Nr. 225 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen) Mtag, 25. September 1925
Turnen, Sport und Spiel
r gar an . Deshalb
in
Sorge sein."
Tag der Einreichungen sich die tiänbc immer
steht damit in Aussicht. Am Tage vorher ist das Frankfurter Stadion Schauplatz von Rekordversuchen der Krefelder Preußen und des S. C. 1880 Frankfurt über 4x100 und 3x200 Meter. In allen Teilen des Reiches ist der Sonntag der Tag der deutschen DereinSmeister- schäften 1 925 (im 200„ 1500/Meter-Lanf. Hoch- und Weitsprung, Kugelstoßen). In Soli n g e n werden die Westdeutschen Frauenmeisterschaften entschieden. Der Rorddeutsche Ski- verband halt in Berlin sein diesjähriges Herbstsportfest ab. In München finden leichtathletische Wettkämpfe im Rahmen des Oktober- festes 1925 ihre Austragung. Durch sportliche Veranstaltungen wird das Dortmunder Stadion eingeweiht.
Gleichzeitig in Oe st erreich und der Tschechoslowakei (hier mit Beteiligung des tKutfd)cn Warathonmeisters Hempel) werden die Marathonläufe 1925 entschieden.
Bei den Turnern sindet in Bremen zur 50-Iahrfeier des M. TD. v. 75 ein Wettkampf im Kunstturnen zwischen Hamburger, Kieler, Bremer, Hannoverschen Vereinen Entscheidung.
Rasensport.
3m Fußball nehmen die Verbandsspiele den größten Raum ein. Rur hier und da Freundschaftsspiele, ein Städtetreffen Düsseldorf —Köln in Düsseldorf gelegentlich des Staffellaufs „Quer durch Düsseldorf".
Das H a n d b a l lereignis ist dec Städtekampf Hamburg—Berlin in Hamburg.
„Die Preise?"
„Den ersten bekommt meine Frau — unter dem Pseudonym Susanne Minkatz: den zweiten ... ich habe eine Geschichte aus meiner Jugendzeit gefunden: den dritten kriegt ein Herr Theodor Storm
Husum für die Novelle „Immensee"."
„Der ist doch lange tot?"
„Nu — wer weiß das schon?"
„Da — sehen Sie! Ich habe vor allem die Um- schlage mit den Kennworten geöffnet Fast lauter große Schriftsteller. Drei Waschkörbe voll mit ihren Werken." , _
Sie Narr! Und ich soll drei Waschkörbe lesen?
„Unsinn. Alles Makulatur. 19 Kilogramm zu 6 Heller — macht 1 Krone 14 Heller."
witsch?"
.Lassen Sie es meine
— — — Der letzte nahte. Popowitsch rieb
Caillaux in Amerika.
Der französische Finanzminister Caillaux ist auf feiner großen Pumpreife in Neuyork eingetroffen und hat sich fofort nach Washington roeiterbe- geben. Er hat es offenbar sehr eilig, die Verhandlungen über den französisch-amerikanischen Schul- denausgleich zu beginnen und zum Abschluß zu
wird es noch weiter vollkommener werden, wenn es erst seine eigenen Schallplatten hat, und wird sich des ferneren praktisch erweisen auf dem Gebiete der Telephonie, der Radiophonie, des Lautsignalwesens, der akustischen Diagnostik des sprechenden und singenden Films. Die Patente in die meisten Länder sind bereits verkauft. Große Aufträge für England, Amerika und Dftafien sichern der Fabrik Dasein und Dergrößerungsmoglichkeiten, erlauben ihr aber auch, die Konkurrenz etwa um ein Drittel im Preise zu unterbieten. Gerade die letzteren Tatsachen können die allgemeine Begeisterung nur noch erhöhen. Die Sprechmaschine, trotz ihrer bisherigen Unzu- länglichceiien längst ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs geworden, ist nur das erste praktische Ergebnis einer Erfindung, die noch längst nicht aus- geschöpft ist, die der Tonsendung, ja der Erkenntnis des akustischen Problems über Nacht eine über- raschende Wendung gegeben hat.
Der Apparat selbst, von Emil P i r ch a n äußerlich entworfen, erstrebt Stileinfachheit im Sinne der dorischen, sich nach unten verjüngenden Säule und akustische Zweckmäßigkeit für ein neues reines Musikinstrument, dem wir nun bald überall mit Vergnügen begegnen werden. Die orchester- ähnliche Wirkung beim Spielen von Tanzmusik wird neben der Vermittlung höchster Gesangskunst dazu beitragen, dem Ultraphon, zumal wenn es erst feine eigenen Schallplatten haben wird, die größte Verbreitung zu sichern.
Das Lesebuch an der Stratze.
Der Mensch des Mittelalters konnte nicht in Büchern lesen: dafür war ihm aber das schönste Lesebuch an den Straßen aufgeschlagen. Die bildende Kunst veranschaulichte in zahllosen Szenen und Figuren die heiliae und die weltliche Geschichte, schilderte Himmel und Hölle, Tugend und Laster. Doch nicht nur die großen Dome und Schlösser wurden mit einem sinnreichen und belehrenden Schmuck ausgestattet, sondern auch das gewöhnliche Haus erzählte vielerlei nachdenkliche und heitere Geschichten im derben Volkston. Besonders sind uns im norddeutschen Fachwerkbau solche Beispiele ttefflicher Erzählungkunst im Bilde erhalten. Hier tritt die Erzählergabe der Menschen an der Waterkant, die sonst meist in der Dämmerung der Stuben und ^chiffskojen bleibt, an die offene Straße. Zuerst wird gesagt, wann und von wem das Haus gebaut ist. Es folgen Bibelftellen und Gebetssprüche, die das Haus segnen und ^weihen sollen. Dann aber bekommen die Neider und Spötter
bringen. .
Das ist kein Wunder: Frankreich hat heute Drei Druckstellen, und zwar in Syrien in dem Dru- senausstand, in Marokko und in Washing- t o n. Was sich in Syrien zusammengebraut hat, ist vor der Hand wohl nur ein kleines Wetterleuchten, das auf die diplomatische Lage keinen allzu großen Einfluß ausübt. Die Kämpfe in Marokko bageaen belasten den französischen Etat und das französische Prestige. Sie zeigen zugleich der ganzen Welt in bengalischer Beleuchtung, wie wenig Frankreich an einen Abbau seiner Waffenrüstung ober gar an einen Abbau feines Imperialismus bentt. Deshalb ist Abd el Krim für die französische Diplomatie eine höchst unangenehme Erscheinung, schon weil
Zweck ließ er seine minder leistungsfähigen Genoßen, die Belgier und Italiener, zuerst fahren, weil er hoffte, baß sie in den starren Mammanis- nuis leichter eine Bresche schlagen würden und er dann von den billigen Bedingungen, die sie ausgehandelt hätten, feinen Teil haben wollte. Beide aber sind unverrichteter Dinge zurückgekommen. Die Amerikaner wollten sich nicht die Hände binden, bevor sie mit den Franzosen selbst gesprochen hätten.
Und da setzte der wirklich ausgezeichnete Trick ein, den Caillaux sich mit den Engländern zusammen ausgesonnen hat, die Regierung Baldwin machte eine vornehme Geste und tat. als ob sie sich mit einer zweiprozentigen Verzinsung ihrer saft zwölf ©oibmiUiarben bcira- genben Forderung an Frankreich aufrieben geben würde, wenn — und das ist die Poinie — b i e Vereinigten Staaten den Franzosen ebenso billige Bedingungen lasten würden: was nach den zwischen London und Washington bestehenden Abmachimgen die Folge hatte, daß nachträglich auch den Engländern eine wesentliche Herabminderung ihrer Iahreszahlung an Amerika ^gebilligt werden müßte. Beide wollten sich allo auf Kosten der Vereinigten Staaten vertragen und rech neten sich aus, daß jeder an seinem Teil einige hundert Goldmillionen jährlich einigeren konnte, wenn die Vereinigten Staaten daraus hineinfielen.
Sie werdeii es aber kaum, denn dazu sind die Amerikaner viel zu gute Rechner. Ihre polilijche Situation ist zudem so stark, daß es ihnen ziemlich gleichgültig sein kann, ob man ihnen den Vorwurf macht, daß sie aus reiner Habgier die endgültige Regelung dieser Kriegsschulden verhindern. Sie werden selbstverständlich auch Herrn Caillaux das Exempel aufmachen, was ihnen selbst die Verzinsung der amerikanischen Schulden kostet, und werden sich weiter wenig um die Abmachungen zwischen Paris und London kümmern. Immerhin, Caillaux ist ein geschickter Mann, und wenn es ihm gelingt, eine Verständigung mit den Amerikanern zu erzielen, die einigermaßen für den französischen Etat tragbar ist, bann bebeutet das einen Erfolg der französischen Diplomatie, den D e u s ch l a n d wohl an er ft er Stelle zu spüren hätte. Gerade deshalb sind die Schuldenoerhandlungen für uns im Augenblick jo wichtig, weil sie ihre Schatten auch auf die Ministerkonferenz werfen können.
Haste Töne!
Diese bekannte Berliner Redensart des Staunens hat sich seit einigen Tagen in „Haste Ultra- Töne!" verwandelt, seitdem die geheimnisvolle Er- finbung eines Heinrich I. Küchenmeister auf dem Gebiete der Akustik und Phonetik durch die Deutsche Ultraphon-Aktiengesellschaft im großen Festsaale des Esplanade-Hotels einem wissenschaftlich und literarisch interessierten Publikum vorgeführt wurde — mit dem größten Erfolge. Der sich gewiß noch bedeutend steigern muß, wenn das Küchen- meistersche Prinzip auch auf die Schallplatte selbst Anwendung gefunden hat.
Was uns bisher aus jedem odiaUapparat, mochte er noch fo teuer fein, immer als Ion-Surrogat entgegenkam, krächzte, von Nebengeräuschen umwogt, bringt nun im geballten Tonkörper an unser Ohr, der — ähnlich wie das Stereoskop unseren beiden Augen die Plastik eines Bildes aus zwei Aufnahmen übermittelt — eigentlich aus zwei Tönen besteht, vermittelt durch zwei, unheimlich schnell hintereinander rasende Membrane. Wie einfach!' sagt der Leser und greift sich an den Kopf, daß er nicht schon lange selbst hinter diesen Tr,ck gekommen ist, der einfach die Unvollkommenheit des menschlichen Gehörs auszunutzen weiß. War aber diese Einfachheit nicht immer der innerste Sinn aller großen Erfindungen, deren neueste wir mit Stolz auf bas Konto Deutschlands buchen dürfen? Mit einem Male haben wir eine Tonfülle in jeber g e w ü n s ch tcn Tonstärke, in An- pafiung an ben jeweiligen Hörraum, vom feinsten Piano bis zum stärksten Forte, ohne Veränderung de-.> Tvncharakters.
Das Ultraphon spiegelt den Ton, wie bie Schutzmarke jagt; das Ultraphon ist der Ultraton uni*
Hinter den Kulissen des Rifkrieges.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Don unserem K. M.-Berichterstatter.
Paris. September 1925.
Die Nachrichten aus dem Rifgebiet zeigen, daß es bisher weder ben französischen Truppen noch den Spaniern möglich war, den Kabylen eine entscheidende Niederlage beizubringen.
'Uhl den modernsten Kriegsmitteln ausgerüstete Soldaten und ein vorzüglich geschulter General stab kämpfen erbittert gegen eine verhältnismäßig kleine Zahl von Marokkanern, und wenn auch die Bodenbeschaffenheit zweifellos den Eingeborenen au Hilfe kommt, so ist der größte Teil ihres Er- folges wohl doch ihrem Führer Abd el Krim zuzuschreiben. _ .
Dieser Tage ist in Paris im Verlage Pion eine Broschüre erschienen „Spanis ch e Zusa m m e n- fünfte" von Jerome und Jean T h a r a u b ; und dieses kleine, geistreiche Buch beleuchtet in seinen Plaudereien einige Zusakimenhänge, die Mit- Ursache zu der kriegerischen Erhebung in Marokko wurden. Manches Licht fallt auch auf die Per - «v n des Führers Abd el Krim und macht die Tatsache verständlich, daß dieser Mann sich bisher gegen die französischen und spanischen Befehlshaber behaupten konnte.
Geht man diesen Zusammenhängen bis in das Jahr 1921 nach, so kommt man zu dem Ergebnis, baß Abb el Krim eigentlich ber Urheber z u bem Staats st reiche Primo bc Riveras unb mithin ber spanischen Diktatur war.
Die spanischen Generäle S i l v e ft r e und 'Berenguer befehbeten sich damals aus Gründen des militärischen Ehrgeizes. General Berenguer wurde zum Kommissar von Marokko ernannt, wah. renb General Siloestre als fiommanbant von Melilla nur über geringere Machtvollkommenheit gebot. Um militärischen Ruhm zu erwerben und sich in bewußten Gegensatz zu der pazifistischen Politik des Generals Berenguer zu setzen, beschloß Gene- rat Siloestre auf eigene Verantwortung einen Feldzug gegen bie Marokkaner. _
Unglücklicherweise begann schon barnab der Aufstand der Rifleute — geführt von dem unbekannten Abb el Krim. Dieser Mann stammte aus einer guten marokkanischen Familie, besuchte eine spanische Schule in Melilla, setzte seine Studien in Spanien fort, reifte in Frankreich und Deutschland und trat nach seiner Rückkehr nach Melilla als Beamter in das Bureau für Landesverwaltung ein. Da er sich während des Krieges als Freund des deutschfreundlichen Abd el Malek zeigte, beklagt? sich General Lyautey wiederholt bei ber spanischen Regierung über ihn. General Siloestre ließ feinen Beamten kommen unb ohrfeigte ihn, wie behauptet wirb, bevor er ihn ins Gefängnis warf. — Abb cl Krim entwich: nicht ohne bem General in einem Brief seine Wieberkehr anzukündigen.
Die Folge war, daß der Ausstand der Kabylen in wenigen Tagen ausbrach, und als General Siloestre seine militärische Expedition unternahm — wie man munkelte, ermutigt durch geheime leie- gramme des Königs und einiger Heerführer — bereitete ihm Abd el Krim eine furchtbare Niederlage, bie Spanien zehntaufenb Solbaten kostete unb den General zum Selbstmord trieb. Damals stand Add el Krim vor Melilla unb cs fehlte nicht viel, baß er sich ber Stabt bemach-
In Spanien suchte man nach ben Schulbigen dieser Katastrophe, die das Land schwer beunruhigte: hierzu kam die katalanische Unabhängig- keitsdewegung und so war der Boden vorbereitet für ben Gewaltstreich bes Generals Primo de Rivera.
Sehr geistreich wird dieser wirkliche Machthaber Spaniens in bem Büchlein geschildert: seine Persönlichkeit und politischen Ansichten. Ganz im Gegensatz zu dem ehernen Mussolini, dem italie- Nischen Diktator, scheint der General de Rivera, Marquis d'Estella, ein schmiegsamer, weltmänni-
wärmer.
„Ich sagte: Ja, Herr Popowitsch, Sie, sind verrückt. Was sollen uns die Manuskripte?"
„Gewiß," sagte Popowitsch, „bie Manuskripte haben nur Makulaturwert für uns — ich schätze: sechs Heller das Kilogramm. Die Reklame aber? Wir sind endlich in den Zeitungen der Hauptstadt genannt worden. Und die Abonnementsquittungen — ha? Sind sie nichts? Jeder Einsendung war eine Quittung beizulegen. Ich habe Abonnenten gewon- nen in ben fernsten Winkeln der Welt. Sie bestehen nicht auf Zusendung unseres Mistblattes — die ganze Einzahlung barer Gewinn. — Mensch! Und die schönen Briefmarken? Ahnen Sie endlich, warum ich mir vorbehielt, die Sendung eigenhändig zu empfangen? Jede Sendung war mit Rückporto au versehen: ich lebe seit Wochen sorgenlos.
,La, sind denn . . . sind denn soviel Bewer- Hungen eingelaufen?"
er sie daran hindert, ihre ganze Kraft in ben Karnpi um den Sicherheitspakt gegen Deutschland zu richten.
Das gilt in noch viel höherem Maße von den Schulden, die Frankreich aus dem Kriege und aus der Zeit nach dem Kriege bei den Bereinigten Staaten zu stehen hat. Sie bedeuten in ber Ta: eine sehr ft arte Behinberung seiner Bewegungsfreiheit unb können, sobald man sich in Washington auf bie Hinterbeine setzt, zu einer verhängni-. vollen Kreditsperre führen. Was bei der doch auch heute noch sehr um sicheren Untermauerung des Franken bedeutet, ne iß ttaiUaur ebenso gut wie der französische Rentner: clange' also dies Kapitel nicht abgeschlossen ist, bleibt Frankreich von den Finanziers W a 11 ft r e e t s abhängig. Gelingt es Cai! • laur, die Rechnung zu begleichen, dann feiert er nicht nur einen großen mnerpolilifchen Trumpf, ber feine Aussichten für bie nächste Minifterpräsi denichast wesentlich steigert, er spielt gleichzeitig auch bem Außenminister Briand ben Trumpf in die Hanb, der auf der Ministerkonf renz stechen kann.
Und man muß Herrn Caillaux zugebeu, daß er seine Reise sehr gut vorbereitet hat. Er ist einer der ersten gewesen, bie begriffen, daß die weinerliche Redensart von dem armen unschuldigen Frankreich nicht mehr zog. Schließlich kann sich jeber amerikanische Spießbürger ausrechnen, daß cs ein Irrsinn ist, wenn Frankreich heute eine um 200 000 Mann stärkere Armee als im Frieden um terhält, wenn es imstande ist, seinen östlichen Sa- trapenftaaten Hunderte von Millionen für Rüstungszwecke zu leihen, während es gleichzeitig mit bedauerlichem Achselzucken nach Washington sein Unvermögen zur Zah- l u n g seiner Zinsen meldet. Mit solcherlei Trostgründen haben die Amerikaner sich zwar einige Jahre abspeisen lassen, jetzt glauben sie nicht mehr daran. Sie wollen cnhsich ihr Geld sehen, denn schließlich sind die Vereinigten Staaten, so reich sie als Volk sind, als Staat arm und müssen die letzten Freiheitsanleihen, die während des Krieges von den europäischen Ländern angenommen wurden, durch erhöhte Steuern ihren eigenen Bürgern verzinsen.
Es blieb also Herrn Caillaux schon gar nichts anderes übrig, er mußte seine Bereitwilligkeit zur Zahlung zu erkennen geben. Zu dem
sehr weltliche Sprüche: „Wer will bauen an Gassen unb Straßen, muß bie Leute reden lassen." Wie cs in anderen Gegenden mit schlauem Doppelsinn heißt: „Es wünsch mir einer, was er will, Gott gebe ihm zweimal soviel", so hier: „Allen, die mich kennen, den gebe Gott, was sie mir gönnen. Bittere Erfahrung spricht: „Wenn Haß unb Neid brennte wie Feuer, fo wäre bas Holz lange nicht so teuer." Froher Stolz: „Wann Adam hackt unb Eva spinnt, das Haus den Giebel bald gewinnt." Guter Rat: „Wer will haben, daß es ihm geling, der sehe selber wohl zu seinem Ding." Am Zunfthause: „Deget recht und gelike, so werdet Ji saNch und rite: Wäget richtig und wäget gleich, so werdet Ihr selig und reich." Der Reiche, im Bewußtsein guten Gewissens, läßt von Engeln einen Spruch- schild halten: da steht: „Sie müssen mich leiden / Mir lassen mein Leben I Die mich beneiden und nichts geben/Mancher mag hassen / Was er siebt / Muß doch zulasten / Daß es geschieht." Ein alter Geistlicher und Geschichtsschreiber in Hildesheim ist von Luchers Lehre so tief erzürnt, daß er in bie Saumfchwelle seines Hauses einen lateinischen Spruch, durch Wortstellung zwar oerrätfelt, für alle Zeit sichtbar eingraben läßt, zu deutsch etwa. „Die Tugend höret auf, bie Kirche wird verwirrt, bie Geistlichkeit selbst irrt, ber Teufel triumphiert unb Simonie regiert. Gottes Wort bleibt in Ewig- feit, Göttliches für alle Zeit, Menschliches nicht allzu lang, Holz und Stein finb’t Untergang." Zum Wort tritt bas plastische Bilb. Reiber und Spötter werden in Balkenkopsen verewigt: maulaufreißenbe, zungenherausstreckende, glotzäugige Fratzen, Stadtklatsch und derbe Redensart, Sitte und Unsitte werden verbildlicht. Auf einem Konfolholz in Goslar hockt ein Männchen, von hinten unten zu fehen. unb bringt verdauend Dukaten heraus. Der Trinker Lebenswandel wird in seinen erbaulichen unb un- erbaulichen Augenblicken behanbelt. Da steht ein schwer mit Fässern beladener Lastwagen, und bie Wirtsleute berechnen ben Gewinn. Hauszeichen, Haushahn, Hunbe. Helden, ^eilige, HoUenvolk, her Mensch in seiner Nacktheit, in seiner Tracht, in feinem Tun: Wappen, Handwerksgerät, die fünf Sinne, die Tugenden unb Laster, bie Elemente, Wissenschasten und Künste, die Jahreszeiten und Gestirne, Pflanzen unb Getier, bie Geschichten bes alten unb neuen Testaments, bie Götter des Altertums — die garye Welt ber Gotik und der er- blühenden Renaissance ist in diesem Lesebuch in Holz geschnitzt.
Das Preisausschreiben.
Don Roda-Roda.
Das „Palanker Bezirksblatt" ging nicht, gina gar nicht. — Herr Popowitsch (der Herausgeber) jagte: „Wir müßten ein Preisausschreiben er-
Ich war gegen das Preisausschreiben. Denn ich hatte mein Gehalt seit Neujahr nicht bekommen. Und wenn Herr Popowitsch nun auch noch diese große Ausgabe hat: wann wird er sich da bequemen, mil(Er hörte nicht auf mich und gelobte aus: 100, 50, 20 Kronen in Gold für die beste Novelle, Hunw- reste, Skizze: mit Kennwort einzureichen: das Rennmort auf einem zweiten Umschlag zu wiederholen, worin der Name des Verfassers anzugebcn ist . . . Und so weiter, und so weiter — wie Herr Popowitsch es in den großen Blättern gelesen hatte.
.Dieser Popowitsch," dachte ich mir, „ist verrückt." Und da ich ihm das Geheimste anzuoer- trauen pflegte, sagte ich ihm meine Meinung wörtlich.
Er chmunzelte nur. .
___Drei Tage darauf stand es tn allen Seilungen: wir hätten die hohen, goldenen Preise ^.'.Wer aber wird sie auszahlen, Herr Popo-
Leichtathletische Clubmeister- schaftendesS.C.1900am27.Sep1,
Für nächsten Sonntag ruft die Leichtahle- tik -Abteilung des S. C. 19 0 0 ihre Mitglie- der zum letztenmal in dieser Saison zum Wettkampf zusammen. Wie alljährlich, kommen die den Ab- schluß bildenden Clubmeisterschasten zum Austrag. Den in allen Teilen gut besetzten unb spannende Kämpfe versprechenden Konkurrenzen der Aktiven und Jugendlichen werden gymnastische Ucbungen unb ein Stillauf der gesamten Abteilung vorausgehen. Eine besoydere Note wird den diesjährigen Clubmeisterschasten noch dadurcy verliehen, daß sie die erste sportliche Veranstaltung auf bem nun fast vollstänbig heraerichteten neuen Sportplatz des S. C. 1900 am Philosophen- wald sind. Die in sehr guter Verfassung befind- liehe neue Laufbahn, sowie die erfahrenen 1900er- Kampfrichter werden eine glatte Abwicklung der Wettkämpfe, die durch eine besonders vorgenom- mene Aufstellung verschiedener Staffeln bedeutend an Interesse gewinnen, verbürgen. Der Besuch. dürste sich lohnen.
Sportvorschau für Sonntag, 27. September.
Leichtathletik unb Turnen.
In ber Leichtathletik finden sich am Sonntag i beste deutsche Sportler in Augsburg zusammen, eine Begegnung Hoube n—C orts'
scher, lächelnder Politiker zu fein. Wie sehr hübsch gesagt wird: er stammt aus bem Lanbe Figaros. Man erzählt sich in Madrib amüsante Anekboten über ihn unb ein geläufiges Derschen ist.
Neipcs, mujeres y beleih
^on cl bh/on del marque; d’Esteiia, was bedeutet, daß die Karten, die Frauen und die Flasche datz Wappen des Marquis d'Estella sind. Daneben interessieren seine fleußerungen über die spanische Politik in Marokko, wo ihn die jetzigen Verhältnisse zur Abkehr von seiner immer verire- tenen unb befolgten Richtlinie zwingen. Noch bis zu diesem Sommer war er ber Ansicht, baß das Rif Spanien unnütz Menschen urfb fflelb koste unb nicht militärisch, fonbem lediglich im Handelsaus- tausch mit den Eingeborenen zu halten sei. Er stand damit im absoluten Gegensatz zu der französischen MaroNopolitik, sowie zu der Politik bes Führers ber spanischen liberalen Partei, bes Grafen R o - m a n o n e s , ber in bem Verluste bes Rif ben Anfang bes Zerfalles Spaniens sah.
Frankreich hatte sich im Tale von Ouergha fest gesetzt, der Kornkammer des Ris. Während Spanien seine Truppen immer weiter zurückzog, vermeinte Frankreich durch diese Besetzung Abd el Krim zu einer Derständiaung zu zwingen, da die Kabylen ohne das fruchtbare Tal von Ouergha keine Lebensmöglichkeiten besaßen. Abd el Krim erfaßte vollständig den Zweck dieser Maßnahme, aber anstatt sich gegen das militärisch schwächere Spanien zu wenden, griff et mit ganzer Macht die französischen Stellungen an. Dadurch rechtfertigt er die -Politik bes Generals be Rivera: unb man weiß, welche Mühen es Frankreich gekostet hat, Spanien zu einem (Eingreifen zu bewegen. Es wäre vielleicht auch jetzt noch nicht gelungen, wenn nicht zu befürchten ftanb, daß bie immer weiter um sich greifende marokkanische Freiheitsbewegung auch im spanischen Territorium zu gefährlichen Erhebungen führen würde.
2(ußer ben materiellen Werten, dem lebensnotwendigen Besitze der Kornkammer des Rif, ist es noch ein ideeller Wert, der Abd el Krim zum schärfsten Vorgehen gegen Frankreich treibt. Er er- strebt die Einnahme von Fez, der Stadt der Sultane, der Hauptstadt Marokkos. Die ganze Tragweite dieses Gedankens zeichnet sich aber erst klar ab, wenn man folgende Sätze dieser ausgezeichneten Broschüre lieft:
Welchen Ruhm würde er in den Augen der ganzen islamitischen Welt erringen, wenn er im Herzen der heiligen Stadt, am Grabe Muley Idriß, sein Gebet verrichten könnte, — obgleich ich nicht glaube, daß er persönlich große religiöse Befriedigung darin finden würde, da ich ihn für einen schlechten Muselmanen halte. Aber er wäre nicht mehr der kleine Anführer einiger Stämme, sondern mit einem Schlage Sultan von Fez geworden, der im Namen von Muley Idriß spricht. Ist dieses Ziel einmal erreicht, hätte sich ganz Marokko auf fein Gebot erhoben. Er wäre erschienen wie ber Mahbi, der Messias: der Herrscher, an dessen Schritte sich ber Segen Allahs haftet.


