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Samstag, 21. November 1925

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Nr. 275 Drittes Blatt

Eine Reise durch deutsche Kolonien in Ruszland.

Von unserem ?.,Mitarbeiter.

I. An der Wolga.

Die traurige Tatsache, daß man sich im deutschen Qutterlande so wenig um die in der Diaspora leben- dm Deutschen gekümmert Hal wer weiß denn, d z.B. allein in Rußland über zwei Millionen echt diutsche Bauern als fleißige Kolonisten leben hat Nicht wenig dazu beigetragen, daß uns durch den ! Ariedensoertrog von Versailles unter dem hcuchle- r scheu Vorwande einer tolonisatorischdn Unfähigkeit der Deutschen unsere Kolonien und unsere Welt­geltung geraubt wcrdeit konnten. Die Geschichte der deutschen Kolonisation in Rußland, die bisher beson- d irs stiefmütterlich behandelt worden ist, stellt einen d -x schlagendsten Beweise für die heuchlerische Lüge ( ner angeblichen deutschen Ungeeignetheit für die AKonisatlon sremdcr Länder dar. Ein Besuch dieses d -utschen Kolonisten fern im Osten, die nicht zum geringsten Teil auch aus unserem Hessenlande stam- n-en, läßt uns staunen, welch echt deutsche Menschen, axId) hohe Kultur und wirtschaftlichen Wohlstand irir hier inmitten der fremdstämmigen Slawen und i Tataren finden. Nach langen Tagen einer Wande- rimg durch Rußlands weites Reich mit seinen oft fo furchtbar armseligen Bauernhüttchen voll Schmutz u id Unrat ist cs eine Wohltat, ein Gruß aus der horimat, deutsche Kolonistendörfer zu erbliaeri.

Langsam und ruhig trägt uns der kleine Fluß- Ampfer den breiten Wolgastrom hinunter, unserem 5'd der Hauptstadt der autonomen deutschen Wolga- rspublik, Marxstadt, zu. Zur Linken ist das flache Wiesenufer mit Gebüsch bestanden und gestattet einen weiten Ausblick über das Land; rechts dagegen orb der Fluß von einer Hügelkette mit mehr oder weniger steilen Hängen begleitet. Inmitten der saf­tigen Flußwiesen taucht hinter einer kleinen Strom- bxegung das erste Kolonistendorf mit seinen sauberen und hübschen Häusern um eine spitzturmigc Kirche gruppiert, auf. In der warmen Mittagssonne geben diese ersten Vorboten der deutschen Wolgakolonien ein liebliches Bild ab, das langsam an uns vor- ü'verzieht.

Große bärtige Wolgakolomsten mit ihren hohen Fellmützen haben sich um mich, den Reichsdeutschen hier eine seltene Erscheinung geschart, und munter geht Frage und Antwort hin und her. Sie erzählen von der Geschichte und der Wirtschaft der am Ufer liegenden Dörfer, wobei recht heimatlich kkmgende Namen wie Zürich, Marienfeld, Schaff­hausen genannt werden. Kurz vor Katharinenburg oder wie es heute dem Zuge der Zeit entsprechend recht ideenlos heißtMarxstadt" liegen inmitten grüner Wiesen und malerischen Ufergebüfiches freund­liche deutsche Dörfer, die einen herzerfrischenden An­blick schon durch ihre äußere Sauberkeit gewähren urb uns den oft recht trostlosen Eindruck fo manchen grauen und eintönigen Ruffendorfes vergessen lassen, bie an unserem Reiseweg bisher gestanden.

Meine Fahrtgenossen, die von Geschäften nach t>rer Heimatkolonie zurückkehren, sind sichtlich er- rreut, einen Landsmann aus dem ihnen so fernen und doch so nahen Deutschland unter sich zu haben, ben sic in ihrem zwar hartklingenden, aber doch reinen und freundlichen Deutsch von ihrer deutschen 3rfel hier im fernen slawischen Osten erzählen rönnen, lieber manche Frage, die ich an sie richte, sehe ich erstaunte Gesichter.Ja, weiß man denn von uns nichts in der Heimat?" lese ich in den fragenden Lugen. Ich schweige und kann es ihnen nicht sagen, Mi man von diesen wackeren Kolonisten und ihrer horten Arbeit in Deutschland so gut wie gar nichts weiß, und daß man egoistisch nur an sich selbst denkt. 3<f) schäme mich, es ihnen zu sagen. Wir Wolga- Zionisten, so erzählen die Wackeren, um mich herum in malerischen Gruppen auf dem Vorderdeck sitzend, firib die ältesten im Russenreich und haben in ihrer häufig fo traurigen, aber letzten Endes erfolgreichen Äeschichte einen schweren Kampf mit den wechselnden «Beschicken durchfechten müssen. Katharina II., selbst ei ne Deutsche von Geburt, rief unsere Väter in den tofjren 176075 ins Land, wobei anfangs über ICO Kolonien mit mehr als 23 000 Menschen be­gründet wurden. Der deutsche Bauer erhielt hier die Aufgabe, diese dem Russenreich damals neu einver- leeibten Gebiete zu kolonisieren und den im Lande itflon vorhandenen Dolksstämmen wie Russen und Tataren als Musterbeispiel und Ansporn zu dienen. Und wahre Musterwirtschaften für die umwohnenden Bussen find die deutschen Dörfer wahrlich geworden, motz des vielen Unheils, das gerade triefe Wolgasied- linngen beinahe ständig verfolgt hat. Die erste Gene- rotion der Einwanderer hatte stark unter den Kir- 'enaufftänben und allerlei sonstigen Unruhen dieses n tu eroberten Landes zu leiden. Trotzdem wurde aller kräftig am Ausbau der neuen Wirtschaften gearbeitet. Unsere Vorväter hier an der Wolga, fo lagt ein bärtiger alter Kolonist, sind ihres Lebens ; in diesem wilden Steppenlande nicht froh geworden, i fi>( haben hart gearbeitet von früh bis spät, damit 1 einst ihre Enkel auf besseren Höfen säßen und eine

Dickliche Heimat in dem neuen Lande fänden.

Don allen umliegenden russischen Bauern unter- 1 Weden sich die deutschen Siedlungen von vornherein b edurch, daß sie als freie Bauern auf eigenem Grund Iunb Boden eingesetzt wurden, eine Leibeigenschaft eie die Russen nie gekannt haben und auch sonst onigflens in der ersten Zeit bedeutende 93er» 8 ünftigungen genossen. Der Beginn des 19. Jahrhun- dirts brachte aber eine entscheidende, unheilvolle Wendung im inneren Bau der Wolgasiedlungen: Die g isetzliche Einführung der Feldgemeinschaft, des mssischen Mir im Jahre 1816, an deren Folgen die fiDlonien über ein Jahrhundert gekrankt haben, und iUtter denen sie auch heute noch leiden. Mit diesem Zeitpunkt wurde alles einem Dorfe zugewiesene Panb Gemeinbesitz ber Oemeinbc unter Aufhebung bxs bisherigen privaten Lanbbefitze.s der einzelnen Bauern. Dieser erhielt von mm an auf eine Reihe p.tn Jahren von ber ©emeinbe ein Stück Lanb in ber gemeinsamen Feldflur zur Nutzung überlassen, um es bis zur nächsten Umteilung zu bewirtschaften, Darauf es roieber an anbere ©emeinbemitglieber Dritergegeben mürbe. Die Vorteile biefer Feldge- , n'ieinfdjaft sah bie russische Negierung darin, daß die Steuern sicherer als bisher eingetrieben werden tonnten, da für bie auf bem Land ruhenben Lasten jetzt die gesamte Gemeinde haftete. Die Nachteile dieses n tuen Systems machten sich aber nur zu bald in den Äolgakolonien bemerkbar und bilden auch heute nod) den Grund für den im Vergleich zu den Schwarzmeerkolonien geringeren Wohlstand der Wolgakolonisten. Da das Land Gemeinbesitz der 0?mcinbe war und jede männliche Seele innerhalb her Familie einen gewissen Landanteil beanspruchen tonnte, so waren die Kolonistenfamilien sehr kinder­

reich, denn die Knaben brachten einen Landanspruch, die Mädchen eine Arbeitskraft mit auf die Welt. Schon nach wenigen Generationen wurde aber durch diese häufigen Umteilungen des Landes der Land- anteil der einzelnen Familien zu Nein sank er doch von 60 Hektar auf nur 57 Hektar, wobei natürlich kein Bauer großes Interesse an ber pfleg­lichen Behanblung bes ihm nur auf wenige Jahre von ber Gemeindeversammlung Angewiesenen Lan­des hatte. Und so ist denn hier an ber Wolga bie traurige Tatsache zu vermerken, daß durch die rus­sische Gesetzgebung die freie Schaffenskraft des deut­schen Bauern untergraben wurde und der Landbesitz ber einzelnen Familien bis zur Parzellenwirtschaft zusammenschrumpfte. In dieser Aufhebung des Pri­vatbesitzes an Land und ber Einführung ber russi­schen Feldgemeinschaft ist denn auch der Grund für bie auch vor bem Kriege schon an der Wolga mit ihren extremen klimatischen Verhältnissen so häu­figen Mißernten unb Hungersnöten zu suchen. Be­reits um bie Jahrhunbertwenbe, wo Rußland jähr- lid) gewaltige ©etreibemengen exportierte, herrschte hier an ber Wolga alle paar Jahre Mangel, den nur eine radikale Beseitigung dieser Feldgemein- schast zusammen mit der Einführung rationeller Wirtschaftsmethoden beseitigen konnte.

Mein alter ehrwürdiger Kolonist in seinem gro­ßen, wallenden Bart erzählt voll Wehmut von den Zeiten bes Wohlstanbes an ber Wolga um bie Mitte bes vergangenen Jahrhunderts, wo der Landanteil ber einzelnen Familien noch groß genug war, unb ber später durch Einführung der russischen Tabak­akzise ruinierte Tabakbau noch eine gute Rente ab­warf, fo baß man fast von Reichtum in ben Wolga­kolonien sprechen konnte. Das Enbe bes Jahrhun­derts mit feinen immer kleiner werdenden Land­anteilen und immer häufigeren Mißernten beseitigte jeden Wohlstand, ohne daß es den Kolonisten mög­lich gewesen wäre, des Uebels Wurzel, den Agrar- kommunismus, zu beseitigen.Der Krieg und die Revolution mit der Unterdrückung jedes deutschen Wortes haben ein Uebriges getan, so daß wir heute bitterarme Leute sind, ist bas übereinftimmenbe Ur­teil all meiner neuen Freunbe, aber wir bürfen trotz Hungersnot unb Armut nicht verzweifeln, son­dern müssen wieder dort anfangen, wo Unsere Väter vor anderthalb Jahrhunderten begannen."

Unser kleiner Flußdampfer rauscht langsam den Riesenstrom hinunter, die Sonne sinkt langsam, wir nähern uns unserem Reiseziel Marxstadt. Russische melancholische Lieder, so das berühmte Wolgalied und das des russisd)en Freiheitshelden Stenka Ra- sin, verschönen zusammen mit kräftigen deutschen Volksliedern diesen Abend auf ber weiten Wolga unb geben biefem Beisammensein mit Lanbsleuten unter einem fremben Himmel etwas wunbervoll Stimmungsvolles. Echt schwäbische Volkslieder, wie sie im deutschen Schwabenlande leider mehr und mehr der neuen Zeit zum Opfer fallen und in Ver- gesienheit geraten, tönen über das weite Wasser und werden hier an der Wolga als wertvolles Vermächt­nis ber alten Heimat treu weiter gepflegt. Wir sind Deutsche unb echte Schwaben, höre ich immer roiebe*1 unb ben besten Beweis für diese Worte gibt der echt schwäbische Dialekt, der im Schwabenlande selbst nicht reiner gesprochen werden kann, wie es hier an der Wolga geschieht. Eine kleine Lampe in ber Ferne zeigt den Ponton von Marxstadt an. Auf allseitiges Drängen, dock) ber Hauptstabt ber beut» sehen Wolgarepublik einen Besuch abzuftatten unb im Heim meiner neuen Freunbe einen Abenb zu verleben, entschließe ich mich, hier in Marxstadt Sta­tion zu machen und der Einladung dieser freund­lichen Kolonisten zu folgen.

Wie fo viele russische Städte an großen Flüssen, liegt auch Marxstadt nicht direkt am Fluß, sondern ein gutes Stück^ davon entfernt inmitten der weiten Steppe. Munter schreiten wir durch den Sand nad) Marxstadt hinein, das mit seinen schönen und breiten Straßen, bie zubem noch im Gegensatz zur russi­schen Dörfern auch recht reinlich (inb, einen vorteil­haften Einbruck macht. Man fühlt es hier auf Schritt unb Tritt, in Marxstabt herrscht bas beutsche (Ele­ment. Die kleinen Häuschen sauber unb nett ge­strichen mit Blumenkästchen unb Bänken vor ber Tür muten heimatlich an. Es ist Abenb unb bie letzten Bauern kehren von der Feldarbeit heim. Schnell spricht es sich herum, daß ein Landsmann aus ber fernen Heimat bie abgelegenen beutfdjen Kolonien besuchen will, unb halb nach bem Nacht­essen fitze ich im Kreise dieser wackeren deutschen Bauern »mit den willensstarken Gesichtern und den harten Fäusten, wobei die Unterhaltung munter vor- angeht. ' Politische und landwirtschaftliche Themen tauchen auf, vom Wohl und Wehe der Kolonien, von Vergangenheit und Zukunft wird gesprochen Mein Leben lang wollte ich immer einmal so gerne unser großes Deutschland, von dem wir immer so wundersame Ange hörten, sehen," sagt unser alter, gütiger Gastgeber mit dem wallenden Kolonistenbart, aber es scheint mir nicht beschieden zu sein. Hosfent- lid) werden die Enkel es einmal erreichen, wenn unsere Wirtschaften sich wieder erholt haben." Wenn auch die Ernte dieses Jahr an ber Wolga nickst schlecht war, so befreit sie boch noch lange nicht von drückenden Sorgen, da ber Winter hier lang unb hart ist." Auffallend groß ist hier die Bedeu- tung ber Heiminbustrie, bie eine wichtige Einnahme­quelle barstellt. Da unsere Lanbwirtschast uns seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr genug zu leben gibt, erzählen die Kolonisten, haben wir uns mehr unb mehr auf Hausinbustrie gelegt. Fast sämtliche Dinge bes täglichen Lebens, bie man sich nur benten kann, werben von ben Kolonisten hergestellt. Be­sondere Bedeutung haben Schnitzerei, Weberei, Spinnerei unb Flechterei, wobei ber Absatz burch ben neuerlichen Zusammenschluß zu einer Koopera­tive, einer Art von Ein- unb Verkaufsgenossenschaft durchaus gut ist. Die Erzeugnisse dieser deutschen Heimindustrie an ber Wolga finben allenthalben in Ruhlanb wegen ihrer soliben Qualität bei ziemlich niebrigen Preisen einen guten Absatz, so baß ben immer noch bitter armen Kolonien wenigstens hier eine gute Nebeneinnahme möglich ist.

Die Kolonistenfrauen, bie auch mit um unseren großen Abenbtisch sitzen, berichten von bem Vielerlei der winterlichen Heimarbeit, bie fast burchweg wegen Mangel an entsprechenben Spezialmafchinen allein mit der Hand, unterstützt von sehr primitivem Ar­beitsgerät, ausgeübt werden muh unb boch recht be= gehrte Artikel schafft.Wir müssen alle helfen beim Gelbverbienen," sagt eine große blonde Kolonisten­frau zu mir,sonst können wir hier nicht (eben und unsere Wirtschaften wieder ourrichten, was doch unser aller fester Wille ist." Ueberhaupt, eins ist

bemunberungsroert hier an ber Wolga, ein Arbeits­wille unb ein fester Glaube an bie Zukunft, bie bie Besserung bringen muß, herrscht hier so allgemein in ben Kolonien, baß ich manchmal staune unb an bie Verhältnisse in ber Heimat benten muß, wo man o leicht ben Mut sinken lassen will.

Gerabezu überschüttet werde ich mit Fragen über Deutschland, seine Menschen und den jetzt dort herr- chendcn Zuständen. Manchen falschen Vorstellungen, die durch lügnerische Propaganda in den letzten zehn Jahren an der Wolga oeroreitet worden sind, gilt es dabei entgegenzutreten, aber ich schäme mich, wenn ich an die vielen Klagen denke, die man jetzt in Deutschland über die schlechte Lage hört, und dabei an die hiesigen Verhältnisse denke, wo die wackeren Wolgabauern, trotzdem sie heute kaum mehr als das tägliche Brot haben unb vor bem ärgsten Hunger bewahrt find, nicht murren und klagen, sondern leißig und arbeitsam ihrem Tagewerk nachgehen. Die viele von ihnen würden froh fein, wenn sie fo leben könnten, wie man heute noch, trotz allen Miß­geschicks, in Deutschland leben kann. Ein wahrhaft tapferes, bescheidenes, echt deutsches Volk lebt hier an der Wolga, das trotz aller Hunger- unb Schreckensjahre ben Mut unb die Hoffnung auf bie Zukunft nicht verloren hat! Eine hohe Achtung kann man hier vor beutscher Arbeit unter diesen primi­tiven Verhältnissen bekommen. Im Gedenken an das harte Leben unb die mühevolle Arbeit dieser Wolgadeutschen haben wir Deutschen im Mutter­lande auch heute unter den wahrhaft traurigen Ver­hältnissen kein Recht, uns zu beklagen. Wieviel schwerer haben sie es als wir, unb bennod) verlieren sie nickst bie Hoffnung! Wollen wir kleiner sein als biefe wackeren Menschen dort fern im Osten?!

Stunde um Stunde flieht bei ber regen Unter­haltung bafjin; erst in später Stunbe trennen wir uns und gehen zur Ruhe. Ich lege mich in bem ein­fachen, sauberen Stübchen, bas mir mein freunb» kicher Gastgeber zur Verfügung gestellt hat, in Ge- banfen an biefe einfachen, echt deutschen Männer unb Frauen zur Ruhe, mit benen ich einen mir un­vergeßlichen Abenb auf meinen weiten Reisen fern ber beutschen Heimat hier in Osten verleben durfte.

Der frühe Morgen fielst die Kolonisten schon wie­der auf den Beinen, denn das Tagewerk ist lang unb verlangt den ganzen Mann. Ich besuche ver­schiedene Bauernhöfe, man zeigt mir bas Vieh unb bi£ Aecker, ich schaue auch in bie Errungenschaften ber neuen Zeit wie bie Vvlksbibliothek unb das Ge­meindehaus unb fühle überall beutlid), hier ist echter Aufdauwille ohne jede Phrase vorhanden. Die heu­tige Sowjetregierung hat sich unter den Wolgakolo­nisten trotz vieler Herder Enttäuschungen und schwe­rer Mißstände manchen Freund erworben, indem sie einmal die von der alten Zarenregierung angeord­nete Aussiedlung und gewaltsame Vertreibung aller deutschen Kolonisten sofort rückgängig gemacht hat unb bann befonbers seit dem Jahre 1923 eine sehr lluge Nationalitätenpolitik betreibt, in ber richtigen Einschätzung ber vielen treuen Dienste, bie biefe fleißigen deutschen Kolonisten mit fast einer halben Million Menschen bem russischen Reiche schon ge­leistet haben, sowie des guten Beispiels, das sie be­sonders in ihrer Rührigkeit und Arbeitsamkeit dem gerade diese Eigenschaften nicht sehr schätzenden Rusten auch fernerhin noch geben können. Darum ist das Verhättnis zur Sowjetregierung trotz vielfacher Klagen hier ein durchaus ruhiges. Man hat sich an­gepaßt und geht im übrigen feiner Arbeit nach.

Um die Mittagszeit ocrfammeln wir uns wieder bei meinem freundlichen Gastgeber, einem echten biederen Wolgakolonisten um den einfachen, mit der­ber, aber nahrhafter Kost besetzten Tisch. Alle greifen herzhaft zu.Wie schnell der Mensch vergißt," sagt lachend ein junger, kräftiger Kolonistensohn,noch vor drei Jahren war weit unb breit kein Stück Brot an ber Wolga, unb ber Hunger herrschte. Heute haben wir, wenn auch nicht viel, so boch wenigstens genug zum Leben, wenn auch sonst nod) viel Elenb herrscht."

Der Nachmittag ist ber Hausinbustrie geroibmet, wo fleißige Frauenhänbe mit zum Aufbau ber Kolo­nien beitragen. Wir haben bie Spinnstuben besehen unb Produkte der Flechtkunst betrachtet, bie in harter Kleinarbeit mit primitiven Mitteln hergestellt wur­den und wirklich prächtig geworden find. Allgemein ist die Klage über fast vollständiges Fehlen bes notroenbigen Hanbwerkszeugs für solche Spezial­arbeiten, ganz abgesehen von Maschinen.Ja," sagt die alte greife Kolonistensrau, bie mich führt,hätten wir bie entsprechenben Maschinen befonbers für bie Weberei und Spinnerei, dann könnten wir manch schönes Geld '.'ehr verdienen als heute. Aber die Maschinen sind zu teuer und wir bettelarm."

Am Abend geht es durchs ganze Dorf Abschied- nehmen von meinen neuen Freunden unb dem Ort, an dem ich mich so schnell heimisch gefühlt habe. Immer wieder muß ich die harten Hände schütteln und versprechen, wiederzukommen. , Wir freuen uns auf jeden Deutschen aus dem Reiche, der uns hier besucht, aber Ihr kommt so selten", sagt mein Gast­geber. ber mir bis zum Fluß bas Geleite gibt. Grüßen Sie Deutschland unb sagen Sie bort, baß hier treue deutsche Männer leben, die ihre alte Hei­mat nickst vergessen." Noch lange stehe ich an Deck des kleinen Wolgadampfers, winke und sehe die letzten Dächer Marxstadts langsam im Abenddunkel verschwinden. Ein Stück deutscher Kolonisations­arbeit im fernen Osten, über dem bie Worte zu stehen scheinen: Treu, arbeitsam unb echt deutsch!

Verkehrs-und wirlfchastsfragen. Aus der Tatlftkeit der Industrie- und Handelskammer (Hießen.

Die Bemühungen um Durchführung des Triebwagenverkehrs FuldaLau­terbach bis Alsfeld sind an der Kosten­frage gescheitert.

Die beantragte Herstellung eines Anschlus- se s zwischen D-Zug 6.42 n. an Gießen an den 6,42 n. nach Gelnhausen abgehenden Personenzug wurde ebenfalls abgelehnt.

Die Verlängerung der Frist zum A u f - brauch alter F r a ch t b r i e f f or m u l a r e bis zum 31. D^ember 1925 wurde zugestanden.

Eine Herabsetzung der von der Reichsbahn bei der Zollvorführung von Aus- lands-Reisegepäck erhobenen Gebühren wurde angeregt.

Die Bemühungen um Einrichtung einer bes­seren Postpaketbeförderung in Als­feld in ber Richtung Gießen sollen fortge­setzt werden.

Gegen den Versuch der Reichsbahndirektion, den Lastkraftwagenverkehr der Bahn­spediteure zu behindern, haben die hessischen Handelskammern Einspruch erhoben.

Die Verlängerung der *5>ienftflun den an den Paketschaltern soll durch Vermittlung des Deutschen Industrie- und Han­delstags beim Reichspostministerium angeregt werden.

Zn Stellungnahme zu dem Entwurf einer Polizeiordnung über Messe- und Markt- verkehr in Gießen hat die Handelskammer die ihr von der Kaufmannschaft vorgetragenen Wün­sche unter Befürwortung dem Polizeiamt mttgc- teilt. . ,,,

Für eine baldige W iedereinfuh- rung der dreimaligen Driefpostbe- st e 11 u n g wie für eine baldige Abänderung des bestehenden Verfahrens bei der Aufgabe von Rachtelegrarnmev wird die Handelskam­mer fortgesetzt bemüht hleiben.

Der Handelskammer ist die Zusage gemacht worden, daß Anoü)nustgen getroffen werden sollen, die geeignet sind, die lange Warte­zeit der, Parteien auf dem Amts- ge richt nach Möglichkeit abzukürzen.

Ebenso ist vom Versicherungsamt die Zusage gemacht worden, daß Anordnungen getroffen werden, welche die Diebstahlsgefahr bei der Ortskrankenkasse auf ein Mindest­maß beschränken.

Ein Antrag der Apotheker, den Kon­zessionswert der Apptheken bei der Veranlagung zur Gewerbestchier nicht mehr in Ansatz zu bringen, ist von den hessischen Handels­kammern bei dem Finanzministerium befürwortet worden.

Vom Vorstand des Hauplzollamtes ist weit­gehendstes Entgegenkommen bcst der Regulie­rung von Zollgefällen und Steuer­beträgen zuge'agt worden.

Der Hei fische Industrie- und HandelLkammer- tag hat den Oberkirchenrat gebeten, die ört­lichen Kirchenbehörden anzuweisen, bei Rekla­mationen der Kirchensteuer weitestgehend entgegenkommend zu verfahren und Härten zu beseitigen.

In Gemeinschaft mit den übrigen hessischen Handelskammern hat sich die Kammer im Inter­esse einer Gesundung des Wirtschaftslebens für die Aufhebung der Geschäftsauf- sicht sverordnung und für eine Ergän­zung der Konkursordnung durch ein Ausgleichsverfahren ausgespro'en.

Eine Anfrage des Deutschen Industrie- und Handels ags hat der Kammer Veranlassung ge­geben, sich für die alsbaldige Aufhebung der Zwangswirtschaft für gewerb­liche Räume zu erklären.

Wirtschaft.

Börse und Geldmarkt.

Die D e r o u t e am Aktienmarkt nimmt seit kurzem wieder schärfere Formen an. Die Effek­tenbörsen haben neuerbings einen so geringen Ge- schäftsradius, baß es vielfach schwer fällt, auch nur einige Aktien von bestimmten, durchaus gefunben Gesellschaften unterzubringen. Es fehlt jegliche Kauflust, ber eine fast täglich bringenber roerbenbe Abgabeneigung gegenübersteht. Man führt biefe in Börsenkreisen auf eine Art Vertrauenskrise zurück, bie sich im Publikum gegenüber ben Aktien­gesellschaften, überhaupt gegen bas Börsenwesen, einzustellen scheint. Als Grunblage für biefe Der- mutung bienen wohl bie zahllosen Jlliquibitäts- gerüdjte, bie man in ben Börsensälen zu hören bekommt. Selbst vor geachteten Unternehmungen machen biefe nicht halt. Wenn auch vielfach feine Bestätigungen über akute Finanzschwierigkeiten bei ben betroffenen Unternehmungen oorliegen, so wirkt doch ein Ereiginis, wie bie von ber Berliner Bank­firma ßabanb, Stiehel & Co. beantragte Geschäfts- aufficht, in ber Richtung, bie wirtschaftliche Lage in Deutschlanb eher noch schwärzer als bisher er­scheinen zu lassen. Es hanbelt sich hier um ein angesehenes Institut bes Berliner Platzes, von dessen Schwierigkeiten man aUeröings schon vor Wochen sprach. Wenn auch die Befürchtungen ber Börse selbst etwas reichlich weitgehend unb zu pessi­mistisch finb, so darf man bei sachlicher Beurtei­lung der Wirtschaftslage Deutschlanbs boch nicht übersehen, baß bie Kredrtkrise sich in einem Maße zuspitzt, bas allmählich in ber Tat Anlaß zu Be- lorgniffen geben kann. Die leichte Lage des Börsen- gelbmarktes kommt hierbei gar nicht in Betracht, denn sie bezieht sich nur auf ganz kurzfristige Mittel, bie in der Börse selbst gehandelt- werden. Der große Markt der Wirtschaftskredite ist verödet, vorläufig ohne Aussicht auf eine durchgreifende Besserung. Die paar Auslandanleihen, die neuer- trings mit Erfolg für deutsche Geldnehmer aufgelegt wurden, bringen ebenfalls keine Erleichterung. Eine Steigerung des Absatzes durch größere Ra­tionalisierung der Produktion ist anderseits oft des­wegen unmöglich, weil die hierzu notwendigen Anlagekapitalien fehlen und eine Betriesfbrdisierung auf Pump bie betreffenden Unternehmungen unter Umständen schwer belasten kann. Ein Ausweg wird in vielen Kreisen nur dadurch erwartet, daß eben die Zahl der in der Produktion und im Handel tätigen Betriebe entsprechend der verminderten Ka­pazität der innerdeutschen Wirtschaft durch ver­mehrte Konkurse oder freiwillige Liquidationen noch eine bedeutende Einengung erfährt, wodurch den die heutige Krise überdauernden Firmen ein größeres Betätigungsfeld gegeben würde. Damit ent­stehen aber wiederum andere Probleme, u. a. als Hauptfrage diejenige der Unterbringung der damit frei werdenden Arbeitskräfte. Diese Gedankengänge sind es wohl, die zu der eingangs erwähnten Ver­trauenskrise führten, d. h. einem vorsichtigen, sogar ablehnenden verhalten des Publikums gegenüber ber Anlage von ersparten Gelbem in Aktien ober Anleihen. Im Gegenteil neigt bas Prioatpublikum sehr stark bazu, bie noch in seinem Besitz beflnd- lichen Effekten abzustoßen, um einem weiteren ver- mögenrschwund angesichts der immer roieber von neuem eintretenben Kursverluste vorzubeugen. So kamen in dieser Woche bie großen Kursabschläge zustanbe, bie insbesondere eine Reihe von Spezial- papieren stark in Mitleidenschaft gezogen haben. Wir erwähnen nur die Kunstseidengruppe, von denen z. B. Bembergaktien zur Zeit einen Stand von 110 Prozent nach 189 Prozent vor wenigen Monaten haben. Aehnliche, zum Teil noch größere Beispiele, könnten in Fülle angeführt werden. Die allgemeine Geldleere in unserer Wirtschaft hat eben zu einem so starken gegenseitigen Mißtrauen ge­führt, daß hierdurch für die Nächsten Wochen noch sehr ungünstige Auswirkungen erwartet werden. Die Grundlage unserer modernen Wirtschaftsord­nung ist aber ein unbedingtes, vorbehaltloses Der- 1 rauen bei allen ökonomischen Handlungen. Trotz dieser sich im Augenblick also al? wenig hoffnungs»