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Nr. 2) Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffen)

Samstag, 24. Iaimar (925

Gesellschaft

für Erd- u. Völkerkunde.

3m Rahmen der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde entwickelte am Mittwoch abend Herr H. K. E. Krueger aus Darmstadt den Plan feiner arktischen Expedition. Die bis­herigen Wege zum Pol führten fast alle vom Atlantischen Ozean durch die Lücke zwischen Spitz­bergen und Grönland nach Rorden oder auf der Westseite Grönlands vorbei. Die Trümmer des Schisses Jeannette, das bei den Wrangel- infein einfror, wurden später an der Ostküste Grönlands angetrieben und gaben Ranson den Fingerzeig für die Trist seines Schisses Frcun. Die Trift des Wassers des nördlichen Eismeeres von Osten nach Westen, die dadurch bewiesen wurde, ist nun deshalb merkwürdig, well durch die Erdumdrehung eigentlich ein Strom in um­gekehrter Richtung ertoartct werden soll. Diese Tatsache und bestimmte Erscheinungen von Ebbe und Flut an der nördlichen Küste Kanadas liehen den Amerikaner Harris zu dem Schluß kommen, dah sich nördlich der Derrngsstrahe noch ein Land besindet, das die Ablenkungen der Meeresströmung verursacht. Raufen hrngegen nimmt eine Tiefsee dort an, gestutzt auf dre Lotungen bei der Framtrift, die allerdings mehr als 500 englische Meilen von dem hypothetischen Land von Harris entfernt liegen. Diese» ver­mutete Land bezeichnet Steffanson als den 4>ol der gröhten Unzugänglichkeit. Die Bezeichnung hat darin ihre Berechtigung, dah mit den alten Methoden der Polarforschung bei dem Lebenvon mitgenommenen Vorräten etwa 500 englische Mel­ken als Maximum zurückgelegt werden können. Zieht man nun mit diesem Radius Kreise um die Ausgangspunkte für Reisen ins Polarmeer, so bleibt davon jenes oben bezeichnete Geblet unberührt, das nördlich der Deringsstrahe liegt und auch bisher von keiner Expedltion erreicht wurde. Der Plan des Kruegerschen Unterneh­mend geht nun dahin, im ersten 3ahr nach Etah an der grönländischen Westküste mit etnem dänischen Schift zu gelangen und lm folgenden Jahr ErkundungSreisen in den Archipel nörd­lich Eonadas zu machen und Evgänzungen zu den Forschungen öteffansons zukbringen. Im dritten Jahr "soll dann ein Vorstoß gegen den Pol der Unix«iänalid)!ett gemacht werden. Die­

Barmet, Kutiskr und Konsorten.

Don Reichssinanzminister a. D. Du. Decker (Hessen), M. d. R.

Als vor einigen Jahrzehnten in Frank­reich auS dem bekannten Panamasumpse recht üble Gerüche aufstiegen, rümplten wir in Deutsch­land stolz und erhaben die Rase. »Sowas kann bei uns doch nicht vorkommen," so hörte man allgemein sagen und man hatte damals wohl auch recht: ein absolut zuverlässiges 'Beamten« tum und ein Parlament, dessen Mitglieder doch im allgemeinen aus persönliche Wohlanstän­digkeit und Ehrlichkeit hielten, rechtsertrgten diese Meinung. Inzwischen haben wir so manches erlebt, was uns schon grundsätzlich in unserem Stolz aus die Unversehrtheit und Unangreifbar- feil von Beamten und Parlamentariern irre machen konnte. Dah allerdings sich Dinge er­eignen konnten, wie sie anscheinend in den die Oefsentlichkeit so stark beschäftigenden Fällen Darmat. Kutisker ufw. vorgekommen sind, hätten auch pessimistisch veranlagte 'Beurteiler neuzeit­licher Verhältnisse nicht sür möglich gehalten. So sehr man zunächst auch noch mit einem ab­schließenden Urteil zurückhalten muh. so scheint doch wirklich das für unglaublich Gehaltene Er­eignis geworden zu fein: Beamte und Par­lamentarier scheinen in trautem Verein mit Schiebern übelster Sorte und Herkunft Reichs- und Staatskassen um hohe Geldsum­men geschädigt zu haben: an dieser Tat­sache ist wohl heute überhaupt kein Zweifel mög­lich, zweifelhaft ist mir noch die Frage, inwie­fern verbrecherische A 'sichten bei den ein­zelnen Beteiligten vorgelegen haben.

Reben der Staatsanwaltschaft beschäftigen sich mit diesen Dingen zur Zeit auch sehr stark die Parlamente. Die Deutsche Dolkspartei bat ihnen ihre Aufmerksamkeit nicht erst seit den Tagen zugewandt, seftdem die Staatsan­waltschaft die Verfolgung gegen dieBeteiligten eingelettet hat. Schon in den ersten Wochen nach dem Zusammentritt deS vorigen Reichstags es war wohl im Iuni vorigen Iahres hatten in einer durch den Derfafter dieses veranlaßten Sitzung des Steuerausschusses des Reichstages deutschvolkSparteiliche Abgeordnete, besonderster QTbg. Dr. Hugo, die Regierung darüber zur Rede gestellt, wie das durch hohe Steuern und noch höhere Tarise von Post und Eisenbahn aus der Devölkerung herausgezogene Geld, das damals weit über die zur Deckung notwendigen Reichs- bedarss erforderlichen Summen hinausging, ver­wendet worden und ob es tatsächlich richtig fei, dah eS darlehnsweise an einzelne mehr oder weniger- zweifelhafte Banfiinnen usw. gegeben werde, die es dann wieder zu wucherischen Zin­sen weiter verleihen. Die Auskünfte, die damals ?:sgeben wurden, befriedigten die Fragesteller eineSwegs. und so beauftragte die Fraktion schon damals mehrere ihrer Mitglieder, bei den zuständigen Reichsstellen nochmals unmittel­bar vorstellig zu werden. Das ist gc» schehon, freilich, wie die nun durch die Oeffent- lichkeit gehenden Rachrichlen über die Fälle Dar­mat usw. zeigen, ohne dah es den rechten Ein­druck auf die Reichsstellen gemacht hätte.

AlS dann die ersten Gerüchte über dieBe­gebungen jener Schieber zu Reichs- und Landes- behörden bekannt wurden, hat die Fraftion der Deutschen Volkspartei dem Entwurf einer Inter­pellation Dr. Decker und Genossen ^ugeftimmt, da der Reichs reg ierung so rasch tote möglich Gelegenheit gegeben werden sollte, im Plenum des Reichstages auf die Frage der Interpellan­ten zu antworten, wie die beklagenswerten Vor­fälle sich überhaupt haben ereignen können, ins­besondere wie es möglich war, dah in einer Ze i t schärfster Kreditnot und noch schärferer Einschränkung der Kredite durch die Reichsbank, in einer Zeit, in der die ganze solide Wirtschaft und vor allem der Mittelstand in schwerster Ver­legen heit um Detriebsmittel war, Reichs- und sonstige öffentliche Mittel in so ver­schwenderischer und leichtferttger Weise jenen Schieberfirmen zugewisen werden konnten und inwieweit an dieser leichtherzigen Kredit­

vermittlungBeamte ober Parlamentarier be­teiligt waren. Die Interpellation wurde nicht mehr förmlich dem Reichstag vorgelegt. weil inzwischen der Antrag der Deutschnalionalen Fraftion auf Einsetzung eines Unter­suchungsausschusses im Reichstag ein­mütig angenommen worden war.

Inzwischen hat sich derDarmat-Aus- schuh" im Reichstag konstituiert Es wird Aus­gabe dieses Ausschusses sein, dafür zu sorgen, dah rasche und gründliche Arbeit geleistet und vor allem dasür gesorgt wird, dah in alle Winkel der üblen Sache ohne Ansehen der Person hineingeleuchtet wird. Er wird auch dafür sorgen müssen, dah diese Untersuchung nicht ins Uferlose verläuft, da sie dann leicht überhaupt kein Ende finden wird und das Interesse von der Kernfrage abgelenkt wird.

Auf was wird es dabei im wesentlichen an- kommen? Riemand wird eS für falsch halten, dah das Reich im allgemeinen und vor allem, dah die Derkehrsanstalten die Mittel, die sie nicht sofort brauchten, verzinslich anlegten und sie damit der Wirtschaft, der sie entstammten und die sie dringend benötigte, wieder zu- führten. Ob cs gerade besonders geschickt war und ist, dah die verschiedenen Ressorts neben­einander arbeiten, darüber kann man ver­schiedener Meinung sein. So manche böse Erfah­rung wäre natürlich vermieden worden, wenn alle überschüssigen Reichsgelder der ReichS- bank zugesührt und von dieser dann in die Kanäle der Wirtschaft nach einheitlichen und wirtschaftlich vernünftigen Grundsätzen weitergegeben worden wären. Ieder Reftortchef dünkt sich aber nun einmal heute auch in der Republik ein eigner König und glaubt der sachverständigen Beratung der nun einmal dafür zuständigen Stel­len sich entziehen zu müssen . Gleiches hat sich beispielsweise ja auch in der Devisen-Poli- t j k des Reiches gezeigt, die keineswegs von allen Reichsressorts nach einheitlichen Grundsätzen ge­handhabt worden ist. Was aber zu beanstanden und zunächst auch zu klären sein wird, das ist die Qualität der Betriebe, denen man jenen Kredit zuwies. Es ist bereits eingangs darauf hingewiesen worden, wie der Verdacht besteht, dah man gerade S ch i e b e r f i r m e n , die sich besonderer Gunst und besonderer Begün­stigung und Unterstützung erfreuten, dabei i n erster Linie oder gar aus schließlich bedacht hat, während die anständigen Wirt- schastslreise in schwerster Rot und Bedrängnis waren und keineswegs ebenso günstige Behand­lung erreichen konnten. Es wird die Frage ferner zu prüfen und aufzuklären fein, unter welchen Bedingungen die Kreditgewährung erfolgte und ob vor allem auch die nölige Sicherheit für die gewährten außerordentlich hohen Summen gegeben und gehalten wurde. Endlich aber wird es daraus antommen, festzustellen, inwieweit sich bei Gewährung von Krediten an einzelne Unter­nehmungen parlamentarische Einflüsse geltend gemacht haben ober gar direkte Be­st e ch u n g e n offener ober verdeckter Art vorge­kommen sind.

Es ist bedauerlich, daß, auch wenn man von den umgehenden Gerüchten noch so viel als un­wahr aozieht, doch heute schon eine Anzahl von Personen stark bloßgestel11 ist. Bkr aber objektiv denkt, wird sich über jede Aufklärung freuen, die einen so Bloßgestellten wieder recht­fertigt. Wen die Untersuchung aber schuldig findet, gegen den muß ebenso rücksichtslos, soweit möglich, mit st r a f r e ch t l i ch e r V e r s o l g u n g, soweit dies nicht möglich ist, mit öffen11icher Brandmarkung vorgegangen werden. Daran haben wir alle ohne Unterschied der Parteirich­tung das höchste Interesse. Der- deutsche Beamten­stand genoß in der ganzen 'Welt größtes Ansehen und höchstes Vertrauen gerade wegen feiner unbe­dingten Unbestechlichkeit und Zuverläftigke't. Wer­den einzelne Angehörige des Beamtenstandes als räudig befunden, so wird damit gewiß kein Makel auf den ganzen Stand fallen unter der Voraus­setzung. daß rücksichtslos gegen die Schuldigen vorgegangen wird. Genau so wird es mit den Angehörigen des Parlaments sein. Hoffen wir

nur, daß die Untersuchung deS ReichStagSauS- schuf les bald zum Abschluß kommt und daß die verschiedenen Verfahren, die nunmehr im Reichs­tag. im Landtag und bei den Gerichten neben­einander anhängig sind, sich in ihrem Gang nicht stören, sondern ergänzen. Sie alle haben ja das gleiche Ziel: ErforschungderDahr- heit, rücksichtslose Feststellung und Brandmarkung etwaiger Schuldiger und Schaffung von Sichcrungsmaßnah - men, daß sich ähnliches nicht wiederholt.

Die Türkei zwischen Diktatur und Parlamentarismus.

Don unserem türkischen 3- B.-Mitarbeiter.

Konstantinopel, Anfang Ianuar 1925.

Die jungtürkische Revolution, welche zum Sturze Abdul Hamids geführt hatte, brachte der Türkei bekanntlich im Iahre 1908 das erste Parlament, das erste, wenn man von dem kurz­fristigen Versuche absieht, welcher dreißig Iahre vorher aus der vom unglücklichen Großwcsir Midhat Pa cha entworfenen Beriaffung hervor­ging. Zehn Iahre lang stand dieses Parlament unter der unbedingten Herrschaft der 3ung- türken, welche sich mit kühler Selbstverständlichkeit offen als die einzige legale Partei des Landes erklärt hatten, und welche kaum einer nennens­werten Opposition begegneten. So glich das tür­kische Parlament eher einer jungtürkischen Partei­versammlung. a s einem Abgeordnetenhaus nach westlichen Begriffen.

Als der Zusammenbruch, welcher den AuSgang des großen Krieges bezeichnete, die Partei der Iungtürken bintpeggefegt hatte, mußte Mustafa Kemal Pascha eine neue Partei gründen, welche dem unternehmenden General und feinen Anhängern den nötigen ge­setzlichen Rückhalt gab, dessen sie bedurften, um das große nationale Befreiungswerk, welches in der Folge zu einem vollen Siege geführt hatte, durchführen zu können. So entstand die Volkspartei", die das Erbe der Iungtürken zu übernehmen hatte. Und wie früher Die Iung­türken eifersüchtig über ihre Alleinherrschaft im Lande wachten und keine Opposition duldeten, fo hielt es auch die Volkspartei der neuen Türkei. Sämtliche Mitglieder der Großen Rationalver­sammlung waren bisher auch gleichzeitig Mit­glieder der Volkspartei. Dies ist für westliches parlamentarisches Denken unfaßbar. Die Folgen eines Derartigen Parteimonopols sind ein­leuchtend. Icde Freiheit, welche die Verfassung dem Volksvertreter gewährt, wird durch die Parteidisziplin sabotiert und eine verschleierte Parteidiklatur aufgerichtet, welche sich von Der moskowitischen nur Durch die Form unterscheidet: eine Parleidikiatur mit all ihren schädlichen Fol­gen für die Entwicklung des Landes und Die Moral des öffentlichen Lebens.

Mit Dem Zerfall des eisernen Ringes der äußeren Feinde lockerte sich Die innere Disziplin Der herrschenDen Partei, in welcher sich Die Ver­treter verschiedenster politischer Anschauungen durch das gemeinsame Ziel der Unabhängigkeit des Landes notgedrungen geeint hatten. Die stramme Parteidftziplin Ismet Paschas und andererseits Bestimmungen Der Verfassung, Deren Auslegung es ermöglicht,Anhänger Des Gewesenen in irgenDeiner Form oDet irgenbeiner ihrer Institution en" als Vaterlandsverräter zu verfolgen eine Aus­legung, mit welcher man jeden polttischen Gegner, stehe er rechts oder links, vernichten kann verhinderten zunächst das Aufkommen politischer Richtungen, welche Der Parteileitung nicht genehm waren. Schon im Frühjahr dieses Iahres, bei der Beratung der Verfassung, brach sich Die Unzufriedenheit der andersdenkenden OltgeorDneten Bahn, welche die Verfassungs- Punkte über die Auslosung Der Rationalversamm- luug und das Vetorecht des Präsidenten der Republik zum Vorwand nahmen, in die Oppo­sition zu treten, welche sie nach den Parlaments­ferien und Der Eröffnung Der Herbstsession fort- setzten, inDem sie Der Regierung eine Liste recht zahlreicher Anl agen gegen Deren Verwaltungs­

tätigkeit überreichten. Abgesehen von den Vor­würfen der Unzulänglichlert des Schulwe'enS. der Vernachläsfigung der wirtschaftlichen und kultu- reellen Hauptstadt Konstaminopel. der Ueber- grif e deS früheren Gouverneurs von Konsian- tu j,cl oder des derzeitigen UnterrichtSministerS sowie zahlreicher anderer höherer und weniger hoher R^glcrungsorgane hätte nach europäischen Begriffen allein Der Vorwurf, daß etwa 350 000 ans Griechenland nach Anatoften verpflanzte Austauschtürken, dank Der Unzulänglichkeit der ReglerungSvorsorgen und beim AnftedlungSwerk vorgekommenen Unregelmäßigkeiten lid) wirt­schaftlich und gesundheitlich in der Gefahr des ZugrundegehenS befinden soweit sic nicht scbon zugrunde gegangen find vollständig ge­nügt, um jede Regierung zu stürzen. Aber Die unorganisierten und ihr Angrisssmalerial schlecht vorbereitet habenden oppositionellen Gruppen, deren Führer entweder erkrankt waren, wie Reus Bett. Der frühere Ministerpräsident und populäre Kommandant Der .Hamidle". oder infolge einer nicht sehr eleganten Maßnahme Der Regierung, durch Festhalten an ihrem mili­tärischen Dienstort. am Erscheinen In Der Ratio- nalDer'a.ninlung verhindert wurden, wie Die Ge­nerale Ali Fuad unD Kiazim Kara Bekir, er­litten eine rhetorische Riederlage. Die Regierung erhielt bei Stellung der Vertrauensfrage eS waren allerdings ungefähr 40 Prozent Der Ab­geordneten nicht im Haufe anwesend mit 149 gegen 19 Stimmen eine bedeutende Majorität.

Um nun Dem DrofoenDen Ausschluß auS Der Volkspartei zuvorzukommen, beschloß der größte Teil der Oppositionellen, sich als neue Partei außerhalb Der Dolkspartei zu organisieren Es gehören ihr mit Ausnahme von Mustafa Kemal und Ismet Pascha Die besten Barnen au« Der Zeit der Unabhängigkeitskämpse an: die volks­tümlichen Generale Refat, Ali Fuad und Kiazim Kara Bekir, Reuf Bey, Die früheren Minister Rifa Rur Bey, Bekir Sami Bey, ferner Adnan Vey, Ismael Djambolat und andere. Da« Pro­gramm der neuen Partei, welche sichRepubli- lanische Fortschrittspartei" nennt, umfaßt als wichtigste Punkte: Allgemeines direktes Dahl» recht, "Dezentralisation und Vereinfachung Der Verwaltung, eindeutige Dienstvorschriften für Offiziere und Staatsbeamte, Erweiterung Der Rechte Der Rationaloersammlung gegenüber Re­gierung unD Präsidenten Der Republik. Ismet Pascha, Dessen Durch Malaria geschwächte Heroen die für Die Regierung bestehenden Gefahren scheinbar schwärzer sahen, als dies die Umstände rechtfertigen, wollte gegen Die Oppositionellen und ihre Anhänger mit den schärfsten Mitteln vorgehen. Er fetzte zunächst ein drakonisches Parteistatut durch, welches Die MitglieDer der Dolkspartei im Parlament an jeder 2Ieupc- rung, Interpellation oder Anfrage, welche nicht genau Den Vorschriften Der Parteileitung ent­sprach, hindern sollte, unD veranlaßte Die Ein­setzung eines Parteigerichtes mit außerordent­lichen Vollmachten. Man kann nur ermessen, was Diese Maßregeln beDeuteten, wenn man einerseits weiß, wie hierzulande Partei und Regierung identisch sind, unD andererseits, welche ungeheure Gewalt eine türkische Regierung m ihrer Hand vereinigt. Die Maßregeln Ismet PafchaS, weit entfernt, Den Zweck, die Partei straffer zu einen, zu erreichen, drohten, Öen Vogen überfpannt habend, den völligen Zerfall Der Partei yerbeizuführen. Ferner kuabsichtigtc Ismet Pascha, in Konstantinopel, welche« ihm als frühere Sultansresidenz und Hauptfitz der Unzufriedenheit besonders verdächtig erschien, das Standrecht zu publizieren, und ein außer­ordentliches Tribunal nach Der früheren Haupt­stadt zu entsenden. Dies alles führte zu heftigen Auseinandersetzungen innehalb Der Partei, wel­ches schließlich mit Der Ablösung ISmet Paschas Durch seinen Parteigenossen Fethy Bey endeten.

Die oppositionellen Abgeordneten, in der Fortschrittspartei" von einer dreiköpfigen GruppeKonservativer" und einigen Unabhän« gigen abgesehen vereinigt, kämpfen nunmehr, unorganisiert wie sie find, einen Kampf um Zeitgewinn. Es gäbe für Die junge Fort­schrittspartei keinen vernichtenderen Schlag, als

ser lange Aufenthalt in der Polarwelt gestattet eine Menge wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. Das durchzogene Gebiet soll kartogra­phisch ausgenommen werden, geologische Beobach­tungen find möglich, ferner Tiefenlotungen, De» obachtungen über das Tierleben und das Klima der polaren Gebiete. Lebhafter Beifall gab Aus­druck für die Sympathie des Publikums mit Den Plänen und der Perfon Herrn Kruegers.

Daraus ergriff der Vorsitzende der Gesell- fchaft für Erd- und Völkerkunde, Herr Prof. Dr. Klute das Wort und danfte dem Redner für feine interessanten Ausführungen. Da die Ge­sellschaft zur materiellen Hilfeleistung jetzt nicht in Der Lage ist, gab er im Einverständnis mit der Versammlung Herrn Krueger das Der- sprechen, seinem Unternehmen jede ideelle Unter­stützung zuteil werden zu lassen. Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde tritt mit ihrem Barnen für das Kruegersche Unternehmen ein und wünschte dem Vortragenden die besten Erfolge für seine schwierige Arbeit, die Mittel für bai Unternehmen zu gewinnen. Sollten sich Mitglie­der der Gesellschaft finden, die das Unternehmen auch finanziell unterstützen können, so ist der Kassenwart Der Gesellschaft, Herr Dr. h. c. Al­fred Toepelmann, Eüdanlage 4, bereit, auch kleineBeiträge entgegenzunehmen.

Darauf erteilte der Vorsitzende dem 2. Red­ner des Abends, Herrn Prof. Dr. Waull, Frankfurt a. W., das Wort zu feinem Dorttag über eine geographische Forschungsreise durch Mittel-Brasilien von der Küste bis zum Paraguay, die den Dor- tragenben in Deutschlands valutaschwächster Zeit, dank besonderer Gunst durch Die brasi­lischen Staaten Rio de Ianeiro, Espirito Santa, Minas Geraes. Sao Paulo, das südliche Goyaz und Matto Grosso halb durch den fübameri- kanischen Kontinent hindurch bis zur bolivischen Grenze führte. Abwechslungsreiche Bildei aus wesensverschiedenen Landschaften zogen vorüber. Sie schroffen Gegensätze, die vornehmlich durch das unmittelbare, fast übergangslose Rebenein­ander von Ratur- und Kulturlandschaft erzeugt werden, überraschen. So beginnt kurz hinter ber Riesenstadt Rio de Ianeiro. der erstaunlichsten Auswirkung europäischer Dollkultur, der mala­riaverseuchte, kaum besiedelte Sumpfwald Der Daixada. Dictoria, Santos und andere Orte KüstenbrasilienS bilden dazu vollkommene Ana­

loga. Unmittelbar hinter dieser in einzelne Oasen, Küstenhöse, aufgelösten Küstenkulturzone Brasi­liens steigt die Derkehrsbarre des Küstenwald­gebirges im Staate Rio de Ianeiro und im westlichen Sao Paulo zu bedeutenden, alpin ge­formten Höhen auf. Prof. Maul! berichtete von Forschungsfahrten in dieser Region, die von den Hochgipfeln aus auch der 2700 Meter hohe Itatiaya wurde erstiegen die Anord­nung Der einzelnen Gebirgsgruppen und deren Oberflächenentwicklung kennen lehrten. Das Rei­sen im Gebirge war z. T. ein wahrer Kampf mit Dem Walde. Aber es wurde doch wieder be­günstigt durch den verhältnismäßig großen Sied­lungsreichtum an größeren und kleinen Stütz­punkten. Die Siedlungs- und Wirtfchaftsentwick- lung einzelner Orte bot Anlaß zu interessanten Fragen und Aufklärungen. So sind z. D. Petro­polis, das gewöhnlich nur als Gesundheitsstation für Rio de Ianeiro und Diplomatenstadt be­kannt ist, und Rova Friburgo durch deutsche Siedler begründet, die dort Hackbau trieben. Ihre Entwicklung und ihr heutiges Bild ver­danken die Städte aber vornehmlich Dem Einzug einer jungen Industrie, genau so wie die große Stadt Sao Paulo, in einem geräumigeren Becken des Küstenwaldgebirges gelegen, erst seit ihrer InDustrialisierung und ihrer EinorDnung in Die Weltwirftchastsbeziehungen ihren riesigen Auf­schwung zu verzeichnen hat.

Tie Reife durch Das mittlere Espirtto Santo führte Den Redner in einen völlig anders ent­wickelten. viel rückständigeren Abschnitt des Küstenwaldgebirges und zugleich in das größte deutsche Kolvnisationsgebiet. Dort wohnen auf Den Kulturoasen des urwaldbedeckten. mittelhoh.n Berglandes, zumeist in Ginzelhösen, etwa 22 0 00 deutsche Einwanderer, die im wesent­lichen Äaffebau treiben.

Sie rasche Erschöpfung des Urwaldbobens hat Die jüngere Generation nach Rorden in tiefere, klimaungünstigere Gebiete gedrängt. Doch kann man von einer gelungenen Akklima­tisation dieser weißen Siedler sprechen, fie leben dort schon in der dritten Generation und kön­nen im allgemeinen als physisch gesund galten wenn sie auch kulturell viel eingebüßt haben. Denn sie leben hart an Der Kultur grenze. Un­mittelbar nördlich liegt noch unberührter Ur­wald, in dem noch wildschweifende Indianer Hausen. Durch Errichtung von festen Lagern

eines davon wurde besucht sucht der Staat mit ihnen in Beziehung zu treten, Kultur zu bringen, indem er zur Ansiedlung einlädt.

Rur ein Der Küste relativ naher Saum ist von typisch-tropischem RegenwalD bedeckt. Rach innen wird Das Gebirge verkehrsfteuiidlicher und Der Wald schütterer. Altes, zum Teil für den Anbau schon erschöpftes Kulturland überzieht im südlichen Minas GeraeS die Hochflächen. Roch weiter im Innern löst die verkehrsfreuab- liche Pflanzenformation Der Savaonne. Die bra­silische Kampformation, Öen Wald überhaupt ab. Immer weiter schreitet hier wie in Goyaz und Sao Paulo die Besiedlung binnenwarls: auch Die politische Hauptstadt von Minas Geraes ist diesem Zuge von Ouro Preto nach Bello Horizonte schon gefolgt. Das Landschaftsbild ist einförmig und. in Der steten Wiederkehr des Gleichen, langweilig: Riesenhafte Savaonnenhoch- cbenen werden durch Täler, an deren Rinn­salen Galeriewäldchen entlang ziehen, meist nur schwach gekerbt. Es sind Diehzuchtsgestiete mit nur spärlichem Anbau. Die Siedlungsickchte wird darum gering.

Anders in der Provinz Sao Paulo. Das mittlere Sao Paulo, jenseits des Küstenwald­gebirges. ist geschlossenes Kulturland mit zahl­reichen städtischen Mittelpunkten, vie'en Klein­siedelungen und einem belebten, dichten Ver­kehrsnetz. Weiter westwärts folgen Zonen, die durch immer zunehmende Kultur auflockerang charakterisiert werden, in Denen aber Die Be­siedlung neuerdings rasch vordringt. Der Pa­rana, heute mehr noch Verkehrs scheide als Weg, trennt dieses Gebiet von dem Savannen- Hochland Süd-Matto-Groffos. auf Dem wieder die Viehzucht heimisch ist: und bann folgt, wieder einen schroffen landschaftlichen Gegensatz bildend, die strombestimmte Fluß- und Sumps- nieberung des Paraguay, eine Region, die mit ihrem ganzen Umland verkehrsgeographisch noch heute zur La-Plata-Mündung bingraoitiert Westlich vom Paraguay war es Dem Redner vergönnt, noch ein Stück weit in Öen Trocken- rnald Der bolivischen Platte bis zum einzigen bolivischen (Paraguay-) Hafen Porto Suarez vor- zubringen. so daß er einen vollkommenen Heber- blick über Die Landschaften Mittel-BrasilienS geben konnte. Den lebhaften Vortrag b'gftiteten schöne und lehrreiche Lichtbilder u::D Hafter Beifall danfte dem Redner