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Kr.273 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesten)

Samstag, 2». November 1925

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto H 0 ehsch. (Mitglied der deutschnatwn. Reichstagsfraktion.)

3ni Augenblick, da wir dieses schreiben, steht fest, daß das Kabinett unter Dorsitz> des Reichs- Präsidenten die Beratungen abgeschlossen und die Dorbereitung der Locarno-Dorlage an Reichsrat und Reichstag m Auftrag gegeben hat. Wenn auch nicht formell, ist damit doch dre tat- sächliche und grundsätzliche Entscheidung des Ka° bnietts getroffen, und zwar in bejahendem Sinne.

Das Kabinett empfiehlt das Vertragswert, wie es vorliegt, den gesetzgebenden Körperschaften zur Annahme und es hält damit auch die Rück­wirkungen, die bekannt geworden sind, für aus­reichend in dem Sinne, den der Reichskanzler mehrmals und so präzise betont hat. Es ist kein Geheimnis, daß auch deni Kabinett diese Rückwirkungen, wie sie in bezug auf das Rhein­land in einer Derlautbarung der internationalen Rheinlandkvmmission vom 18. Rovember, t>or- liegen, nicht übermäßig groß erscheinen. Auch nach Ansicht der Regierung lassen dies: Ruck- Wirkungen in bezug aus das Mast und d>e Be­stimmtheit zu wünschen übrig, im Vergleich zu dem, was man in Locarno in der damaligen festlichen Abschluststimmung erhofft hatte, alnd es ist ein magerer Trost, wenn gesagt wird, Locarno sei Anfang und nicht Ende einer Entwicklung und deshalb müsse das Dertrags­werk zu Ende geführt werden. Reben den Rück­wirkungen steht das, was die Rechte '^nier als Dorbedingung und Dorbehalte so entschieden gefordert hat. Das beschränkt sich nunmehr auf die En t w af f n ung s f ra g c, die in dem Ro° tenwechsel vom 23. Oktober bis 14. Rovember abgesch l 0 s sen ist. Danach wird die Räumung der Kötner Zone am 1. Dezember be­gonnen und sie soll in, Januar, spätestens Febru­ar nächsten Jahres auch beeridet sein. 3n ab­sehbarer Zeit soll desgleichen die bisherige in­teralliierte Militärkontrolle verschwinden. Sie geht dann nach den bekannten Bestimmungen de« Dertrages in die Dölkerbundskontrolle über. Hier bleibt die Frage vollständig offen, was dann mit dem sogenaiinten Investlgationsbeschluh des Völkerbundes wird, gegen den Deutschland doch einen so entschiedenen Einspruch erhoben hat.

Briand hat bisher ganz geschwiegen, E Hamb er la rn hat am 18. Rovember im Unterhaus eine große Rede gehalten die aber nur Bekanntes wiederholt und sich in Allge­meinheiten ergeht. Irgend etwas Weiteres und über die Locarno-Abniachungen Hinausgehendes, wie von manchen Seiten erwartet wurde, hat diese Rede nicht gebracht. Das entspricht ja auch ganz dem Standpunkt Englands, zwar sehr reich an allgemeinen schönen Versicherungen zu fein einen entscheidenden Druck auf den Rachbar, auf den Franzosen aber zu unterlassen.

Man wird nicht bestreiten, dah für das Rheinland auf diese Weise e i n e g a n z e R e i h e von Erleichterungen herauskommt. Aber ebenso steht fest, daß die Kölner Frage ja em Rechtsanspruch Deutschlands wär, und w.iter steht fest, dast bisher jedenfalls in bezug auf die zweite und dritte Zone oder aus die Abstim- mungsfristen fürdasSaargebiet von der anderen Seite nichts geäußert worden ist. Dabei ist doch, wie nun immer wieder gesagt sei ein Widerspruch in sich selbst, schöne Worte von Gleichberechtigung zu machen und ni^ auf Nähre hinaus Soldaten der anderen Macht auf unserem Gebiete stehen zu lassen. Das ist eben so ein Widerspruch in sich, wie der Widerspruch in dem Maßstabe dec Rüstungen, der nach wie vor bestehen bleibt. Was Chamberlain zu diesem Punkte in seiner Anterhausrede gesagt hat, ist ganz und gar nicht durchschlagend. Auch er hat zugeben müssen, daß im Vertrag von Locarno der Hinweis auf eine allgemeine Ab­leistung fehle, was die Arbeiterpartei ia be­mängelt hatte. _

Inzwischen geht die franz 0 sis ch e Re - gierungskrise weiter in einem Durchein­ander der Finanzvorlagen, in dem eines ganz deullich wird, nämlich dah man sich ut Sranf- reich über die Schwierigkeit und den Erst der Lage noch gar nicht klar ist. Sonst würde nicht die' Linke mit ertrem-diletantischen Vorschlägen

und die Rechte mit einer rein negativen Ab­lehnung kommen.

Gewiß kann Frankreichs Lage nicht mit der Deutschlands - vom Herbst 1923 verglichen wer­den. Aber in bezug auf das internationale Ver­trauen, das ein Staat für feine Währung braucht, und das Frankreich nicht mehr hat, ist sie gleich, und die Gefahren der Inflation find auch für Frankreich außerordentlich groh und bedroh­lich. Aber es fehlt an Einsicht, daß man einen Entschluß mit allen Opfern fassen müsse, wie ihn Deutschland damals gefaßt hat.

Was Frankreich bisher nicht gelang, ist Italien gelungen: die Bereinigung seiner Schuldenverhältnisse zu Rordamerika im Abkom­men vom 12. Rovember. Es ist das günstigste Abkommen, das Amerika einem Staat bisher ge­währt hat. Es enthält einen Abstrich von drei-

wäre. So aber ist eigentlich für jeden anderen Faktor im europäischen Konzert Italien heute ein beinahe unberechenbarer Faktor.

Deutschland und der Zrankensturz

(Don unserem NV5-Korrefpondcnten.)

Paris, Mitte Rovember 1925.

Die Stabilität der Währung bleibt für jedes Land eines der wichtigsten volkswirtschaftlichen Probleme. Frankreich hat feine stabile Währung mehr. Hier ist das Gegenteil der Fall. Frank­reich ist mitten in der Inflation. Ia noch mehr. Cs gibt gegenwärtig in ganz Frankreich keinen Kopf, dec irgendein Mittel wüßte, um aus diesem Dilemma herauszulommen. Daher kann Frankreich auch nicht zur Ruhe kommen, we-

Franziska

Gßtt AsmaN VE Äesvei Witt beginnt heute Hit Gießener Anzeiger Aeubsftellev für Dszemvev evhakten die Kmrmrsvn bis Gnds Kovembev

tteW AubMtuns-ArissMK kostenlos

viertel der ursprünglichen Schulden. Präsident Eoolidge will, wenn der Kongreß am 4. De­zember Zusammentritt, Erfolge vorlegen, er will die Schuldenfrage aus der Welt räumen, um die Dahn für die Abrüstungsaktion freizumachen. Den Vorteil von dieser Absicht haben Belgien und Italien gehabt. Und das drückt sich für Italien schon im Stand der Lira aus. Es kann nun an die Sanier rung feiner Finanzen und an die Bereinigung feiner Schulden mit England gehen.

Dafür ist Italien nach anderer Richtung ein Zentrum der Unsicherheit und Unruhe. Wir können uns nicht helfen, wir haben das Gefühl, daß dort große Erschütterungen möglich sind, daß dort eine Spannung zwischen den beiden Richtungen des öffentlichen Lebens vorhanden ist, die unerträg­lich wird, und daß der Fafzisnnis sowohl wie Mussolini selbst das Augenmaß verlieren. Man kann nicht sagen, daß eine Kriegsrede, wie die Mussolinis am 4. November, oder eine Rede, wie er sie am 18. in der Kammer mit Drohungen gegen Frank­reich gehalten hat, oder daß seine Rede gegen Ingo- slawien am 28. Oktober dem europäischen Frieden bienlid) fei. Wir bedauern das deshalb, weil, wie jede Verfolgung der großen politischen Vorgänge zeigt, Italien auf diese Weise nicht dazu kommt, sein Schwergewicht als Großmacht so in die Wag­schale zu legen, wie es das mit Recht beanspruchen könnte, und damit zu einer Herstellung der Gleich gewichtsoerhältnisse mit beizutragen, für die gerade Italien mit seiner neugewonnenen Stellung, in seiner Position in Südeuropa die gegebene Macht

bet in moralischer noch in politischer Beziehung. Dieser Zustand ist aber gerade für Deutsch­land höchst unerwünscht. Deutschland hat keiner­lei Interesse an der Fortdauer solcher Verhält­nisse, weil dadurch in erster Linie seine Ex­portfähigkeit im höchsten Maße be­schränkt bleibt.

Frankreich bietet augenblicklich alle Vorteile und Rachteile einer im Auslande entwerteten Währung, die zwar im Lande selbst einen be­trächtlichen Mehrwert im Vergleich zu ihrem Werte im Auslande darstellt. Der französische Außenhandel erlebt zur Zeit eine Schein­blüte. Die Aktivität des französischen Außen­handels, also der Ausfuhrüberschuß, ist zum größten Teil nur auf die Verminderung der Einfuhr zurückzuführen, insbesondere was die Rohmater.allen anbetrifff. Der französische Han­del lebt hauptsächlich von dem Vorrat seiner Rohprodulte, und der Augenblick rückt immer näher, wo diese Lage unhaltbar wird. Der Winter steht vor der Tür und damit eine sehr starke Verminderung dec Rohstoffe. Gleichzeitig steigen die inneren Preise und vermindern regel­mäßig die Gewinnspanne des Fabrikanten. Die Substanz wird in Frankreich seit langem in ge­radezu erschreckender Weise angegriffen. Darüber täuscht keine Handelsbllauz mehr hinweg. Der französische Außenhandel basiert auf einem höchst gefährlichen, künstlich gebildeten Anreiz.

In Frankreich gibt es keine Arbeits­losen. Die ungeheueren Kosten, die die Kom­

munen in Deutschland für ihre Arbeitslosen zu

zahlen haben, kennt Frankreich überhaupt nicht. Wie sehr aber gerade dadurch die deutsche Er- portfähigkeit beschränkt wird, liegt auf der Hand. Die deutschen Kommunen werden diese unge­heuren Lasten für Arbeitslosen-älnterstützung nicht lange mehr tragen können. Hilfe steht ihnen nicht in Aussicht. Die Deutsche Reichs^ bank lehnt grundsätzlich alle komm- lalen An­leihen ab. Denn die Reichsbanl hält unbedingt an unserem einzigen Aktivuin fe|t: öerSta- bilität der deutschen Währung. Eie geht in ihrer Kreditgewährung in voller Lieber­einstimmung mit der Reichsregierung bis an die äußerste Grenze des Möglichen, aber nicht darüber hinaus. Denn nur dadurch will und kann sie die Stabilität der deutschen Währung sichern. Rur darin ist die Kreditverweigerung der Reich^bank für die deutschen Städte bc- grunbet. Diesen ist diesmal freilich nicht gehol­fen. Denn aus den wenigen Steuern, die den Kommunen noch verbleiben, können sie die er forderlichen riesigen Mittel für die Arbeits- losen-Llnterstützungen unmöglich hecauswirlfchaf tss_ 3ft es daher ein Wunder, wenn unter Men Lkmständen in einer Stadt wie Köln die Wo.^uhrtspflege mit einem Defizit von monat» lich 6 Millionen Reichsmark arbeitet?

Cs ist eine ganz natürliche Folge dieser so überaus ernsten Tatsachen, daß bei den fort­gesetzt sich steigernden Lasten der Städte für die Arbeitslosen die Verhältnisse zwischen Ar­beitnehmern und Arbeitgebern immer schwieriger werden. Hier drohen neue Krisen, die nur schwer zu überwinden fein werden.

Dies wird bestimmt so gut wie ausgeschlossen bleiben, solange Frankreich seine stabile Wäh­rung nicht wieder erlangt hat. Denn sonst kann es unseren Export stark hemmen, eben weil es billiger exportieren kann. Wir müs­sen daher wünschen, daß es Frankreich in irgend­einer Form gelingt, seine Währung zu stabili­sieren. sonst wird es ihm immer leichter, uns vom Wclt-Ex"oi<riarkt zu verdrängen, weil es eben so viel billiger arbeiten und liefern kann. Ohne einen genügenden Export aber können sich Deutschlands wirtschaftliche Verhältnisse keines­falls bessern. Und hierfür bleibt die Stabili­sierung der französischen Valuta eine unerläß­liche Voraussetzung.

Daß eine unbedingt erforderliche Besserung nun nicht etwa lediglich von der Stabilisierung der französischen Währung abhängt, ist selbst­verständlich. Im Augenblick jedoch trägt die französische Inflation zweifellos viel zu der starken wirtschaftlichen Depression in Deutschland bei. Die weiteren tieferen Gründe für die Aus­höhlung der deutschen Wirtschaft hier zu erör­tern, würde über den Rahmen dieser Betrach­tungen hinausgehen. Rur sei zum Schluß noch eine wichtige Feststellung gemacht, daß der Frankensturz und die eng damit zusammen­hängenden Ungeheuern wirtschaftlichen Schwierig­keiten in Deutschland sehr viel Mitwirken wer­den. um die Unmöglichkeit der Durchführung des Dawes-Planes darzutun. Mit mathe- matischer Sicherheit rückt der Zeitpunkt immer näher, zu dem der Dawes-Plan wegen seiner absoluten Llndurchführbarkeit vollständig in sich zusammenbrechen muß. Dieser Einsicht ver­schließen sich auch weiterschauende Volkswirtschaft- ler in Frankreich schon längst nicht mehr.

D r e v e s von Dresden

des Landesvereins

Kirche und Schule.

* Kirchliche Dienstnachrich ten. Be­stätigt wurde d.e durch den DekanatStag des Deka­nats Ridda vollzogene Wahl des evangelischen Pfarrers Rudolf Laut in Ridda zum Stell­vertreter des Dekans des Dekanats Ridda, die durch den Dekanatstag des Dekanats Lauterbach vollzogenen Wahlen des evangelischen Stadt­pfarrers Heinrich Schlösser zu Lauter­bach zum Dekan und des evangelischen Stadt- Pfarrers Gustav Boeckner zu Schlitz zum Stellvertreter des Dekans des Dekanats Lauter­bach, und die Berufung des Pfarrers Reinhard ~ '* zum Verellcsgeistlichen __________________für Innere Mis­sion. Liebertragen wurde dem Pfarrer Emil B r e u n l i n zu Wingershausen die evangelische Pfarrstelle zu Burkhards, Dekanat Schotten, dem Psarrverwalter Hermann Müller zu

Ganz oben im Osten.

Bilder aus dem geraubten Wemettand.

Don Werner Schulz- Oliva.

Es wird sehr viel darüber gesprochen und geschrieben, über das Memelland, sehr viel ge­sprochen und geschrieben.

Aber damit ist es nicht getan. Geliebt will es fein, das stille, einsame Land am Haff und Meer und Memelstrom, darinnen heute das Leid zu Hause ist. O ja sie fingen es so oft, das stolze deutsche Lied, überall in Deutschland ist es heiliger Klang von der Maas bis an die Memel. Wieviele denken dabei, daß nun ein fremdes Volk an deutschen Strömen herrscht, wieviele hören im Rauschen des Liedes die Wogen der Ostsee, das Rauschen der Wälder dort oben im Osten, sehen die wandernden Dünen, die seltsamen Häuser in kleinen Dörfern in dem geraubten Memeler Land, ilnb das ist es. worauf es ankommt. Liebe, sehnende Liebe muß in Deutschland sein und jeder deutsche Mensch muh das Bild, die Landschaft des ver­lorenen deutschen Landes tief in feiner Seele tragen. Dann erst wird er wissen können, was es ihm ist, dieses verlorene deutsche Land.

Weit ausgebreitet liegt die Stadt am Ufer des Haffs. Türme stehen darüber und im_ Ge­wirr bet Häuser ist das Grün der Gärten und Straßen wie eine ruhige freundliche Me­lodie.

Dicht am Ufer des Stromtiefs, das den Ort durchzieht, breiten sich Börse und Rathaus in wohlhabender Behäbigkeit. Sie haben einmal bessere Tage gesehen und es ist jetzt ein Schat­ten, eine schwere bange Sorge über ihnen. Armes Memel, wo ist das zukunftsfrohe Einst in der Bitterkeit der Gegenwart?

Wenn es Markt ist in der Stadt, kommen die zweiräderigen Karren der Bauern ans den Dörfern herbei und poltern über das holperige Pflaster zwischen den niedrigen Bürgerhäusern. Immer sind es Frauen, die auf den Karren sitzen und die kleinen, struppigen Litauerpferde treiben. Bunte, leuchtende Kopftücher haben sie um das Haar geschlungen. Ganz fremd und selt­sam scheint solch ein Anblick und auch fühlt man sich so froh, so heimisch dabei. Cs ist etwas daran, daß man lieb haben muß.

Geht man aus der Stadt heraus über Dünen und Uferberge, wo das Meer brandet und braust, dann ist man mit einem Male nach traumhaften Schreiten in dem schönen ernst ver­schlossenen Strandbad der Memeler, das sie Försterei nennen.

Wundersam kann es dort sein an Düne und See. und man könnte glauben, weit fort aus dec Welt zu sein. Fein und wirbelnd weht manchmal der Wind den weihen Sand auf. Aber die Menschen bauten Busch und Baum in die Dünen, daß sie aufhörten zu wandern wie vordem.

Langsam und sehr still gleitet die Dange durch das Memeler Land. Erlen und Eschen, manchmal auch Weiden, und hin und wieder verlassene, tiefhängende Birken sind rings um ihren Weg. Irgendwo aus Rußland iommt der her und verliert sich im Wasser des Hafss.

Ueberhaupt dieses Haff. Es gibt der gan­zen Stadt, dem ganzen Land seinen Charakter. Da sind die breiten, schwerfälligen Haffkutter. Bunte geschnitzte Holzwimpel schmücken ihre Maste, und die alten Fischer, die damit auf das Haff hinausgehen, haben ga>iz gefurchte, herbe Gesichter und einen zerknitterten Bart, durch den viel Wind gegangen. Ihre Augen aber sind hell und blauen und wissen eine große und gläubige Güte.

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Seltsam wie das Haff sind auch die Ströme und Flüsse, die darin münden. Ihr Wasser ist in gleicher Linie mit den Wiesen und Feldern, durch die sie gehen, und manchmal, wenn ein Schiff mit steilem Segel Öen Strom entlang zieht, ist es. als ob es mitten aus Wiesen her­auswachse. Am Sonntag fahren oft viele Boote auf diesen Flüssen und tragen alte verhutzelte Weiblein und zittrige Männlein, stämmige Bäuerinnen und schmales junges Voll zur Kirche.

Kommt der Seewind auf, der das Haff staut, werden alle die Ströme und Flüsse und Bäche sehr breit und fluten über die Wiesen. Dann ist das Land ringsum ein stilles, graues Meer.

Wo nicht das Wasser herrscht und der Boden höher liegt, da sind weite, einsame Hei­den. Richts anderes ist da, als märchenseliges Heidekraut und Krähen beeren, wie die Leute sie nennen. Unlöslich gehört die Heide zum Me­meler Land.

Abseits auf der Rehrung träumt und schlum­mert das glückliche, zeitvergessene Schwarzort mit seiner ernsten, waldurnschlossenen Schönheit.

Wer einmal alle diese Wunderseligkeiten des Memeler Landes erleben durfte, wer sie empfing wie eine schweigende Offenbarung, der weiß seitdem, dieses Land und seine Landschaft ist so deutsch wie nirgendwo im deutschen Vater­land. Lind wer den Menschen dort in die Augen sah. wer ihren Händedruck empfand, der weiß es noch tiefer und zuversichtlicher.

Mögen heute andere Herren sein im Memel- fand, die Bürger in den Gassen der Stadt und die Bauern in den kleinen strohgedeckten, pferde­topfgedeckten Katen werden darum nicht aus­hören. deutsch zu fein, wie es ihre Heimat in ganzer Seele ist.

Zwischen Haff und Meer und Strom und Land geht der Klang der deutschen Sehnsucht.

Hoch über Meer und Hasen ragt der Leuchtturm gen Himmel auf. Rachts, wenn es dunkelt, wirft e« seine Leuchten fern hinaus in die krei­sende Welt.

Er hält die Wacht für die Schiffe draußen auf Welle und Flut, er hält die Wacht auch für das Land, das deutsche Land an Meeresstrom.

Daß es deutsch bleibe immer und immer.

Auto und Eisenbah.n

Recht interessant ist ein Vergleich über die Ausbreitung der Eisenbahn und des Autos in den einzelnen Ländern, der über den Verkehr in den betreffenden Staaten Ausschluß gibt. Rimmt man bei der Eisenbahn die Schienen­länge als Maßstab, so ist bei beiden Verkehrs­mitteln den Vereinigten Staaten die Spitze nicht zu nehmen. Mit 18 Millionen Motorfahrzeugen und einem Eisenbahnnetz von 404 200 Kilometer stehen sie an erster Stelle. Alsdann folgte Kanada mit zirka 65 000 Kilometer und Britiscy-Ostindien. Im Motor- oerkehr muß Kanada den dritten Platz allerdings an Großbritannien abtreten. Deutschland sichert sich im Eisenbahnverkehr den vierten Platz, während es sich im Motorverkehr nur mit dem 6. Platz begnügen muß. An weit höherer Stelle steht Deutschland in bezug auf die Dichte des Eisenbahnnetzes, wo es den dritten Platz einnimmt. Auf 100 Quadratmeter Bo­denfläche entfallen bei Belgien 36,5 Kilometer Bahn­länge, in Großbcitanien 16 Kilometer und in Deutschland 12,2 Kilometer. An letzter Stelle steht hier China mit nur 0,1 Kilometer. Die Gesamtlänge des Erdeisenbahnnetzes beträgt 1 215 730 Kilometer. Es entfallen also 1 Kilometer Bahnlänge auf je 10 000 Einwohner. An Motorfahrzeugen zählt man 22 769 000 Fahrzeuge, die sich jedoch bedeutend ver­mehrt haben dürften, stellt doch Ford allein täglich 7000 Automobile her.

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