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Mittwoch, 25. Septemder 1925

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

Ur. 225 Zweites Blatt

Die Tagung des Gustav-Adolf-Vereins.

Der Festgottesdienst. Die erste öffentliche Hauptversammlung.

Dar Lied vom deuffchen Leid brachte Pfarrer D. Mahnert-Innsbruck in der Massenversammlung am Sonntagnachmittag in der Volkshalle in erschütternder Weise in folgender Rede in Dersen zum Vortrag:

Wenn der erste Schnee von den Bergen glänzt, Wenn unseres Hauses Wände

Des wilden Weines Purpur kränzt. Dann reichen wir uns die Hände, Dann kommen wir aus allen ®au'n Des Vaterlands gefahren. Ernste Männer und holde Frau'n, Erwartungsfrohe Scharen. Deutschland feiert ein Heimatfest, Ein trautes Stelldichein, Wenn seine Fahnen wehen laßt Gustav Adolss großer Verein, Dann leuchtet wie ein ewiges Licht In dämmernden Kirchenhallen Die Freude auf jedem Angesicht Und fromme Lieder schallen, Lieder zu Gottes Ehr' und Preis, Und alle Herzen glühen heiß, Es schlagen tausend Flammen Zu einem Feuer zusammen. Im Feuer der Liebe läutern wir. Geschart um Gustav Adolss Panier, Unser Denken und Wollen und Leben Zu heiligem Opfern und Geben. Wir geben uns Gott und den Brüdern hin. Den in der Welt zerstreuten, Und durch den ich-besreiten Sinn Geht es wie Glockenläuten.

Mir aber wird bei diesem Klang, 3m Glanz der Festtagskerzen Mit einemmal so weh und bang, Und alte Wunden schmerzen, Wunden, verheilt von keiner Zeit, Für die kein Arzt sich findet, Daß er in Heilandssreundlichkelt Die blutenden verbindet.

Das deutsche Leid, das deutsche Leid, Es geht im Saale um, Und in leetiefer Traurigkeit Wird jede Seele stumm. Und in die Stille bleiernschwer Ertönt ein leises Weinen: Schwarzgekleidet kommen sie her. Die Großen und die Kleinen.

Kinder kommen zur Mutter und klagen ihr Leid: Was man uns angetan wider Recht und Gerechtig­keit,

Mutter, hörst du, wie es zum Himmel schreit? Grausam rissen die rohen Feinde uns los Von deinem warmen, gesegneten Schoß. Ausgeftoßen in finstere Nacht und Not, Müssen wir essen der Fremde bitteres Brot. Sie schlugen des Vaterhauses Tore uns zu. Nun laßt das Heimweh nach dir uns feine Ruh'. Mutter Deutschland, sieh, wir kommen zu dir. Eine große Schar von kleinen Kindern sind wir. Sind deine Kinder, Bäumchen von deinem Holz, Und daß wir es sind, wir sagen 's mit edlem Stolz. Haben blaue Augen und blondes Haar, Sprechen die Sprache wie du, die uns gebar. Deutsch ist das Blut, das die Adern durchkreist, Deutsch unser Herz und deutfch unser Geist, Deutsch unseres Wesens tiefinnerfter Kern, Beten mit dir zu demselben Herrn.

Er ist der Vater, die Mutter bist du. Du bist die Heimat, der Friede, die Ruh'. Denken wir deiner, so werden wir stille. Ebnet sich sonst der stürmende Wille. LIU unser Sinnen wird frommes Gebet, Das zu den Höhen des Himmels geht, 3m Lichtmeer der Ewigkeiten sich wiegt Und an das Her§ des Vaters schmiegt. Mutter, du kennst deine Kinder wohl: Aus Steiermark, Kärnten und Tirol, Aus Siebenbürgens Sachsenland, Von Schleswigs nordischer Wasserkant', Don Danzig, der stolzen Stadt am Meer, Dom Wasgenwalde kommen wir her. Dort, wo der Schlesier Eisen gießt. Die Elbe durch Böhmens Fluren flieht, 3n Städten und Dörfern zu deinen Toren Sind wir als deine Kinder geboren, Und haben nun unsere Mutter verloren. Mutter, du kennst die Stabt an der Drau In Steicrmarfs weingesegnetem Gau, Der Bachern hält seine schützende Hand Heber das maisfrohe lachende Land, Auf den roten Siegeln liegt Sonnenschein, Aus den Häusern dustet's nach jungem Wein, Und die Glocken läuten den Sonntag ein. O Marburg, du Stadt an dem rauschenden Strom, Stolz ragt in dir derNarodni Dom , Und wo die Hungerglocke geklungen. Ist das deutsche Lied nun ausgefungen.

In Ketten liegt eine blutende Stadt, Ihr Auge meint und weint sich nicht satt. Um sechzehn Gräber, die Feindesgewalt Aufwarf an einem Iännertage, Heult heute der Herbstwind rauh und kalt Eine schauerliche Totenklage." Mutter, verhülle dein Angesicht, Mutter, hör', ein Tiroler spricht: »Hofers Fahne trägt einen Trauerflor, An jedem zehnten Oktoberlage Schreit wie mit einem einzigen Schlage Der Kirchenglocken machtvoller Chor Zum Himmel die herzzerreißende Klage, Daß Deutschland Südtirol verlor! Dort, wo der Rosengarten liegt, Dort, wo des Südens warmer Schein Sich wohlig um Laurins Wände schmiegt. Wo die Sonne das Blut in dem Rebenwein Zu einer lieblichen Süße kocht, Wo unter dem ewig blauen Himmel Schneller und leichter das Herze pocht, Wo aus der Menschen frohem Gewimmel Die Freude in Liedern zum Himmel geht. Wo am Passeier das Sandwirtshaus steht. Wo Walter von der Vogelweide Sang von der Minne süßem Leide Und auf Meran im schönen Kleide, Wie eine liebende Braut geschmückt, Der Himmel die Sonnenküsse drückt. Mein Südtirol, mein Heimatland, Um dessen Stirn der Herrgott wand Ein Diadem aus Silberlicht, ©ies aus des Himmels Toren bricht.

Mein Heimattand fft nicht mehr frei. Verfiel der welschen Tyrannei, Und seine Trikolore bißt, Verhaßt und haßend der Faszist. Mein Südtirol, mein Heimatland, Der Feind mit Eisenketten band, O Mutter Deutschland, vergiß es nicht, Das Land, das deine Sprache spricht, Das Land, das immer an dich denkl. DasGlaube und Heimat" dir geschenkt. Und das durch Andrä Hofers Ruhm Den Weg dir weist zum Heldentum." Und die Mutter hebt ihr Angesicht: Euch, meine Kinder, vergess' ich nicht: Zwar bin ich selber krank und arm. Geschlagen, daß es Gott erbarm. Doch meine Liebe hört nicht auf. Und was auch bringt der Zeiten Lauf, Ihr sollt in meinem Herzen bleiben, Kein Feind soll euch daraus oertreiben, Denn einer Mutter Liebe ist Viel stärker als Franzmann und Faszist. Meine Liebe fällt wie Sternenschein In eure dunkeln Nächte hinein.

Meine Liebe legt wie ein warmes Kleid Sich um der Kinder Armseligkeit.

Meine Liebe gießt euch trutzigen Mut Und eiserne Kraft ins matte Blut. Meine Liebe baut euch Knochen und Marl, Denn Deutschlands Liebe ist wunderstark, Deutschlands Liebe wahrt euch das Haus, Wacht und wartet, hofft und hält aus. Blickt zum Himmel: in seinem Zelt Wohnt und maltet der Herr der Welt, Hat sein Deutschland immer gesegnet, Ist ihm liebreich und freundlich begegnet, Wird auch in Zukunft uns nicht lassen, Ob uns die Feinde verachten und hassen, Wird uns erretten aus ihren Händen, Daß wir getreu die Sendung vollenden: Als Volk des Gemüts, als Volk der Pflicht Können versinken, ertrinken wir nicht, Haben der Welt auch in diesen Tagen Etwas zu geben, etwas zu sagen.

Sind im Menschheitstempel der güldene Schrein, Gott legte ein kostbares Kleinod hinein. Das ist das treue und fromme Herz Mit seinem Sehnen und Heimwehschmerz, Das auf Erden niemals Ruhe findet, Wenn es sich nicht mit ihm verbindet, Der alles Ledens Urgrund ist Und unser Vater in Jesus Christ.

Solang' noch Kirchenglocken hallen Durch unsere Täler feierlich, Und fromme Kirchenlieder schallen Und deutsche Menschenseelen sich In einem gottgebornen Sehnen Dem Himmelslicht entgegendehnen. Solang* noch deutsche Mütter beten Und mit des Herzens tiefem Glück Vor ihres Herrgotts Augen treten Und sich in ihrem klaren Blick Des Himmels blaue Reine spiegelt, Bleibt unseres Volkes Sein versiegelt Und feine Zukunft fest verbrieft. So sehr uns Gott auch wägt und prüft. Und unser Gottesbund wird stehen. Bis Erd' und Himmel untergehen. Das sei euch Trost, ihr meine Kinder. Mit diesem Trost seid Ueberwinder, Mit diesem Tröste haltet aus, Bis einst ich euch das Vaterhaus Aufschließe mit entbunb'nen Händen. Dann ro.rb ein Jubel aller Enden Aufjauchzen zu dem Himmelszelt, Zu Gotk, dem Vater aller Welt, Ein Danfesjubel, unermeffen. Und alles Herzleid ist vergessen. Dann ist das Lied vom deutschen Leid Mit einemmal zu Ende, Und alle Deutschen, weit und breit, Reichen sich froh die Hände, Und Gottes tapfrer Pionier Mit den blaugelben Fahnen, Der nächste Dank gebührt dann dir, Du brachst die Siegesbahnen, Du schlangst der Liebe Rosenband Um alle deutschen Seelen, Daß sie aus fernem, fremdem Land Den Heimweg nicht verfehlen.

Du halfst mit ihrem Kirchentum Zugleich ihr Volkstum pflegen. Das bleibt in Ewigkeit dein Ruhm, Dein Stolz und reicher Segen."

Der gestrige Tag.

Gießen, 22. September 1925.

Heute war die Stadtkirche die Stätte, da die Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins zur ersten öffentlichen, festlichen Veranstaltung des Tages sich zufammenfand. Hm 11 Ähr be­gann dort der

Festgottesdienst

in Gegenwart einer Menschenmenge, wie sie gleich groß trotz des üblich starken Besuchs unserer Kirchen unseres Wissens in der Stadtkirche noch nie beisammen war. Sämtliche Sitzgelegen­heiten waren in Anspruch genommen, außerdem standen in den Gängen noch Hunderte in dicht­gedrängter Fülle. Schätzungsweise mögen es wohl mindestens 1500 Personen gewesen sein, die an der denkwürdigen Gottesdienstfeier teilzunehmen wünschten. Der Evangelische Kirchengelangverein mit Unterstützung einiger weiterer Kräfte unter t>er Leitung von stud. Knott und die Kapelle Topp hatten chre Kunst zur Verherrlichung der Feier zur Verfügung gestellt und be­reicherten den Gottesdienst durch die Wiedergabe der Chöre ..Gott, der Herr, ist Sonn und Schild" undErhalt uns in der Wahrheit", beide aus der Reformatio nsfestcantate von Ioh. Seb. Vach, in hohem Maße. Den Altardienst verlah P'arrer Mahr. Gießen, die Festpredigt hielt General­superintendent D. Kalweit, Danzig, über das Evangelium Ioh. 14.6Ich bin der Weg, Die Wahrheit und das Leben". Die glanzende und sehr tiefschürfende Festpredigt war den Gläubt- gen ein weihevoller Genuß. Dielet Gottesdienst wird in der Kirchengeschichte unterer Evangeli­schen Gemeinde als ein besonders leuchtendes Dkatt

allezeit fortleben. Die Kollekte galt natürlich der Liebesarbeit des Gustav-Adols-DereinS.

Nachmittags um 4 Uhr begann in der Neuen Aula der Universität die

Erste öffentliche

Hauptversammlung.

Auch hier war die Beteiligung der Abgeord­neten und Interessenten ganz außergewöhnlich stark. Mit Gemeindegefang wurde die Tagung feierlich eröffnet. Darauf hielt

Geh. Kirchenrat

Prof. D. Rendtorff-Leipzig.

als Vorsitzender des Zentralvorstandes des Evan­gelischen Vereins der Gustav-Adols-Stisung die Eröffnungsansprache, in der er u. a. sagte

Die Predigt in dem gewaltigen Gottesdienst heule morgen hat uns die Herzen warm und weit gemacht für das große Werk, zu dessen Ver­tretung und Pflege wir hier versammelt sind. Wir lind im Hessenlande versammelt, damit kehrt unser Verein in seine Heimat ein, denn neben dem Sachlenland muß auch das Hessenland als ein Quellgebiet des Gustav-Adols-VereinS be­zeichnet werden. Hessen und Sachsen. Groß­mann und Zimmermann, sie haben sich in diesem unfern Werk in wundervoller Weise die Hand gereicht, bewundernswert dadurch, daß sie uns das erhebende Bild einer brüderlichen Weihe boten.

Was der Verein sein will, wozu er gegründet ward und welches sein Ziel ist, das hat bei seiner Gründung der Leipziger Großmann dahin zufammengefaht: Die Kirche ist sein Ziel, Brüder, laßt uns allezeit bei allem, was wir vorhaben und beschließen, dieses eine als unser Ziel bewußt bleiben, damit dereinst dieser Verein eine Seele der evangelischen Kirche könne genannt werden. Ob heute unser Verein auf diesen Namen einer Seele der evangelischen Kirche An­spruch hat, ob er mit gutem Gewissen bekennen darf, allezeit mit festem Blick auf dieses Ziel seiner Aufgabe treu geblieben zu sein, das mögen die Verhandlungen und Beschlüsse und die Be­grüßungsworte vor der Oeffentlichkeit bezeugen. Mich aber lassen Sie ein Dreifaches be­kennen: Der Kirche unverrückbarer Grundstein ist die Offenbarung, die geschichtlich in Jesu Christi ist, das Evangelium von dem für uns Ge­kreuzigten und Auferstandenen. Hierbei hat alle kirchliche Arbeit, auch in Verwaltungsdingen. auf­zugehen, allein in dem Endzweck der Verkündi­gung des Evangeliums. Auch das kirchliche Re- qiment ist nur ein Hilfselement des Pfarramtes, das nur dem Dienst der Kirche gewidmet ift Der Gustav-Adolf-Verein hat immer der Verkündi­gung des Evangeliums die Bahn freihalten wollen. Daraus ist er immer mit heißem Herzen gerichtet gewesen, damit niemand fort könne von dem Grund, der gelegt ist von dem alten, festen Glaubenstrost. Aller kirchlichen Arbeit Sinn ist, daß sie Liebesarbeit ist. Die Liebe ihres Herrn und Meisters Jesus Christus ist auf die Einheit seiner Glieder gerichtet, darin, daß sie alle eines Sinnes und eines Herzens werden, gipfelt das letzte hohepriesterliche Gebot unseres Herrn. Der Gustav-Adolf-Verein darf sich bezeugen, daß sein Dienst allezeit Liebesdienst gewesen ist. ge­richtet auf die Einheit derer, die Jesu Leben haben. Tausende von Gemeinden können es be­zeugen, daß die Gabe des Gustav-Adolf-Vereins ihnen eine ©tärfunq gewesen ist. And wenn auch viele biefer Gemeinden eine Minderheit sind, so sind doch auch Minoritäten kein- Minder- beiten mehr, wenn sie sich eingeschlossen wissen in ein großes Ganzes Auch die Zerstreuung ist nicht mehr Verlassenheit, wenn sie hinter sich weiß einen Bruderbund, der sie trägt mit seiner Liebe Die Kirche der Heimat hat auch die Liebe des Vereins erfahren, auch das, was wir hier tun können, macht uns froh in dem Bekenntnis: Ich glaube an eine heilige allgemeine christliche Kirche. Der evangelischen Kirche ist es tief ein­gepflanzt. sonderlich der Kirche, der Luther fein Gepräge gegeben hat. daß sie in das Volkstum eingesenkt und mit ihm verwachsen ist, daß sie dieses Volkstum mit den Grundsätzen des Evau- geliums durchdringt und erneuert Der Gustav- Ädolf-Verein hat mit sonderlicher Freude deut­schen Volksgenossen evangelischen Bekenntnisses in der Zerstreuung gedient, wie er mit gleicher Liebe auch evangelischen Glaubensgenossen sla­wischer Zunge sich gewidmet hat- So ist auch heute noch das Bekenntnis am Platze: Was wollen wir? Die Kirche ist unser Ziel! Es gehört zu dem größten Erlebnis unserer Zeit, daß aus dem großen Zusammenbruch unseres Volkes keine öffentliche Organisation so unerschüttert her­vorgegangen ist, wie die Evangeli­sche Kirche, und daß bei all den Stürmen dieser Zeit keine öffentliche Organi­sation einen so allgemeinen Kredit in der Oeffentlichkeit genießt. wie die Evangelische Kirche. Auch in der Diaspora steht alles unter dem Zeichen des Baues von Kirchen. Schulen, Pfarrhäusern usw., und in der Heimat ist es genau ebenso. Zu dem bewundernswertesten Zeugnis der letzten Zeit gehört es. daß in dem scheußlich verwüsteten Rußland unmittelbar nach dem Zusammenbruch die Evangelisch? Kirche sich zu einer neuen Or- ganifation zusammengesaßt hat und dort daran ist, die Evangelische Kirche wieder zu einer einigen Kirche zusammenzufassen. And in den anderen fremden Ländern beobachten wir über­all. daß heule wieder der Ruf ergeht: Die Kirche muh gepflanzt, gebaut und gepflegt werden. So sieht es in der Dia­spora aus.

Wir stehen freilich unter schweren Hemmungen, gegen die wir zum Teil wehrlos sind. Da sind vor allem die Christenoerfolgungen durch die Bolschewisten. Daneben stehen die natio­nalen Bedrückungen unserer deutschen Glaubensgenossen in der Tschecho­slowakei. Allein an 4000 deutsche Schulklassen sind dort in der letzten Zeit geschlossen worden. Man 1 kann der Eoong. Kirche kaum tödlichere Stteiche

versetzen, als wenn man sie in der Ausbildung un- crer Jugend in der Muttersprache und im evan­gelischen Geiste behindert. Und dann die abscheu­lichen Ausweisungen der deutschen Optanten aus Polen. Die Schuinöte der Evangelischen in Siebenbürgen sind gleichfalls sehr groß. Aber fast noch schwerwiegender ist. daß remdstämmige Glaubensgenossen den Deutsch-Evangelischen im Auslande das Leben bitter schwer machen. In gleicher Weise sehen wir noch in vielen Ländern große deutsch evangelische Not. Endlich R o m. Der Gustav-Adolf-Verein kann es sich bezeugen, daß er niemals eine .Kampforganisation gegen Rom war und muh es mit aller Bestimmtheit ab­lehnen. als eine Sturmtruppe in diesem Kampfe angeführt zu werden. Wir haben eine Aufbauarbeit unseres evangelischen Gemeindelebens zu treiben. Aber wir empfinden es bitter, wenn bei einer Ca- nifius-Feier Luther mit Beschimpfungen bedacht wird. Wenn jüngst auf dem Stuttgarter Katholiken­tag Frhr. v. Clett die Erklärung abgegeben hat, daß Rom die Herrin der Welt fei, wenn bei einer Heiligtumsfeier Erzbischof Schulte beweisen wollte, daß die dort ausgestellten Windeln Christis echt seien, so berühtt dieser Konttast zwischen mittelalterlichem Wunderglauben und moderner Katholikenschast recht eigenartig. In Stockholm hat Rom gefehlt. Möge in Rom ein Geist lebendig werden, der den Herrschaftsgedanken aufgibt, sonst wird über Rom das Schicksal einer Sekte sich voll­ziehen.

Hinsichtlich unserer Aussichten und Auf­gaben ist festzustellen, daß in weiten Kreisen un­teres Volkes das Interesse für unsere deutsche Aus- landdiaspora in außerordentlichem Maße gestiegen ift. Unsere Brüder und Schwestern dort draußen haben es heute unendlich viel schwerer als vor 1914. Für sie könnte heute noch viel mehr geschehen, wenn jeder Deutsche es als heilige Pflicht ansehen würde, mit aller Kraft für sie einzutreten. Dankbar sind wir dem Verein für das Deutschtum im A u s (a n b e , der in vielerlei Beziehung mit uns am gleichen Werk arbeitet und dem wir herzlichen kameradschaftlichen Gruß senden. Besonders dank­bar gedenken wir aber der Tatsache, daß das Deutsche Reich in seinen Höch st en Stel­len an der deutsch evangelischen Diasporapslege als der selbstverständlichen Wahrung des Protestantis- mus volles Interesse hat. Ergreifend war es, als Reichskanzler Dr. Luther in feiner Botschaft an die Kirchenkonferenz in Stockholm das Evangelium als den Wurzel stock bezeich­nete, der allein in den Realitäten u n serer Zeit uns st ü tz t. Zu diesem Bekenntnis des Reichskanzlers stehen wir freubig. Bei ber wei- tcren Besprechung ber Stockholmer Konferenz gab ber Reoner ber Hoffnung Ausbruck, baß aus einer Fortsetzung biefer Zusammenkünfte eine Einigung ber Völker heroorgehen möge. In biefem Zusammen­hang roanbte sich Rebner gegen bie Saat b e s Hasses, die von Frankreich aus In Schul- büdjern, wie man sie in Stockholm gesehen hat, noch immer gegen Deutschlanb ausgeftreut wirb. Dieses Verhalten mache es unmöglich, an bie Ehrlichkeit ber Versicherungen bes Frie - benswillens zu glauoen, mit benen man uns überschwemme.

Im Gustav-Abols-Verein regt sich überall große Freubigkeit zur Arbeit. Dadurch sinb wir mächtig unb bürfen hoffen, daß Gott unser Werk segnen wirb. Wir müssen über Lanb unb Meer zu unseren bebrängten evangelischen Brübern unb Schwestern gehen. In ber Erfüllung dieser Pflicht wollen wir treu fein, denn diese Pflicht ist wundervoll und heilig. (Stürmischer Beifall.)

Oer Gruß der Reichsregierung.

Hierauf sprach Ministerialdirektor Dr. Dem« mann vom Reichsministerium des Innern im Auftrage der Reichsregierung. Er sagte:

Im Namen der Reichsregierung habe ich die Ehre, bie 70. Hauptversammlung bes Vereins ber Gustav-Abolf-Stiftung zu begrüßen, ihr Grüße unb Wünsche zu überbringen, so herzlich, wie sie Ihnen gestern abenb bereits in ber Iohannestirche in so reichem Ausmaß von berebten Munbe bargebracht worben sinb. Dem Herrn Reichskanzler Dr. L u - t h e r sowie bem Herrn Reichsminister bes Innern Schiele, meinem Herrn Chef, unb bem Reichs- minifter bes Auswärtigen Dr. Strefemann würde es eine besondere Freude gewesen sein, hier selbst bei der Tagung zu erscheinen, um Ihnen per- sönlich die Teilnahme zum Ausdruck zu bringen, die die Reichsregierung ständig den Arbeiten des Gustao-Adolf-Vcreins entgegenbringt. Zu ihrem Be­dauern ist es den leitenden Staatsmännern des Reiches in diesen Tagen nicht möglich, von Berlin abwesend zu fein, da das Reichskabinett zu ernsten Beratungen über schicksalsschwere Fragen für Reich und Volk gufammengelreten ist. Und so ist denn mir, der zu seiner großen Freude bereits wiederholt mit Ihrem hochverehrten Herrn Vorsitzenden in för- berfamer Arbeit hat zusammenstehen bürfen unb weiterhin in verstärktem Maße zusammenstehen wirb, bie Ehre zuteil geworben, im Namen ber Reichsregierung einige Worte an Sie zu richten.

Wenn ich heute auch als Vertreter politischer Ressorts zu ihnen entlaubt bin, so lassen Sie mich doch über politische Dinge schweigen. Lassen Sic mich vielmehr nur kurz aussprechen, wie ich empfinde, und was mich bewegt, namentlich auch in meiner amtlichen Stellung, wo ich zum erstenmal das Glück habe, der machtvollen unb erhebenden Ta­gung des Vereins der Gustao-Adolf-Sttftung beizu­wohnen.

Hochansehnliche Versammlung, wie leben leider sei es gesagt noch immer in einer fried- unb freublosen Zeit, in ber Kleinmut unb Verzagtheit bie Herzen nieberbrürfen, ben Drang zu frohem Schaffen hemmen wollen. Schwere politische Ereignisse haben bie Reiche unb Völker Europas in ihren Grunbfesten erschüttert, schwere wirtschaft­liche Schäden haben in unserem Volke Sorgen unb Etend als tägliche Gäste an den häuslichen Herd ge­führt. So lasten seelische unb wirtschaftliche Nöte schwer auf den Gemütern und drohen alle ideal nach oben gerichteten Kräfte zu unterdrücken, die uns aus bem Elenb ber alltäglichen Sorge emporziehen wollen. Sie banben den einzelnen zu sehr an die eigenen materiellen Note unb alles geistige Schaffen neben bem Willen zur opferbereiten Hilfe für ben Nächsten unb für bie Gesamtheit.