m. 298 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 21 Dezember (925
Der Scüziftenterror in Südtirol.
Zu unseren, fast täglichen, Meldungen über die Bedrückung unserer deutschen Stammesbrüder in Tirol erhalten mir von sehr geschützter Seite folgende Zuschrift, die wir der ernsten Beachtung unserer Leser angclegentlichst empfehlen möchten. D. Red.
Die unerhörte Vergewaltigung, die die Bevölkerung Sudtirols heute erdulden muß, und die schamlose Unterdrückung des Deutschtums in diesem kerndeutschen Lande geben mir Anlaß zu diesen Zeilen.
Der „Gies,euer Anzeiger" hat sich ein dankenswertes Verdienst um die deutsche Sache dadurch er worben, daß er schon seit geraumer Zeit seine Leser gewissenhaft darüber unterrichtet, in welcher Weise, auf welchen Gebieten und mit welchen verabschcu- ungswürdlgcn Mitteln die italienischen Behörden und die faszistischen Organe des welschen Diktators am Werte sind, das deutsche Volkstum, die deutsche Kultur und letzt auch noch die deutsche Sprache in Südtirol unter zynischem Bruche der seiner Zeit den Deutschtirolern gegebenen feierlichen Versprechungen. nicht nur zu unterdrücken, sondern völlig auszurotten. Ich sehe, weil dies zu weit führen würde, davon ab, hier Einzelheiten anzuführen und auszumalen, was es bedeutet, einem Volke seine Muttersprache zu nehmen, es genügt, nur an die empörenden Vorgänge in Sterzing, Brixen und Bozen zu erinnern. Sie erzählen Bände.
In trefflichen Worten hat vor einigen Tagen der Vorsitzende der Ortsgruppe Gießen des Vereins für das Deutschtum im Auslande in einer Mitgliederversammlung den Gefühlen der Empörung und des Abscheus Ausdruck gegeben, die jedes deutsche Herz wegen solcher Felonie, Niederträchtigkeit und Roheit der Welschen bewegen. Er hat auch mit Recht seinem Erstaunen darüber Ausdruck gegeben, daß trotzdem viele Tausende von Deutschen es auch heute noch über sich gewinnen können, jahraus, jahrein lediglich des Vergnügens und des Genusses halber nach Italien zu reifen. Ich halte diesen Protest für völlig begründet, daß man den Reichs- eußenminister veranlassen will, auf diplomatischem Wege Schritte zur Wahrung der Interessen der deutschen Minderheiten in Italien zu tun. Was wird ober auf diesem Wege erreicht werden? Proteste sind im Verlaufe der letzten Jahre zu vielen Tausenden ergangen, haben aber, mögen sie auch noch so „flammend" gewesen fein, im allgemeinen keinen oder doch keinen nennenswerten Erfolg gehabt. Und ob Deutschland, wenn es wirklich einmal Mitglied des vielgepriesenen Völkerbundes fein wird, bei dessen Zusammensetzung auf dem Wege der diplomatischen Verhandlungen mehr er- reichen wird, will mir mindestens zweifelhaft erscheinen.
Hili dir selber! lautet ein altes Wort und mir will scheinen, als gelte es auch hier. Der Einwand, daß Deutschland keine Machtmittel besitze, um dem szaszistenterror und der welschen Wortbrüchigkeit mit dem erforderlichen Nachdruck entgegentreten, ist ja leider nur zu wahr: aber sind wir Deutschen denn deshalb wirklich völlig wehrlos? Müssen wir alles Unrecht, alle Schmach, alle Niederträchtigkeit und Gemeinheit, die die welschen Behörden und die Zaszistenbande unserem geknechteten Brudervolke in Südtirol täglich aufs neue zufügen, völlig widerspruchslos über es und uns ergehen lassen? 3d) glaube, es gibt ein Mittel, das auch dem wehr- imd waffenlose Deutschland zur Verfügung steht, um die welschen Unterdrücker zum Nachdenken und zur Abkehr von dem seither beschrittenen Wege zu zwingen. Und dieses Mittel heißt: rücksichtslosester Boykott!
Es ist allgemein bekannt, daß die Fremdenindustrie, bei der die Deutschen die bedeutendste -tolle spielen, eine der vornehmsten Einnahmequellen Italiens bildet, und daß daneben auch die Ausfuhr von Südfröchfen, insbesondere nach Deutschland, für den italienischen Geldbeutel von großem Interesse ist. Viele Millionen Mark wandern jährlich für Drangen usw. nach Italien und gehen so der schwer notleidenden deutschen Volkswirtschaft, die sie bitter nötig hätte, verloren. Und Diele weitere Millionen Mark werden von deutschen Lergnügungsreisenden, die ihre überflüssigen Gelder wahrlich besser der deutschen Wirtschaft ober in Südtirol selbst der dortigen deutschen Bevölkerung zuwenden und dadurch unseren bedrückten Stammesbrüdern hilfreich unter die Arme greifen könnten, jährlich in Italien ausgegeben. Ist >as nötig? Muß das fein? Keineswegs! Wie unsere Eltern und Großeltern ohne Apfelsinen ausge- iommen sind, können wir es auch und ebenso wie lic ihre Erholung in unseren herrlichen Gebirgen, Seebädern und sonstigen deutschen Sommerfrischen nfm. gefunden haben, so können auch wir sie, falls unser geschwächter nerous rerum noch erlaubt.
auch in unserem lieben Vaterlande und in Südtirol finden, mögen Italien, seine Riviera und seine Adria auch noch fo schön und verlockend sein!
Wer es volkswirtschaftlich für richtig hält, in der heutigen Zeit der 'Jlot sein Geld für überflüssige fremdländische Luxusgenußmittel dem Auslande und insbesondere Italien zuzuwenden, mit dem mag ich nicht streiten, er mag dies mit seinem Gewißen ausmachen. Und wer es heute als Deutscher über sich gewinnen kann, ohne zwingenden Anlaß nach Italien zu reifen, fein gutes Geld der deutschen Wirtschaft zu entziehen und es den Welschen in die Taschen zu spielen, die unsere armen deutschen Brüder und Schwestern in Südtirol nicht nur lediglich um des sacro egoiemo willen ihrer Freiheit beraubt haben, sondern ihnen auch ihre deutsche Muttersprache, ihre deutsche Schule, selbst ihren deutschen Privatunterricht und ihren deutschen Gottesdienst nehmen wollen, der hat Begriffe von Vaterlandsliebe, Stolz und Würde, die mir nicht verständlich sind'
Ich meine deshalb, daß es, soll Südtirol dem Deutschtum und unserem geliebten Vaterlar.de nicht unwiederbringlich verloren gehen, ^dic allerhöchste Zeit sei, den Faszisten und ganz Italien gegenüber । endlich von der letzten uns zur Verfügung stehenden Waffe den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. । Jeder einzelne müßte cs als seine heilige Pflicht ansehen , nicht nur für feine Person in den Boykott einzutreten, sondern auch in alten Kreisen, wo dies irgend geschehen rann, für seine rücksichtsloseste Betätigung zu wirken. Noch viel mehr aber dürfte es auch die Pflicht der vaterländischen Presse fein, mit allen Kräften für den Boylott Propaganda zu machen und auf den zahlreichen ihr offen- stehenden Wegen dem deutschen Volke die Augen zu öffnen und ihm einzuhämmern, was für Deutschland auf dem Spiele steht.
Geschieht dies, dann r 'd, davon bin ich fest überzeugt, der Erfolg nicht ausblcibcn und dann muß der Boykott, mag er auch lange nötig fein, fortgesetzt werden, bis man in Italien zur Einsicht gelangt und sich dazu bequemt, die rigorosen, geradezu unerhörten Maßnahmen, unter denen das bis aufs Blut gepeinigte Südtirol leiden muß, aufzuheben und Lebensbedingungen für die deutsche Südmark zu schaffen, die wenigstens erträglich sind und nicht Recht und Menschlichkeit Hohnsprechen.
Das englisch-deutsche Handelsinteresse.
Bon Professor Dr. Hermann Levy, Berlin.
Zwei handelspolitische Tatfachen sind heute in den Handelsbeziehungen Deutschlands zu England von störendem Einfluß. Erstens das Bestreben der heutigen englischen Regierung, auf dem Wege eines Schutzzolles für zunächst kleinere Industrien zu dem von ihren Anhängern seit Jahrzehnten propagierten „richtigen" Schutzzollsystem zu gelangen. Die Wiedereinführung der MacKenna-Zolle in diesem Jahre sowie der vielerörterte Erlaß vom 3. Februar 1925 sind der Ausgangspunkt dieser neuen englischen Handelspolitik geworden. Die neuen Zolle aut Kunstseide, Spitzen, Stickereien, Hopsen sind Beispiele ihrer Aktivität. Es ist ja auch ohne weiteres klar, daß die immerhin noch notwendige Prüfung, ob eine um Schutzzölle einkommende Industrie „wirklich notleidend" und durch den fremden Wettbewerb notleidend sei — wie es das heutige englische Verfahren bedingt — sehr stark vom Subjektivismus der Prüfenden abhängt. Die englischen Schutzzöllner haben jedenfalls hier eine Hintertür zur Einfchmug- gelung von Zollen gefunden, und eines Tages wird ein ganzes Netz solcher Zolle vorhanden sein, ohne daß man wiederum das Land zur Abstimmung über Freihandel und Schutzzoll hätte aufrufen müssen. Dieser im wahren Sinne als „clever“ zu bezeichnende Einfall der englischen Protektionisten muß auf die Dauer die deutsche, auf englischen Freihandel eingestellte Handelspolitik selbstverständlich beeinflussen.
Zweitens trifft uns das englisch-koloniale (besser bominiale) Handelsverhältnis. Die Vorzugszölle, welche die Dominien dem Mutterlande gewähren, sind im Grunde genommen gar nicht mehr „koloniale" Vorzugszölle. Denn Kanada, Australien, Südafrika — es wird bald Indien ebenfalls in diesem Zusammenhang genannt werden können —, sind keine wirtschaftlichen Annexe eines Mutterlandes mehr, sondern reguläre, handelspolitisch autonome Staaten mit selbständig entwickelter Industrie - und Handels- w i r t s ch a s t. Der „koloniale" Vorzugszoll dient lediglich als Vorwand, nichtbritische Waren von den Kolonien fernzuhalten. Dies aber wiederum bedeutet im Grunde nichts anderes als verschärfte Schutzzollpolitik der Dominions überhaupt, weil stets mit der Einführung neuer Vorzugszölle auch die absolute Zollmauer erhöht wurde. Denn Eng
land ist noch immer in den Dominions der stärkste Konkurrent. Daß England durch die koloniale Zollpolitik geschädigt wird, ist aber kein Trost für die Tatsache, daß Länder wie Deutschl.ind noch mehr durch sie geschädigt werden. Ganz besonders, wenn wie in Australien Gesetze erlassen werden, daß der Vorzugszoll auf englische Waren nur gelten soll, wenn mindestens 75 Prozent der auf die Einfuhrwaren verwendeten Arbeit britisch ist, womit also der Veredelungsverkehr Englands zum Nachteile deutscher Halbfabrikaterportcure getrossen wird. Daß wir angesichts dieser Sachlage uns bereit finden mußten, den englischen Kolonien Meistbegünstigung zu gewähren — obschon der größte Lieferant derselben Vorzugszölle genießt — ist ein Zugeständnis, das nur aus unserer handelspolitisch schwachen Position zu erklären ist und auf die Dauer unerträglich sein wird.
Wie also auch die jetzt schwebenden, hoffentlich wenigstens im akuten Sinne lösbaren Fragen zwischen der englischen und deutschen Hanbelsvertrags- politik sich entwickeln mögen, auf lange Sicht werden Schwierigkeiten in den Handelsbeziehungen beider Länder verbleiben, wenn nicht die beiden genannten Tatsachenkomplere eine Acnderung erfahren. Gerade deshalb scheint eine Prüfung der tatsächlichen heutigen englisch-deutschen Wirtschästsinteressen eine weit über den Augenblick hinauegehrnde Aufmerksamkeit beanspruchen zu können. Die bis zum September 1925 verfügbaren Ziffern geben folgendes Bild:
Es betrug in Millionen Pfund Sterling der Handel Englands mit Deutschland:
Ausfuhr nach Einfuhr
Deutschland aus Deutschland im Vierteljahrsdurch
schnitt 1913 10,169 20,103
Juli—Sept. 1924 8,108 10,919
Juli—Sept 1925 10,530 10,116
Es handelt sich hier nur um die Wertziffern, welche natürlich angesichts der veränderten Preisbildung feinen Anhaltspunkt für die Mengenausfuhr abgeben. Ader dieser Anhaltspunkt wird aud) in diesem Zusammenhang nicht verlangt werden. Die Ziffern beweisen zur Genüge, daß sich die Ausfuhr Englands nach Deutschland and) in heutiger Zeit nicht schlecht gehalten hat, während die Bezüge Englands aus Deutschland — trotz gestiegener Preise — ganz erheblich gesunken sind, so daß sich die englisch-deutsche Handelsbilanz, die im Jahre 1913 aktiv für Deutschland war, heute zu Ungunsten Deutschlands passiviert hat. Dieses Resultat kommt auch in den unlängst von dem englischen Eomittee on In- dustry and Trade veröffentlichten Berechnungen zum Ausdruck. Danach betrug der prozentuale Anteil Deutschlands an dem Werte der englischen Gesamtausfuhr im Jahre 1913: 7,74 Proz., im Jahre 1924: 5,36, während umgekehrt der Anteil Deutschlands an dem Wert der Gesamteinfuhr Englands im Jahre 1913 11,56 Prozent betragen hatte und im Jahre 1923 (die Ziffer für 1924 konnte von dem Ausschuß noch nicht errechnet werden) nur 3,48 Proz. betrug!
Was bedeutet aber, wenn man von diesen Rela- tivzahlen absieht, die absolute Ziffer des Absatzes nach Deutschland für England? In dem uerfloffenen Dreivierteljahr Januar bis September 1925 konnte England nach Deutschland für fast 33 Millionen PfundSterling Waren ausführen. Die Ausfuhr nad) Frankreich, die heute durch den finkenden Franken immer stärker erschwert wird, betrug nur 29 Millionen Pfund Sterling gegen noch 37,4 Millionen im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wo sie die deutsche Einfuhr aus Enlgand um über 6 Millionen übertroffen hatte. Schon allein 'diese Entwicklung sollte den Engländern zu denken geben. Gemessen an der Aufnahmebereitschaft anderer Länder für die englische Waren bedeuten aber besagte 33 Millionen Pfund Sterling, für welche wir bisher in diesem Jahre von England einkauften, weit mehr als das Doppelte dessen, was je Belgien und Spanien bezogen, etwa die Hälfte dessen, was Australien und Kanada zusammen bezogen, weit mehr als Argentinien, Peru und Uruguay von England zusammen einführten, und nur 6$ ÜRiUionen Pfund Sterling weniger, als selbst die Bereinigten Staaten von Amerika aus England eingeführt haben. Da die gesamten Bezüge Europas aus England in jenem Zeitraum 186,9 Millionen Pfund Sterling betrugen, so war Deutschland hieran allein mit einer Summe beteiligt, die zwischen z und z betrug, das Interessante und Auffallende aber ist, daß sich die Ausfuhr Englands nach Deutschland von 1924 bis 1925 heben konnte, während die gesamte Europa- Ausfuhr Englands in dem genannten Zeitraum gegenüber 1924 von 198 383 Millionen Pfund Sterling auf 186 987 zurückgegaMen ist, wobei besonders die Abnahme der Ausfuhren nach Frankreich, Belgien und der Schweiz ins Gewicht fällt. Um so bemerkenswerter ist die Steiaerung der deutschen Abnahmebereitschaft für englische Waren.
Liegt heule Deutschlands Starke nicht mehr in den machtpolitischen Mitteln, die selbst bei wirtschaftlichen Vertragen immer — wenn auch nur im Hintergründe — eine Rolle gespielt haben, so liegt also, wie die Zahlen bcmcijen. seine Stärke in seiner ungebrochenen Aufnahmefähigkeit, in seiner Bedeutung als Kunde. Gerade ober in der heute desorganisierten Weltwirtschaft muß ein jedes Land Darauf sehen, daß seinen Aue gaben im Warenverkehr auch entsprechende Einnahmsn, und zwar nicht nur aus der Weltwirtschaft, sondern gerade aus denjenigen Ländern gegenüb?rs:ehen, von denen es kaufen muß. Ein Handel po'iii'er, der diesem rezi- profen Verhältnis heute nicht gebührend Rechnung trägt, der nicht den Versuch macht, für jedes Zu- peftänbnis einem einzelnen Lande gegenüber ein gleiches von diesem zu erwirkei: verficht nicht die gegenüber der Friedenszeit grundlegend veränderten Erfordernisse Der heutigen Handelspolitik. Da- direkt trabing". wie man es in England genannt hat, das heißt der Versuch, Abschlüsse zu erzielen, die darauf hinauslausen, daß Warensendungen an ein Land durch Warenbezüge de! selben Landes beglichen werden, ist heute, wo es für jede Volkswirtschaft ebenso schwer ist wie für den Privaten, Auftrage hereinzubekommen, unter ganz anderen Gesichtspunkten zu betradjten, als vor dem Kriege, wo in erster Linie die allgemeine Struktur der Zolltarife das Entscheidende war. Da man in England geschäftlich zu denken versteht, wird and) Dort dieser Standpunkt, wenn er von Deutschland mit Nach, druck vertreten wird, kaum mißverstanden werden können. ________ _________
Oberhessen.
Lanvtreis Giesrcn.
£ Wieseck. 21. Dez. Aus der jüngsten Gemeinderatssihung ist zu berichten, daß die im nächsten Jahre zu erhebende Hundesteuer, einem Vorschläge des Bürgermeisters entsprechend, wie iin Vorjahre 4 Mark betragen soll. Besitzer mehrerer Hunde haßen für jeden weiteren Hund 10 Mark an Steuern zu entrichten. - - Die sozialdemokratischen Mitglieder des Gemeinderats hatten einen Antrag eingereicht, der den Erwerbslosen und sonstigen besonders bedürftigen Gemeindeangehörigen eine Wcihn ach tsbei- hilf e geröhrt wissen wollte. 3n gleichem Sinne bewegte sich ein Antrag der Erwerbslosen leibst. Aach einer kurzen Aussprache wurde der Antrag der Sozialdemokratischen Partei e i n - stimmig angenommen, der in seinen wesentlichsten Punkten besagt: An betonteren Weih- nöchtsunterstühungen sind aus ©emeinbcmitleln zu gewähren: a) für erwerbslose Hauptunter- stühungsempsänger über 21 Jahre 30 Mk., bi für erwerbslose HauptunterstühungLempchnger unter 21 Jahren 20 Mark, c) für jeden unterhaltungsberechtigten Angehörigen 5 Mk. Diese Maßnahme sols, alle am Stichtage erwerbslosen Gemeindeangehörigen umfassen. Als Stichtag wurde antragsgemäß der 18. Dezember bestimmt. In Fällen, wo weniger als 15 Tage Erwerbslosigkeit Dorliegen, sollen nur 50 Prozent der beschlossenen Sähe gewährt werden. Die Gemeindeverwaltung wurde beauftragt, dafür Sorge zu tragen, daß spätestens am 22. Dezember die Empfangsberechtigten in den Besitz der Beihilfen gelangen. Um zu erreichen, daß die zu diesem Zweck aud* gegebenen Mittel auch zweckentsprechend Verwendung finden und nicht in Alkohol usw. um- gefetjt werden, wurde die Armenkommission mit Der Erwerbslosen kommi'sion beauftragt, zu prüfen, inwieweit in einzelnen Fallen es angebracht erscheint, die Beihilfe in Naturalien zu gewähren. Wo es erforderlich erscheint, soll die Beihilfe an die Ehefrau bzw. an die Eltern ausgehändigt werden. Ausgesteuerte, nicht mehr bezugsberechtigte Erwerbslose sollen, da hier die Notlage am ausgeprägtesten ist, zu obigen Sätzen einen Zuschlag von 50 Prozent erhalten. In den Genuß der beschlossenen Weihnachtsbeihilfe kommen etwa 89 Erwerbslose. — 3n Verbindung hiermit wurden die von der Armenkommission vorgeschlagenen Winterbei- Hilfen für die Sozial- und Kleinrentner ebenfalls einstimmig beschlossen. Hier wurden Beihilfen im Betrage von 30 bis 50 Mk. gewährt. — Eine Anzahl Rechnungen, die in dem vor kurzem eröffneten Autobetrieb ihre Begründung hatten, wurde genehmigt. Wie der Bürgermeister hierbei mitteilte, ist mit der Reichspost eine Vereinbarung dahingehend erzielt worden, daß dieselbe von voraussichtlich 20. Dezember ab die für Wieseck bestimmten Postsachen mit den Auko-Omnibussen befördert. Als Entschädigung hierfür zahlt die Reichspost jährlich 720 Mk. Dadurch wird erreicht. daß die Paket-Post schon mittags unu
Englische Weihnachten.
Von Paul Pasig.
Wer an eine Weihnachtsfeier bei unseren Settern jenseits des Kanals den gleichen Maßstab anlegen wollte wie an unsere deutsche, der würde sich in einem gewaltigen Irrtum befinden. Denn was unserer deutschen Ehristfeier ihre Eigenart verleiht: die Innigkeit, die Gemütstiefe, kurz, jenes unbestimmbare Etwas, das ohne werteres die Herzen gefangen nimmt und fesselt, das geht der englischen Feier völlig ab. Das hängt mit dem englischen Volkscharakter zusammen, der wesentlich auf das Praktische gerichtet ift.^ Der Engländer sieht auch bei seinen religiösen Veran- stattungen mehr auf das Aeußere, auf Die ..Abmachung", als auf den Kern. Schon Der englische Gottesdienst in seiner finnenfälligen prunkvollen Ausgestaltung legt davon Zeugnis ab. Dem richtigen Engländer liegt Daran, daß vor allem die äußeren Sinne, Auge und Ohr. auch b.i den religiösen Feierlichkeiten auf ihre Rechnung kommen, für Herz und Gemüt und Deren Bedürfnisse hat er so gut wie kein Verständnis. Das zeigt" sich vor allem auch bei der Feier des Ehristsestes. Von dem tiefgeheimnisvollen Zauber, von Dem gerade dieses „Fest aller heiligen Feste" umwoben ist, ist drüben so gut wie nichts zu spüren, und eine englische Weihnachtsfeier mutet bodenlos nüchtern an. Zwar sucht der Engländer auch feinen Kindern, wie wir. durch „Father Christinas“ und „Santaclaus“ weihnachtliche Stimmung zu suggerieren. Das sind zwei Gestalten wie unser Knecht Rupprecht und St. Nikolaus, von denen, was die Hauptsache, unsere deutschen Kinder eigentlich gar nicht wissen, was sich dahinter verbirgt Anders drüben, jenseits des Kanales! Reklamebedürftige Geschäftsleute sorgen schnell dafür, daß Die geheimnisvolle Illusion bald
schwindet. Sie lassen schon einige Wochen vor dem Fest den „Father Christmas“ in langem, weißem Barte und wallendem Gewände in den Geschäften und Kaufläden umherstolzieren, um angeblich ^nach dem rechten" zu sehen, in Wahrheit Der Reklame wegen! Es gilt eben auch hier: „Geschäft über alles", und solche Kaufläden haben natürlich doppelten Zuspruch, wo „Father Christmas“ eingekehrt ist. „Santaclaus“, der andere Kinderfreund jenseits des Kanals, weiß hingegen sein Inkognito zu wahren und die Kinder erfahren erst, daß er dagewesen war, wenn sie am frühen Morgen Die abenDs zuvor am Bett befestigten Stümpfchen mit allerlei guten Dingen, die Kindermund, und Kinderherz erfreuen, angefüllt finden. Nun wissen sie's ganz genau:: Santaclaus ist dagewesen!
Selbst Der Schmuck, ohne Den wir uns kein rechtes Christfest denken können. Der mit Nüssen. Aepseln und allerlei buntem Flitterwerk begangene lichtverklärte Tannenb. um^ gehört in Den englischen Familien zu den Seltenheiten, und erst in neuerer Zeit hat er angefangen, sich drüben mehr und mehr einzubürgern. Man feiert dann, wie man wohl sagt, das Weihnachtsfest „deutsch". Freilich sind es meist Däumchen von zwerghastem Aussehen, die. in Topfe gepflanzt, Drüben als ..Christbäume" Verwendung finden. Hieraus ergibt sich auch von selbst, daß Der Christbaum Drüben bei Der Weihnachtsfeier j>ei weitem nicht Die Bedeutung hat wie bei uns. In EnglanD kennt man eine Bescherung, nach deutscher Art am „heiliges Abend zumeist so gut wie gar nicht, man beschenkt sich meist Tage, ja, Wochen vor dem Fest.
Den Mittelpunkt der Dortigen Ehristfeier bildet das „Christmas-dinner“ und der Diesem folgenben „Christmas-dance“. Zu ersterem wird ein möglichst großer Kreis von Verwandten,
Freunden und Bekannten geladen, als Fleischspeisen werden regelmäßig Truthahn und RinDs- lende aufgetischt. Ersteren sucht sich selbst Der Minderbemittelte zum Feste 511 leisten. Die Lende führt den eigentüm.'.hen Namen „Sir Lofn“. Man erzählt, König Eduard IV. sei. als er sich, einst von der Jagd heimkehrend, hungrig zu Tisch gesetzt habe, durch den Anblick eines vorzüglich zubereiteten Lendenbratens so in Entzücken geraten, daß er fein Schwert gezogen und Den vor ihm stehenden Duftigen Braten höchst- eigenhändig zum Ritter geschlagen habe. Seitdem führt Der Braten das hochtrabende Prädi- tat „Siri“. Ist nun der erste Gang Des „Dinners“ glücklich bewältigt, so folgt als zweiter die Krone aller englischen Dinners: Der PlumpuDDing. Er ist heute zur Feier des Tages mit einem Stechpalmzweige geschmückt und mit Dran Dy übergossen. Dieser toirJ angezündet, unD nun erscheint die ganze Speise, eine dunkelbraune feste Masse, von blauen und gelbroten Flämmchen umzüngelt, auf der Festtafel. Die Zubereitung Dieser englischen Nationalspeise, zu Der 15, nach andern 20 verschiedene Zutaten gehören Deren rechtes Mischungsverhältnis das Geheimnis der englischen Köchin bildet, erfordert höchste Sorgfalt. Die Zubereitung des Plumpuddings ist mit einem eigenartigen Brauche oertnüpft. Es müssen sämtliche Hausgenossen die rohe Mischung des Teiges einen Augenblick mit dem Löffel umrühren. Als besonders glückverheißend gilt, wenn dabei dem jüngsten Kinde der Vortritt gegeben wird. Dabei liebt man es, der Teigmasse einen Ring, eine Silbermünze u. dgl. einzuverleiben, und für den glücklichen Gewinner bzw. Zinder bedeutet dies Sinnbild eine allezeit gefüllte Geldbörse, eine baldige Verlobung oder sonstigen Glücksfall.
Dem Christmas-Dinner folgt in der Regel der Christmasdance. w'.'d
so viel und so elegant getanzt wie zur Weihnachtszeit, und manchem Herzensbunde wurden durch diese beliebten Familienbälle die Pfade geebnet. Eine besonders anheimelnde Zierde erhalten sämtliche Räunllichkeiten, worin sich die fröhlichen Tänzer schwingen, durch den grünen Laubschmuck, welcher überallher grüßt, und der gewissermaßen die Stelle unseres Tannenbaums vertritt. Es find Zweige der Stechpalme (Holly) mit ihrem reizenden roten Beerengruppen inmitten des saftig-grünen, bidjten Laubwerkes. Auch Lorbeer, Myrthe, selbst geschmackvoll gewundene Epheuranken finden Ver- menbung. Aber bie Stechpalme ist und bleibt ber eigentliche englische Weihnachtsbaum. Ihm gesellt sich noch ein unscheinbares zweites Pflänzchen bei: ein bescheidener Zweig mit kleinen dunkelgrünen Blättchen und milchweißen Beeren, ber von ber Mitte bes Zimmers heravhängt über ber sich tum» nielnben fröhlichen Jugenb: ber Mistelzweig. Schon ben alten Germanen war bieser heilig, und ber unentbehrliche Begleiter ber blutigen Opfer, bie burch ihn erst sühnesahig würben. Heute ist er bas Sinn« bilb ber innigste» Liede, und bas „Küssen unter bem Mistelzweig" ist mehr als eine fromme Sage, es wirb in England am Christfeste Tatsache und Wahrheit.
Aber die Stunden fliehen schnell dahin, und die berauschenden Klänge der Musik ertönen immer langsamer, feierlicher — ber Sir Boger be Cooerl ist's, ein altväterischer, altmobischer Tanz mit einförmiger Melobie, ber ben Schluß bes Vergnügens bilbet, unb bas, was ihm an lebenbiger Frische unb Grazie fehlt, burch peinliche Länge zu ersetzen sucht. Enblich ist auch er vorüber, unb man Der« abschiebet sich mit einem „Good night! A happy New-Yar to you! Good night!" in bem erhedenben Bewußtsein, wieber einmal sein Weihnachtsfest, würbig ber Sitte Olb-Englanbs, gefeiert zu Haden.


