Frei geworden.
Erzählung von Klara Prieß.
6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
So hatte er vor vierzehn Tagen an Anna geschrieben:
Liebes Kind!
Verzeihe, daß nun wieder, natürlich durch meine Schuld, einige Stockungen in unsrer Korrespondenz eingetreten sind. Du in Deinem mußereichen, stillen Dasein hast keine Idee, wie es so einem mit allen Hunden gehetzten Preßmenschen zumute ist, wie einem abends alles Gedruckte und Geschriebene so ividerwärtig wird, daß man keinen Prioatbrief mehr lesen oder schreiben mag. Dafür ist cs denn auch ganz gut, wenn wir uns nun heiraten, dann hört diese Schreiberei wenigstens auf. Und nicht wahr, Schatz, Du hast dann abends für einen müden Mann ein helles, warmes Zimmer und ein freundliches Gesicht. Darauf kann ich mich manchmal herzlich freuen, sonst ist ja nicht allzuviel Erfreuliches an diesen Berliner Aussichten — die Bedingungen hab' ich dir schon kurz "e-chrieben. Das Gehalt ist ja bedeutend besser Js hier, dafür wird die Plackerei aber auch um so größer fein. Es ist freilich nicht, was ich mir früher so für Dich und mich geträumt.
Das schlimmste ist, daß diese Fronarbeit einem das eigne Schaffen so ganz lähmt und nimmt. Öder ist das stumpfe Leben in diesem Nest schuld daran, und wird es besser, wenn ich erst Berlin und Dich habe? Laß mich es hoffen! Denn Jahr um Jahr diees Leben — für den Tag in Hetze schreiben — scheint mir ein Unding, ein Sichselbstverlreren. Aber ich wollte Dir nichts vorjarnrnern. Du armes Kind hast lange genug Geduld haben müssen.
Spätestens'in acht Tagen bin ich bei Dir. Ich will noch ein paar Tage nach München und nachsehen, was aus meinem alten Kreise dort geworden ist und ob wir noch einmal lustig zusammen sein können. Du wirst mir die paar Tage dort gönnen. Dann komme ich gleich zu Dir! Das Nähere besprechen wir dann in Muße miteinander. Wenn cs auf mit allein ankärne, könnte die Hochzeit schon nächste Woche sein. Nicht wahr, Anna, mit Verlobungsanzeigen und Besuchefahren und ähnlichem quälst Du mich nicht. Die paar Menschen, die sich
da oben für uns interessieren, wissen ohnehin Bescheid, und hier unten geht es keinen etwas an, was weiter aus mir wird. Das Kapitel ist zu Ende.
Heiraten können wir also, sobald Ihr drei es für richtig haltet, mein Wunsch ist nur: möglichst bald und unbemerkt. Du kommst dann gleich mit mir nach Bersin, und wir mieten zusammen eine Wohnung und richten das Nest miteinander ein. Allzu üppig wird es nicht werden. Die letzten Nachrichten aus Krüxow sind miserabel. Ich glaube, der alte Inspektor wird unbrauchbar und wirtschaftet mir das Gut langsam aber sicher ganz zugrunde. Und ihn heraussetzen geht auch nicht, er hat sich sein Leben lang auf seine Art für uns und Krüxow geplagt. Ich müßte ihm sonst anständigerweife eine Pension zahlen, da er feinen eigenen Groschen hat. Aber mit dem Bargeld hapert es sehr auf Krüxow. Und irgendeinen wildfremden Mann da zum Wirtschaften einfetzen? Oder verkaufen? Aber damit würden augenblicklich kaum die Hypotheken gedeckt, und dann ist Krüxow doch auch drei Generationen in unsrer Familie, und ich kann mich nicht davon trennen.
Jedenfalls will ich gleich, wenn wir uns ausgesprochen haben und über die nächsten Zukunftspläne einig sind, nach dort und die Sache mal gründlich untersuchen.
Liebes Kind, halte den Kopf hoch, und wenn Du kannst, dann freue Dich ein bißchen auf mich und diese Zukunftsmusik. Du hast es schlimm genug gehabt in diesen sieben Jahren. Vielleicht ist es auch meine Schuld gewesen. Aber im Grunde habe ich Dich, das weiß Gott, immer sehr liebgehabt und bin für Dich ein „anständiger Kerl" geblieben.
Und nun Schluß. Also ich komme, und Du kannst mich als „öffentlichen Bräutigam" betrachten und demgemäß über mich disponieren.
Der Deine! Max Brakcn.
Das war sein Brief. Anna halte viel Zeit gehabt, ihn zu lesen, seit sie ihn vor vierzehn Tagen mit einem Aufleuchten der alten Liebe und Freude in Empfang genommen. Und je öfter sie ihn gelesen hatte, je kühler und karger waren ihr seine Worte erschienen und was er ihr an Liebe und Zunkunstsglück bot.
Nun wartete sie seit acht Tagen, daß Max Braten selbst kommen sollte.
Cs ist ein schlimmes Ding um solch Warten. Es macht so rastlos und schreckhaft, dies Aufhorchen auf jeden Schritt da draußen, auf jeden vorüber- rollenben Wagen — dies Harren, ob der Briefträger zur Haustür kommt oder ob er auch diesmal wieder vorüberzieht! Es macht so müde, die Nächte schlaflos liegen und bann bie Tränen ber Enttäuschung unb bes verletzten Stolzes meinen, bic man am Tage vor den andern verbergen muß.
Und gerade jetzt, in diesem Herbstabenddämmern, als Anna gar nicht mehr an sein Kommen denken konnte, als sie nichts andres fühlte, als ihres Lebens Armut und Müdigkeit — da kam Max Braken durch den alten Torweg drüben und ging schnell über den Stiftshof auf ihre Haustür zu.
Sein Gesicht schien blaß und schmal unter dem weilen, dunklen Lodenmantel, dessen Umhang der Herbstwind ihm um bie Schultern wehte. Er schien Anna seltsam fremd, nicht wie ein altes Glück, ein neues, fremdes Schicksal. Und sie fand weder Kraft noch Mut, ihm entgegenzugehen oder Tante Lotte nebenan Bescheid zu sagen. Ganz still blieb sie am Fenster sitzen.
Er hatte sie von draußen gesehen und wunderte sich, daß sie ihm nicht auf dem kleinen Flur entgegenkam. Als er dann rasch ins Zimmer trat, rührte sie sich immer noch nicht, nur ihr blasses Gesicht mit den müden, fragenden Augen wandte sie ihm zu.
Er begrüßte sie laut und herzlich und küßte sie auf den Mund. Wer seine Art schien -ihr erzwungen unb löste sie nicht aus ihrer Starrheit. Er merkte bas rasch unb fühlte sich von ihrer Kalte ab- gestoßen unb verletzt.
„Deine Freube, mich wieberzusehen, scheint sehr mäßig, Anna. Natürlich hast du es mir wieder übelgenommen, daß ich ein paar Tage länger in München blieb. Du weißt eben nicht, wie das tut, wenn man so zum allerletzten Male in Freiheit losgelassen ist. Ich wollte jeden Tag abreifen
und schrieb deshalb gar nicht erst an dich. Aber sie
ließen mich nicht los. Und es tat so gut, einmal wieder ein bißchen froh und leichtsinnig zu sein. Aber jetzt hast du mich ja sicher und könntest getrost ein paar Grad wärmer und liebenswürdiger fein."
Die Worte unb ihr Tonfall reizten Anna, vielleicht nur, weil ihre Seele so roinfll war, baß alles sie verletzen mußte.
„Ich habe dich nicht hergebeten," sagte sie herb. „Meinetwegen hättest du noch länger bei beinert amüsanten Leuten ba unten bleiben können. 23er- giß nicht, baß bu aus beinern eignen freien Willen zurückgekommen bist."
Er lachte auf. „Kind, den Willen haben wir uns vor sieben Jahren hübsch an bie Kette gelegt, ober vielmehr bein Vater hat das wohlweislich für uns besorgt. Nach der berühmten Jgelgeschichte war eben nichts anbres mehr für mich zu wollen. Im übrigen habe ich mich auf dich gefreut, Anna, und etwas andres verdient, wie diesen eiskalten Empfang."
„Ich kann nicht anders sein," sagte sie. „Warte du einmal sieben Jahre, warte nut sieben Tage, wie ich sie eben hinter mir habe — all die Stunden unb die sieben langen Nächte —, bann hast du auch nichts mehr, gar nichts mehr an Kraft und Wärme und Freude."
„Natürlich hast du es nicht leicht gehabt, Anna; aber es ist doch weiß Gott nicht meine Schuld allein.Die Hauptschuld liegt eben in den Verhältnissen, in unsrer jungen Verloberei und eurem Fa- milienelenb hier. Aber das liegt doch jetzt alles hinter dir, Anna, und ich bin mit jeder guten Absicht zu dir heimgekommen. Ich sag es dir noch einmal, Anna, ich freue mich auf dich, auf flnfer Zusammenleben. Wenn das nicht wäre, meinst du, ich hätte diese Berliner Stellung angenommen und mein Leben und meine Freiheit diesen Zeitungsmenschen verkauft? — Du weißt auch nicht, was ich durchgemacht habe, was ich aufgebe," fuhr er heftiger fort, als sie noch immer schwieg.
Sie hatte den Kopf von ihm roeggemanbt und sah aus dem Fenster. Scharf hob sich ihr Profil von dem grauen Abendhimmel ab. Die Hände lagen noch immer im Schoß, und er sah auf einmal, wie diese Hände sich verändert hatten. Das waren keine weichen, rosigen Kinderhände mehr — Frauenhände waren es, müde, magere, linienreiche Frauenhände, bie sich oft im bitteren Leib gefaltet unb um Frieden gerungen hatten.
Wie ein stummer Vorwurf sprach es aus den Händen zu ihm, und wie gegen eine Anklage suchte er sich zu verteidigen. i Fortsetzung folgt.)
Bekanntmachung.
Am Sonntag, dem 30. August 1925, wird bie Stromversorgung im Stadtgebiet für die Zeit von 5.30 bis 9.30 Llhr vormittags wegen Vornahme von Arbeiten eingestellt.
Gießen, den 27. August 1925.
Die Direktton der Stadt. Elektrizitätswerke.
Stolle. 8044c
für Herbstsaat Friedrichswerther Bergmntergttfte Strubes Dickkopfweizen Mut UW, $oii BeMt Wtts.j
Die Verlobung ihrer Tochter Marianne mit Herrn Dr. med. Hermann Anbei geben hierdurch bekannt
Kommerzienrat (Eugen Rau und Frau Maria
geb. Braunmüller
Meine Verlobung mit Fräulein Marianne Rau zeige ich an
Dr. med. Hermann Aubel
prakt. Arzt
Gießen
Stuttgart
August 1925
II
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