlfcderfabrikatwn fabrit- mihig und in größerem Umfang aufgenommen il»urde. Zwar hatten sich Erfinder schon lange bemüht, den Gänsekiel durch ein haltbareres Tatenal zu ersehen, aber erst im Stahl bot lich der Stoff bar, der eine ideale Lösung er- i in öglichte, und nicht früher war es so weit, um Itc Stahlfeder als Massenartikel herzustellen, bts ntan gelernt hatte, die Schreibfedern aus den (arten Stahlbändern auszustanzen. Wie so manche große Erfindung, die dann die ganze Dell eroberte, sind die Anfänge der Herstellung :>en Stahlfedern in Dunkel gehüllt. Es wird : «richtet, daß bereits ums Jahr 1803 ein Englän-
<r namens Wise in Birmingham die ersten Siahlfedern geschaffen, aber, wie so ost, erkannte tan die Bedeutung dieser Neuheit nicht, und es ergingen noch mehr als 2 Jahrzehnte, bis die tften Stahlfederfabriken ins Leben traten und qenz langsam die Stahlfeder ihren Siegeszug ! .1 der die Welt begann. Die erste Stahlfeder-
□brik wurde 1825 in Birmingham errichtet. Eine 7-cue Epoche in der Geschichte be$ Schreibge- -ctes begann damit, nachdem man sich Sabr- ausende mit primitiven Werkzeugen beholfen u ad doch mit ihnen die erstaunlichsten Kunst- oerte vollbracht hatte. Das älteste Schreib- g-erät ist wohl der Pinsel gewesen, mit dem n. ach heute Wunder der Schönschrift im fernen Osten entstehen. Aber die alten Aegypter tonn- :ca schon sehr früh die Rohrfeder, die ursprüng- ich dadurch zum Schreiben brauchbar gemacht ourbe, daß man das Ende des Rohrs im Munde □eich drückte: man kann annehmen, dah die nit diesem weichen Instrument ausgeführten Schriftzüge sich von denen eines seinen Pinsels licht viel unterschieden .Die ältesten griedji- chen Papyri dürsten mit solchen erweichten Rohr- c)em geschrieben sein; erst später ging man dazu iber, das spröde Rohr zu spalten, wie es noch ,<ute mit den Stahlfedern geschieht, und man cireidytc damit eine dünnere Schrift. Seitdem gehört das Schreibrohr ober Kalmnus nebst dem besser, das das Rohr spaltet, und dem Bims- ftein, an dem die stumpf gewordene Spitze gelocht wird, zum unentbehrlichen Gerat des Schrei- i benben durch viele Jahrhunderte. Aus den Me- toll- und Wachstafeln, die man ebenfalls im Altertum als Schreibstoff benutzte, konnte man
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t um Rückgabe bet "bis guml.W s SiNfotM bleibt bis 17. Sept. 1925 Der Vorstand.
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 29. Juli 1925
gemeinsamer Geistesarbeit zu beantworten suchen, die sich auf die öffentliche Mission des Christentums besehen, im Sinne des uralten Meisterwortes. daß die Jünger Jesu das Salz der 6rbe und das Licht der Welt sein sollen. Man wird also den Einfluß des Evangel ams auf das ökonomische und industrielle Leben behan dln und die Ausgaben der Kirche in bezug auf d c sozialen und internationalen Probleme sowie die .Kirche als Macht der Erziehung. Alles in d r Absicht nnb Zuversicht, daß die christlichen Kirchen in den weltgeschichtlichen Bewegungen und Kämpfen sich selbst zu aktivieren haben und sich aktivieren können, um durch Geltendmachung ihrer hoben moralischen Autorität den brutalen Kamps der Interessen zu veredeln, die Idee solidarischer Zusammenarbeit zu verw rklichen. Verständigung zu fördern und den bis jetzt seelenlosen Organisationen der Menschheit eine Seele zu geben.
Das sind Ziele, die nicht von heute auf morgen und die auch nicht in vierzehn Tagen in Stockholm verwirllicht tverden können Stockholm ist als ein Anfang gedacht, rurd es ist tat- sächlich ein erster Anfang. Aber doch eben ein wirklicher Anfang dazu, daß der Tiefsinn der von Wittenberg her erweckten Kirchen mit der kristallenen Gedankenklarheit deö Calvinismus in Austausch tritt über die Lebensfragen unserer christlichen Kultur, und daß der vielgestaltige und in seiner Mannigfaltigkeit so reich? europäische und amerikanische Protestantismus von der sicheren und ruhigen Würde der anglikanischen und morgenlänbi festen K-rchen zu lernen sucht, älnd ein Anfang auch dazu, daß dieser Austausch, wie er noch unter den seelischen Erschütterungen einer unerhörten Periode der Derseindung auf dem allen Teilnehmern freundschaftlich sich birbieten- ben Boben Schwedens fta’*Hnbct, bic Teilnehmer auch menschlich zusammenführt und ein Reh wohltätiger neuer Beziehungen von Kirche zu Kirche und von Volk zu Volk schafft
Cs ist ein weitverbreitetes Mißverständnis, wenn man meint, christlicher Aktivisrnus sei nicht dem Wesen des deutschen Luthertums entsprechend. Gab es einen größeren Aktivisten als Luther? Und hat nicht gerade die deutsche Christenheit des neunzehnten Jahrhunderts bereits in ihrer Inneren Missions- und soz'alen Arbeit ein gut Teil des Programms von Stockholm vorweggenommen, theoretisch durch heiße Gedankenarbeit und praktisch durch kraftvolle Organisationen? Gerade weil wir meinen, es seien uns besondere Ausgaben der Innerlichkeit an- vertraut, sollten wir deutschen Christen in die große Zusammenarbeit mit dem Glaubensgenossen der anderen Kirchen entschlossen eintreten. ohne phantastischen Ueberlchwang. aber mit dem nüchternen Ernst unseres Pflichtbewußt- seins. Wir haben etwas mitzubringen, was wir als unseren Beitrag in die Geistesarbeit von Stockholm einfügen wollen: den Glcrubenstrotz Luthers, die gottinnige Frömmigkeit Paul Gerhardts und Speners. bic Offenbarungen Bachs, die einsame Wucht Kants und die den Brüdern bienenbe Selbstverleugnung Wicherns und Dobel- schwinghs. Und dieses große Erbe glauben wir, hindurchgegangen durch das Elend des letzten Jahrzehnts, noch fester zu besitzen als zuvor und mit würdevoller Dankbarkeit vertreten zu sollen, bereit, auch von dem Großen, das die anderen haben, zu lernen.
Wenn so alle Teilnehmer im Bewußtsein ihrer hohen Verantwortung und getragen von einem festen Willen zur dauernden Zusammenarbeit ihr De,, es hergeben in dem öftentlichen und Persönlichen Austausch der Konferenzwochen, dann wird Stockholm für die aus den Fugen gegangene Welt ein weithin wirkendes Kraftzentrum des Aufbaus werden.
Landtagsschluß.
Bon unserer Darmstädter Redaktion.
Der sommerliche Tagungsabschnitt des Hessischen Landtags, der zu Beginn dieser Woche zu Ende ging, hat länger gedauert, als dies üblich ist. Als
natürlich mit dem Schrerbrohr nicht arbeiten; hier trat an seine Stelle der Metallgriffel ober Stilus, von dem uns kostbar verzierte Exemplare erhalten finb; ber Stilus war am oberen Ende vielfach zu einem kleinen Spaten verbreitert, um damit das Wachs zu glätten und bic Schrift auszulöschrn. Im Mittelalter bebiente man sich weiter ber Griffel, bie bisweilen aus Elfenbein ober Silber hergestellt würben. So berichtete man von ben Kirchenvätern, daß sie „mit silbernem Rohre" schrieben, unb einen silbernen Griffel schickte der heilige Donifazius ber Aebtissin Cadburg zum Geschenk. Zu ihren kunstreichen Hanbschriften bebienten sich die Mönche auch bisweilen des Pinsels, dessen he ja zum Ausmalen der Miniaturen bedurften.
Schon im frühen Mittelalter hat man versucht, den Griffel durch eine Metallfeder zu ersehen, und mit einem solchen Instrument ist z. B. der Schreiber in einer illuminierten Handschrift des Trinity College in Cambridge dargestellt. Dasjenige Schreibgerät aber, das Schreibrohr und Griffel ablöste, wurde die Federspule, der alte Gänsekiel, mit dem noch unsere Großväter geschrieben haben und der sich sogar bis vor einem Vierteljahrhundert noch bei alten Leuten unb tn kleinen Städten erhielt. Die Feder als Schreibgerät wird zuerst im 5. christlichen Jahrhundert erwähnt, und zwar beruhtet eine Chronik von dem Oftgotentonig Theoderich, er habe die ünterfdjrift seines Namens mit einer Federpose geleistet. In den ältesten irischen Manuskripten ist der Evangelist Johannes mit einer Feder in der Hand dar- gestellt, um die göttlichen Visionen niederzu- schreiben, unb feitbem ist der Gänsekiel von jedem Schreiber unzertrennlich. Sie hat ihre eigene Poesie gesunden, bie Gänsefeder, mit der unsere Klassiker so charaktervoll und harmonisch zu schreiben wußten; sie hat aber auch zu vielen Seufzern Anlaß gegeben. Besonders schwierig war die Kunst des Federschneidens; ein „Federmesser" mußte stets zur Hand sein, und das Gradespalten war am schwersten. Der bekannte Dichter unb Aeghptologe Georg Ebers erzähll aus seiner Jugend, daß seine Schwester Martha sich des größten Ansehens in der Familie erfreute, weil sie eine Meisterin im Federspalten war. 'Es hat nicht an Versuchen gefehlt, diesen so leicht zerstörten Kiel durch ein standhafteres Gerät zu ersetzen; man verfertigte Spulen von Horn. Schildpatt und anderem. Eine sonderbare Glasfeder wurde in den Handel gebracht, bie, wie bie Gänsefeder, einen aus zwei Beinen
am 9. Juni die Verhandlungen begannen, sprach Präsident Adelung die Hoffnung aus, daß in Ipätcns vier Wochen der Staatsvoranschlag erledigt sei: der Landtag war aber noch zwei Wochen langer bei lammen, unb um die Arbeiten vorwärts zu bringen, mußten sogar mehrere Nachmittagssiyungcii eingelegt werden. Der so oft schon gegen den Landtag erhobene Vorwurf, daß zuviel geredet wird, dürfte seine Bestätigung finden in Vergleichen mit der ParlameniLdciuer bei Etatsberatungen in der Vorkriegszeit sowie in Feststellungen über die Summen, die bewilligt worden sind. Man wird bann wohl erkennen, daß größere Lundesstaaten mit umfangreicherem Staatshaushalt durch ihre Parlamente durchweg die erforderlichen Mittel in einem verhältnismäßig kürzeren Zeitraum bewilligt erhalten.
Lange Debatten, die wenig Positives zutage förderten, brachten die ersten beiden Sitzungen des Tagungsabschnittes mit ihrer Aussprache über die Arbeitszeit in den Bäckereien und der Verhandlung zur Grundsteuer. Bemerkenswert war die Einmüligleit, mit der aber das Haus den bedeutsamen Vorschlägen des '21 bg. Dr. Dehlinger zur Entwässerung des Rieds zustimmte'
Bei den Beratungen des S t a a t s v o rausch l a g s , die am 15. Juni begannen, entfaltete sich bann die Redelust ungehemmt. Schwieg zunächst die Regierung, so waren in der Generaldebatte bie Ab- georbneten um so redseliger. Es sprachen die Ab- geordneten K a u l (Soz ), Ruß(Zlr.), Dr. Leucht- g e n s (Bbd.), Scholz (D. '23p.), Dr. Werner (Dntl.) cind Dr. Greiner (Komm.). Die Reden waren mehr oder weniger Stellungnahmen zu den Anträgen des Bauernbundes, die den Namen der Abg. Dr. Lenchlgens und Glaser tragen. Die Rede des Finanzministers war im wesentlichen eine Abwehr gegen diese Anträge. Die Beratung des Staats- Voranschlags läßt sich unter gewisse Stichworts gruppieren, die sich durchaus nicht immer an die wichtigsten Kapitel des Staatsvoranschlags anlehnten.
Ain 26. Juni konnte die Beratung der zum Ministerium des Innern gehörenden Kapitel des Etats in Angriff genommen werden. Schon hier begannen die uferlosen Debatten über die Zollvorlage, bei denen man sich aus dem Hessischen Landtag in den Reichstag versetzt glauben konnte, mit dem Unterschied, daß der Landtag eigentlich nichts bar* über zu sagen, d. h. nichts zu entscheiden hat. Am 24. Juni hatte der Finanzminister bereits die Anweisungen an den hessischen Gesandten in Berlin zur Zolloorlage verlesen (er sollte beweglichen Zöllen zustimmen), aber das genügte dem Agitationsbedürfnis der Kommunisten nicht, und in der Sitzung vom 26. Juni kam es daher zu solchen Lärmszenen der Kommunisten, daß die Weiterberatungen vertagt werden mußten. In der Zwischenzeit bis zum 30. 6. hat dann der Gesetzgebungsausschuß zur Geschäftsordnung schärfere, gegen sog. „Parlamenlsflegel" gerichtete Bestimmungen vorgeschlagen, die von allen Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten, gebilligt wurden.
Weitere Punkte, die ausgedehnte Debatten her- Dorriefen, waren die Zuschüsse für die Kirchen. Sie wurden nach den Vorschlägen der Regierung bewilligt. Vom 2. bis 3. Juli wurden Schulfragen erörtert; den Beratungen schickte Ministerialdirektor llrstadt längere Darlegung- gen über die Pläne zur Lehrerbildung in Hessen voraus. Bei ben sehr erregten Debatten ging es um biesen Streitpunkt, aber auch Fragen wie: Simul- tanschule, Konfessionsschule, Grunbschule, Fortbil- bungsschule usw. würben lebhaft besprochen.
Am 9. unb 10. Juli ging man zur Beratung ber Steuerfrage unb bes Finanzgesetzes über. Bemerkenswert ist, baß bie Mehrheit bes Lanbtags einer Entschließung bes Hessischen Stäbte» tages beitrat, worin bie Pläne ber Reichsregierung zum Finanzausgleich abgelehnt werben.
Als am 13. Juli bie Schu 1 frage erneut zur Erörterung ftanb, kam es zu einer förmlichen Vergewaltigung ber Rechtsparteien bes Lanbtags durch bie Linke bes Hauses, als ber Präsibent bes Lanbesbilbungsamtes auf einem mit Mehrheit bes Lanbtags gefaßten Beschluß, baß begabte Knaben nach breijährigem Besuche ber Grunbschule in bie Sexta aufgenommen werben bürfen, bem Sinne nach erroiberte, er verfahre
Schenkeln bestehenden gläsernen Schnabel hatte. Alle diese Erfindungen bewährten sich nicht, sondern erst die Stahlfeder brachte den großen Umschwung. Während die Engländer als Erfinder jenen unbekannten Wise nennen, ist neuerdings mit mehr Recht der Erfinder der Lithographie Alois Senefelder als Schöpfer der Stahlfeder genannt worden. Jedenfalls steht fest, daß er zuerst stählerne Plättchen schnitt, sie zuspihte. im Schnabel spaltete und zum Schreiben auf einen Griffel feststeckte. Wie alles Neue wurde die Stahlfeder zunächst sehr bekämpft und besonders als „Derderberin der Schrift" angeflagt. So war sie längere Zeit in den Schulen verboten, als sie sich bereits im Geschäftsleben ein- zubürgern begann. Die Schönschrift galt ja damals als das höchste Gut, das ein junger Mensch ins Leben mitnehmen kannte, und diese Kunstfertigkeit schien durch die Stahlfeder bedroht. Während England und Frankreich mit der Stahlfederfabrikation vorangingen, hat sie erst nach 1870 bei uns einen Aufschwung genommen, der bann allmählich zu einer führenden Stellung in der deutschen Industrie sich entwickelte. Erst im letzten halben Jahrhundert hat die Stahlfeder den Gänsekiel ganz verdrängt.
Die wahre Heilige Johanna.
Vernarb Shaws Heilige Johanna war während des letzten Winters ein Lichtblick im Theaterleben unserer westlichen Zivilisation. Unter den ungezählten Tausenden, welche das Drama gesehen und gelesen haben, waren sicher viele, die die Wucht der Dichtung zu ernsterem Nachsinnen über religiöse, historische, menschen- kundliche Probleme gebracht hat. Das Hauptinteresse hat aber zweifellos die Persönlichkeit der Heiligen Johanna selbst erweckt, zumal durch die bekannte, halb ironische, halb skeptische Beleuchtung, in die der Dichter die Heilige gestellt hat. Dadurch wurde mancher zu der Frage geführt: Was ist an Shaws Heiliger Johanna wirklich historisch, was eigene Zutat des Dichters? Shaw selbst hat ja seiner Dichtung eine historische Einleitung vorausgeschickt, die aber nun auch wieder mtt Ironie geladen ist. Außerdem besitzen wir die sämtlichen Prozeßakten unb ausführlichen Berichte über die Geschichte der Jeanne d'Arc. Aus diesen Dokumenten veröffentlicht nun Dr. Tim Klein im Juliheft ber „Zeitwend e" (Verlag C. H. Beck in München) einen Aufsatz über die Hei-
n i d) t nach biesem Beschluß, sondern nach eigenem Gutdünken. Der Einwanb ber Rechtsparteien, baß eine solche Erktärung gegen bas parlamentarische Sy st em unb bic Grundsätze ber Demokratie verstoße, würbe einsach durch eine Abstimmung beiseite gestellt. Damit war jeboch die Angelegenheit nicht criebigt, denn in der Schlußsitzung, am 20. Juli, legten bic Rechtsparteien gemeinsam gegen die „Verhöhnung der bcmcsiralisch parlamentarischen Qnmblage ber hessischen Verfassung- unb die Richt- achttmg eines Landtagsbeschlusses durch die Regierung" feierlich Verwahrung ein.
Die Ausweisung ber Optanten aus Pocen.
Die polnische Regierung such! ihr Verhältnis zu Deutschland immer ungünstiger zu gestalten, obwohl ihr (eilens der deutschen Regierung teilt Anlaß dazu gegeben wird. Der Ausbruch des Zollkrie- g c s ist lediglich auf bie Unnachgiebigkeit ber polnischen Regierung zurückzuführen, die gestützt auf bic dauernde Unterstützung durch Frankreich glaubt Händel mit Deutschland ansangen zu können. Dabei ichersicht sie, bah die Schöben unb Nachteile in der Hauptsache den polnischen Handel unb bic polnische Jnbustrie treffen. Zum 1. August beabsichtigt Polen nun einen neuen Schlag gegen Dctitschlanb zu führen. Zu biesem Termin sollen 15000beutsche Optanten aus bem ehemals beutschcn Gebiet en t s e r n t sein, bic nicht über Grunbbe- sitz verfügen. Zum 1. November sollen bann noch mehrere tau)enb grunbbesitzenbc bcn 1 sche Optanten aus Polen entfernt werben, sosern ihr Grunbbesitz im Bereich von Festungen hegt.
Für bicse rigorose Maßnahme, burck bic viele Tausend Deutscher ber Existenz beraubt werben, trifft bic Verantwortung ganz allein bie polnische Regierung, ba sie alle Versuche ber beuIschen Regierung, bie Optantenfrage in humaner Weile zu klären, in schroffer Weise ab- gchnt hat. Polen kann sich allerdings auf bie Ent- scheibung bes Haager Schiebsgcrichtcs unter bem Borsitz bes Hollänbers Kakenbeek berufen, bas zum Erstaunen aller Welt bem rigorosen Slanbpunkt der polnischen Regierung beitrat, baß die Optanten bis zu einem bestimmten Tage von ihrem Recht bes Aufenthaltswechsels Gebrauch machen mußten unb baß anbernsalls Zwangsmaßnahmen cinzuleiten seien. Ob aber bie polnische Regierung nicht mit biesem brutalen Borgehen auch ihrem eigenen Lanbe einen großen Schaden zufügt, das wird sich im Laufe ber Zeit Herausstellen. Denn bie beutsche Regierung wirb nicht untätig ber Vergewaltigung ber beutschen Optanten zusehen. Sie wirb am 1. August, falls bie polnische Regierung sich im letzten Augenblick nicht noch eines Besseren besinnen sollte, 10 000 Personen, bic für Polen optiert haben, in Extrazügen aus bem ganzen Reiche an bie polnische Grenze besörbern unb ben polnischen Behörben auslicfcrn. Die beutsche Regierung muh zu bieser Gegenmaßnahme greifen, weil sie nicht bulben kann, daß Polen in feinbfeligcr Absicht bie Beziehungen zwischen ben Länbern immer mehr verschlechtert statt zu bessern. Die Reichsregierung hat lange genug gegenüber allen Provokationen einen Stanbpunkt ber Versöhnuny unb Berftänbigung eingenommen, so baß ihr nicht ber Borwurf ber Böswilligkeit gemacht werden kann, wie es immer wieder von polnischer Seite versucht wird.
Wie ber Berliner ,Lokalanzeiger" erfährt, sind . alle Borbereitungen zur Unterbringung ber aus Polen zwangsweise entfernten Optanten schon seit längerer Zeit im Gange. Ein Vertreter bes Reichsarbeitsministeriums befinbe sich beim Generalkonsulat in Warschau. Das Schneibemüh» (er Lager, in bem bie Ausgewiesenen zuerst untergebracht werben sollen, ehe sie auf bie Ge- meinben verteilt werben, sei bebeutenb erweitert worben. Es sei Vorsorge getroffen, baß bie Wohnungen polnischer Optanten in Deutsch- lanb freigehalten werden. Der gesamte preußische Derwaltungsapparat sei instruiert worben, für Unterbringung ber Ausgewiesenen zu sorgen.
lige Johanna, in bem er sehr vernehmlich die Quellen sprechen läßt. Seine Auszüge aus ben Prozeßakten werfen ein Helles Licht auf bie Johanna Shaws. Es bestätigt sich die Kühnheit, mit der Shaw seine Johanna antworten läßt. Im Verhör gibt sie sehr präzise Antworten über ihre Herkunft, über ihre Bildung, über ihr Können. Der Inquisitor fragt z. D.: ..Hast du irgendwelche Fertigkeit oder ein Handwerk in deiner Jugend gelernt?“ Johanna antwortet: „3a. Nähen und spinnen; darin nehme ich's mit jeder Frau von Rouen auf.“ Sodann wird sie über die „Stimmen“ inquiriert. Sie weigert sich, von ihren Offenbarungen etwas mitzuteilen. Sie wird auch gefragt, warum sie Männerkleidung anlege, auch hierauf verweigert sie mehrere Male die Antwort. Bemerkenswert ist ihre Antwort an den Bischof: „Ihr sagt, daß ihr meine Richter seid, habt acht darauf, was ihr tut, denn in Wahrheit bin ich von Gott gesandt und ihr setzt euch großer Gefahr aus." Vin andermal über ihre „Stimmen" gefragt, antwortet sie: „Ich fürchte mich sehr viel mehr, mich gegen die Stimmen zu verfehlen, als daß es mich bekümmert, euch zu antworten." Auf die Frage, ob sie in der Gnade Gottes stehe, äußert sie sich so: „Wenn ich nicht darin ft ehe, wird Gott mich darein versehen, und wenn ich darin bin, wird Gott mich darin erhalten. Ich wäre die geschlagenste aller Kreaturen, wenn ich nicht wüßte, daß ich in der Gnade Gottes bin.“ Immer ist ihre Rede schlicht, ungelenk, volkstümlich. Merkwürdig ist auch, was sie über den heiligen Baum in der Nähe ihres HeimatsortS sagt. In ihrem frommen katholischen Glauben mischt sich, ihr selbst unbewußt, die altgermanische Daumverehrung. Wenn man die Prozeßakten nachliest, die zur Verdammung Johannas geführt haben, so sagt Tim Klein, dann bekommt man den immer stärker werdenden Eindruck, dah sich hier eine Tragödie besonderer Art vollzieht, nämlich diese: dah ein heldenhaftes Gemüt, innerlich getrieben, aber auch gebunden durch visionäre Erlebnisse hineinschreitet in eine Welt der Politik, der Berechnung, kurz in die Welt der grohen Mächte der Erde, die die Phantasie falt zum Mythos zu erhöhen pllegt, bie sich aber dem reinen Herzen in ihrer grausamen, seelenlosen Realität offenbaren. Diefer wirklichen Welt ist der „romantische“ Sinn nicht entfernt gewachsen, und ihre Wogen schlagen vernichtend über dem Haupte des schlichten, gläubigen Menschen zusammen.


