Nr. 255 Zweites Blatt
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Mindestens ebenso wichtig wie die zivilisatorischen Erfolge, welche die englische Okkupation zweifellos brachte, war die Erfüllung des praktischen Programms, das in Abbas Hilmi gleichsam verkörpert lebte, die Erschließung der Bodenschätze 'des Landes. Und diejenigen machen sich schwerer Ungerechtigkeit schuldig, welche die Großtaten, die in dieser Richtung geschehen und die Augen der Welt auf sich lenkten, vor allem die Erbauung der gewaltigen Nilstaudämme von Siut und Assuan lediglich englischer Fürsorge und englischem Unternehmungsgeiste zuschreiben. Werden die Namen if)m im bevorzugten sommerlichen Aufenthalt zu Sivame oder Kissingen begegnet ist, der wird m bem einfach gekleideten Herrn im Gehrock kaum den Ausländer vermutet haben. Aber trotz all dieser selbstverständlichen Konzessionen an die moderne Kultur blieb der Dizekönig ein Muslim der streng.- fttn, für viele seiner Untertanen vorbildlichen Rich
uniform ohne Abzeichen und unterschied sich von den vier Europäern, die an der Reise teilnahmen, nur durch den roten Tarbusch. Nach der ersten Bekanntschaft kam das Gespräch auf die Ausgrabungen, an denen ich beteiligt war, die seit langem das höchste Interesse des Herrschers erregten, und über die er trefflich orientiert war. Dann wurden die archäologischen Probleme der Wüste und ihrer Oase gestreift, und mit einem Male war das Thema angeschlagen, dessen Leitmotiv in vielen weiteren Unterhaltungen wiederkehrte, die Frage der inneren .dftigung des Landes, der Förderung der reichen Hilfsquellen, die verborgen schlummerten, deren Wiederbelebung nach vieltausendjährigem Schlummer neuen Segen über Aegypten bringen würde.
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Der letzte Khedive.
Ein Beitrag zum Kampfe der Aegypter um ihre Unabhängigkeit.
Von Ewald Falls-Gießen.
Längst ist das programmatische Wort in Erfüllung gegangen, das bald nach der Eröffnuna des Suezkanals der prachtliebende Ismail Pascha aussprach: „Mein Land liegt nicht mehr in Afrika, wir sind em Teil Europas!" Und kein zweiter KH-.
führte diese Verbrüderung von Morgen- und Abendland so augenscheinlich in der Eigenheit seiner Person vor wie der künftige König Aegyptens der letzte Vizekonig Abbas Hilmi. Wer der markigen etwas untersetzten, von Gesundheit blühenden Gc-' statt des letzt ergrauten Herrschers zum erstenmal * Segenubersteht, dem verrat das klare, fast weichmutige Auge im Verein mit den liebenswürdigen Formen, über die Abbas verfügt, zunächst nicht den Kern der Erscheinung. Erst bei längerer Beobach- tung und vor allem aus seinen Erfolgen heraus offenbaren sich die Kraftnatur von ernstem eisernem Willen, der weite Blick für alles, auch für das scheinbar Kleine und Geringe, was den Fortschritt und die innere Kräftigung seines Landes zu bedingen vermag, seine soldatischen Tu- genden und diese ohne den leisesten Seelengedanken an Drill und Schema. Kein Berufenerer konnte ausziehen, das alte Aegypterreich von der Fremdherrschaft ujib Knechtung zu befreien, und keinem war diese Erfüllung der Sehnsucht eines ganzen Volkes weniger an der Wiege gesungen.
England hatte sich seit sieben Jahren im eigent- lichcn Aegypten festgesekt und stets verweigert, diese Besitznahme auf absehbare Zeit zu begrenzen, als der achtzehnjährige Abbas heimberufen wurde, um beim Tode seines Vater Taufik (1892) die Schulbank der Wiener Ritterokademie mit einem Throne zu vertauschen. Bei aller Jugend besaß der neue Herrscher die Frühreife des Orientalen, und es verrechneten sich diejenigen gründlich, die mit den Okkupanten des Landes glauben mochten, mit ihm werde man leichtes Spiel haben. Aber so groß auch der Mut war, mit dem der Vizekönig auftrat, ja einen direkten Bruch mit England zu provozieren suchte, stärker blieben die fremdländischen Bataillone und Kanonen, und das Bestreben des Fürsten ging, als er die Schwäche seines Landes in ganzer Bedeutung erkannte, dahin, es erstarken zu lassen, zur aufgezwungenen Mithilfe der Usurpatoren gute Miene zu machen und bessere Zeiten abzuwarten. Diel Ungerechtigkeit und schiefe Urteile hatte diese, wollte er nicht schon Thron und Volk verlieren, einzig mögliche Politik im Gefolge, und selbst die eigenen Untertanen vermochten nicht immer „Effen- bine", ihren Herrn, zu verstehen. Wie oft frügen wich im Verlaufe meines Aegyptenaufenthaltes Eingeborene, seien es Fellahs oder Beduinen, warum den Effendine ein so offener Freund der Engländer sei, und es war nicht leicht, ihnen den Zwang in seiner ganzen Stärke und Bedeutung begreiflich zu machen, unter dem der Herrscher handelte und litt. Die Gebildeten erkannten natürlich die Lage besser, ihnen blieb aber auch die Schattenseite des englischen Danaergeschenkes nicht verborgen. Mit Sorgen sah die Nation, daß mit der allgemein anerkannten Verbesserung aller Einrichtungen, der Verwaltung, des Gerichtswesens, von Handel, Industrie, und vor allem der Kultur, mit der Hebung des Unterrichtswesens, ja selbst der militärischen Eigenkräfte immer und unzertrennlich die Stärkung des englischen Einflusses, die Erweiterung fremder Machtbefugnisse verbunden waren. Augenfälliger als zur Zeit der Errichtung des anglo-ägyptischen Krondominiums im Sudan und klarer als unter das Regime Lord Cromers, der erst 1907 von seiner Stellung als Konsul und vor allem Adviser „Ratgeber" der Regierung abdankte, trat das niemals zutage. Immer schwieriger gestaltete sich die Lage des Vizekönigs, der England erstarken und eigene Hoffnungen in weiteste Ferne gerückt sah. Später erst wurde die Erdrückung unter dem Joch der Fremdherrschaft der Nation als solcher merkbar, erwachte mit dem politischen und nationalen Fühlen der oberen Zehntausend eine antienglische, nationalistische Bewegung. Und die Zeit dieses Aufglimmerns und Aufflackerns des ägyptischen Patriotismus im letzten Jahrzehnt war wohl die schwierigchste für Abbas Hilmi, die gefährlichste für den vizeköniglichen Thron. Mehr wie einmal ging dos Gerücht, England wolle den Khediven absetzen und den ältesten Knaben des Herrschers auf den Thron erheben. Schlimmer aber waren diejenigen englischen Insinuationen — und Wünsche —, welche Abbas verdächtigten, er werde mit Englands Hilfe 1 Arabien erobern und sich eines Tages zum Kalifen ausrufen.
Ich lernte den Vizekönig zuerst während jener großen Reife nach der Oase Siwah kennen, auf der ist sein Gast war und fast einen Monat lang die nordöstlichen Teile der Libyschen Wüste durchzog. Stundenlang fuhren oder ritten wir zusammen zu
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Vizekönigs stand. Abbas Hilmi trug einfache Khaki-
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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
tung, Daß er seine Freitagsgebete in öffentlich- feierlicher Form verrichtete und an den großen Festen des Islams führenden Anteil nahm, brachte feine Stellung schon mit sich. Nicht minder gab er im intimen Privatleben seinem Hofstaate und dem Volk das gute Beispiel eines wahrhaft frommen Herrschers, selbst die außerordenllichen Umstände der Wüstenreije, auf der ich Abbas Hilm, begleitet, vermochten nicht, ihn von den Speisebesetzen des Islams auch nur vorübergehend abspenstig zu machen. Und während wir, seine Gäste, mit ihm tafelten, enthielt er allein sich des Alkohols, den er in liebenswürdiger Weise kredenzte. Sogar den Tabak verschmäht er in jeder Form. Sein Gebetsteppich begleitete ihn auf allen Fahrten, und wenn der Nachfolger der Pharaonen allabendlich nach be- schwerlichem Ritt niederkniete, um Allah in der Wüste zu preisen, dann war es mein Wunsch, die ganze Welt könnte sich an dem Anblick erbauen.
Aus der Ehe des Khedive mit feiner ersten Frau, der Khedioa, gingen fünf Kinder hervor, von denen der Thronfolger Prinz Abdul Monein eine besonders intelligente und sympathische Erscheinung ist. Don den vier Töchtern heiratete Prinzessin Attiah Allah Hanem Esfendi einen Prinzen aus Konstantinopel, Seine Hoheit Mohammed Jellal Eddin Pascha, und die Hochzeit im Jahre 1913 war ein
märchenhaftes Fest für die Kairener Gesellschaft. Naturgemäß bleibt dem Europäer der Harem des Fürsten verschlossen.
Wo Staatsgeschäfte und prunkvolle Empfänge keine Ausnahmen erforderten, erschien Abbas Hilmi auch in seinen Schlössern nicht anders als ein ein- facher, liebenswürdiger Hausherr. Am heimischsten fühlte er sich im Palais von Montazah, einem Lustschloß, das in der Richtung von Rosette liegt, und dessen herrliche Umgebung er selbst im Laufe vieler Jahre aus reinem Steppenboden heroorzau- berte. Da die khediviale Dynastie erst seit dem Auftreten des Mazedoniers Mohammed Ali, also nun feit rund hundert Jahren, in Aegypten heimisch ist, und die ooraufgegangenen Vizekönige keine zeitgemäßen Schlösser hinterließen, übernahm Abbas Hilmi zu allem anderen noch die Aufgabe, würdige Herrschersitze zu schaffen. So entstanden neben den fast nur der Repräsentation dienenden Schlösiern von Ras el Tin und dem hochmodernen Abdin- schloß zu Kairo die großen Landsitze von Montazah und Kubb«. In letzterem Serail empfing der Khedive gerne. Es liegt sieben Kilometer von Kairo mitten im fruchtbarsten Boden des beginnenden Deltas und beherrscht unter anderem den von unzähligen Pilgern besuchten Marienbaum, eine uralte Sykomore, unter welcher die hl. Familie auf der Flucht geruht haben soll.
Recht charakteristisch erschien mir auch, wie der Landesherr seine Bahnfahrten und Inspektionen im mareotischen Bezirk ausnutzte, um Bekannte zu empfangen und Besuche entgegenzunehmen. Mehr als einmal erschien denn auch während meiner Teilnahme an den Ausgrabungen in der Menasstadt eine Patrouille berittener Askari mit einer vize- kvniglichen Botschaft, die meine Anwesenheit an der nächsten erreichbaren Station wünschte. Lief dann der Hofzug mit seiner in blinkendem Kupserwerk reich verzierten Lokomotive in die kleine Wüsten- station ein, dann entstieg Abbas Hilmi zuweilen, begrüßt von der kleinen Askarigruppe, und war gerade Beduinenmarkt in der Nähe, so mischten wir uns unter die braunen Wüstensöhne, die ihren Herrn mit tiefem Saläm beglückwünschten. Oder aber der Dizekönig ließ seinen — mitunter höchst eigenhändig gelenkten — Zug nur halten, um mich aufzunehmen und um sich dann auf längerer Fahrt im Salonwagen alles das erzählen zu lassen, was sein Interesse wachrief.
Am liebsten aber von allen Zusammenkünften erinnere ich mich an meinen Aufenthalt in einer jener kleinen „Wüstenresidenzen", die der Fürst sich an einigen Etappen seiner Nordwestbahn erbaute, von allem Amriah. Lud er mich dorthin, so ritt ich von der Menasstadt, von einem einzigen Beduinen begleitet, herüber. Mitten in der Steppe tauchte dann die kleine Oase und Bahnstation Amriah auf, der kleine khediviale Palmen- und Weingarten, der an die alte mareotische Fruchtbarkeit erinnert, und das kleine Palais, in dessen Tür Abbas Hilmi erschien, als wir einritten. Dann kam das Gespräch auf alte und neue Probleme der Landeskultur, auf unsere Grabungen in der Menasstadt, und die Lehren, die sich daraus für die Wie- bertultioierung der Wüste ergaben. Nach dem Essen bat er mich dann wohl, ihm meine ethnographischen Beiträge für die Tagesblätter vorzulesen, und seine Fürsorge ging soweit, daß er sich persönlich von der guten Unterkunst meiner Pferde und des Be- duinen überzeugte, bevor er mir gute Nacht wünschte. Auch solche kleinen Züge sind geignet, helles Licht auf die Person eines Mannes zu werfen, von dem Aegypten heute noch alles erwartet. Ein Herrscher, der im persönlichen Verkehr mit dem Solle dessen Bedürfnisse kennen lernt, der
überall zu lernen sucht, und freilich dabei noch öfter unbewußt selbst belehrt, der die Kulturgeschichte seines Landes nicht nur kennt, sondern sie auch anwendet, ist zweifellos berufen, seine Untertanen glücklich zu machen. Die großen Probleme Aegyp- ten, die Erlösung der Fellahs, die Erschließung noch schlummernder gewaltiger Hilfskräfte des Landes. sie werden unter englischer „Aussicht" nur zum Teil verwirklicht, jedenfalls aber zum Schaden nationaler Entwicklung und Selbständigkeit, Zwar hat der unglückliche Ausgang des Wettkrieges den „besten Aegypter", Abdas Hilmi, seit Jahren in die Verbannung geschickt. Aber was bedeutet dieser gewaltsame Wechsel des Staatsoberhauptes für die Söhne des uralten Nillandes? Wir sehen Reiche und Throne entstehen, vergehen und Wiedererstehen. Diese Sonnenkinder hoffen auf die kommende Stunde. Sie haben Abbas Hilmi, ihren Herrn, nicht vergessen. Die latente ägyptische Krise, bk Englanb, wie bie „Times" vom 15. 9. 1925 zeigt, schwere Sorge bereitet, beweist es. Auch bie soeben burch bie Zeitungen ber Wett gemelbete Revolte in Tanta, ber Stabt des Heiligen Bedawi, des heutigen National» Patrons der islamitischen Aegypter, zeigt den Völkern der Erde erneut, wie grausam englische Herrsch- sucht das Niltal immer noch entgegen allen feierlichen Versprechungen und „heiligen" Verträgen
drückt, den Ruf zur nationalen Befreiung der Nil- lande wird jedoch auch bie brutale Faust Englanbs nicht bämpfen können. Die Losung ber Aegypter lautet wie die unsrige: „Jnschallah, bufra!" — So Gott will morgen 1
Sir William Garstings, eines Willcock und Baker stets mit Bewunderung im Zesammenhang mit diesen Werken genannt werben, so soll boch nicht vergeßen sein, bah ägyptisches Gelb sie erbaute. Wie Mo° hammed Ali, ber Gründer ber khebivialen Dynastie, die dauernde Dettabewässerung zur Hebung der Baumwollenkultur einführte und den berühmten Nildamm bei Kairo errichtete, so war kein zweiter mehr darauf bedacht, die Lage der Fellahs und den Reichtum des Landes durch Verbesserung des Berieselungssystems zu fördern als der letzte Khedive. Großes war mit der Errichtung jener Riesenstaudämme erreicht, aber es war doch nur ein Anfang. Um Millionen armer Bauern aus oft selbst- gewollter Leibeigenschaft zu befreien, dazu bedurfte es der friedlichen Eroberung von Neuland. Ganze Provinzen des alten Aegypterreiches schlummerten mit ihren versunkenen Städten im Wüstensand. Abbas Hilmi machte es zu seinem Programm, sie Wiedererstehen zu lassen. Den großzügigsten Versuch hierzu bilden seine Unternehmungen in Nord- westägypten, wo unter seiner ständigen Kontrolle im Verlaufe von zwei Dezennien die glücklichsten Ansätze gemacht worden sind, die alte mareotische und die Marmarikaprovinz wieder aufleben zu lassen. Abbas baute quer durch die Wüste und Steppe eine eigene Bahn, deren Fortschreiten ich mit Bewunderung drei Jahre lang aus nächster Nähe verfolgt habe. Soldaten leisteten bie erste Arbeit, beutsche Ingenieure unb Techniker führten bie Eisenspur burch eine Gegend, die noch vor kurzem ganz unter ber Kontrolle ber Bebuinen stand. Als wir nach Siwah reiften, stampfte bas Dampfroß bis zu ben äußersten Grenzen ber Mareotis. Der großangelegte Plan bes letzten Khebioen, ber burch bas grobe Dreinfahren Englanbs verhindert warb, bezweckte bie Weiterführung des Schienenweges bis zum Golf von Sollum und zur Grenze der Cyre- naika. Welche Perspektiven sich aber aus einer derartigen Vollendung dieses seines Werkes einmal ergeben würden, das setzte mir Abbas Hilmi mit den Worten auseinander: „Mein erstes Ziel mit dieser ägyptischen Nordwestbahn ist die Eröffnung eines neuen, kürzeren Seewegs nach Aegyoten, nämlich Messina—Sollum (12 Stunden), und Dann haben wir hier die erste Hauptetappe einer neuen interkontinentalen Linie, der Strecke Konstantinopel—Marokko."
Als wir nach ber berühmten Oase zogen, bie einst bas Ammonorakel barg, unb zu ber seit Alexander bem Großen kein Herrscher Aegyptens gepilgert war, auch ba hanbelte es sich nicht um bie Befriedigung einfacher Neugier ober einer königlichen Laune. Abbas Hilmi rechnete mit ber Erschließung neuen Lanbes unb neuer Verkehrswege. Wir prüften die Karawanenwege, die eventuell für Autvlinien sich eignen würden, und auf denen tatsächlich heute der englische Autobus rast, die Oasenprodukte und ihre Beförderung unb bie Quellen, unb ich erinnere mich mit Freuben baran, wie ber Khedive unb fein junger hessischer Gast mehr denn einmal gemeinsam im Sande knieten und den Boden aufwühtten, um nach Wasser zu suchen, nicht um einen Trunk zu erhaschen, denn Hunderte von Kamelen führten in Eisenbehältern gutes Wasser in Fülle mit, sondern um Kutturmög- lichkeiten zu bestimmen, Tiefe ber Wasserhahn, Salzgehalt unb anberes. Froh war ich bamals auf meine Vorbereitung auf bie Reise, bie sich insbefon» bere auf bie Nachrichten über bie alten Kulturen
Mittwoch, 28. Moder 1925
erstreckt hatte, deren Besprechung stets willkommen war.
Für einen so weitblickenden Geist unb eine so arbeitsfreubige Hand muhte es überaus schmerzvoll sein, nominell als Herrscher eines über alles geliebten Lanbes unb Volkes zu gelten unb boch in allen eingreifenben Beschlüssen von den Wünschen ber englischen „Ratgeber" abzuhängen. Abdas Hilmi oeryehtte benn auch niemals, wie sich feine ganze Natur immer roieber gegen biefen Zustanb aufbäume. Bei einem unserer Tischgespräche sah ich, wie sich bie Hanb bes Fürsten ballte, als er eine Episode erwähnte, bei ber sich Lorb Cromer wieber einmal ganz in ber Rolle bes Diktators aus- gespielt hatte.
Unter ben bekannten Fürsten bes Morgenlanbes ist Abbas Hilmi ber am wenigsten „orientalische". Er führt weder bas sprichwörtliche Luxusleben ber Orientalen, noch hält er einen großen Harem. Wer
wieder einmal Battankrieg?
Von Dr. Arthur Dix.
93alb jährt sich zum zehntenmal ber Tag, an bem beutfdje unb bulgarische Truppen gemeinsam nach ber Ueberrennuna Serbiens unb Montene- gros auch griechischen »oben betraten, um bie Ententekräfte vor sich her zu treiben. Wieber sinb jene Grenzstreifen zum Schauplatz militärischer Verwicklungen geworden. Die Griechen behaupten ernsthaft, sich durch Teile der Bulgarien gestatteten Armee van 20 000 Mann bedroht zu fühlen, obwohl Bulgarien wirklich alle Hände voll zu tun hat, um im Innern die Ruhe und Ordnung einigermaßen aufrecht zu erhalten, unb bie Friedens» stärke bes griechischen Heeres bas Dreifache ber bulgarischen Heeresstärke übersteigt.
Bisher waren es die Serben, bie beftänbig mit einem neuen Balkankrieg brohten, weil eine große Zahl mazedonischer Flüchtlinge in Bulgarien versammelt ist unb jreilid) bas politische Streben ver- folgt, bie alte Heimat selbständig und von dem Staate der Serben, Kroaten und Slowenen unab- hängig zu machen. Heute sind es zur Abwechslung einmal bie Gretchen, bie bas ewige Feuer auf bem Volkan schüren. Die Griechen, benen ber Friedens- schluß einen ßanbftreifen am ganzen Norbranbe des Aegäischen Meeres bis hin zum Schwarzen Meer überliefert hat, ber nur in einem Teil ber ftüftenftäbte ethnographisch als griechisch betrachtet werben kann unb ben Bulgaren den natürlichen Ausweg zum Aegäischen Meer absperrt.
Als ich vor jetzt gerade zehn Jahren zu den ersten Deutschen gehörte, die den so heiß umstrittenen mazedonischen Boden im Kriegsverlause zu betreten Gelegenheit hatten, konnte ich mich auch mit einer ganzen Reihe gebildeter Serben unb Griechen über ben Charakter bes mazebonischen Lanbes in voller Zwanglosigkeit unterhalten. Das absolute Uebermiegen ber ausgesprochen mazeboni- sehen Bevölkerung, bie es nach Stammesgefuhl unb Sprache roeber mit ben Serben noch mit den Griechen hielt, wurde bei solchen Gelegenheiten stets unumwunden eingeftanben. Die offensichtliche Tatsache ist ja auch gar nicht aus ber Welt zu schaffen, baß bie politischen Flüchtlinge aus Mazebonien seit ben Anfängen bulgarischer Selbftänbigteit stets ihre Zuflucht eben in Bulgarien gesucht haben.
Die Staatenkarte der Balkanhalbinsel ist auch heute noch zweifellos unbefriebigenb unb birgt einen Konfliktstoff in sich, ber immer wieber zu neuen Reibungen wie ben gegenwärtigen führen muß. Groß-Serbien verfügt an seiner abriatifdjen Küste nur über vom Innern bes Berglanbes schlecht zugängliche Häfen unb erstrebt gerabe in seiner heutigen Vergrößerung auch einen Ausweg nach bem Aegäischen Meer. Noch viel brtngenber be» barf Bulgarien bieses Ausganges, da seine Küste jetzt wieder ganz auf das Schwarze Meer beschränkt ist. Die vor bem Eintritt Bulgariens in ben Krieg an ber Seite Deutschlanbs mit ber Türkei geführten Verhonblungen hcttten Bulgarien bie Münbung ber Maritza gegeben, bie als ein ben ©ulnaren geheiligter Strom gilt unb in ben bulgarischen Volksliebern bie Rolle bes Rheins in ber beutfchen Dichtung spielt. Zu bem kleinen Hafen von Debeagatsch, ber ihnen bei biefer wichtigen Grenzberichtigung zuteil würbe, gesellte sich im weiteren Kriegsverlauf auch bie Reede von Porto Lagos. Mit diesen beiden Ausgängen in das Aegir- ische Meer wären die verkehrspotttisch begründeten Ansprüche der Bulgaren erfüllt gewesen. Wirt- schastspolitisch reizte sie dann bet den weiteren militärischen Erfolge der verbündeten Truppen noch meyr dos außerorbenllich reiche Tabakgebiet von Drama, lanÜji unb Kavalla, ein Lanb, bas nicht nur bie allerbesten Qualitäten ber sog. „türkischen" Zigarettentavake liefert, fonbem auch ertragreiche Baumwollkutturen tragen könnte, fobalb für Trockenlegung ber großen Sümpfe gesorgt würbe. Bisher sinb biese Sumpfgebiete nur bie Heimat wahrhaft phantastischer Mengen von Schlangen, Fröscyen unb Schilbkröten unb bieten baburch mittelbar auch ben Störchen eine so überreichliche Nahrung, baß auf einem kleinen Walb- hain bei Tanthi Hunberte von Storchenpaaren friedlich nebeneinander horsten. Uebrigens gibt ja auch gerade das bulgarische Familienleben dem guten Adebar eine ungewöhnlich reichliche Beschäftigung ...
In der Gegend des hochromantischen Struma« tals rasseln heute wieder bie Waffen. Der Balkan ist von seiner alten Unruhe erfaßt. Die griechischen unb bulgarischen Kampfhähne stehen sich einander gegenüber. Der mazebonisch-thrazische Boben wirb aufs neue umstritten. Wenn aber einmal bie Funken auf bem Balkan, bie mindestens unter der Asche zu glimmen in diesem Völkergewirr niemals aufgehört haben, wieder frisch auflodern, dann kann niemand abmessen, wie weit der Brand sich über Europa ausbreitet. Da man aber füglich bezweifeln kann, daß in der gegenwärtigen Lage die Haupt- möchte ein Interesse daran hätten, das Feuer zu schüren, so wird in diesem Falle wohl ausnahmsweise einmal der Völkerbundsrat den starken Mann spielen. Wenn auf ber einen Seite 20 000 Mann bulgarische Miliztruppen stehen, auf ber anbern Seite einige 60—70 000 regulärer Griechen, benen aber gemeinhin kein allzu hohes Maß von Tavser- feit nachgesagt wirb, bann liegt es doch wohl selbst im Bereich ber sonst so zweifelhaften Fähigkeiten des Völkerbundes, ein Halbwegs entscheidendes Wort zu sprechen. Diese seltene Gelegenheit werden die Weisen von Genf sich schwerlich entgehen lassen.
Da weder die Griechen irgendeinen Anspruch auf den Bulgarien verbliebenen Boden erheben können, noch eine Aufrollung ber neben Bulgarien und Griechenland in erster Linie das heutige Serbien angehenden mazedonischen Frage dem Völker- bunb zur Zeit irgendwie verlockend erscheinen
1750-1925
Samstag, den 31. Oktober, erscheint neben der Tagesnummer die Jubiläums-Ausgabe des Siebener Anzeigers im Umfang von 96 Seiten mit
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