Nr. 146 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fürGderheiien)
Donnerstag, 25. Zuni 1925
den
diesem Einen recht. Es ist eine furchtbare Ironie, daß gerade das den Völkerbund beherbergende Land den umgekehrten Grundsatz kennt: alle für einen.
Salandra und mit ihm das ratifizierende Rumpfparlament haben aber noch andere Sorten von der mit Recht so beliebten Logik auf Lager. Das deutsche Wort für Annektierung, so verkündet dieser Professor (der Philologie offenbar^, ist Anschluß. Demnach sind also die Tiroler, die Kärntner und Siebenbürger, die Deutschböhmen, Oberschlesier, Westpreußen und Ostpreußen nicht etwa gewaltsam annektiert worden, nein, sie haben sich dem Fremdstaat fremder Zunge mit derselben Begeisterung angeschlossen, mit der sich heute Oester- reich an Deutschland anschließen würde. Durchaus ähnlich verfuhr man anläßlich dieser denkwürdigen Ratifizierung mit der Brennergrenze, dem Sicher- heitspakt und anderen hochpolitischen Dingen. Die Verteidigung der Menschenrechte blieb einem — Kommunisten vorbehalten. Und cs muß rückhaltlos anerkannt werden, daß sich dieser Abgeordnete Ri boldi seiner aussichtslosen Aufgabe mit Würde und Geschick unterzog. Wahrhaftig, wenn das kommunistische Rußland und das sozialistische Deutschland nicht so kläglich versagt hätten, man fühlte sich versucht, sich jenen Weltanschauungen zu nähern, denn was sich heute die Weltheuchelei unter dem Mißbrauch der Vaterlandsliebe leistet, das schreit zum Himmel. Schon die selbstverständliche Auffassung, cs müsse ein Selbstbestimmungsrecht für alle geben, trug dem Redner den Zuruf „Oesterreicher! Oester- reicher!" als Schimpfnamen ein.
Richtig war es dagegen vom italienischen Standpunkt aus, wenn Salandra die deutschen Aeuße- rungen, die Brennergrenze und Anschlußfrage könnten nicht mit der deutschen Politik verquickt werden, weil Deutschland ja gar nicht an Italien grenze, als unbegründet zurückwies. Denn diese gemeinsame Grenze mit Italien ergibt sich ja tatsächlich automatisch für Deutschland in dem Augenblick, wo die unnatürlichen Grenzpfähle zwischen den Bruder- ftämmen fallen. Es wäre also richtiger, sich nicht auf solche Knifflichkeiten einzulasien, die bei der augenblicklichen Offenherzigkeitspolitik in Italien unmöglich verfangen können, ganz abgesehen davon, daß man in Rom ausgezeichnet über die wahren Gefühle in Berlin und Wien unterrichtet ist. Denn nachdem es sich um eine germanische Frage handelt, fehlen natürlich auch die Verräter nicht. Sie machen glänzende Geschäfte.
Es kann nur eine Politik für die Millionen und Abermillionen unterjochter Deutschen geben: Offen die Fahne des Selbstbestimmungsrechtes entfalten.
tief ins Hessenland hinaus bekannter — Kunst gehört, die schon mehr ein täglich erneutes kulturelles Schassen bedeutet.
2ln seinem Ehrentage spielte er den Dusterer im „G ewissenswur in". Tiber theater- geschichtlich steht die Tatsache auf, daß einst kein Geringerer als 3bfen diesem Künstler, der — welch beneidenswertes Geschick! — heute noch in der Vollkraft seines Wirkens steht, seinen John Gabriel Borkmann zur ersten lebendigen Gestaltung übertrug. Frankfurt durfte dies.es Jbsenwerk um Arthur Bauers willen, den Ibsen als den reichsten Schilderer seiner IHännerge- stalten außerordentlich schätzte, zuerst in Deutschland aufführev. Das sind Dinge, die mitschwingen in der Atmosphäre eines bedeutenden Künstlers, der seit 30 Jahren in Frankfurt nicht nur un traditionellen Sinne ein Liebling des Publikums ist. nein, der in noch viel höherem Maße als Mensch und darstellender Künstler wegen der Lauterkeit seiner Gesinnung in beiden Eigenschaft ten, wegen des Reichtums seiner Begabung und wegen seines warmblütigen Menschentums geschäht und geliebt wird. Ob er eine klassische Dramengestalt verkörpert oder den Bolz in den Journalisten, ob er Shakespeare oder Anzengruber spielt, immer ist es ein bei Ibsen bis zum grüblerischen gesteigertes, kluges, liebenswürdiges, frohgemutes oder von düsterer Große beschattetes Menschentum, dessen Wirkung sich niemand entziehen kann. Die nicht geringe Schar der Kunst- und Theaterfreunde, die sich den Weg von Gießen und anderen Städten bis nach Frankfurt nicht gereuen lassen, um sich an einem Dichterwerk von den Widerwärtigkeiten des Alltags zu erholen, die werden mit demselben Interesse wie die Frankfurter selbst von diesem dreißigjährigen Wirken vernehmen, dem das Publikum ebenfo dankbare als herzliche Sjulbigungetj bereitete. c-
Selbstbestimmungsrecht (Don unserem römischen Korrespondenten.)
Rom, Anfang Juni.
Sechs Jahre nach der Drachensaat von Versailles auch Italien das „Dokument des Triumphes Rechts und der Gerechtigkeit" ratifiziert, samt nicht minder ruhmreichen Anhängseln von Trianon lind Reuilly. Dem Recht ist Genüge geschehen, Frau Justitia nimmt die Binde ab, und lächelt. In der Erwägung, daß inzwischen auch dipolitischen Kinder, die zehn Jahre lang ihr Sprüchlein von der deutschen Kriegsschuld aufsagten, groß geworden sind und nicht mehr an den Storch glauben, ist als erster der Siegerstaaten Italien zu jener Offenheit übergegangen, die zynisch zu nennen eine Beleidigung des göttlichen Prinzips der Ehrlichkeit wäre. Rur ein einziger Redner nahm in jener denk- würdigen Parlamentssitzung die Ammenmärchen von der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, von der Demokratie und dem Schutz der kleinen Rationen in den Mund, wenn auch nur in ironischer Wendung. Aber damit kam er schön an. Salandra, der Mann des sacro egoismo, verstand keinen Spaß, er fuhr wütend auf und verwahrte sich entschieden gegen die niederträchtige Behauptung, die Entente sei zur Verteidigung der genannten christlichen Grundsätze in den Krieg getreten. Mit erhobener Stimme: Richt um der Gerechtigkeit willen, nicht aus humani
Der Aufruhr in China.
Die Anabhängigkitsbewegung des chinesischen Bolkes nimmt immer größeren Umfang an. die Lage der Ausländer gestaltet sich von Tag zu Tag schwieriger. Die Versuche der ausländischen Vertreter, mit der chinesischen Regierung über eine Beilegung des ganzen Konfliktes in Verhandlungen zu kommen, haben zu keinem Erfolg geführt. Selbst die Andeutungen, dah sich die ausländischen Mächte zur Aufgabe gewisser Konzessionen unter Umständen bereitfinden würden, konnten daran nichts ändern. Die letzte Rote der chinesischen Regierung zeigt deutlich, dah sie keinesfalls geneigt ist. den Forderungen der Mächte irgendwie nachzugeben, dah sie vielmehr verlangt, die Mächte sollen alle Maßnahmen und Eingriffe abstellen, die den Anfang für die ganze Bewegung bildeten. Die Regierung streitet aus durchsichtigen Gründen das Vorhandensein einer eigentlichen fremdenfeindlichen Strömung ab und deutet die jetzige Bewegung als eine Reaktion auf die falschen Mahnahmen in Schanghai und anderen Orten.
Diese Erklärungen ändern aber nichts an der Tatsache, daß sich die fremdenfeindliche Bewegung immer weiter aus dehnt, und dah fie in der Regierung ihren Rückhalt findet. Die Angriffe auf einzelne Ausländer mehren sich, so daß die Mächte jetzt wohl ihre Taktik ändern und die Verhandlungsbereitschaft durch militärifche Vorgehen ersehen werden, weil sich von ihrem Standpunkte aus keine andere Möglichkeit bietet, der Bewegung Herr zu werden. Die Meldung, dah Japan der Regierung in Kanton den Krieg erklärt habe, scheint daraus hinzudeuten. Als Anlaß dazu sollen die Japaner die Ermordung des Kassierers des japanischen Hospitals in Kanton und die Anfähigkeit der Regierung genommen haben, die Mörder zu ergreifen, daß es sich hier um keinen politischen Mord, sondern um einen Raubmord handelt, tut schließlich nichts zur Sache.
In Londoner Regierungskreisen will man vorläufig an diese Kriegserklärung Japan- nicht glauben, vielleicht, weil die Tatsache der Regierung einige Unannehmlichkeiten bereiten würde. An sich würde natürlich die Kriegserklärung für die Verhältnisse in Ehina von enormer Bedeutung sein, weil dadurch der Bürgerkrieg von neuem ausbrechen könnte. Sie könnte dazu führen, dah jetzt die Truppen Fengs und die Truppen Tschangsolins den Kampf gegeneinander beginnen, und dah mit der Knegs- erfiärung die Japaner ihrer offenen Unterstützung Tschangsolins. der bisher nur seine Gelder auS Japan bezog, ein Mäntelchen umhängen wollen. Daß auf diese Weife die Stellung der Engländer in China, gegen die sich ja in der Hauptsache der Hah richtet, stark erschüttert wurde, liegt auf der Hand. Und diese Erschütterung würde sich natürlich um so unangenehmer für England auswirken, da sie nicht ohne Rückwirkung auf Italien bleiben könnte. Mit Spannung wird man deshalb der Erklärung im Unterhaus am Mittwoch entgegensetzen können, die vielleicht einige Klarheit schafft.
Sogleich nach meiner Rückkehr vertraute ich meinen Plan meinem Freunde Axel Steen an, dem zweiten Direktor am Meteorologischen Institut. Mit einem Empfehlungsbrief von ihm reifte ich nach Hamburg, um meinen Plan dort der größten zeitgenössischen Autorität in Fragen des Erdmagnetismus vorzulegen, nämlich dem Geheimrat Professor Dr. G. v. Reumayer, damals Direktor der Deutschen Seewarte. Unter seiner persönlichen Leitung erhielt ich denn auch eine Zeitlang Unterricht an der Deutschen Seewarte. Und bann kam endlich der große Tag, wo der Plan Frithjof Nansen vorgelegt wer- den sollte. Ich glaube, Mark Twain ist es, der einmal von einem Menschen erzählt, der so winzig war, daß er zweimal durch eine Tür gehen mußte, bis man ihn sehen konnte. Aber die Unbedeutendheit jenes Menschen ist gleich Null im Vergleich mit dem Gefühl, das mich an jenem Morgen beherrschte, als ich in Nansens Villa an die Tür seines Arbeitszimmers klopfte. „Herein!" rief eine Stimme von innen. Und dann befand ich mich von Angesicht zu Angesicht dem Manne gegenüber, der feit einer Reche von Jahren als etwas — Uebermenschliches, hätte ich beinahe gefügt, — vor mir gestanden hatte, dem Manne, der Taten vollbracht hatte, die jede Fiber in mir erzittern liehen."
Und erst als Nansen dann seinen Plänen Beifall zollte, hatte Amundsen das Gefühl, sich für voll nehmen zu dürfen. Sein Werdegang als Polarforscher war zu Ende — die Meisterjahre hatten angefangen. *
AusdemFrankfurierKunstleben
Seit 30 Jahren gehört Arthur Bauer dem Frankfurter Schauspielhaus an. In diesen drei Jahrzehnten hat sich das Schaffen des Künstlers, den eine große und liebevolle Tradition zu uns Jüngeren geleitete, mit dem Wesen der Frankfurter Ttzeaterkunst so eng verbunden, daß Dauer zu den lebendigen Elementen hei- mifcher — und weit über Frankfurt, so z. B.
täten ober demokratischen Erwägungen heraus haben I wir uns geschlagen, nein, wir haben den Krieg | wegen Italien gemacht und Italien darf mit dem Erfolg zufrieden fein!"
Wenige Tage vorher hatte Rom die zehnjährige Feier dieser Kriegsmache begangen und Mars in einer unverhüllten Nacktheit gehuldigt. Heute dröhnt das ganze Land von den Salutsaloen zu Ehren des Re Soldato, der fein fünfunbzwcmzigjähriges Rc- ,ierungsjubiläum begeht und sich als feine größte Tugend in überschwänglichen Kundgebungen die Tatsache bescheinigen lassen muß, daß er, als Italien keinen Feind hatte und die Feiglinge im Parlament den Frieden zu erhalten wünschten, das Schwert aus der Scheide riß. Gegen den Bundesgenossen. Er war eben, il Re Saggio, Viktor Emanuel der Weise, um den neuen Beinamen zu gebrauchen, „tiefer Kenner unferer Geschichte und nicht weniger tiefer Kenner der Bedürfnisse der Volksseele". Um mit Mussolini zu reden. Tatsächlich steht heute das ganze Volk hinter ihm in Liebe und Verehrung, selbst die Opposition hebt die Arme zu ihm empor und erfleht seine Huld und seinen Schutz wider den Bösen, den Faszis- mus. In welchem unbeschreiblichen Zustand patriotischer Ekstase sich das heutige Italien befindet, zeigt der silbergetriebene Schild, den die Kriegsverstümmelten ihrem überhaupt nur noch in Wolkensphären schwebenden Commandante, nämlich d'Annunzio, überreichten. Da sieht man den militc ignoto, den unbekannten Soldaten, eins geworden mit Christus, von dem Heiligenschein umgeben.
Den Sieg des Lichts über die Finsternis, den Triumph des heiligen Kreuzzuges der Entente wider die scheußlichen Mächte der Unterwelt, die Mittelmächte, kann man noch heute, in unsagbaren Bildern dargestellt, in italienischen Hotels bewundern. Eine Symbolisierung, die nun freilich nicht mit dem stolzen Bekenntnis Salandras übereinstimmt, nur der sacro egoismo habe die Waffen Italiens geführt. Aber wie gesagt, augenblicklich ist Offenherzigkeit Trumpf, und so kann man noch ganz andere Dinge schwarz auf weiß lesen. Deutschland erscheint da nicht nur als von reißenden Wölfen Überfällen, nein, die Stärkeren rühmen sich noch ihrer größeren Kraft, und beteuern, daß nur der Erfolg den Ausschlag gebe, Macht Recht sei. England wollte sein koloniales Weltreich zusammenschweißen und die deutsche Flotte vernichten, Frankreich kämpfte nur um den Besitz der deutschen Rohmaterialien, der Schächte, Märkte und Kolonien. Und wenn sich nun eines Tages Deutschland erhebt und sich als Waffenloser mit Gift und Bazillen verteidigt, so ist es durchaus im Recht, schon heute lehnt Italien das dann entstehende „blöde Geschrei der Angelsachsen und das Gequäke der ganzen Welt" ab. Also bitte, das schreibt ein einflußreiches faszistisches Blatt in der Weltstadt Rom. Und weiter: „Das Nationalitäten- prinzip und die demokratischen Sentiments waren nur Werkzeuge, um die Völker hochzubekommen, nichts weiter/' _
Aber man würde nicht fertig werden. Stellen wir kurz und sachlich fest: Die Entente gibt heute zu, und zwar mit stolzem Bekennermut, daß die „Ideologien", die sie auf ihre Fahnen schrieb, nichts anderes waren als Waffen, wie die Tanks, die Giftgase und andere moderne Kriegsmittel. Folglich muß sie, das ist ihre Selbsterhaltungspflicht, in dem Augenblick diese nämlichen Ideologien als verwerflich be- kämpfen, wo der Feind sie auf greift. Man glaube nur ja nicht, das fei eine Sophisterei. Mit der ihm eigenen Entschlossenheit hat Mussolini bereits den ersten Schritt in diesem Feldzug getan und das mächtigste Kampfmittel des Weltkrieges, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, als den Feind erklärt. Die Tatsache mag grotesk erscheinen, sie wird aber damit nicht aus der Welt geschafft: Die Entente bekriegt heute ihre eigenen Grundsätze, die sie in dem Vertrag von Versailles als verwirklicht besiegelte: mit anderen Worten, sie zieht jetzt, im opportunen Augenblick, die Decke von der für die politischen Kinder damals als Friedensvertrag bezeichneten Höllenmaschine, sie schwingt die Kriegserklärung von Versailles. .
Alle die Harmlosen, denen nun die Schuppen von den Augen fallen, werden nun ihre Augen hilseheischend nach Genf richten. Aber der unvergleichliche Salandra erstickt auch dieses Manöver im Keime. Der Völkerbund ist so beschaffen, ruft er aus und reibt sich dabei auf seine sympathische Weise die Hände, daß er die Einstimmigkeit braucht, wenn etwa eines der unterjochten Völker den Grundsatz für sich proklamieren wollte, der während des Weltkrieges als ideologische Waffe seine Schuldigkeit getan'hat. Und diese Einstimmigkeit wird Italien um jeden Preis verhindern.
Das ist der Völkerbund: einer gegen alle. Wenn hundert dafür sind - und nur einer, der egoistisch I Interessierte, dagegen ist, so gibt der Völkerbund
Wie Amundsen Polarfahrer wurde.
Der Name Roald Amundsen gelangte zu internationaler Berühmtheit, als es dem großen Polarforscher im Jahre 1905 gelang, die sogenannte Nord- westpassage zu beroältigen, indem er fein Expeditionsschiff „Gjäa" glücklich zwischen dem -King- Williams- und Viktoria-Land einerseits und dem nordamerikanischen Festland andererseits hindurchsteuerte, was vorher noch niemandem gelungen war. Schon vor dieser Expedition hatte sich Amundsen aber bereits mehrfach als Polarforscher betätigt. Seine Sporen verdiente er sich bei einer Südpolexpedition in den Jahren 1897/98. Im 2ahre 1901 erforschte er ferner Nordostgrönland, um im Jahre 1903 die große Expedition anzutreten, die zur Erforschung der Nordwest-Passage s ährte, und von der er erst im Oktober 1906 nach drei schwierigen lieber- Winterungen im Polargebiet zurückkehrte. Im Herbst 1911 gelang ihm endlich feine zweite Großtat, Oie Bezwingung des Südpols.
Schon in frühester Kindheit kannte Roald Amundsen keinen heißeren Wunsch, als sein Leben der Eroberung der unbekannten Polargegenden zu weihen, angezogen von dem Reiz des Unbekannten, dem Wissensdrang des geborenen Forschers und der geheimnisvollen Lockung romantischer Gefahren und Abenteuer. Insbesondere das Problem der Nord- west-Passage hatte es ihm schon frühzeitig angetan. In dem wundervollen Werk, das er hierüber veröffentlicht hat („Die Nordwest-Passage", Verlag von I. F. Lehmann, München), schildert er selbst seinen Werdegang wie folgt: „Wohl keine Tragödie des Paloreises hat die Menschen so tief ergriffen wie die von John Franklin und seinen Leuten. Keine hat sie so erschüttert, aber auch keine zu so einer erbitterten Wiederaufnahme des Kampfes angespornt. Man wußte: Es gab einen Seeweg nördlich von Amerika: aber man wußte nicht, ob Schiffe hindurchkommen konnten. Diese ungelöste Frage ließ
Arbeitersportler von Gießen und Umgcgenb ein guter zu werden verspricht. Die sportlichen Veranstaltungen werden zuerst morgens aus der Lahn beginnen. Dom Bootshaus des IDaffer- sPortvereins Hellas werden ald 1. Punkt einige Fahrten seitens des Vereins „Hellas" ausgeführt. Weiter wird ein Wrufchwmmcn um 9 Ahr für aktive Schwimmer <100 Meter) und Schwimmerinnen (75 Meter), außerdem ein Staffelfchwiminen stattfind.m. Am 11 Ahr ist ein Stafettenlauf um die Anlagen geplant, die Strecke ist 2900 Meter lang, beginnend am Stadttheater. Später, um 1 Ahr. beginnen die leichtathletischen Einzelwettkampfe su. Aeltcre und Jugendliche auf dem Sportplätze der Freien Turnerschaft «Trieb). Die Einzelkämpfe werden sich wie folgt abfpielen: Turnen der Freien Turnerschaft unter Zuziehung auswärtiger Sport- aenosfen. Wettkämpfe von Mitgliedern des Kraft- und Sportklubs. Ringen. Diskuswerfen. Wettlaufen ufw. Der Schluß der sportlichen Veranstaltungen auf dem Sportplätze wird ein interessantes Fußballwettspiel, der Fußball.ib!c lang der Freien Turnersckmft Gießen und einer auswärtigen Mannschaft sein. Ab 5 llbr ist auf der Liebigshöbe Konzert und gemütliches Beisammensein. wo ebenfalls die Prcisverteilung, stattfindet. Einige sportliche Darbietungen, wie Aufstellen von Pyramiden und andere Vorführungen der Arbeitersporllcr. sowie Gefangsvor- träge des Gesangvereins „Eintracht" ii>erbcn Oie Stunden bis zum Heimgänge ausfüllen. Als Eintrittspreis für sämtliche 'Veranstaltungen wirb ein Eintrittsgeld von 30 Pfennigen erhoben, mit Rücksicht auf die vielen Veranstaltungen, tue bisher stattgefunden haben, so daß es jedem möglich ist, sich an den sportlichen Darbietungen, die zum ersten Male seitens deö Arbeitersport- kartells geboten werden, zu beteiligen und der Sache zum Erfolge zu verhelfen. Mancher, per bisher Gegner des Sportes überhaupt ist, wird, wenn er sich einmal die Leistungen der Arbeitersportler ansieht, davon überzeugt, daß der jugendliche Arbeiter ebenfalls Sport treiben muß will er seine Gesundheit erhalten, um seinem Beruf nachgehen zu lönnen. Mehr Sport und weniger Alkohol ist. was der arbeitenden Jugend dringend nottut. um die Widerstandskraft des Körpers gegen die Gefahren des zukünftigen Berufes zu stärken, diesen Gedanken in der Jugend zu erwecken, das soll auch eine der Aufgaben des Reichsarbeitersporttages von Gießen und Am- gegenb sein.
Hochschulnachrichten.
][ Marburg. 23. Juni. Der Professor der Geschichte. Dr. Phil. Karl Wenck. wurde von der Berliner Akademie der Wissenschaften zum lorrefpondierenden Mitglied gewählt. - Ferner ernannte die evangelisch-theologische Fakultät der Aniversität anläßlich der Rheinlandfeier den Professor der Rechte Dr. jur. et Phil. CB re bt anläßlich der Rheinlandfeier zum Ehrendoktor der Theologie.
Kirche und Schule,
t Gießen. 24. Juni. Heute fand hier im Konfirmandensaale der Johanneskirche die diesjährige Prvvinzialkonferenz der evangelischen Pfarrer Oberhessens statt, die außerordentlich zahlreich besucht war. Die Versammlung wurde geleitet von dem neuen Superintendenten, Oberkirchenrat Wagner. Der Vorsitzende gedachte nach der Eröffnung der Konferenz durch das von Dekan D o l p - Laubach gesprochene Gebet, zuerst des Amtswirkens seines Vorgängers lIehcimerats D. Petersen, der 22 Jahre hindurch die Superintendentur Gießen innehatte. Daran schloß sich die Ramensnennung der seit der letzten Provinzialkonferenz verstorbenen Konferenzmitglieder, deren Andenken man in der üblicher, Weife ehrte. Als Konferenzvortrag wurde das Thema: „Der Pfarrer und die Bibel" von Pfarrer D i t t m a r - Haufen und Pfarrer Waldeck- Langgöns behandelt.
wg. Schotten, 24. Juni. Anter dein Vorsitz von Dekan D o l p - Laubach sand hier die dritte diesjährige Konferenz der Geistlichen des Dekanats Schotten statt, zu der sich auch der Superintendent der Provinz Oberhessen. OberNrchenrat Wagner- Darmstadt eingefunden hatte. Pfarrer Job- Burkhards eröffnete mit Schriftlesung und Gebet, babei_ besonders gedenkend des 400jährigen Jubiläums von Luthers Eheschließung.und Damit auch des I evangelischen Pfarrhauses. Hierauf folgte eben-
Turnen, Sport und Spiel.
Frauenausschüsse in der Deutschen Turnerschaft?
Ein Vorschlag des Oberturnwarts der D. T.
vo. Die Rotwendigkeit der aktiveren Mitarbeit der Frauen in der Turnerschast ist auch bei der Tagung für die körperliche Erziehung der Frau wieder erörtert worden, und zwar mit dem Erfolg, dah an der Tagung teilnehmende Frauen sich zu tatkräftiger Mitarbeit erboten haben. Da ist nun die Frage, in welcher Form dies geschehen soll. Es ist klar. dah. sofern in den einzelnen Anterausschüsfen etwa eine Frau Sitz uno Stimme hätte, diese infolge des un-' günstigen Abstimmungsverhältnisses kaum zur Geltung fonrmen konnte. Hier schlägt nun der Oberturnwart der D. T. K u n a t h vor, in der Deutschen Turnerschast einen besonderen, nur aus Frauen bestehenden Ausschuß einzufehen, der in erster Linie über die Fragen berät, die die Eigenart der Frau betreffen, besonders über Dinge, die auf geistigem und sittlichem Gebiet liegen. Rach dem Vorbild dieses Ausschusses wären dann auch in den einzelnen Kreisen und Gauen Frauenausschüsse zu bilden.
Vom Arbeitersportkartell.
In einer am Montag abend abgehaltenen Sitzung von Delegierten des Arbeitersport- kartells von Gießen wurde der erste Beschluß, wonach am 5. Juli der Reichsarbeitersporttag in Gießen statt- finben sollte, dahingehend umgeändert, dah die Veranstaltung mit Rücksicht auf die Einweihung des Flughafens der Stadt Gießen am Stolzen- morgen, die an diesem Tage stattfindet, am Sonntag, 2 3. August, abgehalten wird, und zwar auf dem Trieb. Wegen verschiedener Veranstaltungen anderer Vereine mußteber Termin etwas später verlegt werden. Die Vorbereitungen sind soweit gediehen, daß dieser Tag für die
die Sache nicht zur Ruhe kommen, hauptsächlich aber mich nicht, seit die Berichte über John Franklin zum erstenmal meine acht- bis neunjährige Phantasie gefangen nahmen."
Der 30. Mai 1889 brachte vollends das entscheidende Erlebnis für den Knaben. Es war der Tag, an dem Frithjof Nansen von seiner Grönlandreise zurückkehrte. „Ich ging an jenem Tag", so er- zählt Amundsen weiter, „mit klopfendem Herzen zwischen Flaggen und Hurrarufen dahin. Alle meine jahrelangen Knabenträume waren zu stürmischem Leben erwacht. Und zum ersten Male ging es wie ein klares bebendes Flüstern durch meine tiefsten Gedanken: „Wenn du die Nordwest-Passage zustande bringen würdest!" . . . Dann kam das Jahr 1893, und Nansen zog aufs neue hinaus. Mir war, als müßte ich mit! Aber ich war zu jung. Meine Mutter bat mich, daheim und bei meinen Studien zu bleiben. Und so blieb ich. Dann starb meine Mutter. Eine Zeitlang kämpfte meine Liebe zu ihr einen schweren Kampf, ob ich ihrem Wunsche treu bleiben sollte. Aber bann konnte ich nicht anders. Nichts konnte meinen Drang, dem Ziel meiner alten und einzigen Sehnsucht nachzujagen, unterdrücken: ich warf mein Studium über Bord und beschloß, die notwendigen langen vorbereitenden Studien in Angriff zu nehmen, die für den Polarforscher durchaus unerläßlich sind.
Im Jahre 1894 fuhr ich mit der alten „Magdalene" als Leichtmatrose von lönsberg aus auf den Seehundfang im Eismeer. Das war meine erste Begegnung mit dem Eise — und sie gefiel mir! Die Zeit verging, und meine Ausbildung machte Fortschritte. In den Jahren 1897/99 fuhr ich als Steuer- mann mit der belgischen antarktischen Expedition unter Adrien de Gerlaches Leitung nach den südlichen Eisregionen. Und während dieser Zeit reiste mein Plan: Ich wollte den Traum meiner Kindheit von der Nordwest-Pasiage mit dem wissenschaftlich an und für sich viel wichtigeren Ziel verbinden, die gegenroärtige Lage des magnetischen Nordpols fest- zustellen.


