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Franziska.
Roman von Liesbet Dill.
„La prGace du th&ätre, c*est l’amour . . .** Voltaire.
Erster Teil.
ES war Frühling. 3m Schloßpark ßinA der weihe und blaue Flieder in schweren Duschen über die Mauern; die Dillen und Hausen, welche pyramidenförmig zu den bewaldeten Höhen aufstiegen, standen in weih schimmernde, rosa und hellgrüne Blütengärten gebettet, und die Apsel- und Kirschenblüten wuchsen duftig tote frisch» gefallener Schnee bis zum Wald hinauf. Der süddeutsche Frühling blühte gleichsam bis zum Himmel hinauf. Dte Stadt sog das Licht auf wie eine dursttge Quells dte Sprtngbrunnen stiegen in die blumengetränkte Luft, die so durchsichtig war, dah der aufwirbelnde Strahenstaub darin flimmerte und funkelte, in den blühenden Gärten, too es die Rosen nicht mehr erwarten konnten', aufzubrechrn, um sich in ihrem vollen Glanz und Duft zu zeigen, schien alles in rosa und weihe Farben getaucht und strebte der leuchtenden Sonne zu. und auf dem Königsplatz sprangen die Wasser, wie immer um die Mittagstunde.
An einem solchen Frühlingstage sah er Franziska zum erstenmal. Die Sonne stand auf dem glitzernden, mit lauem Wasser gefüllten Weiher, in welchem ein paar weihe Schwäne ihre sanften Furchen zogen. Sie sah auf der Dank unter der Dluibuche im Schlohgarten und zeichnete mit der Spitze ihres rosa Sonnenschirms Figuren in den Sand.
Ein schwarzer Schwan mit rotem Schnabel verharrte unbeweglich am Ufer mit einem sehnsüchtigen Dlick nach der Dame, aber sie schien in ihre Figuren im Sand versunken, daß sie nichts sah noch die Schritte hörte, die im Kies knirschten, bis plötzlich ein schmaler schwarzer Schatten auf ihren Weg fiel Sie schaute auf.
Ein junger Herr startd vor ihr, etwas mager, mit hellen grauen Augen: er grüßte ritterlich und fragte, ob die Dank noch einen Platz für ihn habe. „Dittel" Sie rückte zur Seite und hörte mit dem Zeichnen der Striche auf. Eine-
Welle blieb es still zwischen ihnen. Die weihen Schwäne glitten über den Weiher, und jeder dachte: wer ist das? „Was haben eigentlich die Figuren im Sand zu bedeuten?" meinte plötzlich der Unbekannte.
Franziska neigte den Kopf zur Seite. Sie hatte eine liebliche Art, die langen dunklen Wimpern zu senken und dabei nach innen zu lächeln. Sie zögerte mit der Antwort.
„Da Sie es mir nicht sagen werden, muh ich also raten." Er nahm seinen leichten Stock mit dem silbernen Griff, auf dem ihr geübtes, auf Aeuherlichkeiten gestelltes Auge gleich Monogramm und siebenzackige Krone bemerkte und fuhr über das Zickzack ihrer Sandfiguren.
„Man könnte es für die Schlacht bei Hohenfriedberg halten. Das Kroki hier rechts oben ist Striegau, unten links das Viereck Hohenfriedberg, in der Mitte stehen die Dachsen, bei den Striegauer Drücken versammeln sich die Preußen, und dazwischen, in dieser Staubwolke," der Stock wirbelte den Weißen Sand auf, „marschiert die österreichische Armee."
„Und wer siegte?"
„Die Preußen, mein gnädiges Fräulein, es war eine Armee von Helden mit Generalen wie ein Zieten und ein König, der selbst ein Held war.
„Und was wurde aus unseren Truppen?"
„Sie wurden auseinander gesprengt und in die Flucht geschlagen. Aber diesen Sieg verdanken wir zum größten Teil einer List. List wirkt im Kriege oft mehr als Kraft: man darf sie freilich nicht zu häufig anwenden, sonst verliert sie ihren Wert, man hebt sie am besten für wichtige Gelegenheiten auf."
Der Stock schlängelte sich durch die österreichische Armee. .„Also doch, wie ich gleich vermutet habe, Wienerin? Und sicher Schauspielerin, nicht wahr?"
„Warum gleich vermutet?" fragte sie rasch. „Ich bin seit fünf Jahren von Wien fort, und wir sprechen zu Haus nicht einmal wienerischen Dialekt."
Er erkannte, daß fie stolz auf ihre dialektfreie Aussprache war, und meinte mit einer bezeichnenden Bewegung, dah er die Wienerin gleich an ihrem schönen Hut erfarmt habe, und
es machte ihm Vergnügen, dah sie mit Lebhaftigkeit auf dieses Thema tingrng: Wien und Wienerinnen.
Sie spannte den Schirm auf, der dieses feinprostlige, junge, schöne Gesicht mit der geraden Stirn, dem dunklen, gewellten Haar in ein scmsteS rosiges Licht tauchte.
Er war „natürlich" preuhischer Offizier. Sie hatte bas sofort gesehen an feinem Gang, seiner Haltung, dem kurzgestuyten Därtchen, dem ganzen Auftreten und dem harten norddeutfchen Akzent, einem Organ, mit dem man Soldaten befiehlt. «
Hasse lächelte. Das Organ war Vererbung, seine Vorfahren waren bis auf ein paar Ausnahmen der Jetztzeit alle Militärs gewesen.
„Dis vor zweihundert Jahren Preußen, vorher Ungarn, eingewanderte Emigranten, denen später der König den Adel und ifjre Wappen wieder zulegte. Die Freiherrnkrone allerdings bekamen sie nicht mehr. — Aber, Franziska deutete aus die silberne Stodtrüde, worauf die Siebenzackige eingraviert war. — „Das ist ein Geschenk meiner Mama, der Exzellenz in Wiesbaden, einer geborenen Daronesse."
Er kam eben aus China zurück, wo er den Feldzug als Stabsarzt mllgemacht und dann einige Jahre das Leben eines reisenden Europäers im Gesandtschaftsviertel von Peking geführt hatte. Er war in den Küstenstädten herumgestreift, seine Studienreisen hatten ihn nach Kanton, Schanghai und Wutu, bis zu dem berühmten Lotussee, einem von unsauberen Abwässern verunreinigten Gewässer geführt. Den staubigen grauen Winter Chinas hatte er in der Provinz Tschili verbrachL Er Halle in Lepra- dörsern gelebt. In den eleganten, leichten chinesischen Booten war er fluhabwärts gefahren und hatte in vornehmen, verödeten Palästen gewohnt unter diesem hochentwickelten Doll mit seiner überlebten Kulter, den feinen Gelehrten und verbrecherischen Kurpfuschern. Er war eingedrungen in seine schmutzigsten WinkeL in die düstersten Höfe und gefährlichsten Hütten, wo die ekelhaftesten Krankheiten nisteten und unter Schmutz und Aberglaube gediehen.
So malerisch diese Städte an ihren Flüssen und Seen hingebaut lagen, so widerwärtig un
sauber waren sie traten. Wo dieser Schmutz dem Auge des Europäers verborgen bleiben sollte, war er übertüncht mit starrem Gold, versteckt unter pelzverbrämten seidenen Drokat- gewändern, Teppichen und Blumen.
„Do ist's auch mit dem Theater", sagte Franziska. „Und warum kamen Sie hierher, nicht nach Berlin oder München?"
„Ich bin hi er her gekommen/' sagte Hasse, „um zu arbeiten.“
Unter den Kollegen galt es für ein großes Glück, bet dem Ches des Ursulinenkrankenhauses. einem der besten deutschen Operateure, dem Chirurgen Worth, als Assistent angekommen zu sein. Worth toar allerdings auch feiner Grobheit wegen berühmt, er verbrauchte viele Assistenten, ließ Fürsten antichambrieren und machte keine Umstände mit seinen Untergebenen. Sein Reffe, ein Hasse befreundeter KorpSbruder. ein eleganter, etwas leichter Rheinländer, war noch keine vier Wochen bei seinem Onkel, als er sich schon auf der „inneren Station" befand.
Die Rähe Heidelbergs, wo er viele Semester studiert hatte, zog thn an. Er hatte feinen Dollar zu machen und sich Zeit gelassen, seinem alten Herrn, der gichtischen Exzellenz in Wiesbaden, viel zu lange . . . Das Geld für das Examen war schon ein paarmal in einer Sommernacht auf dem Reckar braufgegangen. Jedesmal, wenn fein alter Herr es wieder schickte, schien es ihm eigentlich zu schade für einen so vernünftigen Zweck, und er hatte es mit fröhlichen Genossen verjubelt. Dann bestand sein alter Herr energisch auf der Beendigung des Studiums, und Hasse war in eine Klemme geraten. Plötzlich fiel ihm, als er eines Tages die Treppe hinunterstieg, in der Universität auf dem schwarzen Brett eine dort angeschlagene Aufforderung zu einer Preisaufgabc auf. Er machte sich an die Arbeit und — bekam den ersten Preis dafür. . .
„Und dann?" fragte sie.
„Machte ich meinen Doktor und ging als Schiffsarzt hinaus, bis der Krieg in China aus- brach."
„Ihre Hoffnungen erfüllten sich wohl alle?" fragte Franziska, die den Schwänen gedankenvoll zuschaute' rtfehuna »nlgtl
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