Montag, 29. Juni (925
»iegener Anzeiger (Genera,-Ezetger |ür Gderheyen)
Nr. (49 Zweites blatt
Gustav W. E b e r l e i n.
trügerisch an.
unbeirrier Sachlichkeit die Preise steigen. In gleichem Mähe die allgemeine Unzufriedenheit. In gleichem Maße die Unerbittlichkeit des von (einer Mission überzeugten Faszismus. Das Problem ist von allen Seiten betrachtet außerordentlich interessant.
Selbstverständlich drängen sich auch hier jene verbohrten Nationalökonomen in den Vordergrund, die an dem einfachen Rechenerempel der Aus- und Einfuhrziffern haarklein beweisen, daß und warum die Lira momentan zurückgehen, demnächst aber wieder hochgehen müsse. Sie haben das noch jedesmal getan und jedesmal sind die diesbezüglichen Währungen nicht gesünder davon geworden. Es wäre Spielerei, auf die italienischen Handelszif- fern näher einzugehen. Was wollen kleine Schwan• kungen besagen, wenn auf der Sollseite im Haupte buche an die 200 Milliarden stehen'. Es wäre schon ein Wunder, wenn eine aktive Handelsbilanz auch nur die Zinsen einer so ungeheuerlichen Schuld auf- brächte. Der Fremdenverkehr bringt jährlich etwa 2 Milliarden ins Land, Deutschland zahlt jeben Tag ein bis zwei Millionen bar als Kriegstribut, dem Untertanen werden nicht nur ein Zehntel, sondern
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säße der Ostasienpolitik maßgebend sind und in der die englische Flotte mit ihren Stützpunkten im Stillen Ozean den Machtfaktor darstellt.
Man könnte sich norfteUen, daß an dieser chinesischen Krise in Washington die Erwägung weitergeht, wie man nun die Abrüstungsfrage fördern will. Diese hat ja Eoolidge von Yarding übernommen. Die republikanische Partei betrachtet das als einen Hauptpunkt ihrer Außenpolitik. Amerika wird daher alles tun, eine kriegerische Verwickelung im Fernen Osten auszuschließen und wird vielleicht auf diesem etwas umständlichen und langen Wege veranlaßt, bann auch ber europäischen Diskussion über bic Sicherheit und Abrüstung stärkere 'Aufmerksamkeit zuzuwenden. Denn so fern diese chinesischen Vorgänge liegen, sie lehren doch, daß auf der Welt alles miteinander zusammenhängt, in wirtschaftlicher wie auch in politischer Beziehung, sind doch England und Frankreich nicht nur maßgebende Mächte im Osten, sondern zugleich auch die ersten in Frage kommenden Staaten in Europa.
Im Augenblick hemmt und schwächt die chine- fische Ärife die beteiligten Mächte, also in erster Linie England, nicht. Dort hat man stärkere Sor-
die Gefahr für Italien komme nicht von Wien her sondern vom Brenner. Nun ist der Brenner ein Rührmichnichtan für Mussolini, er näherte sich also wieder Frankreich: Rheingarantie gegen Brenner garantic. Davon will aber England nichts wissen Paris verlangt weiter die Jmeressierur.g Roms an den deutschen Ostgrenzen — eine Unmöglichkeit für uns. erklärt Mussolini, der nicht vergelsen kann, wie italienische Soldaten von den ..polnischen Banden" in Oberschlesien massakriert und rcrftümmelt wur den. Er kann cs, nebenbei gesagt, seinem da maligen Vorgänger, seinem Todfeinde Sforza, beu er gestern vor ber Kammer Lügner unb Verräter nannte, nicht verzeihen, für biese Hekatombe keine Sühne verlangt zu haben, währenb er selber sic! nicht scheute, vor einigen Tagen wegen eines in Afghanistan Hingerichteten Italieners bem Eim ultimative Forberungen zu unterbreiten und einst weilen die Bankguthaben ber in Italien wohnen ben Afghanen zu beschlagnahmen. Er nennt ein solches Vorgehen Politik ber Macht unb Gröhe und will aus burchaus ähnlichen Prestigegründen nicht von einer Bindung Italiens in der Sicherheitsfrage wissen. Italia farä da se!
So liegen die Dinge nach außen und es fragt sich jetzt nur, ob diese Prestigepolitik sich auf reale Grundlagen ober tönerne Füße stützt. Vielleicht lei bet die italienische Valuta an unsichtbaren Jmpott beraöilien. an dem Glauben der Mächtigen dieser Eroe an die tönernen Füße. Sicher ist, daß in Italien die patriotischen Fahnen etwas zu häufig wehen, daß das Gold der festtäglichen Begeisterung durch den allzu häufigen Gebrauch zur Scheide münze herabgesunken ist und insolgedessen nicht mehr so geschätzt wird. Mit Trommelwirbels und Ultimaten allein kann man bei einer solchen Schul benlaft keine Währung halten, es muß sich zum minoeften eine stabile Politik hinzugelellen. Freilich hat Mussolini ein festes, erhabenes Ziel im Auge, bic Größe bes Vaterlanbes, er hat aber zur Er- i reichung desselben zu viele Eisen im Feuer. Zu viele Weberschiffchen zwischen allen europäischen unb überseeischen Kabinetten laufen. Das Element ber Unklarheit macht sich in ber römischen Politik breit — bas internationale Barometer zeigt es un-
em Viertel unb mehr seines Einkommens megge- fteuert — und doch wird von alledem ber heiße Stein nicht gekühlt, wenn auch bic Finanzlage nach ben amtlichen Aeußerungen bes zustänbigen Ministers eine glänzenbe ist. Seine Exzellenz läßt in Anwesenheit ber Presse Haufen von Banknoten in ben Koksöfen verbrennen, er gibt ben Valutaspekulanten ben Tip, ja nirt auf Baisse zu spekulieren — aber nein, bockbeinig rechnen biese Leute mit einem weiteren Rückgang ber nationalen Währung, weshalb sie als Landesverrräter gebranbmaflt werben.
Hier sind wir schon auf bem Gebiete, wo die Währung gemacht wird, auf dem Boden der Politik. Ein Blick auf das internationale Valutabarometer: Schwankend. Wer wollte leugnen, bic augenblickliche Politik Italiens sei nicht schwankenb? Ur- | fache unb Wirkung also in einfacher Wechselbe- 1 ziehung.
Aber einfache Erklärungen sinb nichts für Politiker. Das verlangt schon ber Parteistanbpunkt. Unb so nt nach ber Opposition einzig unb allein ber Faszismus an ber Geschichte schulb, währenb Fa- rinacci verlangt, bic Saboteure bes Nationalvermögens, biese Aldertini unb Amenbvla, müßten in Ketten gelegt werben. Außerbem gibt es noch Dritte, bie gerabe in biefem Familienzwist eine ber hauptsächlichsten Ursachen jener Erscheinungen sehen, bic man als Borsenpanik zu bezeichnen pflegt. Börse, ja, nicht bloß Wechselkurs. Denn bas ist das Originelle an der italienischen Krisis: Wäh- renb in Deutschland die Aktien um so höher stiegen, je tiefer die Sßäfjrung herabrutschte ober hcradge- rut|cht würbe, stürzen hier bie Aktien mit. Auch für biefes Phänomen gibt es gelehrt tuenbe Erklärungen, währenb in Wirklichkeit bie Sache sehr einfach liegt: Das Mißtrauen bes Auslanbes begegnet sich mit bem Mißtrauen in Italien selber, unb bas mit Recht, benn bie italienische Inbustrie hangt ja zu neun Zehnteln vom Ausland ab.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Im gleichen Augenblick, wo die französische Fwlle der italienischen im Hafen von Neapel einen zeremoniellen Besuch abstattete, wie es bie internationale Etikette vorschreibt, entzog ein Ukas bes Frankreich be- herrschenben Comite bes Forges ber lateinischen Schwester bie Vorbebingungen fü bie Existenz einer Flotte unb eines Heeres: Das alte Eisengerümpel. Es hort sich fast wie ein Witz an unb boch bebeutet ber Schrott für Italien bas Lebenselemcnt. Als Mitglieb bes Dreibunbes war Italien aller Rohmaterialsorgen entljoben, mit ber Besitzergreifung burch Frankreich sah es sich hoffnungslos ber Hegemonie ber französischen Schwerindustrie aus- geliefert Daher die furchtbare Ernüchterung nach dem Frieden, daher in der Hauptsache ber Haß auf Frankreich unb bie Nittimänner, bie nicht rechtzeitig bie Gefahr erkannten. Bis auf bie Elba- gl üben unb einige anbere Minen fetunbärer Bebeu- tung bar bes unerläßlichen Eisens, bezog Italien Jahre hinburch das Futter für feine Industrie und bamit bie Unterlagen für feine Wehrmacht in Form non Schrott, zunächst aus bem Saargebiet, also cud) aus französischer Hanb. Dann tarnen bie ersten Beschränkungen unb wenn nun Frankreich bie Schrottausftchr gänzlich unterbindet, so braucht es wirklich nicht vieler Worte, um zu erläutern, was bas für Italien bebeutet.
Das fafzistische Italien erkannte beizeiten die Achillesferse an bem jungen Koloß eines bis an bie Zähne bewaffneten Dierzigmillionenvolkes, besten Wehrfähige biejenigen Frankreichs in zwan- zig Jahren an Zahl um bie Hälfte übertreffen werben, unb suchte Anschluß an Deutschlanb. bie Freunbschaft ober wenigstens Neutralität Englanbs Es jubelte Hinbenburg zu unb — schwenkte um in bem Augenblick, wo bie Anschlußfrage akut wurde, ber österreichische Außenminister in eigener Person in Rom Verrat beging und Mussolini versicherte,
Aus der Provinz.
Landkreis Gietzen.
al. 21 l l e n d o r f (Lahn). 27. Juni. Der der Volks- und Betriebszählung ist folgendes Ergebnis zu verzeichnen: Einwohner 869 (422 männliche, 447 weibliche), Häuser 152, Haushaltungen 176. Landwirtschaftlich« Betriebe 135, Gewerbebetriebe 32. Dei der letzten Volkszählung in 1919 hatten wir mir 784. also 85 Personen weniger.
!*! Haufen, 28. 3uni. Ein Sängerfest feierte heute der hiesige Gesangverein „Germania". Gleichzeitig beging der Verein sem 27jähriges Stiftungsfest verbunden mit Fahnenweihe. Zu Ehren der gefallenen Dereinsmitglieder wurde heute vormittag auf dem Friedhöfe am Gefallenendenkmo । ein Kranz niedergelegt. Vachmittags bewegte sich ein stattlicher Festzug durch das geschmückte Dorf nach dem Festplatzc. Außer den hiesige:' Vereinen nahmen 19 Gesangvereine der ihn gebung an dem Feste teil. Auf dem Festplatzc hielt der 1. Vorsitzende Größer die Festansprache und weihte die neue Fahne, die alsdann der Fahnenträger Hch. Schlosser übernahm. Seitens der Festjungfrauen übergab Frl. Sophie Schard eine Fahnenschleife. Der Dauer sche Gesangverein-Gießen stiftete einen Fahnennagel. Durch gesangliche Vorträge der einzelnen Vereine naßm das Fest einen sehr schonen Verlaus.
Z Lich, 27. Juni. Unser in den 90er Jahren noch stilles unb vielen unbekanntes Stäbtchen hat burch bie Vermählung ber Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich mit bem Großherzog Ernst Lubwig in weiten Kreisen immer mehr Jnterefie gefunben, so baß seit bieser Zeit alljährlich zahlreiche Frembe kommen, um ber ehemaligen ßanbesmutter Heimat unb beren Sehenswürbig- feiten kennen zu lernen. Aber nicht bloß Ausflügler, Wanbercr unb Erholungsbebürftige suchen bas schon gelegene, mit prächtigen Wäwcrn umrahmte Stäbtchen auf, sonbern auch wissenschaftliche unb anbere Vereinigungen machen es zum Orte ihrer Tagung. So fanb gestern unb heute eine größere VersammlunghessifcherForstbeamten in unseren Mauern statt. UnterFührung bes fürstlichen Oberförsters Zimmer würbe burd) bie am Nachmittag schon eingetroffenen Herren zunächst eine j Besichtigung ber Stabt unb ihrer altertümlichen Ma- rienstiftskirche vorgenommen, woran sich bann im „Hollänbischen Hof" ein gemeinsames Abendessen anschloß. Danach folgten mehrere wissenschaftliche Vorträge, bie ber Aufklärung unb Fortbildung bienen, und am heutigen Tage sodann eine gemein fame Exkursion durch Gemarkung unb Wald, wobei eine Anzahl Aufschlüsse auch Einblick in die Boden Verhältnisse und feine geologische Zusammensetzung und bie dadurch bedingte Wulbkultur gegeben wurde — An dem freudigen Ereignis, das aus Laubach gemeldet wird, der Geburt einer T o ch te r des Grafen Georg zu S o l m 5 • 2 a u b a d) nimmt unsere Stadt innigen Anteil, ist doch die Gräfin-Mutter eine Tochter des Fürstenhauses jüngstes Kind des verstorbenen Fürsten Karl unt seiner noch lebenden Witwe Emma zu Solms-Hohen solms-Lich. Aus Anlaß dieses Ereignisses weht auf bem hiesigen Schlosse bie blaugelbe Solmser Fahrn — Als ein Ausfluß ganz außergewöhnlicher Rohei: — zur Zeit bes Frembworterunfugs hätte man Dan balismus gesagt, bamit es nicht jeber Deutsche gleid verstand — darf wohl eine Tat bezeichnet werden die dieser Tage hier vorgekommen ift Dem in allen Teil ber Bevölkerung hoch angesehenen Lehrer D. wurden in seinem Garten in einer Nacht alle Gemüsepflanzen, Kartoffelstauden, ja sogar bie Beerensträucher und Zwergobst - ft ä m m d) e n ausgeriffen. Es ist nicht anzunehmen, daß ein vernünftiger, erwachsener Mensch ber bie Freude eines Mannes an feinen selbftgezüch teten Erzeugnissen kennt, sich zu einer solchen Tat hinreißen läßt. So bleibt nur die öfters geäußerte Vermutung bestehen, daß jugendliche Rohlinge, vielleicht sogar Schüler des Betroffenen in dieser Weise ihren Unmut über irgendeine Zurechtweisung Ausdruck verliehen haben. Wenn Strafe für eine Uebeltat gerechte Sühne fein soll, so wäre hier sicherlich die bei vielen so verpönte Prügelstrafe am Platze, und zwar nicht bloß einmal, sondern mindestens so lange, bis die zerstörten Gewächse chre Ernte gebracht hätten. Dafür wurde ge- wih auch der hartnäckigste Gegner dieser „mittelalter-
Außenpolitische Umschau.
Don Professor Dr. Otto H o e tz s ch , M. d. R.
Wie natürlich, hat in bet letzten Woche bie Sicherheitserörterung keinen Fortschritt gemacht. Man prüft auf beutjdjcr Seite erst bas ganze verwickelte System, das Frankreid) vorschlägt. Man stellt in Warschau und Prag fest, daß man im großen unb ganzen zufrieben sein kann. Man ift in Frankreid) durch ben Kamps in Marokko unb bie innere Regierungskrise abgelerftt. Unb man hat vor allem in England damit zu tun, festzustellen, was für Bindungen England eigentlich ein- ginge, wenn es an ber Herstellung biefes ganzen Paktes Mitarbeiten würde bis zum Schluß.
In England wird man kritischer und zweifelnder. Aus bem Briefwechsel zwischen Frankreich unb Englanb, ber veröffentlicht worben ist, sicht man, mit welchen Bebenten Englanb an die Sache heran» geht und wie es versucht, auf alle Weise und mit Rückfragen zu klären, ob es sich nicht hier in Zwangsverhältnisse einläßt, bic so kommen würben wie 1914, als sich zeigte, daß Englanb die Freiheit seiner Entschließungen eben preisgegeben hatte. Ob das nicht in irgend einer Form auf die Stellung Chamberlains zurückwirkt, wird sich erst in ben nächsten Derhanblungen bes Unterhauses zeigen, bie beshalb auch für uns sehr interessant sind.
Wir blicken noch einen Augenblick auf die Böl- ferbunbstagung in Genf zurück, in ber ja die Besprechung zwischen Brianb und Chamberlain nur ein Vorspiel war und auf der vor allem die österreichische Angelegenheit behandelt wurde. Aeußerst ängstlich ift man in Oesterreich bemüht gewesen, das heißt in seiner offiziellen Welt, alles, was nach Anschluß klang, beiseite zu schieben (der Wechsel ber österreichischen Gesandtschaft in Berlin gehört in dieses Kapitel), um nur ja nicht die Stimmung in Genf zu verderben Man wollte dort den Rest ber Völkerbunbsanleihe, bie sogenannten Rest- krebitc für sich frei bekommen, um sie zur Bekämpfung ber Arbeitslosigkeit, zur Elektrisierung bestimmter Teile ber Bunbesbahncn zu verwenben. Das ist auch gelungen. 18 Millionen Dollar sinb daraus zur Verfügung gestellt worden und auf drei Jahre kann Oesterreich dieses Programm durchführen. Es ist an sich sehr schon und sehr nützlich, aber glaubt jemand, daß damit diesem Staate und dieser Volkswirtschaft dauernd auf die Beine geholfen worden ist? Nein! Wir sehen ganz ruhig diesen Bemühungen zu, ebenso bem nervösen Gerebc gegen Anschluß überall auf ber Welt. Wir könnten bas um so ruhiger tun, wenn nicht aus diese Weise die Leiden .unseres Volksgenossen an ber Donau nutzlos verlängert würden. Die natürliche unb gegebene Losung ist ja ebensowohl vom nationalen wie vom wirtschaftlichen Stanbpunh ber Anschluß an das Reich, der einmal kommen wird und kommen muh!
Der große weltpolitische Hintergrund der Sicherheitsdebatte, die uns nun das nächste Vier tcliahr, das heißt zunächst bis zur Völkerbundstagung in Genf, beschäftigen wird, ist in den Worten Marokko und China enthalten. In Marokko rüsten die Spanier zum großen Angriff auf Abd el Krim unb sie unb bie Franzosen suchen burch gemeinsame Abrebe ben Waffcnschmuggel zu untcr- binben, mit bem Abb el Krim fortwährenb Unter stützung erfährt. Es ist für Spanier unb Franzosen ein sehr gesährliches Abenteuer. Diese Kämpfe in Gebirge unb Hitze, gegen eine tapfere tobesmutige Bevölkerung, bie bie mobernen Kampfmittel, etwa bes Schützengrabens, auch gelernt hat, sinb jeben» falls langwierig, sehr opfervoll unb kosten viel Gelb. Der spanische Diktator stellt sein ganzes Schicksal babei auf bas Spiel, inbem er diesen Kamps zu Ende führen will. In Frankreich aber kann Dies Kolonialabenteuer ben Sturz ber Regierung jeben Tag bringen. Im Kartell ber Linken rebellieren große Teile, wollen bie Unterstützung bem Kabinett Painleve nicht mehr gewähren, unb mit bem marokkanischen Streit tritt bie innere Unwahrheit bieser Regierung ins Licht, baß sie von ber Linken gestützt wirb unb in ber sic Männer mit einem ausgesprochenen Rechtskurs an verantwortlichen Stellen — wir benfen an Brianb unb Cail- laux — hat. Das lähmt unb schwächt bie Schlagkraft Frankreichs unzweifelhaft unb natürlich haben auch wir bas in unsere Bchanblung ber Sicher- Ijeitsfrage einzustellen.
Diel weiter ab liegt, was in China vorgeht unb was Europa, wenn wir cs offen sagen wollen, in ber Hauptsache rätselhaft ist. Gewiß sieht man Arbeiterunruhen, bie bessere Arbeitsdebingungen in ben Fabriken ber Küstenstäbtc schaffen wollen, bie in ber Hauptsache in ber Hanb von Auslänbern fmu. Da wirkt selbstoerstänblich aud) bie bolschewistische Agitation mit. Allein hat sie biese Unruhe nicht geschaffen. Denn ihr tiefster Grunb scheint uns zu sein die Abneigung "pnd Feindschaft gegen bie Frcmben,' ber sehr begreifliche unb verständliche Wun, h eines uralten Völksstammcs, das seinen Zusammenhang im selbständigen Staat erwiesen hat, die Fesseln ber Frembhcrrschaft abzuschütteln, bie heute noch in vielen Beziehungen auf China lastet. Sbir benfen nur an bie Kapitulationen, an die exterritoriale Stellung der Ausländer in Recht unb Gerichtsbarkeit, an bie Herrschaft ber fremden Mächte über bic chinesische Zoll- unb Finanzpolitik unb manches anbere.
Schon erörtern bie Mächte bie Intervention, die Konferenz. Geht man an diese Dinge heran mjt der alten Vorstellung, bah eine koloniale Macht durch Einsetzung militärischer Mittel Ordnung fdjafft, Eigentum und Leden ihrer Staatsangchöri- gen schützt, so wird man zweifellos dieser chinesischen Krise nicht beikommen, bie in manchem an bie Borer-Bewegung in ben 90er Jahren erinnert. Man stoßt bann auf einen harten Nationalismus unb in Riefenmasse herein, in ein ungeheures Land mit einem ganz zähen Volkstum. Auch ist ja schon burch bie Konferenz von Washington feftgelegt, baß bie Intervention gewaltsame Formen gar nicht tragen rann Unter Amerikas Führung haben bamals 1924 alle beteiligten acht Mächte sich verpflichtet, bie Souveränität unb Integrität Chinas zu achten unb ihm nur unter bicscn Voraussetzungen beizuspringen unb zu helfen Das wirb auch ber Ausgangspunkt für bie Bchanblung jetzt sein, bei ber uns heute wichtiger als bas, was in China vorgeht, bic Frage ift, wie bas auf bic europäische Lage zurückwirkt.
In dieser Beziehung ist wohl nur bas eine zu sagen, baß bic chinesische Krisis Englanb unb Amerika enger zusammenführen muß. Auf ber an- beren Seite stehen, wenn auch noch nicht eng zu» sammengeschlosscn. so boch aufemanber zukommenb China, Japan, Rußland, gleichsam ein werbender ' Bund fernöstlicher Großmächte. Dies führt auf dieser Seite zu einer engeren Interessengemeinschaft der Angelsachsen in der die amerikanischen Grund
gen, die näher liegen. In erster Linie die Frage, was England in ber Sicherheitsbiskussion anfängt Durch bas Geschick ber Franzosen hat sich bie (Brunblage, haben sich bie Ausgangspunkte verschoben. Die Gefahr ist für Englanb sehr groß, bah es sich auch in biefem klug ausgebachten Netz von Verträgen, bie Englanb mit garantieren soll, verfängt, unb daher das Bestreben, klar zu fchen in bem, was es selbst garantiere, unb bem Volkerbunb in keiner Weise vorzugreifen. Man hat vielmehr in Englanb bie Hoffnung, baß sich Frankreich in biefem Netz bann verfange, wenn ber Völkerbund als letztes und ausschlaggebendes Organ erhalten bleibt. Und so entsteht für England genau die gleiche Frage, wie für Deutschland, und im Grunde die gleiche Antwort darauf: Welche Vorteile bietet solcher Pakt nach Frankreichs Rezept denn für England? Mit bem Ausweg, auf ben bas Gespräch in Englanb leicht kommt, baß man bann, wenn nichts anberes baraus werbe, sich von Europa desinteressiere, ist es ja nicht getan. England ist und bleibt ein Teil bes europäischen Kontinents unb cs wirb ba- her auch in dieser Sicherheitsbiskussion um bestimmte positive Entscheibungen nicht herumkommen. Dabei muß cs sich heute sagen, baß es auf bie Unterstützung Amerikas nur sehr begrenzt zählen kann. Amerika ist baran interessiert, baß Europa zum Frie- ben kommt unb in irgenbeiner Form bicscn Frie- ben garantiert. Aber es wirb bestimmt nicht in bie- fer Frage vorangehen, wie es bas bei ben wirtschaftlichen Dingen mit bem Dawes-Plan getan hat. Es wirb Englanb folgen, ihm Unterstützung gewäh- ren, mit bem Druck auf bie interaUierten Schulbcn nad'hclfen. Aber es bleibt babei: Entschluß unb Entscheidung bleiben England, bas vorangehen muß, nicht erspart. Unb eigentlich müßte man sich in Englanb sagen, baß babei, in bieser Sicherheitsfrage, bie Interessen Deutschlanbs und Englands im Grund parallel gehen!
Valuta und Politik.
Von unserem römischen Korrespondenten. Rom, Ende Juni.
Um diese Zeit vor einem Jahre zahlte man an ben Schweizer Börsen für 100 Rentenmark bis zu 136 Franken, heute erhält man für 100 Rc.ichsmark 122 Franken. Die abfteigenbe Entwicklung begann mit bem Augenblick, wo bie Banken bie vereinbarte Gntmertungstlaujel kurzerhanb strichen. Daraufhin zogen bie auslänbischen Einleger, unb mit vollem Recht, ihre Guthaben zurück, der kaum begonnene Zufluß frcmben Kapitals geriet ins Stocken, bie Geldknappheit griff in Deutsch- land reißend um sich. Den zweiten Schlag, und es kann sich um einen tödlichen Schlag handeln, erlitt bie neue beutsche Währung burch bie Nichtigkeitserklärung der guten alten Dorkriegsmark, eine Un- geheuerlichkcit, vor der alle Türkereien unb Mittel- amerifanereien verblassen. Nun fahren felbftoer» ftänblid) wieber jene ausgezeichneten Wirtschaftsgelehrten in bie Hohe, bie seinerzeit mit ben burchaus gleichen Argumenten jebe Möglichkeit einer Markentwertung auf Null bestritten. Ausgezeichnet hören sich ihre Theorien an, wer aber Glaubt baran im Ausland? Und nur, nur ber Glaube des Auslandes vermag eine Währung zu halten.
Der neue österreichische Schilling schillert im Werte je nach ben internationalen Diagnosen, bie bem lebensunfähigen Staatengcbilbe von Zeit zu Zeit in Genf ausgestellt werben. Unb bas Völker- bunbsgelb selber, jene Anleihen, um die sich seiner- zeit die Leute förmlich rissen?
In Italien eignet sich jetzt alles das, was man schon in Wien und Berlin und vorübergehend in Paris erlebte: eine Unzahl von Doktoren am Krankenbett ber Lira, ein erbaulicher Widerstreit ber Meinungen, Optimismus unb Pessimismus ein»
1 ander unversöhnlich in den Haaren, während mit


