Ausgabe 
29.6.1925
 
Einzelbild herunterladen

Montag, 29. Juni 1925

175. Jahrgang

Blatt

Drud und Verlag: vrützl'sche Universitäts-Buch- und Ztemdruckerei K Lange in Sieben. 5chnftleitnng und Geschäftsstelle: schulsttahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindllchkeit.

Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich?, auswärts 10 Goldpfennig; für Re­klame-Anzeigen v 70mm Breite 35 Goldpfennia, 'PlatzVorschrift 20° Auf­schlag. - Derantworllich für Politik u. Feuilleton: 3. D.: Ehrhard Evers; für den übrigen Teil: Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Sieben.

ietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Nr. Hf9 Erster

Erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertag».

Beilagen:

GietzenerFamilienblätter Heimat im Bild.

Monat^vezu^preir:

2 Goldznark u. 20 Gold- pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. F e r n s p r e ch-Anschlüsse: Schriftleitung 112, Der- lagundGeschäftsstellebl. Anschrift für Drahtnach- richten:Anzeigerriehen.

Postscheckkonto: granffurt a. M. 11686.

Festtage in Mainz.

Iahrtausendfeier. Kunstausstellung. Reichskanzler Dr. Luther spricht.

und

und des

Bekenntnis:

Frühling am Rhein!

anderer großer Städte. Aber ich denke an das WortMainlinie", das eine so große Rolle in der deutschen Geschichte gespielt hat und nach meinem Gefühl eigentlich stets mißbraucht worden ist. Unter dem Wort Mainlinie stellt man sich etwas Trennendes vor, Flüsse sind aber über- Haupt nie trennende Dinge gewesen.

Wie der Rhein keine Trennungslinie ist, noch fein kann, so auch nicht der Main. Main und Rhein sind vielmehr eine uralte deutsche Kultur- und Wirtschaftsstraße. Der große Bergriegel, der zwischen Süd» uni) Rorddeutsch- land liegt, wird gerade an dem Punkte über- wunden, wo Mainz liegt, und von dort aus er­strecken sich die beiden großen Arme, die Ober­deutschland umschlingen Rhein und Main.

Fahrtausendfeieri Das Fest, an dem ich heute teilnehmen kann, ist gestimmt auf die einst en Töne der Kunst. Aus beredtem Munde haben wir soeben das künstlerische Werden von Mainz gehört. Aber größer noch und mit noch gewaltigeren Tönen uns packend, sind doch die »olitischen Grundtatsachen unseres Lebens. Wir ind in unserer fetzigen so schwer lastenden Seit nicht der Gefahr ausgesetzt, wenn wir von Volk und Vaterland sprechen, daß das zu einer gewohnten Hebung wird. Sondern, wenn wir >eute uns zu VoÜk und Vaterland bekennen, dann ist es immer der gedämpfte Aufschrei eines Volkes in Rot. Hm vieles gesteigert wird die Rot da empfunden, wo für unser ganzes deutsches Vaterland die Lasten der Be- a h u n g unmittelbar getragen werden.

Hier in Mainz, dem Mittelpunkt der dritten Sone ist sicherlich der Leiter dieses Gemein­wesens besonders berufen, das Bekenntnis auszusprechen, daß wir alle eines Volkes sind, daß wir alle eines Vaterlandes sind, daö untrennbar zusammenhalt.

Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister!

2 n d i e Hand, die Sie dem ganzen deutschen Dolk entgegen ge st r^ck't a » den, schlage i ch ein. Ich versichere Ihnen, daß das deutsche Volk, ich möchte sagen in immer leigendem Maße, davon durchdrungen wird, wie stark sein ganzes Schicksal verbunden ist mit dem Schicksal der Lande am Rhein. Die deutsche Re­gierung wird darum alles tun, was in ihre» Kraft liegt, um das Los, das den Landen am- Rhein bereitet ist, zu mildern. All unser Arbeiten wird aber getragen von der einen großen Hoff­nung, daß dem deutschen Volk und dem Deutschen Reich eine wahrhaft glückliche Sukunft in nicht zu ferner Seit wieder erwachsen möge. Drum nehme, ich den Leitgedanken des Liedes auf, das wir jetzt singen wollen, und rufe als Wunsch L..2

l u n g einer eingehenden Besichtigung unterzog.

Bei dem nachmittags im Kasino zum Gutenberg von der Stadt Mainz gegebenen Festmahl sprach der hessische Staatspräsident Ulrich nach Begrü­ßungsworten des Oberbürgermeisters Dr. Külb- Mainz im Namen des Reichskanzlers Dr. Luther und der übrigen Gäste den Dank für die überaus herzliche Aufnahme durch die Stadt Mainz aus. Das Erscheinen des Reichskanzlers beweise, daß in Berlin das Bewußtsein und die Entschlossenheit, überall, wo es notwendig ist, die Interessen des besetzten Ge- biets wahrzunehmen, fortgesetzt im Steigen begriffen ist. Die Provinz Rheinhessen und insbesondere die Stadt Mainz haben verhältnismäßig am stärksten unter den Folgen des verlorenen Krieges zu leiden. Die Hilfe des Reiches ist unsere stärkste Hoffnung, sie wird aufs neue durch den heutigen Besuch ver­körpert. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit Rhein­hessens mit dem deutschen Volk wird gestärkt und läßt alle Leiden der Gegenwart leicht tragen in der sichersten Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Der Prooinzialdirektor von Rheinhessen, Ge­heimrat Dr. U s i n g e r, überbrachte dann die Grüße der übrigen Städte der Provinz Rheinhessen, ins­besondere der alten Reichsstadt Worms.

Der Dorsitzende des Buchdruckervereins, Zick- f e l d t, gab Kenntnis von einer einmaligen Spende des genannten Vereins in Höhe von 3000 Mark für das Gutenberg-Museum in Mainz und die Zusiche­rung fester jährlicher Zuwendungen.

An das Festmahl schloß sich um 6 Uhr eine Dampferfahrt an, an der sich auch Reichskanzler Dr. Luther beteiligte.

Ein Glückwunschtelegramm.

D e r l i n, 27. Juni. (TH.j Der Reichsminister des Innern. Schiele, hat an den Oberbürger­meister von Mainz, Dr. K ü l b, folgendes Tele­gramm gesandt: .

Sur Iahrtausendfeier deulich-rhemlscher Dolkskultur im goldenen Mainz wünsche ich der Stadt Gutenbergs eine glückliche Fortsetzung ihrer alten Tradition. Möge die Seit nicht fern fein, wo das rheinisch-hessische Land seinen deutschen Kulturwillen ungehindert entfalten kann, und wo Ne alte deutsche Stadt Main.; wieder die freie Drrncke über den deutschen Rheinstrom zum Besten des Reiches bildet."

Maickz, 28. Juni. (Wolff.) Die Kunst- a u s st e l l u n g der Stadt Mainz, der die Idee zugrunde liegt, im Rahmen der Jahr- taufenbfeier der Rheinlande die uralten Be­ziehungen zu betonen, die zwischen den Ländern am Rhein und dem übrigen Deutschland bestehen, wurde heute vormittag im Akademiesaal des Kur­fürstlichen Schlosses mit Vorträgen des Städti­schen Streichorchesters und einem Chorgesang des Mainzer Gesangvereins feierlich eröffnet. Su der Feier, mit der der prächtige Bau des Kur­fürstlichen Schlosses der Oeffentlichkett wieder übergeben wird, und mit der gleichzeitig auch die Eröffnung der

Jubiläumsausstellung des Gutenbergmuseums verbunden ist, war auch Reichskanzler Dr. Lu­ther in Begleitung des hessischen Ministers v. Brentano, des außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers von Hessen, vo n Viegeleben, des Reichspressechefs Mini­sterialdirektor Dr. Kiep, und des Ministerial­rats Dr. Off ermann mit dem fahrplan­mäßigen Sugc um 10.06 Hhr vormittags hier eingetroffen. Er wurde am Bahnhof von Pro­vinzialdirektor Geh. Rat Dr. Hsing er, Ober­bürgermeister Dr. Külb und dem Gesandten des Reichs in Darmstadt, Reichsminister a. D. D,r. David, empfangen. Die Herren begaben sich darauf im Auto in die Provinzialdirektion, wo sie von Staatspräsident H l r i ch begrüßt wurden. Hm 11 Hhr erfolgte dann, nachdem der Reichs- lanzler vorher noch eine Abordnung der hessischen Weinbauern enrpfangen hatte, im Amdemiesaal des Kurfürstlichen Schlosses die Eröffnung dec Ausstellung, wobei

Oberbürgermeister Dr. Külb den Reichskanzler mit einer herzlichen Ansprache begrüßte, in der er u. a. sagte:

Herzlichen und aufrichtigen Dank allen deut­schen Brüdern vom jenseitigen Ufer, die unserem Rufe gefolgt sind, um unser lautes Treu­bekenntnis .^ui^ Deutschen Daterlande zu 1)0ren und mit in.~Tu.an'am zu bekunden, daß die deutschen Lande links und rechts des Rheins kulturell und wirtschaftlich ewig ungeteilt zu­einander gehören.

Der alten Moguntia und Rheinhessen reiche und Dielbetoegte Vergangenheit entrollt vor Ihrem geistigen Auge Zeiten höchster Blüte wechselnd mit Zeiten tiefsten Riedergangs, und zeigt, wie Wohlstand und echte Kultur nur gedeihen können unter den Segnungen eines dauerhaften Friedens. Der Rheinländer, von jeher freiheitlich gesinnt, kennt keinen Chauvinis­mus. und wenn ihm das Herz auch noch so sehr auf der- Zunge liegt, so liebt er dennoch nicht, große Worte zu machen. Aber an echter Vaterlandsliebe läßt er sich von keinem andern deutschen Dolksstamm übertreffen, denn im Laufe der alten, neuen und neueren Zeit hat das rheinische Dolk schlagend bewiesen, daß es

treu zum Deutschtum steht und stehen wird.

Don dieser denkwürdigen Stätte an lassen Sie uns aber der neuen Zeit gedenken, die erfüllt ist von dem ehernen W'llen zum Wiederaufbau und von dem heiligen Glauben an die Zulunst des deutschen Volles, an die Zukunft unseres geliebten deutschen Vaterlandes, zu dem wir. in Treue fest, in Freud und Leid, jetzt und immer- dar, gesehen werden.

Rach Vorträgen von Dr. R o d e n b e r g über Die neue deutsche Buchkunst" und von Prof. Dr. Kautzsch überMainz in der deutschen Kunst" führte

Reichskanzler Dr. Luther,

von der Versammlung aufs lebhafteste begrüßt, aus:

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich überbringe der Stadt Mainz uni) Rhein­hessen und dem ganzen Lande Hessen, beseht und unbesetzt, die besten Grüße des Herrn Reichs­präsidenten. Ich schließe diesen Grüßen die Grüße der Reichsregierung und die aufrichtig­sten Wünsche für die Iahrtausendfeier an. wie sie ackch in Mainz am heutigen Tage vollzogen wird. Es ist mir, nachdem ich leider an der wundervollen Feier in Koblenz nicht habe teil- nehmen können, die. wie alle Teilnehmer nur berichten, ein wirkliches deutsches Erlebnis war, eine besondere Befriedigung, daß ich heute hier in Mainz, in der Witte der Bewohner des be­setzten Gebietes wellen und hier an der Feier mich beteiligen kann Eigentlich sollte ein deutscher Reichskanzler überhaupt nichts Eiligeres zu tun haben, als Mainz besuchen, denn hier in Mainz findet er den Zusammenhang mit feinem Amts­vorgänger in alten Zeiten, dem Crzkanzler des Reiches.

Roch ein anderer Grund sollte die Schritte jedes Kanzlers nach Mainz lenken, die 5ulbi- gung vor dem großen Genius, der die Buch­druckerkunst ins Leben gerufen hat, vor Guten­berg.

Was aber am stärksten die Gedanken immer wieder nach Mainz lenken muß, das ist die un­vergleichliche Lage, die die Stadt Mainz geographisch im deutschen Reiche hat, am Zu­sammenfluß von Main und Rhein. Sie war damit einstmals der am meisten stromauf ge­legene große Handelsumschlagsplah Deutschlands, der die Vermittlung darstellte zwischen dem Welt­meer und ganz Oberdeutschland. Das hat sich heute zum Teil verändert durch das Anwachsen

Die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit Lebendigkeit vorgetragenen Ausführungen Reichskanzlers würden von immer sich wiederholen­dem starken Beifall der Bersammlung gefolgt, die die im K u r f ü rstlichcn Schloß und im G u - tenberg-Museum untergebrachte A u s st e 1 -

England und China.

Gegen die russische Gefahr. - Zuspitzung der Lage.

London, 27. Juni. (WTB.) Der gestern von dem diplomatischen Mitarbeiter desDaily Tele­graph" eingeleitete Feldzug der englisch- russischen diplomatischen Beziehun­gen angesichts der britenfeindlichcn Tätigkeit der Sowjetregierung in China wird heute in sehr scharser Weise von dem Blatte fortgeführt. Es knüpft in seinem Leitartikel an Chamberlains jüngste Unterhauserklärung an, er habe Beweise dafür, daß die Unruhen in China von Agenten der anderen Regierung geschürt würden und erklärt im Zusammenhang damit, es sei u n m ö g 1 i ch, d i e sortgesetzte Anwesenheit von briti­schen Geschäftsträgern in Moskau und die eines angeschwollenen russi­schen Botschaftsstabes in London zu rechtfertigen. Die Anwesenheit diplomatischer Vertreter der Sowjetregierung in London bedeute heute einen Skandal. Sie könne leicht eine ge­fährliche Drohung für Gesetz mud Ordnung wer- den, wenn sie es nicht schon sei. DerDaily Tele­graph" schließt seine Ausführungen mit der Hoff- nung aus

eine baldige Aktion der Regierung, die durch die Umstände erfordert werde.

Auch dieTimes" führt in ihrem Leitartikel über China aus, daß die B o l s ch e w i ft e n sich im Augenblick die Kontrolle über die Kräfte der chinesiiwen Ordnung gesichert hätten und nunmehr endgültig gegen die britischen Inte res- s e n und gegen die britische Wohlfahrt in jedem Teile der Welt wirkten. DieTimes" bemerkt wei­ter, die Engländer seien doch ein erstaunlich duld­sames Volk. Die bolschewistische Vertretung halte sich in England auf und zugleich schüre nach Cham­berlands Erklärung dieselbe Regierung, die durch diese Delegation vertreten werde, die chinesischen Unruhen, deren erklärter Zweck

die Zerstörung des britischen Handels und die Vertreibung der britischen Unternehmun­gen aus dem fernen Osten

feien. Der Artikel derTimes" schließt mit der Lllrdeutung, es fei sehr Notwendig, sich vor Augen zu halten, daß dieser mutwillige Schlag gegen txm britischen Einfluß in China von einer Re­gierung geführt werde, mit der England immer noch in amtlichen diplomatischen Beziehungen stehe und die doch die endgültige Versicherung unterzeichnet habe, sich jeder Agitation gegen Großbritannien in Asien zu enthalten.

Lord Birkenhead und der Bolschewismus.

London, 28. Juni. (WTB.) Der Staats­sekretär für Indien, Lord Birkenhead, er­klärte gestern in einer Rede in Loughborough, als er über die furchtbare Seuche des Bolschewis­mus sprach, vor einigen Tagen habe Cham­berlain im Hnterhaus die wichtige Erlla- rung abgegeben, daß

di« Unruhen in China durch Agenten eines anderen Landes genährt

würden. Eine solche Aeußerung aus dem Munde des Staatssekretärs des Auswärtigen könne nicht auher acht gelassen werden. Zweifellos werde die Zeit kommen, wo sich die Engländer zu fragen hätten, ob sie wirklich hilflos dem Lands gegenüberstünden, das eine diplomatische Ver­tretung in London besitze und das dessenungeachtet nach dem Geständnis seiner eigenen Führer in der ganzen Welt durch unermüdliche und ge­heime Tätigkeit das Ziel der Zerstörung des Britischen Reiches verfolge.

Diese Aeußerung Lord Birkenheads ist be­sonders bemerkenswert, da sich hier zum ersten Male ein Kabinetts mitgliedin einem ähnlichen Gedankengang bewegt, wie sie seit einiger Zeit von derTimes" und DemDaily Telegraph" hinsichtlich der Londoner diplomati­schen Vertretung Sowjetrußlands vorgebracht werden.

ImObserver" schreibt Garvin in einem Aussatz über die Unruhen in China, die Extre­misten in Moskau seien der Heberzeugung, das)

Großbritannien und das Britische Reich di« Haupthindernisse für die Weltrevolution

seien. Daher würde von Moskau alles geschehen, was möglich sei. um die britische Stellung in Asien zu untergraben. Klügere Männer in Mos­kau, wie z. B. Krassin, wüßten genau, daß eine derartige Außenpolitik verfehlt fei. Es herrsche eben der Geist Sinowjews- Er werde vielleicht in nicht zu ferner Zeit eine sehr un­erfreuliche Entscheidung herbeiführen.

Umgruppierung der englischen Flotte im Fernen Osten.

London. 29. Juni. (XU.) wie dieSun- day Times" schreibt, haben sich zwei kabi- nettssihungen in der vergangenen Woche über die Lage in China beschäftigt. Das deutet auf den Crnsl, mit welchem die Lage im fernen Osten an den maßgebenden Stellen be­trachtet wird.

Der Erste Lord der Admiralität, v e a t t y, ist wegen der Verteilung der Flottenstreitkräfte im fernen Osten befragt worden, von der Admirali­tät sind Befehle an den Befehlshaber des englischen Ostasien-Geschwaders ergangen, denen zufolge eine Reugruppierung der englischen Streitkräfte an der chinesischen Küste erfolgen soll.

Ausweisung des britischen und französischen Konsuls.

London. 29. Juni. (T U.)Daily Expreß" meldet aus Kanton, daß den Konsuln von Groß­britannien und Frankreich Befehl erteilt worden sei, die Stadt zu verlassen und die Verwaltung der euro­päischen Riederlassungen einer Gesellschaft zu unter­breiten. Die Antwort der beiden Konsuln sieht noch aus.

Caillaux' Kammersieg.

Vor wenigen Tagen erst sprach die Kammer aus Anlaß der Marokkodebatte der Negierung ihr Vertrauen aus, ein Vertrauen, das recht zweisel- hafter Natur war, da noch immer dasCaillaux - f ch e F i n a n z p r o ! e k t in der Luft hing und zu einer Regierungskrise zu führen drohte. Jetzt hat die Kammer auch in diesem Punkte nachgegeben, das Parlament hat die Vermehrung des Banknotenumlaufs um fünf Milliarden Franken genehmigt und damit das Vertrauens­votum vom Mittwoch noch einmal unterftridjen.

Wer jedoch glauben wollte, daß damit die Schwierigkeiten vorläufig beieitigt wären, ^schätzt die Haltung der Sozialisten völlig falsch ein. Sie haben zwar bei der letzten Abstimmung Stimmenthaltung geübt gleichzeitig auch noch erklären lassen, daß sie nicht gegen Painlevö, der die Vertrauensfrage ge­stellt hatten, stimmen werden, damit aber doch deut­lich zu verstehen gegeben, daß sie noch ^einmal warten wollen, wie sich das Caillaursche rririanz- projekt auswirken werde. Die nächsten Tage werden schon zeigen, wie die Auslandbörsen auf die oe^ mehrte Inflation reagieren werden. Grundsätzlich sind die Sozialisten nach wie vor gegen die von Caillaux verfochtene Finanzpolitik, sie schrecken aber auch vor einer Auflösung des Linkskartells zuruck, weil sie nicht mit Unrecht ein Hinüberschwenken ihrer Bundesgenossen von heute in das Lager der Rechten fürchten. Dennoch werden sie nicht lange beiseite stehen können, schon deswegen, weil tue weitere Wertoerminderung des Franken die eigene Wählerschaft am schwersten trifft. Die Regierungs­krise bleibt also nach wie vor bestehen, wenn sie auch für den Augenblick etwas in den Hintergrund gedrängt worden ist.

Der Gesetzentwurf angenommen.

Paris, 27. Juni. (WTD.) Der Senat hat den Gesetzentwurf Caillaux' mit 273 gegen 11 Stimmen angenommen. Artikel 1 wurde mit erhobenen Händen angenommen, Artikel 2 mit 226 gegen 29 Stimmen, die Artikel 3, 4 und 5 mit erhobenen Händen, daS Gesetz in seiner Ge. famtbeit mit 273 gegen 11 Stimmern

Der Senat ist turz nach 12 Hhr zu einer Sitzung zusammengetreten, um die Ber atung des von der Kammer heute vormittag angenom­menen Finanzgesetzes in Angriff za neh­

men. Der Berichterstatter. Senator Deringer, erklärte, die Kommission schlage vor, aus patrio­tischen Gründen dem Ruf der Regierung zu fol­gen, ohne sich bei verschiedenen Betrachtungen aufzuhalten. Sie sei der Ansicht, daß es ge­fährlich für den Staat fei, wenn man kurz vor schweren Verpflichtungen Hneinigfeit zeige. Frankreich zahle mehr Steuern als fein Schuld­ner Deutschland und ebenso viel Steuern als die Alliierten. Es sei, wenn man das Sanierungs­werk vollenden wolle, notwendig, eine Politik der streng stenSparsamkeit zu betreiben.

In der Rachmittagssihung ergriff der Vor­sitzende der Fraktion Poincar«'. Senator C He­ron, das Wort. Er suchte die Stellungnahme der Mitglieder seiner Fraktion, die sich im Fi­nanzausschuß der Abstimmung enthalten haben, zu rechtfertigen. Er wandte sich lebhaft gegen die Erhöhung des Rotenumlaufs und erklärte, man denke nicht daran, unter den gegen­wärtigen Hmständen das Ministerium in die Minderheit zu bringen, da Programm und Hand­lungen auf anderen Gebieten eine gewisse Be­friedigung ergeben hätten, so daß im Lande eine sehr beachtenswerte politische Entspannung ein­getreten sei. Hnter diesen Hmständen werde seine Fraktion, obzwar sie das Gesetz nicht billige, nicht dagegen stimmen, sondern sich der Ab­stimmung enthalten.

Der rechtsradikale Senator D o s s e t erklärte, wenn die vorgeschlagene Anleihe Erfolg habe, dann hätte man nicht nötig, neue Banknoten auszugeben. Er sei davon überzeugt, daß mit dem wiederkehrenden Vertrauen das Land sich selbst rächen werde, und daß man mit den Zahlungen Deutschlands aus dem Dawesplan die notwendige Finanzierung durchführen könne.

Der radikale Senator Tissier bemängelt den Gesetzentwurf Caillaux'. Man müsse doch wissen, welche Garantien man für die wert­beständige Anleihe biete und welchen Zinsfuß. Außerdem müsie man eine Gewähr dafür haben, daß die Einsparungen nicht zu Lasten der Keinen Leute gingen und sich lediglich auf unproduktive Ausgaben beziehen. So sei es notwendig, nn Friedensbudget Abstreichungen vorzurennen. Er sei auch der Ansicht, daß man eine Erhöhung ber Einkommensteuer vornehmen könne, wodurch die neue Anleihe hätte garantiert werden können.