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Kr. 301 Drittes Mett Gießener Anzeiger (Genrrai-Anzeiger für Vderheffen) Donnerstag, 24. Dezember 1025

Der Sinn und Wert des menschlichen Ledens.

Von Professor Dr. Rudolf Süden, Jena.

Der Sinn und Wert des menschlichen Lebens stand früheren Zeiten außer Zweifel, daß wir uns heule so viel mit dieser jrage befassen, bas verrät eine Unsicherheit des Denkens und ein Schwanken des Lebensgefühls.

Die Gegenwart ist nicht matt und müde, eher könnte man ihr Streben hastig, ja fieberhaft nen­nen. Unangreifbar sind ihre Leistungen im Reich der Erfahrung: denken wir nur an die gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaft, an die staunens­werten Triumphe der Technik, an die unablässige Erweiterung des geschichtlichen Gesichtskreises, den- ken wir ferner an den großartigen Aufbau der modernen Gesellschaft in politischer, nationaler, so­zialer Richtung und an die wachsende Fürsorge für alles, was menschliches Angesicht trägt, man könnte meinen, die Fülle derartiger Leistungen werde die Kinder der Gegenwart mit einer stolzen Lebens­freude erfüllen. Aber wir wissen, daß es ganz an­ders fielst, daß die Zeitstimmung mehr zum Pessi­mismus als zum Optimismus neigt. Durchgängig begegnen wir der Klage, daß es der Zeit an starken Persönlichkeiten und ausgeprägte Individuali­täten fehlt, daß das geistige Schaffen, namentlich auf den Höhen von Religion, Philosophie, Kunst, arg stockt, daß wir stark gegen die Außenwelt, aber schwach gegen uns selbst und im Reich der Innenwelt sind. Aeußerltch in einem unaufhalt­samen Vordringen, müssen wir uns mühsam einer seelischen Leere und Vereinsamung erwehren. Wie ist das gekommen, und was können wir dagegen tun?

Ein schwerer Mangel ist unverkennbar: cs fehlt der Gegenwart eine umfassende Gedan­kenwelt und damit auch eine innere Gemein­schaft der Seele. Die Geschichte bringt an uns verschiedene Lebensgestaltungen, wie sie na­mentlich christliche Religion, immanenter Idealis­mus, naturalistischer Positivismus bieten; diese Weltbewegungen sind vielfach miteinander ent­zweit, und sie treiben das Leben in widerstreitende Bahnen, sie gewinnen nicht den ganzen Menschen; ein oordrmgendcr Svezialismus möchte sich solchen Verwicklungeit entziehen, aber er scheitert an den Forderungen des Lebensproblems. So zeigt der erste Anblick der heutigen Lage ein wirres Chaos; kann ein solches Chaos unserem Streben die nötige moralische Kraft und den unentbehrlichen geistigen Holt gewähren? Zur dringenden Forderung wird es daher, einen Standort jenseits jenes Gewirres zu erreichen; es bedarf einer Selbstbesinnung auf die Grundlagen und auf die Hauptforderungen des geistigen Wesens, sie sind möglichst zu voller Klarheit herauszuarbeiten.

Die nähere Gestaltung des menschlichen Lebens wird namentlich dadurch bestimmt, daß es nicht in einer einzigen Ebene verläuft, sondern durch­gehende Abstufungen erhält; diese Abstufungen muffen wir genau verfolgen, erst sie ergeben einen ausgesprochenen Charakter unseres Lebens.

Wir Menschen sind zunächst Glieder der Natur, die einzelnen Wesen stehen hier in einem Neben­einander, und alle seelische Regung dient der phy­sischen Selbsterhaltung des Individuums: hier l?e- steht keine innere Gemeinschaft des Ganzen. Aber innerhalb des menschlichen Bereiches eröffnet sich eine neue Stufe und führt durch mühsame Arbeit hindurch zu einem neuen Lebensgefüge. Das see­lische Leben, das auf der tierischen Stufe den Na­turprozeß nur begleitet, erreicht beim Menschen eine Selbständigkeit, erst hier läßt sich von einem Geistesleben reden. Das Hauptwerkzeug des Auf­stiegs bildet das Denken, es vermag einen den ein­zelnen Punkten überlegenen Zusammenhang zu verlegen. Als Dernunftwesen kann der Mensch an einem Gesamtleben innerlich teilnehmen, ohne feine Selbständigkeit einzubüßen. Das Zusammen- ivirken von Einfügung in das Ganze und Selbst­tätigkeit des einzelnen gibt dem Handeln einen moralischen Charakter, es entstehen die Ideen des Guten und Wahren und werden zu lebendigen Mächten. Auf Grund dieser Wendung zu einer gei­stigen Einheit und moralischen Freiheit entsteht eine Tatwe'i und wird dem erfahrungsmäßigen Dasein überlegen. Damit erst wird dem Menschen das Leben voll zu eigen, er darf das Bewußtsein haben, an einer großen Weltwende mitzuwirken

und im geistigen Schaffen die Unendlichkeit zu einem eigenen Besch zu gewinnen. Das Leben erweist sich dieser Gedankenrichtung als ein hohes Gut, über dessen Aneignung und Bejahung kein Zweifel ist. Die Tatsache einer solchen aufsteigen- den Weltbewegung und unserer Beteiligung an ihr bildet die beste Wehr gegen Zweifel und Anfech- tungen des menschlichen Daseins.

Aber so sehr wir diese Weltsache würdigen, es sei auch keinen Augenblick übersehen, wie schweren Hemmungen und Widerständen der Ausstieg einer Innenwelt in unserem Bereich begegnet; es wirkt manches zusammen, um jede Bewegung ins Stocken zu bringen. Zunächst sei die augenscheinliche Uebermacht der si'.inlichen Welt anerkannt, sie be­handelt scheinbar das Innenleben mit seinen geisti­gen Werten als gänzliche Nebensache. Und das Sinnliche bringt oft auch innerlich in bas Geistige vor unb macht bieses mit raffiniertem unb lüster­nem Wirken zu einem bloßen Werkzeug eines un- eb'en Genusses, ber Mensch folgt ost nichtigen Trieben, die sein eigenes Bewußtsein unwürbig finbet.

In anbercr Richtung leibet bas Streben des Menschen Schaben unb Entstellung baburch, baß es freilich seinen Eifer auf bas Kulturleben wendet, aber dieses nicht den Zielen des Geistes unterorb» nct, vielmehr menschliche Zwecke, wie ben Gewinn an greifbarer Macht unb sinnlicher Lust zur Haupt­sache macht. Das aber bebcut't eine innere Er- niebrigung, eine Verdrängung einer echten Geistes­kultur durch eine geistlose Menschenkultur.

Aber das schlimmste ist die Ablösung i c' Sub­jekts von sachlichen unb gemeinsamen halten, sie lenkt die im Menschen wirkenden Anl 11 nicht burch einen überlegenen Willen, fonbern unterwirst sie ber Lust unb Laune bes Jnbioibuums; es ent­steht eine freischwebenbe leere Geistigkeit, welche gern ben Schein ber Wahrheit annimmt unb dabei den Anspruch echten Lebens erhebt. So entsteht eine krasse Unwahrhaftigkeit, wie sie namentlich heute einen verderblichen Einfluß ausübt. Sie macht das Streben wehrlos gegen bie mannigfachsten Versuche bes Lebens unb bringt es oft in einen gereb-m Gegensatz zu ben geistigen Forderungen. Hier liegt bie Wenbung zum Bösen mit seiner zerstörenden Macht in nächster Nähe.

Wer alle biese Hemmungen unb Entstellungen überblickt, ber kann leicht zur Verneinung bes Le­bens neigen; er müßte es, wäre nicht eine weitere Lebensstufe möglich, welche ben Stern ber Seele über bie Verwicklungen hinaushöbe unb burch bie Anbahnung eines unmittelbaren Verhältnisses zur Quelle bes Geisteslebens eine neue, reinere unb ech­tere Tiefe ofefnbarte. Daß dies tatsächlich in welt­geschichtlicher Wirkung geschieht, bas ist bie gemein­same Ueberzcugung nicht nur aller höheren Reli­gionen, fonbern auch allen erneuernben Schaffens in Kunst unb Philosophie. Im besonderen das Ehri- ftentum vertritt mit weUdurchdringender Macht bie Ueberzcugung, baß burch Erschütterung unb Ver­neinung bes anfänglichen Lebens hinburch ein neuer Stand errungen und damit eine endgültige Bejahung erreicht wird; auch Schmerz unb Leib können in biefem Zusamenhang dem Ginn unb Wert des Lebens bienen. Damit erhebt sich über ber Stufe des Aufstiegs unb über ber Stufe ber Hem­mung unb des Kampfes eine überwindende Geistig­keit als ein Reich ewiger Wahrheit und schaffender Liebe.

Aber je freudiger mir diese tiefste Quelle ver­wahren, um so entschiedener müssen wir zugeben, daß diese Welt ober vielmehr dieser Wcltabschvitt in hohem Grade unfertig ist: wir sind nicht im vollen Besitz, sondern erst im Suchen, wir fühlen I uns dabei in weitem Abstande von der antircn Lebenslöstmg. Diese sah in dem Weltall einen fer­tigen unb vollenbetm Kosmos, in seiner künstle­rischen Anschauung ur.b Aneignung fnnb das Leben seine volle Höhe und Seligkeit. Uns bagegen ist bas Leben zu einem großen Drama geworden, bas schwere Verwicklungen unb schroffe Gegensätze in sich trägt, aber burch sie hindurch bas hohe Ziel einer Vergeistigung ber Wirklichkeit erstrebt. Damit erlangt unser Leben einen eigentümlichen Cha­rakter: Wir haben bas Weltall nicht bloß anzn- schauen, sondern wir dürfen an feiner Bewegung selbsttätig Mitwirken unb uns selbst als Welt- wesen verstehen. Damit gewinnt unser Leben einen deutlichen Sinn unb einen unbestreitbaren Wert, nur dürfen wir überzeugt fein, daß ein ethischer Aktivismus unseres ganzen Wesens uns über den Gegensatz von Optimismus unb Pessimis­mus hinausführt.

Die neuen ElekirizitÄLspreifL in Metzen. Die Begründung der StadlvsrWaltung.

* Gießen, 24. Dez. 1925.

Im Vordergrund des kommunalpolitischen In­teresses in unserer Stadt steht gegenwärtig bie Er­örterung über die Neugestaltung ber Elek- t r i 3 i t ä 15 p r e 1 f e. Es erscheint angebracht, über bie (9rünbc, bie bie Stabwerwaltung bei ihren jüngsten Vorschlägen an bie Stadtoerordnetenver- sammlung leiteten, einiges mitzuteilen. Wir folgen dabei der schon erwähnten Denkschrift der Verwal­tung, in ber es nach einem Hinweis auf bie Strom» lieferungsbclaftung bes Elektrizitätswerks im Winter u. a. heißt:

Charakteristisch für ben Winter ist bie starke Lichtspitze. Währenb bie höchste Tagesbelastung, bie etwa 14 Stunden bauert, runb 1200 Kilowatt be­trägt, erhebt sich bie Lichtspitze für bie Dauer von burchschnittlich 2$ Stunbcn nochmals um über 1000 Kilowatt barüber hinaus. Diese Lichtspitze ist etwa 120 Tage (November, Dezember, Januar, Februar) im Jahr vorhanben. Für biese Spitzenleistung, die fast ber Tagesleistung in ber Höhe gleichkommt, müssen entsprechenbe Maschinen das ganze Jahr zur Verfügung stehen, während sie nur etwa an 120 Tagen und nur während etwa 2Z Stunden durch­schnittlich täglich benötigt werden. Es ist klar, daß diese Maschinenanlage nur äugerst unwirtschaftlich arbeiten kann, unb baß ber von ihr erzeugte Strom relativ teuer werben muß.

Das Verkeilungsnetz innerhalb ber Stabt ist im letzten Jahre unter Auf- roanb von 100000 Mark verstärkt worben. Es ist für eine Leistung von etwa 1250 Kilowatt bei wirt­schaftlichem Betriebe (Verluste) ausreichenb. Wird diese Höchstleistung auch nur während einiger Tage im Jahr überschritten, so wird es notwendig, das Verteilungsnetz durch Legung neuer Kabel zu ver­stärken. Der Kostenaufwand "wird sich voraussichtlich I auf mindestens 120 000 Mark belaufen. Die mit I

diesem Kapital beschafften Anlagen werden nur wenige Stunden im Jahre benutzt. Es ist ohne wei­teres ersichtlich, bas; bie entstehenben Zinsen unb Abschreibungen nicht aus bem Betrieb geberft wer­den können. Die bei wirtschaftlichem Betrieb zu­lässige Höchstbelastung bes Stabtnetzes ist zur Zeit schon beinahe erreicht. Das weitere Steigen ber Belastung während der Lichtzeit darf daher nicht gefordert werben; bies geschieht jeboch burch einen nichtigen Strompreis.

Der Lichlstrompreis

muß ferner aus folgenbem Grunb verhältnismäßig hoch sein: Nach bem Stromlieferungsocrtrag, der mit ben Oberweser Werken abgeschlossen ist, stellt sich ber Einkauf ber zur Spitjenbcdung erforderlichen Strommengen mit Rücksicht "auf die geringe Zeit­dauer der Benutzung relativ teuer. Auf Grund ber Belastungskurve am 27. November 1925 finb zur Deckung ber Lichtspitze 1000 Kilowatt erforberlich, bie etwa täglich 2* Stunbcn im Durchschnitt benötigt werden. Es kommen also pro Tag 2500 Kilowatt­stunden in Betracht. Die Lichtspitze besteht etwa an 120 Tagen im Jahr, so daß sich eine Gesamtsumme von 300 000 Kilowatt ergibt. Diese kosten nach dem Stromvertrag Oberweser:

2) Leiiungsgebühr 70,80 Mk. X 1000 Kilowatt = 70 809 WIL,'

b) Arbeitsgebühr 2,18 Pf. X 300 000 Mk. Kilo- walt 6540 Mk.,

c) Lein ugsgebühr 1000 Kilowatt X 48 Mk. 43 000 Mk.

Zusammen 125 340 Mk.

D'e Kilowattstu..de stellt sich demnach auf 41,78 Pf. ab Umspa! imerL Dazu kommt noch, daß das Stadlnctz mit Gleichstrom betrieben wird, während nur Drehstrom bezogen werden kann. Die Umfor­mung des 20 000 Volt-Drehstromes auf 220 Bolt»

tt.br« ............................... .................

Franziska.

Roman von ßieSbet Dill.

28. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

..Der Wert des Menschen besteht nicht in dem, tvas er besitzt, noch in dem. was er weiß, fonbern einzig in seinem Charakter. Ich muh der Erhaltung meiner Stimme leben. Ich be­sitze genügend Ehrgei-. um mich nicht schon mit vierzig Gehren verabschieden zu l ass en und euch den Regisseur zu machen, alnsere Welt und die andere Welt werden einander nie verstehen, und niemals werden sie die Gründe für unsere Hairdlungen einsehen lernen, weil sie alles nur durch ihre einseitigen Anschauungen betrachten, nämlich durch das Monokel oder die Drille, versteht ihr des?" Sie verstünden, sagten Fran­ziska und Mucki. »Laßt euch liebeir," fuhr der Kammersänger fsrt. den Schaumwein schlürfend, ab'r liebt nicht selber. Die meisten von uns stnd's. offen gestanden, auch nicht wert. Wenn sich nun die eine Welt der anderen nähert, gibt'S meiner Erfahrung, nach meist eine Explosion, und vor der warne ich dich, Franziska."

Dieser Abend, der so fröhlich begonnen, hatte auf Franziska nachdenklich gewirkt. Cs war etwas von des Stephansbergers Drohung in ihr sihengeblieben. Jetzt, wo sie es eigentlich gar nicht mehr so nötig hatte, überzeugte sie sich immer erst davon, wenn die Proben aus waren, daß nicht irgendeiner etwa draußen auf einer Bank in der Anlage auf sie wartete, und auf der Straße schloß sie sich den Kolleginnen an. Sie fragten immer: .Was macht er denn, dein Schah? Seid ihr denn auch wirklich verlobt?"

Franziska schüttelte diese Fragen nach der Zukunft alle leicht ab. Es war ihr, als läge diese noch so im Dunkeln, daß man besser nicht vorher den Scheinwerfer solcher Fragen auf fie richten sollte. An die Zukunft dachte fie, wie der Verbrecher an das Gefängnis denkt. Sie hoffte, daß irgendein Zufall, dem fie sich immer gern vertraute, ihr aus dieser Lage helfen würde, in die sie ihre eigene Unbesonnenheit gebracht. Sie war stolz darauf, die Geliebte eines in der wissenschaftlichen Welt bekannten Mannes zu

sein. Sie hatte seine Artikel in ihrem Schreib­tisch aufbewahrt, Hasses Bild aus einem wissen­schaftlichen Fachblatt hing über ihrem Schreib­tisch. Seine Arbeiten hatte sie nie gelesen; sie wußte nicht einmal, toaS er eigentlich schrieb, und vergaß immer, weshalb er eigentlich diese ewigen Versuche machte.

Hasse hatte es ihr oft erklärt, doch sie hörte nur mit halbem Ohre zu. Cs war dies eine Eigenschaft von ihr, mit der man sich absinden mußte. Erst hatte er sich darüber empört und warf ihr Achtlosigkeit vor feiner Wissenschaft vor, vor feinem Fach, vor den Männern überhaupt, jetzt war er gemäßigter. Er war oft auch müde, wenn er zu ihr kam, er wäre viel lieber in feiner kühlen, ruhigen Wohnung mit den herab- gelaffenen Vorhängen geblieben, anstatt zu ihr zu gehen, wo es nach toellen Vlumen, Puder und den Parfümen roch, die auf dem Klavier, auf dem Schreibtisch, überall in angebrochenen Flakons standen. Die breite Chaiselongue mit ihren vielen seidenen Kissen lockte ihn mehr als der dürre, staubige Wald, die vollen Straßen­bahnen, die Vergbahn, die die heißen Wein­berge hinaufllomm, die heißen, menschenüber- süllten Kaffeegärten mit Musik, wo Kinder spiel­ten und man seinen Platz an einem Tisch mit vielen älnbekannten teilen mußte, in der Sonne saß, von Mücken und Menschen umschwirrt.

Aber Franziska drängte hinaus aus der engen Wohnung in die Sonne. Es war, als habe sie Angst, mit ihm allein zu sein, vor diesen stillen Sonntagnachmittagen, wenn die heiße Straße mit herabgelassenen Jalusien in der Sonn dag und die Hunde auf den Haus- schwellen schliefen und man keinen Laut ver­nahm wie das feine Ticken der Tlhren.

Tlnd wie hatten sie sich beide früher nach diesen stillen, einsamen Sonntagnachmittagen ge­sehnt, ihre schönsten, unvergeßlichsten Stunden hatten fie da verlebt. Aber das war üer­gangen, verrauscht. Man muß nicht Vergangenem nachhängen in Sehnsucht und mit leiser Traurig- und etwas Glänzendes, das erloschen, wieder neu zu beleben versuchen. Er tat es nicht mehr, sondern überließ sich der Wirkung, die ihre starke Persönlichkeit immer mehr auf ihn ausübte.

Franziska war mehr als schön. Sie war in ihrer warmen, echten, impulsiven und schar­manten Menschlichkeit eine Künstlerin. Sie war wie eine Flamme, leuchtend, beunruhigend, an­ziehend und verzehrend.

Eines Abends führte Hasse Elisabeth wieder einmal zu Tisch, wie er sich gleich im Flur auf der Tischorimung überzeugt hatte. Sie nahm, als Haffe sich ihr näherte, eine stolz abweisende Haltung an. Das ärgerte ihn.

Ich werde bereits chronisch", tagte er, als er ihr den Arm bot, und er sah im großen Spiegel, daß Elisabeth errötete vor Tlnwillen. Hasse fühlte ordentlich, als er jetzt, Elisabeth am Arm, an einer Gruppe von Assistenzärzten vorbeiging, ihren spöttischen Blick durch ihren Rücken brennen. Er dachte mit leisem -Unbe­hagen daran, ihr wieder auf neutralem Boden begegnet zu fein. Der r ine Spiegel ihrer Au­gen war getrübt, ein unreiner Hauch war darüber gelaufen. Sie sprachen an dem ganzen, ihnen endlos scheinenden Abend kaum ein Wort zu­sammen.

»Warum tragen die Damen hier alle Schei­tel?" fragte Haste während sie die Ehepaare an sich Vorbeigehen ließen.

.Gefallen sie ihnen nicht mehr?" gab fie medisant zurück.

Sic Scheitel an und für sich sind ja sehr schön," erwiderte er in demselben Ton.aber warum sich gewaltsam zehn Jahre älter ma­chen?"

Frisuren, wie sie Kunstreiterinnen oder Theaterdamen tragen, würden in unseren Kreis auch nicht passen", gab fie zurück.Das sind zwei Welten."

Hasse schwieg.Vor dieser Dame darf man sich in acht nehmen", sagte er zu Worth, als sie bei den Likören ihren Gefühlen freien Raum gaben.

Was mag fie bewegen heute? Sie ist doch sonst ein harmloses Tierchen, meine Cousine", sagte Worth.Vorhin bedachte sie mich auch mit einem spi"'" W ' m Herz fuhr gleuy v...... w . .1 ;,....

Gleichstrom bringt einen Verlust von mindestens 20 Proz. Der Strom kostet demnach 50,14 Pf. die Kilowattstunde frei Sammclschicne Elcltrizität-iwerk. Hierauf kommen noch die Kosten des Elektrizitäts» Werks (Aerteilungs-, Verlust, Verwaltungskosten. Zinsen und Abschreibungen von Maschinen, Vertei- lungsnetz usw.).

Die Umstellung vom Einheit.taris zum Doppeltarif kann nur nach und nach geschehen. Deswegen ist eine Mindestabmchme von 600 Kilowattstunden int Jahr vorgeschriebcn. (Durch Beschluß der Stabt« Parlaments wurde diese Mindcslabnahmc auf 480 Kw. pro Jahr sestgesetzt. D. Red.) In Gießen befinden sich Über 5000 Zähler. Wenn ber Zehn- pscnnigtaris ohne M i n d e st a b n a h m e cingc« führt wird, dann ist sicher damit zu rechnen, daß mindestens 50 Prozent der Abnehmer Doppeltarif« zählcr verlangen. Es wären bas 2500 Stück. Da ein Doppcltariszählcr 120 Ml. lostet, bedeutet b?s für das Elektrizitätswerk hie Aufbringung unb Festlegung von 300 000 Mk. Es ist ganz aus­geschlossen, de.ß i n Lause des nächsten Jahres dieser Betrag für den Ankauf von Zöllern beschosst wer­den kann. Dabei ist noch bar utf Hinz"w isen, daß 2500 seitherige Zähler frei und bem Werk zurück- gegeben werden. Bei einem Einkaufspreis von ^0 Mk. stellen d'ese ein K 'pital von runb 100 000 Mark bar, das brachgelegt wird unb keinen Nutzen bringt. Bei 10 Prozent Zinsen und 10 Proz. An'ort'tztion m'irte die" Zählermiete für den Dopl pelt.arifzählcr 24 Mk. im Jahr 'betragen, während nur '2 Mk. e.hoben werden. Schon ans Gründen der Kavitalbcschaffung muß daher die Umänderung auf mehrere Jahre verteilt werden. Die allein dazu mögliche Regelung bietet die Festsetzung einer Min- destabnahme. bie von Jahr zu Jahr emsprechend der Entwicklung gesenkt werden kann.

Verbilligung bei dem neuen Taris gegenüber bem allen:

2) Handwerk. Es seien nur folgende zwei Punkte heroorgehoben: Früh r bis 6000 Kilowatt­stunden jährlich 30 Pf. die Kilowattstunde, setzt 19 Ps., früher bis 72 000 K Wwattstunden jährlich 13,4 Pf. die Kilowattstunde, jetzt 11 Pf. Im ersten Falle tritt also eine Ermäßigung von über 30 Proz., im letzten Falle non über 14 Proz. ein. Es liegt eine erhebliche Senkung der Strompreise für bas Handwerk vor. Die Verhältnisse gestalten sich verschieden je nach ben Schnittlinien der Stromtarife der alten unb neuen Regelung.

b) Der allgemeine Strom tarif wird in der Stabt von 51 Vf. auf 50 Pf. herabgesetzt, im Lande von 53 aus 50 Pf. D"r Fricdemsatz betrug 45 Pf. für die Kilowattstunde. Es liegt also zur Zeit eine Steigerung von 11 Proz. vor. die weit hinter ber allgemeinen Teuerung, insbesondere für Kohlen, Lohne usw. zurückbleibt. Der Hauptvorteil wird dem Verbraucher durch die Einführung des 10-Pf.-Torifs gebracht. Es muß dabei aus den obenangeführten Gründen eine Mindestabnahme von 600 Kilowattstunden bzw. 60 Mk. im Jahr ober von 50 Kilowattstunden bzw. 5 Mk. im Mo- nat aarantiert roerben. Nimmt jemanb statt 50 Kilo­wattstunden nur 25 Kilowattstunden im Monat ab, dann kostet ihn die Kilowattstunde statt 10 Pf. eben 20 Pf., immer noch bedeutend unter dem früheren Tarif. An nachstehenden Beispielen sei ein Ucberblick gewährt

10 Kilowattstunden zu 50 Pf. (Lichtzeit) 5 Mk., 2O^Kilowattstlinden zu 5 Mk. (Sondertarif) 5 Mk., 30 Kilowattstunden 10 Mk.

1 Kilowattstunde kostet im Durchschnitt 33 Pf.

10 Kilowattstunden zu 50 Pf. (Lichtzeit) 5 Mk., 15 Kilowattstunden zu 5 Mk. (Sondertarif) 5 Mk., 25 Kilowattstunden 10 M.

1 Kilowattstunde kostet im Durchschnitt 40 Ps.

5 Kilowattstunden zu 50 Pf. (Lichtzcit) 2,50 Mk., 15 Kilowattstunden zu 5 Mk. (Sondertarif) 5 Mk., 20 Kilowattstunden 7,50 Mk.

1 Kilowattstunde kostet im Durchschnitt 37 Pf.

Aus diesen Berechnungen ergibt sich, daß ein Haushalt, ber in einigermaßen erheblichem Um­fange Strom verbraucht, sich bei Einführung des Doppeltarifs von 10 bzw. 50 Pf. bedeutend besser stellt als bei einem Einheitstarif von 48 oder auch 45 Pf. Unter den Sonbcrtarif fällt ber Licht­verbrauch am Morgen, am Tage vor Beginn ber Lichtzeit unb nach 10 Uhr abends. Ferner kommen noch in Betracht der Verbrauch bei Bügeleisen, Wärmekissen, Heizöfen usw., sofern er außerhalb der Lichtzeit erfolgt. Es ist klar, daß einem Ser­

bin ich dagegen immun. Sie sind Wohl noch nicht geimpft?

Jetzt habe ich es ganz mit ihm verdorben, dachte Elisabeth, als Hasse sich fqjt vor ihr verabschiedete, und sie bewegte den fleinen Feder- skicher so heftig in ihrer Hand, daß fein Schild­patt zerbrach.

Am anderen Mittag traf Haffe unerwartet Franziska in der Stadt. Sie stand an dem Juwelierladen an der Ecke, der sie anzog wie ein Magnet, und betrachtete die in weißem Samt auZgclegwn Perlen, die glitzernden Ohr­gehänge durch ihre Lorgnette. Sie trug einen Sealskinmantcl und ein Sealsbarett mit einem Reiherstuy. In den Weichen P.lzmantel schlüpfte sie am liebsten, wenn fie zu den Proben des Morgens ging.

Sie sah in nicht kommen, so versunken war fic in den Anblick der Ohrringe. Hasse wollte sie gerade begrüßen, als er auf bemi eiben Bür­gersteig Frau Worth und Elilabckh in dunkel- blauen Tuchkostümen, gleich gekleidet, mit Aerz- hüten uni> feinen Schleiern wie zwei Schwe­stern herankommen sah. Elisabeth trug '6Uf ihrem Rerzmuff einen Deilchenstrauß. Hasse zog den Hut, das junge Mädchen errötete tief, im Dor- ubergehen traf ihn der Hauch von frischen Veil­chen und weckte in ihm plötzlich Erinnerungen» an fein Elternhaus, den veilchenblauen Salon feiner Mutter und ihre heitere, vornehme, ge­pflegte Erscheinung.

Das Leben, das er jetzt führte, war so ganz entgegengesetzt feinem früheren. Es war etwas Sprunghaftes, Heimliches. Verstecktes, Dunkles, etwas Ungewisses und Ansicheres darin, eine Zukunft, die er nicht in der Hand hatte. Er war feines Glückes keinen Tag sicher. Er mußte sich jeden Tag von neuem dessen versichern. Er empfand es bitter, daß er Franziska heute morgen an dem Zuwelierladen an der Ecke sah. gebannt von den glitzernden Juwelen, in ihrem Sealmantel, der ihr lässig um die Schultern hing, die Hände in den Taschen vergraben, das Barett über dem lässig aufgesteckten Haar. Er trat auf fie zu und grüßte sie.

Wie kühn, aus offener Straße!" Sie reicht« ! ihm die Fingerfpihen hin.

1 (Fortsetzung folgt.)